Die Lauheit im Kloster

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 425 klicks

Seit langer Zeit wollte ich fragen, aber es hielt mich immer etwas zurück. Ich bin Ordensschwester im mittleren Alter mit ewigen Gelübden. Im Noviziat und in den ersten Jahren des Ordenslebens war ich begeistert. Seit mehreren Jahren fühle ich mich im spirituellen Leben gefangen. Ich zweifele nicht an meiner Berufung.

Ich bin Krankenschwester. Ich arbeite mit alten unbeholfenen Menschen. Die Anstrengungen sind manchmal sehr groß. Und vor allem, fehlt mir die Geduld mit ihnen.

Aber das alles ist nicht das, was mich quält. Es quält mich der Zustand meiner Seele. In einer Ansprache hörte ich etwas von Lauheit. Ich denke, dass alles, was der Priester sagte, sich gerade auf mich bezieht. Ich war sehr verwirrt. Wenn ich daran denke, bekomme ich Angst.

Darf ich Sie bitten, mir über die Lauheit etwas zu sagen? Da ich mich in einem unbeweglichen spirituellen Zustand befinde, möchte ich diesen Zustand verlassen, wenn es irgendwie möglich ist, weil es für mich unerträglich geworden ist. Entschuldigen Sie bitte meine Offenheit.

Danke für die Bemühung!

Schwester V. K.

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Ich danke Ihnen, Schwester, für den Brief und die Frage! Ich versuche, über dieses spirituelles Problem etwas zu sagen, das nicht nur Sie betrifft. Leider, wenn wir ehrlich sind, müssen wir sagen, dass die Lauheit ein Problem ist, das in den Ordensgemeinschaften oft vorkommt. Nach einer gewissen Zeit des Eifers, ermüden die Leute im spirituellen Leben, sie geben immer mehr nach, und es besteht die Gefahr vor verschiedenen Schwächen und Irrewegen. Denken Sie darüber nach, was ich sagen werde. Seien Sie ehrlich vor sich selbst und vor Gott.

Das Wort „Lauheit“ stammt aus der Botschaft Gottes. Der hl. Johannes teilt in der Offenbarung die Worte Jesu dem Vorsteher der Kirche in Laodizea mit: „Ich kenne deine Werke. Du bist weder kalt noch heiss. Wärest du doch kalt oder heiss! Weil du aber lau bist, weder heiss noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien. Du behauptest: ‚Ich bin reich und wohlhabend, und nichts fehlt mir.’ Du weißt aber nicht, dass gerade du elend und erbärmlich bist, arm, blind und nackt“ (Offb 3, 15-17). Christus spricht zu den sieben Gemeinden Kleinasiens. Fünf von ihnen leben in Lauheit (Gemeinde von Ephesus, von Pergamon, Thyatira, Sardes und Laodizea), und nur zwei von ihenen haben den Eifer bewahrt (Smyrna und Philadelphia) (Offb 2-3).

Wovon ist die Rede? Es handelt sich nicht um Abfall oder um Todsünden. Es ist die Rede, laut hl. Franz von Sales, von einer schrecklicheren und größeren Gefahr. Schrecklicher, weil diese Gefahr weniger Angst macht als eine Todsünde. Gefährlicher ist sie, weil ich sie nicht bemerke, wie ein Mensch, dessen Sklerose ihm nicht bewusst ist.

Worin besteht diese Gefahr? In dauerhafter Ablehnung, mich zu überwinden: Tage und Jahre lang überwinde ich mich nicht in gewissen Dingen oder ich bemühe mich überhaupt nicht mehr um mein spirituelles Wachstum und Leben; in Hochmut, Stolz und Eitelkeit nehme ich keine Unannehmlichkeit mehr an; es darf mich nichts treffen; ich verlasse den Eifer und überlasse mich der Faulkeit: ich bin sofort mutlos, wenn ich Misserfolg erlebe; alles, was ich unternehme (Gebet und Arbeit) geschieht mittelmäßig, banal, langweilig, ohne Freude. In diesem Zusammenhang ist es interessant, die Gesichter der Menschen auf der Straße zu beobachten: warum gibt es so wenige, die fröhlich, glücklich sind?

