Die Literaturgattung der Postmoderne

Überlegungen von Rodolfo Papa, Dozent der Geschichte der ästhetischen Theorien an der Universität Urbaniana

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Von Rodolfo Papa*

ROM, 16. Februar 2012 (ZENIT.org). – Im letzten Artikel haben wir die Analyse einer künstlerischen Bewegung - der „Arte Povera“ - besprochen, die ein Ausdruck des postmodernen Kunstverständnisses ist. Ich bleibe auf diesem Gebiet und halte es für interessant, den weiteren Rahmen der theoretischen Fragen der Kunst in ihrer Beziehung zur „Postmoderne“ zu besprechen und zu untersuchen, was man als das „Proprium“ des „Endes der Kunst“ bezeichnen kann (1).

Aus den Analysen, die wir im Lauf der Jahre vorstellen und die eng mit den künstlerischen Fragen verbunden sind, lässt sich schließen – wie mir scheint -, dass man schwerlich begeistert von einer Überwindung der Moderne im optimistischen Sinne sprechen kann. Obwohl die Postmoderne einerseits die Symptome der modernen Krise klar herausgestellt hat, hat sie dennoch gleichzeitig darauf verzichtet, Heilmittel hervorzubringen (2).

Romano Guardini stellte in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts fest, dass es in der Moderne gute und neue Elemente gäbe. Aber das Gute sei nicht neu, weil es aus den christlichen Wurzeln hervorgehe, und das Neue sei nicht gut, weil es aus der Ablehnung des Christentums komme. Er sagte voraus, dass das „Ende der Modernität“ ein „schlimmes Ende“ sein würde, das von Anfang an, seit seiner Entstehung, vorhersehbar sei, weil die moderne Kultur bei ihrer Loslösung von den christlichen Wurzeln nur im Sinnverlust verkümmern könne (3).

Der Sinnverlust, sowohl als gewollter Verzicht auf die christlichen Wurzeln, welcher am Anfang der Moderne steht, als auch als Endergebnis des Sinnverlustes der „Erzählungen“ ist tatsächlich die Seele der Postmoderne, die sich sichtbar in der Entmythisierung“ und „Entmystifizierung“ der Moderne selbst zeigt. Alle Bewegungen der Kunst, die von der Enttäuschung und dem Verlust von „Sinn“ ausgehen, wie die „Pop Art“ oder die „Arte Povera“ und die verschiedenen Ausdrucksweisen, die seit den weit entfernten sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit der „Minimal Art“ oder der „Land Art“ verbunden sind, haben daher in mancher Hinsicht als kleinsten gemeinsamen Nenner eine zusammenhanglose Sichtweise der Geschichte und – als Ergebnis der Delegitimierung - den Willen, jede Meta-Sprache zu „dekonstruieren“.

Wenn wir von der künstlerischen (linguistischen?) Sicht aus auf die Delegitimierung aller Erzählungen seitens der Postmoderne schauen, können wir feststellen, dass es keine Erzählgattungen oder – wenn wir einen Vergleich mit der Dichtkunst vornehmen wollen – keine literarische Gattungen mehr gibt. Das Ritterliche, das Epische, das Tragische, das Komische, das Mystische und das Elegische ... werden faktisch als veraltet betrachtet und für nichtig erklärt, gerade weil sie durch ein als illegitim angesehenes System begründet wurden; dies kann das philosophische Wissen oder der Glaube sein, die mit der Erzählung eng verbunden sind. Der ganze weite Bereich der expressiven Darstellung wurde auf ganz wenige Gattungen und Formen reduziert, die noch als legitim und somit nicht als delegitimiert angesehen werden.

Die dekonstruktive Delegitimierung, die die Aufhebung jedes Konfliktes zwischen widersprüchlichen Positionen zum Ziel hat, zerstört faktisch alle dichterischen Gattungen, weil es nichts mehr innerhalb dieser Weltsicht gibt, was noch bestätigt werden könnte. Von dieser linguistischen Verwüstung bleibt ausgenommen, was eine Kritik bewirken oder eine letzte Delegitimierung vornehmen könnte, das Werkzeug zur Delegitimierung: die Satire.

Die Satire wurde zu der Gattung, die die Postmoderne darstellen kann; sie kann die verschiedenen Formen von der Farce bis zur Schmähung annehmen. Sie hat schrittweise die Macht ergriffen und ist ironischerweise zur meist verbreiteten „literarischen“ Gattung geworden. Schon mit George Grosz und Otto Dix wurde die Satire seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts zur wahren und eigenen Sprache der Kunst, um die „starken“ Mächte anzuklagen und zu verspotten. Dies ist aber nicht nur eine Neuerung im Bereich der Kunst; es ist faktisch die sichtbare Kundgabe des letzten Aktes der Delegitimierung aller Erzählungen, die während des Dekadentismus stattgefunden hat. Von diesem Moment an verzichtet die Kunst nach und nach darauf, irgendetwas auszusagen, und wählt den Weg des Protestes und der sozialen, politischen und religiösen Kritik. Schon im neunzehnten Jahrhundert befassten sich einzelne Kunstwerke mit dem Thema des sozialen Protests, aber dann wandelte sich die Angelegenheit hin zur Delegitimierung des ganzen Systems der Kunst und der Weltsicht, die es begleitet. Jean Cocteau, Picasso selbst oder die Surrealisten wählten diese Gattung und vermischten sie mit dem Traum, dem Paradox und der Hyperbel und machten sie zur auserwählten Gattung.

