„Die Liebe Christi drängt uns“: Karfreitagspredigt von P. Raniero Cantalamessa

Wir sollten immer daran denken, dass der andere einer ist, für den Christus sterben wollte

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ROM, 21. März 2008 (ZENIT.org).- Die Einheit der Christen stand im Mittelpunkt der Predigt, die P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des Päpstlichen Hauses, heute Nachmittag während der Feier vom Leiden und Sterben Christi im Petersdom gehalten hat. Papst Benedikt XVI. stand der liturgischen Feier vor.

Der Kapuzinerpater wies darauf hin, dass wir die Ökumene inhaltlich nicht wirklich „beschleunigen“ könne – „da die Unterschiede da sind und geduldig an den dafür vorgesehenen Orten gelöst werden müssen“ –, dass wir diese Sache aber sehr wohl „in der Liebe beschleunigen könnten, um bereits jetzt eins zu sein. „Das wahre und sichere Zeichen für das Kommen des Heiligen Geistes besteht nicht darin, in vielen Sprachen zu sprechen, sondern in der Liebe zur Einheit“, so P. Cantalamessa.

Der Prediger würdigte die kürzlich verstorbene Gründerin der Fokolar-Bewegung, Chiara Lubich, als „Vorreiterin und Beispiel für diesen geistlichen Ökumenismus der Liebe“ und bekräftigte: „Nur eine sich neu verbreitende Welle der Liebe zu Christus wird die getrennten Christen einen können... Die Liebe Christi drängt uns, da wir erkannt haben: Einer ist für alle gestorben (2 Kor 5,14). Der Bruder aus einer anderen Kirche – ja, mehr noch: jeder Mensch – ist einer, für den Christus gestorben ist, so wie er für mich gestorben ist.

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P. Raniero Cantalamessa OFM Cap.

Karfreitagspredigt 2008

in der Vatikanischen Basilika


„Das Untergewand war ohne Naht”

„Nachdem die Soldaten Jesus ans Kreuz geschlagen hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile daraus, für jeden Soldaten einen. Sie nahmen auch sein Untergewand, das von oben her ganz durchgewebt und ohne Naht war. Sie sagten zueinander: Wir wollen es nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte sich das Schriftwort erfüllen: Sie verteilten meine Kleider unter sich und warfen das Los um mein Gewand. Dies führten die Soldaten aus” (Joh 19,23-24).

Immer wieder ist die Frage aufgeworfen worden, was der Evangelist Johannes mit der Betonung dieser Einzelheit der Leidensgeschichte sagen wollte. Eine relativ neue Erklärung besagt, dass das Untergewand an das liturgische Gewand des Hohenpriesters erinnert und dass Johannes damit bekräftigen wollte, dass Jesus nicht nur als König, sondern auch als Priester gestorben ist.

Vom Untergewand des Hohenpriesters jedoch wird in der Bibel nicht gesagt, dass es ohne Naht sein musste (vgl. Ex 28,4; Lev 16,4). Aus diesem Grund ziehen es die angesehensten Exegeten vor, sich an die traditionelle Erklärung zu halten, nach der das unverschleißbare Untergewand die Einheit der Jünger symbolisiert. (1) Dies ist die Auslegung, welche schon der hl. Cyprian vornahm: „Das Geheimnis der Einheit der Kirche – so schreibt er – wird im Evangelium zum Ausdruck gebracht, wenn gesagt wird, dass das Untergewand Christi weder geteilt noch zerrissen wurde“. (2)

Welche Auslegung man auch immer dem Text geben mag, eines ist gewiss: Die Einheit der Jünger ist für Johannes der Grund, warum Christus stirbt: „Weil er der Hohepriester jenes Jahres war, sagte er aus prophetischer Eingebung, dass Jesus für das Volk sterben werde. Aber er sollte nicht nur für das Volk sterben, sondern auch, um die versprengten Kinder Gottes wieder zu sammeln“ (Joh 11,51-52). Während des letzten Abendmahles hatte er selbst gesagt: „Aber ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17,20-21).