Die echte Lauheit ist ein spirituelles Nachlassen, ein Abrutschen immer tiefer, Schlappheit und Mattigkeit; eine Sklerose des geistlichen Lebens, womit das geistliche Leben einem Abgrund mit Sicherheit entgegengeht. Das ist Gewohnheit (habitus einer überlegten lässlichen Sünde. Die Seele befindet sich im Widerspruch mit einer Bemühung um die Vollkommenheit, wozu wir alle Katholiken berufen sind, nicht nur Ordensleute und Priester /LG 38-42/). Es gibt drei Arten von lässlichen Sünden: ungewollte (bringen Unvollkommenheiten des Charakters zum Ausdruck), gewollte (sie gefallen einem, wenn er versucht, sich von ihnen zu befreien), aus Gewohnheit (sie sind mir bekannt, aber ich lehne sie nicht ab, weil ich meine Haltung nicht ändern möchte), zum Beispiel:  Antipathien und Sympathien, an die ich gebunden bin, Nachgeben den erotischen Gefühlen gegenüber, sexuele Neugier (etwas zu sehen, zu empfinden, zu lesen, darüber zu sprechen…), Verantwortungslosigkeit im Dienst, Vernachlässigung des Gebetes, der hl. Messe, der Beichte – oder es wird alles routinemäßig verrichtet. Es besteht ein Unterschied zwischen dem Anfangsstadium und dem fortgeschrittenen Stadium, in dem mein geistliches Leben völlig verwüstet ist.

Welche Wirkungen hat die Lauheit? Geistliche Autoren zählen fünf davon: die Liebe, die theologische Tugend, das Fundament, die Wesenheit und das Ziel von allem geistlichen Streben und allen anderen Tugenden, ist noch nicht tot, aber sehr geschwächt: die Seele ist krank, sie verwelkt. Das ist der Geist der Kapitulierung, des Kompromisses und des Totalitarismus, d.h. wenn ich blind anderen folge. Das ist der Geist des Vergessens an Gott, der Vernachlässigung der Anregungen des Heiligen Geistes. Langsam freunde ich mich auch mit dem Gedanken an die schwere Sünde an, die mir nicht mehr so schlimm erscheint. Ich denke mir alle möglichen Rechtfertigungen aus: psychologische, soziologische, gesundheitliche, ich kritisiere die Lehre der Offenbarung und der Kirche, mit der Absicht, mich selbst zu verteidigen, von der Mentalität angetrieben: „Ich kann und ich will nicht besser sein als die anderen.“ Und so „sensim sine sensu – nach und nach“ rutsche ich aus der Gewohnheit der lässlichen Sünde in die schwere Sünde hinein. Gewiss, damit habe ich auch meine Option aus dem Bereich des Guten in den Bereich des Bösen verlagert: das bedeutet, dass ich mich gegen Gott entschieden habe.

Die Freundschaft Gottes hört nicht sofort auf, aber sie sagt mir noch wenig oder gar nichts. An Gott zu denken hat für mich keinen Inhalt mehr. Die Seele hat die Freundschaft Gottes noch nicht ganz abgeworfen, aber sie geht ihren Weg, tut nicht den Willen Gottes, trägt nicht mehr Rechnung vielen Dingen, die eine eifrige Seele längst alarmiert hätten. Das Wort Gottes kommt zu seiner vollen Entfaltung: „Ich will dich aus meinem Mund ausspeien.“ Das ist ein schweres Wort! Gott verhält sich einer solchen Seele gegenüber „reserviert“. Nun ist es klar, warum mit der Geschmack von Gott fade, bitter geworden ist, warum ich mich, ähnlich Adam und Eva, vor Gott verstecken will, warum ich mich ins Alibi flüchte – in tausend meiner wertlosen Beschäftigungen, und ich habe keine Zeit, ihm zu begegnen. Allmählich wird alles ganz „natürlich“, weil auch andere „Anständige“ so leben.

Das Gebet wird für mich immer schwieriger. Ich beklage mich wegen der Trockenheit, des Widerwillens im Gebet, und ich sehe nicht ein, dass ich Gott verlassen habe und dass ich alles unternommen habe, damit er sich nicht mehr meldet, wie beim König Saul, als er Jahve verlassen hatte. Im Gebet gibt es keinen Fortschritt mehr, kein Streben, keine Freude, keinen Trost.  Ich begnüge mich mit einem Minimum, aber auch das verlasse ich langsam. Im Gebet begegne ich Gott nicht mehr, und in Gott begegne ich meinem Elend nicht mehr, ich erforsche mich nicht, ich mache alles mechanisch. Es bleibt noch nur der Anschein meiner Glaubenspraxis übrig. Frömmigkeit ist nicht mehr vorhanden. Heilige Wünsche sind verschwunden. Ich tröste mich damit, ein „reifer Christ“ zu werden, und kleinen Dingen keine Aufmerksamkeit mehr zu schenken.

Es mangeln Freude und innerer Friede. Warum haben viele Katholiken so wenig Freude und gehen herum traurigen Gesichts und mit bitteren Worten? Sie haben sich weder Gott noch der Welt geschenkt. Nicht Gott, weil sie keinen Geschmack mehr an ihm emfinden. Nicht der Welt, weil sie angeblich zu Christus gehören. Und so gehen sie in dieser Welt herum, mit der sie viele heimliche Verbindungen geschlossen haben, ähnlich den Schwerkranken. Sie sind nie zufreiden, nie fröhlich, nie glücklich, und aus ihrem Mund strömen Kritiken gegen jeden und alles, und am meisten gegen die kirchliche Autorität, die kein Verständnis hat, die überholt ist, die die Kirche Christi ins Verderben stürzen werde und die die noch wenigen Menschen dazu veranlassen wird, die Kirche zu verlassen und sich den Sekten und den neuen betrügerischen religiösen Bewegungen anzuschließen.