Jede Aussage, die in der ideologischen Option der Postmoderne gemacht wird, ist faktisch ein Angriff auf etwas, das als zu bekämpfendes Überbleibsel der Geschichte betrachtet wird. Die künstlerischen Initiativen, oder besser das Marketing der kommerziellen Geschäfte, die um die künstlerischen Veranstaltungen herum betrieben werden, lebt von dieser Art der Sprache. Jedes Symbol, das die Delegitimierung oder Dekonstruktion überlebt hat, wird als Ausdruck einer Macht angesehen und muss daher bekämpft oder wenigstens angegriffen werden. Ein sehr bekanntes und aussagekräftiges Beispiel ist das Werk von Maurizio Cattelan, das „Johannes Paul II. von einem Meteorit getroffen“ darstellt, ausgestellt in der Royal Academy of Arts in London und bei der Biennale in Venedig.

Wir müssen jedoch nicht meinen, das diese Art des „Entsakralisierens“ oder des „Delegitimierens“ nur auf diesen expressiven Bereich beschränkt bleibt; im Gegenteil, wenn wir die Realität des Alltags genau beobachten, nehmen wir wahr, dass dieses System überall eingedrungen ist; die Gattung der Farce ist vielleicht faktisch die Gattung, die die Werbung sich erworben hat, um den Konsum stärken. Selbstverständlich lässt sich nichts als wahr aussagen; deshalb braucht man eine Gattung, die dazu in der Lage ist, etwas zu behaupten, indem sie es delegitimiert. Um beispielsweise einen bekannten Kaffee zu verkaufen, nimmt man den heiligen Petrus als Zeugen und man äußert sich ironisch in Form einer Farce über das Paradies; in ähnlicher Weise hat ein Satelliten-Pay-TV-Sender eine Kampagne für Abonnements gestartet, indem sie ikonographische Bilder der Bibel und der Evangelien benutzt hat, die von bekannten Sportlern interpretiert werden, die buchstäblich „Wunder“ vollbringen. Im Laufe der Jahre haben wir dutzende Male der Werbung geholfen, die als Hauptdarsteller Schwestern, Mönche und Priester gezeigt hat, die als Diebe oder Egoisten dargestellt wurden, um Bohnerwachs, Mineralwasser oder Telefonkarten zu verkaufen.

Die Symbole werden von der Postmoderne nicht geschätzt, weil sie der Ausdruck einer Kultur sind, in deren Zentrum Aussagen mit Wahrheitsanspruch stehen, die für sie nicht tolerierbar sind: die Gattungen der Poesie und der Erzählung sind faktisch verboten, weil sie untrennbar mit ihnen verbunden sind; bei künstlerischen Optionen jedoch werden sie wieder aufgegriffen, um abgelehnt zu werden. Im Extremfall werden sie durch die Werbung der Satire oder der Ironie unterzogen, um den Wert des beworbenen Produktes zu bestätigen. Alles wird auf Sprachspiele und leere Metaphern beschränkt, die nur für ein flüchtiges Lachen nützlich sind und um den Namen des zu kaufenden Produktes im Kopf festzusetzen.

(1) Vgl. A.C. Danto, Dopo la fine dell’arte. L’arte contemporanea e il confine della storia [1997], Ins Italienische übersetzt, Bruno Mondadori, Mailand 2008

(2) “Damit macht die Postmoderne klar eine Diagnose, aber sie ist zu keiner Therapie fähig”, G. Morra, Il quarto uomo. Postmodernità o crisi della modernità?, Verlag Armando, Rom 1992, S. 21

(3) Vgl. A. Olmi A., La fine della modernità nel pensiero di R. Guardini e G. Vattimo (Das Ende der Modernität im Denken von R. Guardini und G. Vattimo), in “Sacra Doctrina” 46 (2001/6), S. 7-28

*Rodolfo Papa ist Kunsthistoriker, Dozent für Geschichte der ästhetischen Theorien an der Philosophischen Fakultät der Päpstlichen Universität Urbaniana, Rom; Vorsitzender der „Accademia Urbana delle Arti“. Maler, ordentliches Mitglied der „Pontificia Insigne Accademia di Belle Arti e Lettere die Virtuosi“ am Pantheon. Urheber von Bildzyklen der Sakralkunst in verschiedenen Basiliken und Kathedralen. Er interessiert sich für ikonologische Themen der Renaissance- und der Barockkunst, über die er Monographien und Abhandlungen geschrieben hat. Er ist Spezialist für Leonardo und Caravaggio und arbeitet mit zahlreichen Zeitschriften zusammen. Er hält seit dem Jahr 2000 eine wöchentliche Rubrik über die Geschichte der christlichen Kunst bei Radio Vatikan.

[Aus dem Italienischen übersetzt von Dr. Edith Olk]