Die frohe Botschaft, die am Karfreitag zu verkündigen ist, lautet: Bevor die Einheit ein Ziel ist, das es zu erreichen gilt, ist sie ein Geschenk, das wir empfangen haben. Dass das Untergewand „von oben her“ ganz durchgewebt war, so erklärt der hl. Cyprian weiter, bedeutet, dass „die von Christus gebrachte Einheit von oben kommt, vom himmlischen Vater; deshalb darf sich nicht von dem gebrochen werden, der sie empfängt, sondern muss als ganze angenommen werden“.

Die Soldaten teilten „das Kleid“ oder „den Mantel“ (ta imatia) in vier Teile, das heißt das Obergewand Jesu, nicht das Untergewand, den chiton, der in direkter Berührung mit dem Körper als Unterwäsche diente. Auch dies ist ein Symbol. Wir Menschen können die Kirche in ihrem menschlichen und sichtbaren Element teilen, nicht aber in ihrer tiefen Einheit, die sich mit dem Heiligen Geist identifiziert. Das Untergewand Christi ist nicht geteilt worden und wird nie geteilt werden können. Es lässt sich auch nicht verschleißen. „Kann Christus etwa geteilt werden?“ rief Paulus (vgl. 1 Kor 1,13). Das ist der Glauben, den wir im Glaubensbekenntnis bekennen: „Ich glaube an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“.

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Wenn aber die Einheit als Zeichen dienen soll, „damit die Welt glaubt“, muss sie eine auch sichtbare, gemeinschaftliche Einheit sein. Das ist die Einheit, die verloren gegangen ist und die wir wieder finden müssen. Sie ist bedeutend mehr als es gute nachbarschaftliche Beziehungen sind; sie ist die innere mystische Einheit selbst – „Ein Leib und ein Geist, wie euch durch eure Berufung auch eine gemeinsame Hoffnung gegeben ist; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist“ (Eph 4,4-6) –, insofern diese objektive Einheit wirklich von den Gläubigen angenommen, gelebt und gezeigt wird. Eine Einheit, die durch die Vielfältigkeit nicht beschädigt, sondern angereichert wird.

„Herr, stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her?“, fragten die Apostel Jesus nach Ostern. Heute richten wir an Jesus oft dieselbe Frage: Ist dies die Zeit, in der du die sichtbare Einheit deiner Kirche wiederherstellen wirst? Auch die Antwort ist dieselbe wie damals: „Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat. Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1,6-8).

Daran erinnerte der Heilige Vater in der Predigt vom 25. Januar 2008 in der Basilika St. Paul vor den Mauern anlässlich des Abschlusses der Gebetswoche für die Einheit der Christen: „Die Einheit mit Gott und mit unseren Brüdern und Schwestern ist ein Geschenk, das von oben kommt, das aus der Liebesgemeinschaft zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist entspringt und in ihr wächst und sich vervollkommnet. Die Entscheidung, wann und wie sich diese Einheit voll verwirklichen wird, liegt nicht in unserer Macht. Gott allein wird es vollbringen können! Wie der hl. Paulus setzen auch wir unsere Hoffnung und unser Vertrauen ‚in die Gnade Gottes zusammen mit uns’.“

Auch heute wird es der Heilige Geist sein, der uns zur Einheit führt, wenn wir uns führen lassen. Wie wirkte der Heilige Geist, um die erste grundlegende Einheit der Kirche zu schaffen: die Einheit zwischen Juden und Heiden? Er kam über Cornelius und sein Haus in derselben Weise, in der er an Pfingsten über die Apostel gekommen war. So konnte Petrus nur zu dem Schluss kommen: „Wenn nun Gott ihnen, nachdem sie zum Glauben an Jesus Christus, den Herrn, gekommen sind, die gleiche Gabe verliehen hat wie uns: wer bin ich, dass ich Gott hindern könnte?“ (Apg 11,17)

Nun haben wir seit etwa einem Jahrhundert gesehen, wie sich unter unseren Augen selbiges Wunder auf Weltebene erneut vollbringt. Gott hat seinen Heiligen Geist ausgegossen, auf neue und ungewohnte Weise, über Millionen von Gläubigen, die fast allen christlichen Konfessionen angehören, und damit kein Zweifel bestehe, hat er ihn mit fast identischen Erkennungszeichen ausgegossen. Ist dies etwa kein Zeichen dafür, dass der Geist uns dazu drängt, uns gegenseitig als Jünger Christi anzuerkennen und gemeinsam nach der Einheit zu streben?