Eine schwere geistliche Krise, das ist die letzte und die schrecklichste Wirkung der Lauheit. Das Licht, das von der Gnade nicht geführt und genährt wird, erlischt. Die Folge davon ist, dass ich in der Finsternis meinen Zustand nicht mehr erkenne. Ich sehe kein Anzeichen eines schweren Unglaubens, die Todsünde sehe ich nicht, und ich tröste mich mit gewissen äußeren Werken: ich schaue auf meine Aktivitäten, Erfolge, Ansehen, Dienst, gute Pläne… Eigentlich mit diesen Werken bestätige ich und erhebe mich noch mehr. Nun: „Du sagst: ‚Ich bin reich, ich bin wohlhabend, es fehlt mir nichts!’ Und du weiss nicht, dass du erbärmlich, armselig, blind und nackt bist.“ Diese Blindheit vor meinem wirklichen Zustand hindert mich daran, dringend für meine gestliche Genesung etwas zu unternehmen. Ich sehe die Krankheit nicht, und ich verlange nicht nach der Medizin, und diese wäre, mich zu bekehren, wenn ich nicht völlig verlorengehen will. Ich bin ein freier Mensch und keine Puppe, und auch nicht schicksalhaft determiniert.

Welche Ursachen der Lauheit gibt es? Vor allem, der Einfluss eines lauhen Menschen, der wie ein süsser Freund „unterweist“, wie ich sein soll; allgemeine Mentalität, die das spirituelle Leben nicht begünstigt: du darfst nicht altmodisch sein, sondern progressiv, heutzutage ist alles anders als früher, und du bist intelligend und sollst dich anschließen, um nicht skrupulös zu werden; du weißt sehr wohl, dass die Strukturen sich geändert haben; schaue dir die Priester und andere Ordensschwestern an, wie sie heute anders sind im Kleiden und im Benehmen, offener als irgendwann früher, sie gehen mit der Welt mit, deshalb sind sie für junge Menschen interessanter, sympathischer. Bei den Laien ist die Versuchung nicht selten, eigene Normen des Verhaltens, besonders auf dem Gebiet des Eros und der Sexualität, der vorehelichen und der ehelichen Moral zu entwickeln. Bei den gewihten Personen eine neue Art (auch falsche) der Auffassung der Gelübde, zu großer Aktivismus, Reisen, verschiedene Erleichterungen, Vergnügung „annum sabbaticum – Samstagsjahre der Erholung“ in Faulkeit, in Verschwendung. Bei einigen Charakteren kann ebenfalls eine Neigung zum Pessimismus, Melanchonie bestehen: auch der kleinste Misserfolg wirft sie völlig auf den Boden. Das Gebet wird herzlos verrichtet, für ein solideres Gebet ist keine Zeit da. Alles geht auf die schnelle, nur um fertig zu werden. Und eigene Initiative in Absagung – Fasten, andere Verzichte – kommt nicht in Frage, „weil wir sowieso überlastet sind“, aber für verschiedene, auch zweifelhafte, Fernsehenprogramme, auch zum Mitternacht, muss es Zeit geben…

Gibt es eine Medizin gegen die Lauheit? Christus spricht zu uns durch den Mund des hl. Johannes: „Darum rate ich dir: Kaufe von mir das Gold, das im Feuer geläutert ist, damit du reich wirst; und kaufe von mir weisse Kleider, und ziehe sie an, damit du nicht nackt dastehst und dich schämen musst; und kaufe Salbe für deine Augen, damit du sehen kannst. Wen ich liebe, den weise ich zurecht und nehme ihn in Zucht. Mach also Ernst, und kehr um! Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten, und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir“ (Offb 3, 18-20). „Gold“, „weisse Kleider“, „Salbe“ – verstärken im Endeffekt den ungenannten Imperativ Jesu: „Sei eifrig und bekehre dich!“ Deshalb überlege ich ernsthaft meine Bekehrung, ich überlege meine, vielleicht routinmäßige, Beichten, meine Tagesordnung, die mir sehr helfen kann, wenn ich sie genau einhalte. Als die Ordensschwester, leibliche Schwester des hl. Thomas von Aquin, ihren gelehrten Bruder gefragt hatte: „Sag mir, wie man heilig wird?“, antwortete er: „Schwester, man muss wollen und jeden Tag von neuem anfangen, als wäre es das erste Mal!“

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Drei: Sünde – Bekehrung,  Split, 2004, Seiten 364-367)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.