Die letzte Ruhestätte der Märtyrer

Fabrizio Bisconti, Leiter der Päpstlichen Kommission für Sakrale Archäologie, im Gespräch über die unterirdischen christlichen Friedhöfe

Rom, (ZENIT.org) Laura Guadalupi | 507 klicks

Tief im Inneren der Stadt trifft man auf Orte, zu denen der ohrenbetäubende Lärm der Außenwelt nicht vordringt und in denen die Stille Raum einnimmt. Aus der überlauten Kraft der Stille vernimmt unser Herz die Geschichten von Männern und Frauen, die ihren Glauben unter Einsatz ihres Lebens verteidigten. Die unterirdische Welt der Katakomben wurde zum Bestattungsort einiger Päpste und der ersten christlichen Märtyrer. Im Rahmen einer eingehenderen Auseinandersetzung mit dem Thema führte ZENIT ein Interview mit Fabrizio Bisconti, dem Verantwortlichen für die Katakomben der Päpstlichen Kommission für Sakrale Archäologie.

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Schildern Sie bitte den Ursprung der Katakomben.

Bisconti: Die als unterirdische christliche Friedhöfe angelegten Katakomben entstanden zwischen dem Ende des II. und dem Beginn des III. Jahrhunderts in Rom zur Zeit des Pontifikates von Zephyriunus (199-217). Dieser beauftragte den damaligen Diakon und späteren Papst (217-222) Calixtus mit der Leitung des Friedhofes der Via Appia. Dort wurden einige Päpste des III. Jahrhunderts beigesetzt. Dazu zählt Sixtus II, der während der Verfolgung unter Valerian am 6. August 258 grausam ermordet wurde. Mit den Katakomben wurde insofern ein originelles Grabsystem geschaffen, als hier ausschließlich die Mitglieder der christlichen Glaubensgemeinschaft wie in einer brüderlichen Umarmung auf dem Friedhofsareal vereint sind.

Wie hat sich ihre Funktion im Laufe der Zeit verändert?

Bisconti: Mit der Bestattung der Märtyrer blieb die Beisetzungsfunktion der Katakomben aufrecht, wobei nun jedoch der Aspekt der Anbetung hinzutrat. So begaben sich die Pilger (zunächst aus dem römischen Hinterland und später aus der gesamten christlichen Welt) am „Dies natalis“ (Sterbetag) der jeweiligen Märtyrer zur Verehrung an deren heilige Gräber, um dort zu beten und symbolisch ein Totenmahl („refrigerium“) abzuhalten. Im Hochmittelalter verloren die Katakomben ihre Funktion als Grabesstätten, behielten die der Anbetung jedoch bei.

Gibt es Schätzungen bezüglich der Zahl der während der Verfolgungen in diesen unterirdischen Friedhöfen begrabenen christlichen Märtyrer?

Bisconti: Uns liegen Quellen und archäologische Funde zu den römischen Märtyrern vor. Diesen zufolge handelt es sich um etwa Hundert. Viele sind allerdings nicht in den Quellen erfasst und nicht Teil der Anbetungstradition.

Zahlreiche Märtyrer sind heute nahezu oder vollkommen unbekannt. Von vielen anderen existieren wiederum detailliertere Angaben bezüglich des Namens und der Geschichte – man denke beispielsweise an den hl. Sebastian oder an die hl. Agnes. Welcher Katakomben-Komplex ist Ihrer Meinung nach der faszinierendste – etwa weil die sterblichen Überreste eines berühmten Heiligen oder zahllose Reliquien Unbekannter dort aufbewahrt sind?

Bisconti: Am Interessantesten ist sicherlich der Calixtus-Komplex. Dort befindet sich die Ruhestätte berühmter Märtyrer wie des bereits erwähnten Sixtus II. Ebenso steht die Grabanlage jedoch in Verbindung mit Märtyrern wie der hl. Cäcilia und dem hl. Tarzisius, um die sich Legenden ranken, die aber dennoch große Verehrung seitens der Gläubigen erfahren.

Allein in Rom wurden etwa 60 Katakomben gefunden. Welche davon werden am häufigsten besucht? Bei welchen handelt es sich um die ältesten auf römischem Gebiet und in Italien?

Bisconti: Die am häufigsten besuchten und öffentlich zugänglichen sind jene der Heiligen Calixtus und Sebastian (Via Appia), Domitilla (Via Ardeatina), Agnes (Via Nomentana) und Priscilla (Via Salaria). Am ältesten sind die Katakomben der Heiligen Sebastian, Calixtus, Domitilla, Priscilla, Calepodius, Pretestatus, Novatianus, der Heiligen Petrus und Marcellinus und der hl. Agnes. Italienweit sind die Grabkammern der folgenden Heiligen zu erwähnen: Januarius (Neapel), Johannes (Sirakusa), Antiochus (Sardinien), Caterina und Mustiola (Chiusi), Senatore (Albano) und Cristina (Bolsena).

Diese Friedhöfe sind unter anderem gekennzeichnet durch eine narrative und symbolische Malkunst. Beispielsweise ist in den Katakomben von Priscilla auf der römischen Via Salaria das älteste Bild der Gottesmutter aufbewahrt. Aus welcher Zeit stammt das Fresko genau? Welche Merkmale weist es auf?

Bisconti: Die Entstehungszeit des Marien-Freskos in der Priscilla-Katakombe liegt in etwa in der Zeit zwischen 230 und 240. Es handelt sich um eine Abbildung der Gottesmutter mit dem Kind („virgo lactans“) und dem Propheten Balaam, der zur Ankündigung der Ankunft des Messias auf den Stern hinweist.

Können Sie von weiteren vergleichbaren Rekordfunden berichten?

Bisconti: Selbstverständlich. Beispielsweise ist auf dem Friedhof von Pretestato ein Fresko der ältesten Dornenkrönung aus dem gleichen Zeitraum (erste Hälfte des III. Jahrhunderts) erhalten.