Diese geistliche und charismatische Einheit allein ist nicht ausreichend, das ist wahr. Wir sehen dies bereits am Anfang der Kirche. Die Einheit unter Juden und Heiden war soeben geschaffen, als sie schon von der Spaltung bedroht wird. Es gab „eine lange Diskussion“ auf dem so genannten Konzil von Jerusalem, und am Ende kam es zu einer Vereinbarung, die den Kirchen mit der Formel mitgeteilt wurde: „Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen“ (Apg 15,28). Der Heilige Geist wirkt also auch über einen anderen Weg, der die geduldige Auseinandersetzung, der Dialog und sogar der Kompromiss unter den betroffenen Parteien ist, wenn das Wesentliche des Glaubens auf dem Spiel steht. Er wirkt über die menschlichen „Strukturen“ und die von Jesus eingesetzten „Dienste“, vor allem über den apostolischen und petrinischen Dienst. Und über das, was wir heute lehrmäßigen und institutionellen Ökumenismus nennen.

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Die Erfahrung überzeugt uns aber, dass auch dieser lehrmäßige oder von oben kommende Ökumenismus nicht ausreichend ist und nicht vorwärts kommt, wenn er nicht von einem grundsätzlichen geistlichen Ökumenismus begleitet wird. Dies wiederholen uns mit einer immer größer werdenden Betonung gerade die Hauptförderer des institutionellen Ökumenismus. Während des hundertsten Jubiläumsjahres der Einrichtung der Gebetswoche für die Einheit der Christen (1908 – 2008), zu Füßen des Kreuzes, wollen wir über diesen geistlichen Ökumenismus nachdenken: worin er besteht und wie wir in ihm voran kommen können.

Der geistliche Ökumenismus entsteht aus der Reue und der Vergebung und wird vom Gebet gespeist. Im Jahr 1977 habe ich an einem ökumenischen charismatischen Kongress in Kansas City, Missouri, teilgenommen. Die Zahl der Teilnehmer betrug 40.000, die Hälfte von ihnen waren Katholiken (unter ihnen Kardinal Suenens) und die andere Hälfte Angehörige anderer christlicher Konfessionen. Eines Abends begann einer der Animatoren am Mikrophon in einer Weise zu sprechen, die für mich zu jener Zeit merkwürdig war: „Ihr Priester und Hirten, weint und klagt, da der Leib meines Sohnes zerbrochen ist… Ihr Laien, Männer und Frauen, weint und klagt, da der Leib meines Sohnes zerbrochen ist.“

Ich sah, wie die Menschen, einer nach dem anderen, um mich herum auf die Knie fielen und viele vor Reue über die Spaltungen im Leib Christi zu schluchzen begannen. Und all dies, während eine Aufschrift von einer Seite des Stadions zur anderen gespannt war: „Jesus is Lord – Jesus ist der Herr“. Ich befand mich dort als noch sehr kritischer und distanzierter Beobachter, ich erinnere mich jedoch, wie ich bei mir dachte: Wenn eines Tages alle Gläubigen vereint sein werden und eine einzige Kirche bilden, wird es so sein: wir alle auf den Knien, mit reumütigem und erniedrigtem Herzen unter der großen Herrschaft Christi.

Wenn die Einheit der Jünger ein Widerschein der Einheit von Vater und Sohn sein soll, so muss sie vor allem eine Einheit der Liebe sein, da derart die Einheit ist, die im Reich der Dreifaltigkeit herrscht. Die Schrift ermahnt uns, „die Wahrheit in der Liebe“ zu tun (veritatem facientes in caritate) (vgl. Eph 4,15). Und der hl. Augustinus sagt: „Nur über die Liebe tritt man in die Wahrheit ein“: non intratur in veritatem nisi per caritatem. (3)

Das Außerordentliche bezüglich dieses Weges zur auf der Liebe gründenden Einheit besteht darin, dass er sich schon jetzt vor uns auftut. Wir können „die Sache nicht beschleunigen“ hinsichtlich der Lehre, da die Unterschiede da sind und geduldig an den dafür vorgesehenen Orten gelöst werden müssen. Wir können aber die Sache in der Liebe „beschleunigen“, und schon jetzt geeint sein. Das wahre und sichere Zeichen für das Kommen des Heiligen Geistes besteht nicht darin, in vielen Sprachen zu sprechen, sondern in der Liebe zur Einheit: „Ihr wisst, dass ihr den Heiligen Geist habt, wenn ihr zustimmt, dass euer Herz durch eine aufrichtige Liebe der Einheit anhängt.“ (4)

