Die letzten werden die ersten sein

Kommentar zum Evangelium am 25. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 16. September 2011 (ZENIT.org). - Im Evangelium des 25. Sonntags im Jahreskreis hören wir wieder ein uns wohl bekanntes Gleichnis, nämlich das von dem Gutsherrn, der mehrmals am Tag auf den Markt geht, um sich Tagelöhner für die aktuelle Weinlese zu besorgen. Er macht mit denen, die bereits am frühen Morgen mit der Arbeit anfangen, einen Denar aus. Aber er braucht noch mehr Arbeiter, und immer wieder geht er auf den Marktplatz, wo er auch am Mittag und am  Nachmittag, ja sogar in den frühen Abendstunden Müßiggänger antrifft, die er zur Arbeit in seinem Weinberg auffordert.

Nach Feierabend werden alle ausgezahlt, angefangen bei den zuletzt angeworbenen. Sie bekommen einen Denar, und nicht ganz zu Unrecht meinen die, welche „die Last und Hitze des Tages getragen haben”, sie würden nun entsprechend mehr bekommen. Aber auch sie erhalten nur einen Denar. Objektiv gesehen scheint dies nach dem damaligen Standard ein angemessener Lohn für einen ganzen Tag zu sein, und der Gutsherr hat kein Unrecht getan, denn so war es ja vereinbart.

Uns heutigen Arbeitnehmern und Arbeitgebern stößt die Sache dennoch unwillkürlich auf. Ist das denn nicht doch ungerecht?

Nein, es ist es nicht. Vielmehr ist es noch besser als gerecht. Jesus will uns klarmachen, dass es jenseits der sozialen Gerechtigkeit einen Bereich gibt, der vom Staat nicht erfasst wird, und auf den dieser keinen Zugriff hat – die Nächstenliebe, die dort tätig wird, wo die Gerechtigkeit an ihre Grenzen stößt. Die Liebe tut mehr als das, was die Gerechtigkeit erfordert. Papst Benedikt XVI. spricht ausführlich davon in seiner Enzyklika „Caritas in veritate”.

Der Gutsherr im Gleichnis weist den Fordernden zurecht mit den Worten: „Bist du neidisch, weil ich zu anderen gütig bin?”

Den Neid hat der Soziologe Helmut Schoeck in seinem Buch „Der Neid und die Gesellschaft” (1968) als eine starke Triebkraft im sozialen Leben bezeichnet. Die Frage ist nur, können auf dieser Grundlage tragfähige Lösungen entstehen? Schließlich ist der Neid doch etwas Negatives. In einer pluralen Gesellschaft wie der unseren, die sich aus Christen, Andersgläubigen und Ungläubigen zusammensetzt, ist ein gedeihliches Zusammenleben, so ist wohl die allgemeine Auffassung, nur auf der Basis der Gerechtigkeit möglich, die das Motiv des Neides allerdings immer gegenwärtig haben muss.

Vielleicht ist es zuviel verlangt oder vielleicht auch nicht, die Frage zu stellen: muss das unbedingt so sein? Wäre nicht doch eine Gesellschaft besser, und vor allem erfreulicher, in der die niederen Beweggründe, die wir Menschen aufgrund der Erbsünde nun mal alle als Möglichkeit in uns haben, zurück gedrängt werden zugunsten altruistischer Motive? Der große spanische Philosoph Donoso Cortés (1809 – 1853) kommt zu der Erkenntnis, dass in einer Gesellschaft, die wenig oder keine “innere Repression” kennt, die „äußere Repression” umso stärker sein muss, wenn der Staat funktionieren soll. “Äußere Repression” kennen wir: der Staat muss durch Gesetze, Verbote und Strafandrohungen dafür sorgen, dass es gerecht zugeht. Was mit dem etwas hart klingenden Wort „innere Repression” gemeint ist, kann uns das heutige Evangelium vermitteln. Jesus rät uns, dass wir von uns selbst, also von innen heraus das aufbauen, was das latente Chaos in unseren Herzen überwindet: die Gottes- und die Nächstenliebe. Dann erst ist die Gesellschaft wirklich gerecht, und es macht Freude, in ihr zu leben.

Vor wenigen Tagen feierte die Kirche das Fest Kreuzerhöhung. Es ist tatsächlich so: im Kreuz ist Heil. Das scheinbar Schwere bringt Gutes hervor. Nicht nur in einem spirituellen Sinne, sondern letztlich auch dann, wenn wir das Kreuz im Leben der Gesellschaft aufrichten. Noch hat sich das Wort Jesu nicht erfüllt: „Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alles an mich ziehen”.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“.