Die \"Liebe zur Wahrheit\" ist bei Ehe-Nichtigkeitsverfahren das entscheidende Element

Ansprache Benedikts XVI. vor der Rota Romana

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ROM, 31. Januar 2006 (ZENIT.org).- Im Rahmen der feierlichen Eröffnung des juridischen Jahres 2006 erklärte Papst Benedikt XVI. am Samstag vor den Richtern und Mitarbeiter des Gerichts der Römischen Rota, dass die kanonischen Prozesse zum Erweis der Nichtigkeit einer ehelichen Verbindung weder das Leben der Beteiligten verkomplizieren noch bereits bestehende Auseinandersetzungen verschärfen wolle. Vielmehr gehe es um die Wahrheitssuche.



Das Gericht der Rota Romana befasst sich normalerweise in zweiter Instanz mit jenen Fällen, die zuvor von ordentlichen Kirchengerichten in erster Instanz beurteilt wurden und nach Berufung an den Heiligen Stuhl weitergeleitet worden sind. In den meisten Fällen handelt es sich um Ehe-Nichtigkeitsverfahren.

\"Der kanonische Prozess der Annullierung einer Ehe ist im Wesentlichen ein Instrument zur Überprüfung der Wahrheit über den Ehebund\", erklärte der Heilige Vater in seiner Ansprache. \"Sein Ziel besteht somit nicht darin, das Leben der Gläubigen nutzlos zu erschweren und, das noch weniger, die Auseinandersetzungen zu verschärfen, sondern einzig darin, der Wahrheit zu dienen.\"

In der Ehe schließen sich nach katholischem Verständnis ein Mann und eine Frau zu einem Bund für das ganze Leben zusammen, um gemeinsam und zusammen mit den Kindern, wenn Gott sie schenkt, das Lebensziel – lieben lernen – zu erstreben. In der Ehe wird bei jenen, die sie eingehen, die durch Taufe und Firmung grundgelegte christliche Berufung – das Streben nach wahrer Liebe, nach Vollkommenheit, nach Heil und Heiligkeit – konkretisiert: Durch das gegenseitige Versprechen, einander treu zu sein, bis der Tod sie scheidet, und zu Kindern Ja zu sagen, wenn Gott sie schenkt, entsteht zwischen dem Brautpaar ein unauflösliches Eheband, das durch Gott besiegelt wird. Mann und Frau werden so zu einer Einheit, sie werden ein Fleisch, eine personale Gemeinschaft (vgl. Bischof Klaus Küng, \"Die sakramentale Gnade der Ehe\"). Wenn eine Ehe annulliert wird, so bedeutet das, dass sie niemals Bestand hatte. Diese Tatsache kann nach einer eingehenden Untersuchung in Ausnahmefällen, zum Beispiel im Fall einer arglistigen Täuschung des Ehepartners, bei einer grundsätzlichen psychischen Unzurechnungsfähigkeit oder im Falle einer eingeschränkten Willensfreiheit bei der Eheschließung, nachträglich festgestellt werden.

Benedikt XVI. erklärte in diesem Zusammenhang, dass die Frage der Eheannullierung auch in der Öffentlichkeit großes Interesse hervorrufe, weil vom kirchlichen Urteil für viele Gläubige die Möglichkeit abhänge, die heilige Kommunion zu empfangen. \"Genau dieser Aspekt, der vom Gesichtspunkt des christlichen Lebens aus betrachtet so entscheidend ist, erklärt, warum das Thema der Eheannullierung während der jüngsten Synode über die Eucharistie immer wieder aufkam.\"

Das Studium der diesbezüglichen Folgerungen dieser Weltbischofsversammlung, fuhr der Heilige Vater fort, lasse den Eindruck zu, dass es hier Widersprüche gibt. \"Auf der einen Seite scheint es, dass die Synodenväter die Kirchengerichte dazu aufgefordert hätten, möglichst alles zu tun, damit die Gläubigen, die nicht kirchlich verheiratet sind, ihre Ehe so bald wie möglich in Ordnung bringen\" und wieder zur Kommunion gehen können. Auf der anderen Seite scheine die am 25. Januar 2005 veröffentlichte Instruktion \"Dignitas connubii\" (\"Die Würde der Ehe\"), die der Päpstliche Rat zur Interpretation von Gesetzestexten in Zusammenarbeit mit der Glaubenskongregation, der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, dem Obersten Gerichtshof der Apostolischen Signatur und dem Gericht der Rota Romana erstellt hatte, diese \"pastorale Initiative in ihre Schranken verweisen zu wollen, so als bestünde die vorrangige Sorge in der Erfüllung juristischer Formalitäten – mit der Gefahr, die pastoralen Absichten dieser Prozesse zu vergessen\".

Tatsächlich gebe es aber auch einen fundamentalen \"Punkt der Übereinstimmung zwischen Gesetz und Pastoral\", betonte der Bischof von Rom: \"die Liebe zur Wahrheit\".

Der \"pastorale Wert\" der Ehe-Nichtigkeitsprozesse könne nicht von der Liebe zur Wahrheit getrennt werden. \"Der Dienst, der jenen Gläubigen sowie jenen nichtchristlichen Eheleuten angeboten werden kann, die Schwierigkeiten erfahren, wäre ein Betrug, wenn man in ihnen – und sei es auch nur implizit – die Neigung begünstigt, die Unauflöslichkeit des eigenen Ehebundes zu vergessen.\" Denn dann würde das mögliche Eingreifen der kirchlichen Einrichtung in Ehe-Nichtigkeitsverfahren Gefahr laufen, \"eine simple Feststellung eines Scheiterns zu werden\". Die Wahrheit, die in derartigen Gerichtsverfahren gesucht werde, \"ist keine abstrakte Wahrheit, die vom Wohl der Personen getrennt wäre. Es handelt sich um eine Wahrheit, die sich ins menschliche und christliche Unterwegssein eines jeden Gläubigen einfügt.\" Aus diesem Grund erachtet es der Papst für besonders wichtig, dass die Gerichtsurteile \"innerhalb eines vernünftigen Zeitraums\" getroffen werden.

Der Nachfolger des Apostels Petrus sprach auch von der \"ernsten Verpflichtung\", die Arbeiten an den Kirchengerichten den Gläubigen besser verständlich zu machen. Darüber hinaus erinnerte der Heilige Vater an eine dringliche pastorale Aufgabe: \"zu versuchen, ehelichen Nichtigkeitsverfahren vorzubeugen\" und alles Erdenkliche zu tun, damit \"die Gatten ihre möglichen Probleme lösen und den Weg der Versöhnung finden können\".