Denken wir an das Hohelied der Liebe beim hl. Paulus. Jeder seiner Sätze nimmt eine aktuelle und neue Bedeutung an, wenn er auf die Liebe unter den Gliedern der verschiedenen christlichen Kirchen in den ökumenischen Beziehungen angewandt wird:

„Die Liebe ist langmütig…
Sie ereifert sich nicht…
Sie sucht nicht ihren Vorteil…
Sie trägt das Böse nicht nach (wenn überhaupt das Böse, das den anderen angetan worden ist)…
Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit (sie freut sich nicht über die Schwierigkeiten der anderen Kirchen, sondern über deren Erfolge).
Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand“ (1 Kor 13,4ff.)

Diese Woche haben wir eine Frau zu ihrer ewigen Ruhestätte begleitet: die Gründerin der Fokolar-Bewegung Chiara Lubich. Sie war eine Vorreiterin und ein Beispiel für diesen geistlichen Ökumenismus der Liebe. Sie hat gezeigt, dass die Suche nach der Einheit unter den Christen nicht zum Ausschluss des Rests der Welt führt; sie ist vielmehr der erste Schritt und die Bedingung für einen breiteren Dialog mit den Gläubigen anderer Religionen und mit allen Menschen, denen das Schicksal der Menschheit und des Friedens am Herzen liegt.

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„Lieben – so wurde gesagt – heißt nicht, sich gegenseitig anzuschauen, sondern gemeinsam in dieselbe Richtung zu blicken“. Auch unter Christen bedeutet die Liebe, gemeinsam in dieselbe Richtung zu blicken, die Christus ist. „Er ist unser Friede“ (Eph 2,14). Es ist wie bei den Speichen eines Rades, wenn sie vom Mittelpunkt nach außen gehen: Je mehr sie sich vom Zentrum entfernen, desto mehr entfernen sie sich voneinander, bis sie an einem entfernten Punkt des Randes enden. Schauen wir dagegen, was geschieht, wenn sie sich vom Rand her hin zum Zentrum bewegen: Je näher sie dem Zentrum kommen, desto näher kommen sie auch einander, bis sie einen einzigen Punkt bilden. In dem Maße, in dem wir zusammen auf Christus zugehen, werden wir uns auch einander annähern, bis wir wirklich „eins sind mit ihm und mit dem Vater“, wie er gesagt hat.

Nur eine sich neu verbreitende Welle der Liebe zu Christus wird die getrennten Christen einen können. Das ist es, was durch das Wirken des Heiligen Geistes geschieht und uns mit Staunen und Hoffnung erfüllt: „Denn die Liebe Christi drängt uns, da wir erkannt haben: Einer ist für alle gestorben“ (2 Kor 5,14). Der Bruder aus einer anderen Kirche – ja, mehr noch: jeder Mensch – ist einer, „für den Christus gestorben ist, so wie er für mich gestorben ist“.

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Vor allem ein Grund muss uns auf diesem Weg vorwärts drängen. Das, was am Anfang des dritten Jahrtausends auf dem Spiel steht, ist nicht mehr dasselbe wie am Anfang des zweiten Jahrtausends, als es zur Spaltung zwischen dem Osten und dem Westen kam, und es ist ebenso wenig dasselbe, das während der Hälfte desselben Jahrtausends auf dem Spiel stand, als es zur Spaltung zwischen Katholiken und Protestanten kam. Können wir sagen, dass die genaue Weise der Hervorgehens des Heiligen Geistes aus dem Vater oder das Problem des Verhältnisses zwischen Glauben und Werken Probleme sind, die die Menschen von heute begeistern und mit denen der christliche Glaube steht oder fällt?

Die Welt ist weitergegangen, und wir sind an Problemen und Formeln festgenagelt geblieben, deren Bedeutung die Welt nicht einmal kennt. Wir diskutieren noch immer darüber, wie es zur Rechtfertigung des Sünders kommt, dies in einer Welt, die den Sinn für die Sünde verloren hat und sie, ich zitiere, „für eine Unheil bringende jüdische Erfindung hält, die das Christentum großartig propagiert hat“.

