Die Legende von der listigen Frau

Die Romanverfilmung „Die Päpstin“ beleidigt nicht die Katholische Kirche – sie beleidigt die Vernunft

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Von José García

WÜRZBURG, 26. Oktober 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).-Roman-Bestseller üben auf Filmproduktionsgesellschaften offenkundig eine solch unwiderstehliche Anziehungskraft aus, dass ein noch so grotesker Inhalt sie nicht davon abhalten kann, den jeweiligen Verkaufsschlager auf die Leinwand zu bringen. So zuletzt Donna Woolfolk Cross „historischer“ Roman „Die Päpstin“ (1996), der unter der Regie von Sönke Wortmann diese Woche im Kino angelaufen ist.

„Die Päpstin“ greift eine vom 13. bis zum 15. Jahrhundert verbreitete Legende auf, laut der im 9. Jahrhundert (nach einer anderen Version um das Jahr 1100) eine Frau als Mann verkleidet den Stuhl Petri bestiegen habe.

In Sönke Wortmanns Film wird Johanna 814, im Sterbejahr Karls des Großen, geboren. Schon ihre Geburt entzürnt ihren Vater (Iain Glen), den verheirateten Priester eines sächsischen Dorfes, der Frauen für minderwertige Wesen hält. Unter seiner Obhut werden nur Jungen unterrichtet, für Mädchen ist Lesen und Schreiben schlichtweg verboten. Doch Johanna (Lotte Flack) schafft es dank der Hilfe eines griechischen Gelehrten namens Aesculapius (Edward Petherbridge), Latein und Griechisch zu beherrschen.

Nach der (anachronistischen) Auflehnung gegen ihren Vater gelangt Johanna in die Domschule von Dorstadt, wo sie in die Obhut von Graf Gerold (David Wenham), einem Edelmann am Hofe des den Reizen junger Frauen nicht abgeneigten Bischofs, gegeben wird. Als junge Frau verliebt sich Johanna (Johanna Wokalek) in den verheirateten Edelmann, der allerdings gegen die Normannen in den Krieg ziehen muss. Nach einer weiteren Volte des Drehbuchs trifft Johanna den alles entscheidenden Entschluss: Sie zieht Männerkleider an und begibt sich zum Kloster nach Fulda, wo sie viele Jahre unentdeckt als Mönch und Arzt wirkt und zum Priester geweiht wird.

Irgendwann einmal droht ihre wahre Identität aufgedeckt zu werden, weshalb sie aus dem Kloster fliehen muss. Johanna tritt als Bruder Johannes eine Pilgerfahrt nach Rom an, wo sie den an Gicht erkrankten Papst Sergius III. (John Goodman) heilt. In Rom erfährt sie nicht nur die Gunst des Papstes. Dort gibt es auch ein Wiedersehen mit ihrer alten Liebe. Just in dem Moment, in dem Gerold die inzwischen schwangere Johanna aus Rom wegbringen will, wird sie zum Papst gewählt.

„Die Päpstin“ erzählt aus einer plakativen, bis in die Lächerlichkeit feministischen Sicht, wobei die Figur des frauenverachtenden Priesters in ihrer Eindimensionalität vollends zur Karikatur wird. Eigenartig in diesem Zusammenhang: Im ganzen Film ist keine einzige Ordensfrau zu sehen, obwohl im deutschsprachigen Raum bereits Benediktinerinnen-Klöster beispielsweise in Frauenwörth am Chiemsee (seit 782) bestanden.

Um die Geschichte der modern anmutenden Frau zu erzählen, deren Bildungsdrang sie gegen die Regeln einer patriarchalischen Kirche auflehnen lässt, bedient sich Regisseur Sönke Wortmann einer Überdeutlichkeit, die bald die Intelligenz des Zuschauers beleidigt: Jedes Bild wird von den teils bedeutungsschweren, teils unfreiwillig komischen Dialogen („Ihr habt etwas an Euch, das in diesen Mauern fehlt“, sagt etwa der Papst zu Johanna) und darüber hinaus von der allgegenwärtigen Offstimme erläutert.

Weil die Handlung und das Produktionsdesign – der Papstpalast besteht aus Marmor und Gold, während die Armen in schmutzigen Hütten hausen – so sehr von Klischees durchzogen, die Rom-Bilder so karikaturhaft, so erkenntlich am Computer erzeugt wurden, drängt sich die Vermutung auf, Regisseur Wortmann wollte die Romanverfilmung als unfrommes Märchen inszenieren.

Folgerichtig wurde die noch im Trailer aufgestellte Behauptung, es handele sich um „eine wahre Geschichte“, aus dem fertigen Film entfernt.

[© Die Tagespost vom 24.10.2009]