Die Liturgie ist der Schlüssel für die Zukunft des christlichen Glaubens

Professor P. Wallner OCist und Religionsphilosophin Gerl-Falkovitz in Heiligenkreuz

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WIEN, 7. Mai 2009 (ZENIT.org).- Um Sinn und Schönheit alltäglicher Erfahrungen und die alle Grenzen sprengende Herrlichkeit der Liturgie kreisten zwei Vorträge im Stift Heiligenkreuz. Karl J. Wallner OCist, Professor für Dogmatik und dogmatische Sakramententheologie sowie Gründungsrektor der „Päpstlichen Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz", und die Religionsphilosophin Hanna Barbara Gerl-Falkovitz von der Technischen Universität Dresden befassten sich aus zwei sehr verschiedenen Perspektiven mit der Ästhetik der Liturgie. Beide waren Vortragende bei der Tagung Liturgie und Psyche in Heiligenkreuz.

„Der jetzige Papst sieht die Gefahr eines Verdämmerns des Glaubens", betonte Karl Wallner am Beginn seines Vortrags. „Ihm geht es um die Wahrung des Wesentlichen, der Substanz des Glaubens. Dass für ihn dabei die Liturgie der Schlüssel für die Zukunft des christlichen Glaubens ist, zeigt sein Gesamtwerk, das gerade herausgebracht wird. Der erste Band widmet sich der Liturgie."

Zwei Fehlformen seien in den vergangenen Jahrzehnten aufgetreten, von denen die erste schon überwunden ist. Anfang der 60er-Jahre habe es die Tendenz gegeben, zu sehr an Ritualen zu hängen und zu sehr Äußerliches zu achten. Das Zweite Vatikanische Konzil habe daraufhin eine Verinnerlichung der Liturgie angestrebt und wollte eine stärkere innere Teilnahme bei der Messe fördern.

Doch die Umsetzungsphase des Konzils fand im Schatten der 68er statt, mit denen eine neue Fehlentwicklung einsetzte. „Es begann ein Anti-Ästhetizismus, der misstrauisch war gegen jegliche Ordnung und Schönheit. Das Andachtsbild galt auf einmal als Kitsch. Das Konzil wollte aber nicht die Grenzen von sakral und profan unter dem Stichwort der aktiven Teilnahme der Gläubigen an der Messe aufheben."

Wallner kritisierte diese Missachtung des Schönen und betonte: „Schönheit gilt als eine der transzendentalen Eigenschaften Gottes". In analoger Weise komme sie auch dem von Gott Geschaffenen zu, weshalb „schon die Begegnung mit rein irdischer Schönheit für uns Menschen mittelbar eine Begegnung mit dem Göttlichen ist, das uns erheben, berauschen und sogar entrücken kann."

Bei der christlichen Offenbarung begegne Gott selbst dem Menschen „in seiner überhellen Herrlichkeit. Und gerade dort, wo er seine Schönheit im Gegenteil ihrer selbst verendlicht, nämlich in der Hässlichkeit des am Kreuz leidenden Sohnes, leuchtet sie mit einer Intensität auf, die rein weltliche Ästhetik niemals erreichen kann." Gerade der am Kreuz Erhöhte übertreffe alle Herrlichkeit - „Wir haben seine Herrlichkeit geschaut!"

In der Liturgie werde durch Gebärden, Rituale, Klänge und Symbole genau jener Raum vergegenwärtig, „den Gott in seinem Heilshandeln eröffnet und für uns Menschen bewohnbar gemacht hat". Deshalb sei kirchliche Liturgie die höchste Form irdischer Schönheit. „Dort vermögen wir schon hier auf Erden der ewigen Schönheit zu begegnen."

Die Liturgie feiere „die absolute Schönheit Christi als geschlachtetes Lamm" Und: „Die Messe ist Opus Dei, Werk Gottes." Wichtig sei daher eine Haltung des Geschehenlassens, „frei von jeder bezwingenden Magie".

Mehrfach betonte Wallner, dass das Bemühen um liturgische Ästhetik kein „nebensächlicher Luxus" sein dürfe, sondern „eine hochheilige Pflicht". Gott müsse gewissermaßen die Chance gegeben werden, „in der Feier der Liturgie unsere Seele mit seiner Schönheit zu berühren".

Gerl-Falkovitzs Betrachtung der Liturgie geschah hingegen aus anthropologischer Perspektive. Dabei stützte sich die Religionsphilosophin auf Romano Guardinis Klassiker „Vom Geist der Liturgie", dessen Kapitel „Liturgie als Spiel" Ausgangspunkt ihrer Ausführungen wurde. Im Zentrum ihres Vortrags stand „die spielerische Entfaltung der Leiblichkeit". Um die heilende Wirkung der Liturgie zu betrachten, wurden zunächst die verschiedensten Tätigkeiten des Lebens betrachtet, und zwar im Hinblick auf die Unterscheidung von Zweck und Sinn.

„Im Zweck ruht das Tun nicht in sich selbst, sondern wird als Durchgang auf ein anderes Ziel hin getan: Lernen, um die Prüfung zu bestehen. Sinn aber lässt den Schwerpunkt des Tuns in ihm selbst aufleuchten: Lernen, weil es Freude macht." Während der Zweck ein Ende in der Zeit habe, gebe es auch Vorgänge, deren Sinn nicht mit ihrem Ende abgeschlossen sei. Gerade die wesentlichen Vorgänge des Lebens seien zwecklos, aber sinnvoll. Liebe zum Beispiel sei eine selbsttragende Handlung ohne „um - zu". Ebenso gebe es auch den absichtslosen, kontemplativen Blick, in dem das Individuum frei werde, sich selbst mitzuteilen.

Die Liturgie verfolge wie jedes wirkliche Kunstwerk keinen unmittelbaren „Zweck", sondern trage ihren Sinn in sich. Dieser Zug begründe auch die Schönheit der Liturgie: „Sie hat weder erzieherische noch absichtsvoll künstlerische Aufgaben, ihr tiefster Sinn ist einfach ‚Schau', und zwar Schau von Gottes Herrlichkeit, die Leiden und Kampf einschließt."

Der Sinn der Wirklichkeit erschließe sich über den Leib. Gegenwärtig geschehe in der Anthropologie eine Neuentdeckung des Leibes. „Der Leib ist in ein Spannungsgefüge einbracht. Das, was ich nach außen spiele, erfahre ich auch innerlich." Gerl-Falkovitz beschrieb mit Guardini verschiedene körperliche Haltungen. Das Liegen etwa sei „gesammeltes Ausgegossensein", Stehen „schwingende Ruhe".

In der Liturgie finde ein leibhaftes Spiel statt. „Der Schwerpunkt ist oben. (...) Es ist dieses wunderbar in sich Ruhende und den Blick Öffnende, das die Liturgie zur Quelle eines Ankommens im Sinn macht und über Verzweiflung hinausführt, bis in die leibliche Erfassung und schwingende Ruhe hinein." Auch für das leibhafte Spiel in der Liturgie lieferte die Vortragende eine phänomenologische Beschreibung: „Zweckfrei sich ausströhmendes, von der Fülle besitzergreifendes Leben, sinnvoll in seinem reinen Dasein."



Von Stefan Beig