In den Schlachten des Mittelalters gab es einen Augenblick, an dem die Fußsoldaten und die Bogenschützen, die Kavallerie und der ganze Rest überrannt waren und sich der Haufen um den König scharte. Es gibt Gebäude oder Metallstrukturen, die so gefertigt sind, dass bei Berührung bestimmter empfindlicher Punkte, eines Hebels oder eines gewissen Steines, alles zusammenbricht. Im Gebäude des christlichen Glaubens ist dieser Eckstein die Göttlichkeit Christi. Ist diese weggenommen, so zerfasert sich alles und vor allem anderen der Glauben an die Dreifaltigkeit.

Daraus wird ersichtlich, dass es heute zwei mögliche Formen des Ökumenismus gibt: einen Ökumenismus des Glaubens und einen Ökumenismus der Ungläubigkeit; einen Ökumenismus, der diejenigen eint, die glauben, dass Jesus der Sohn Gottes ist, dass Gott der Vater, der Sohn und der Heilige Geist ist, und dass Christus gestorben ist, um alle Menschen zu retten, und einen Ökumenismus, der all jene eint, die im Gehorsam gegenüber dem Glaubensbekenntnis von Nizäa diese Formeln wiederholen, sie aber ihres Inhalts entleeren. Ein Ökumenismus, in dem vielleicht noch alle an dieselben Dinge glauben, weil niemand mehr an etwas glaubt, in dem Sinn, den das Wort „glauben“ im Neuen Testament hat.

„Wer sonst besiegt die Welt, außer dem, der glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist?”, schreibt Johannes im ersten Brief (1 Joh 5,5). Folgt man diesem Kriterium, so besteht der fundamentale Unterschied nicht zwischen Katholiken, Orthodoxen und Protestanten, sondern zwischen denen, die glauben, dass Christus der Sohn Gottes ist, und denen, die dies nicht glauben.

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„Im zweiten Jahr des Königs Darius erging am ersten Tag des sechsten Monats das Wort des Herrn durch den Propheten Haggai an den Statthalter von Juda, Serubbabel, den Sohn Schealtiëls, und an den Hohenpriester Jeschua, den Sohn des Jozadak…: Ist etwa die Zeit gekommen, dass ihr in euren getäfelten Häusern wohnt, während dieses Haus in Trümmern liegt?“ (Hag 1,1-4).

Dieses Wort des Propheten Haggai ist an uns heute gerichtet. Ist dies etwa die Zeit, uns nur darum zu kümmern, was unseren Orden, unsere Bewegung oder unsere Kirche betrifft? Wird nicht gerade auch dies der Grund dafür sein, dass auch wir „viel säen, aber wenige ernten“ (vgl. Hag 1,6)? Wir halten Predigten und geben uns auf alle Weise Mühe, aber wir bekehren wenige und die Welt entfernt sich von Christus, statt sich ihm zu nähern.

Das Volk Israel hörte die Mahnung des Propheten; alle hörten damit auf, ihr Haus schöner zu machen, um gemeinsam den Tempel Gottes zu bauen. Gott also entsandte erneut seinen Propheten mit einer tröstenden und ermutigenden Botschaft, die auch für uns gilt: „Aber nun fasse Mut, Serubbabel – Spruch des Herrn – , fasse Mut, Hoherpriester Jeschua, Sohn des Jozadak, fasst alle Mut, ihr Bürger des Landes, – Spruch des Herrn – und macht euch an die Arbeit! Denn ich bin bei euch“ (Hag 2,4).

Mut, ihr alle, die euch die Sache der Einheit der Christen am Herzen liegt. Und: an die Arbeit, denn ich bin bei euch, sagt der Herr!

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(1) Vgl. R. E. Brown, R. E. Brown, The Death of the Messiah, vol. 2, Doubleday, New York 1994, S. 955-958.
(2) Cyprian, De unitate Ecclesiae, 7 (CSEL 3, S. 215).
(3) Augustinus, Contra Faustum, 32,18 (CCL 321, S. 779).
(4) Augustinus, Reden 269,3-4 (PL38, 1236 f.).

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]