Die Liturgie, Werk der Dreifaltigkeit/3: Gott, der Heilige Geist (KKK 1091-1109)

Rubrik liturgische Theologie, herausgegeben von Don Mauro Gagliardi

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Von P. Paul Gunter OSB*

ROM, 7. März 2012 (ZENIT.org). - Die Liturgie oder das öffentliche Werk, das im Namen des Volkes ausgeübt wird, ist unsere Teilhabe am Gebet Christi zum Vater im Heiligen Geist. Ihre Feier taucht uns in das Leben der Gottheit ein, wie es in der Präfation vom Wochentag IV zum Ausdruck kommt: „Du bedarfst nicht unseres Lobes, es ist ein Geschenk deiner Gnade, dass wir dir danken. Unser Lobpreis kann deine Größe nicht mehren, doch uns bringt er Segen und Heil durch unseren Herrn Jesus Christus“. Deswegen gab es die Liturgie schon ehe wir daran teilnehmen konnten, denn sie begann in der Heiligsten Dreieinigkeit und Christus, der uns während seines Erdenlebens beispielhaft zeigte, wie wir den Vater anbeten sollen, gab denjenigen, die glauben, durch die Feier der Liturgie, in der uns das Leben der Dreieinigkeit mitgeteilt wird, die Mittel an die Hand, um ihr Dasein zu verwandeln.

In der Liturgie werden wir durch das Wirken des Heiligen Geistes mit dem Siegel der liebenden Beziehung der Dreieinigkeit, die im Herzen der Kirche steht, geprägt und geheiligt. Der Heilige Geist ist derjenige, der den Glauben weckt und unser Mitwirken hervorruft. Es handelt sich um jenes ehrliche Mitwirken, das unsere Sehnsucht nach Gott zum Ausdruck bringt und die Liturgie zum gemeinsamen Werk der Dreieinigkeit und der Kirche werden lässt (KKK 1091-1092).

Ehe der Heilsauftrag Christi in der Welt begann, legte der Heilige Geist die Grundlage dafür, dass Christus aufgenommen werden konnte, indem er die Verheißungen des Alten Bundes zur Erfüllung brachte. Wie dies auch in der Liturgie des Hauses Israel der Fall war, bildet die Erinnerung an diese Meisterwerke Gottes in nicht geringerer Weise das Rückgrat unserer eigenen Liturgie. Betrachte man doch das Alte Testament mit seinen großen literarischen Werken und der Schönheit der Psalmen! – Was wäre die kirchliche Feier des Advents ohne den Propheten Jesaja? – die Liturgie vom Gründonnerstagabend ohne die Verkündigung des rituellen Paschafestes im Buch Exodus (Kap. 12)? Mehr noch, wie sonst könnte die Ostervigil ohne den Bericht über den Durchgang durch das Rote Meer und die hiermit verbundene Hymne im Buch Exodus (Kapp.14-15) auf so wirkungsvolle Weise die Harmonie zwischen dem Alten und dem Neuen Testament herausstellen (KKK 1093-1095)? Die großen Feste im liturgischen Jahreskreis offenbaren die innere Beziehung von jüdischer und christlicher Liturgie, wie es bei der Feier des Osterfestes ersichtlich ist, bei der „[d]ie Juden das auf die Zukunft ausgerichtete geschichtliche Pascha [feiern]; die Christen das im Tod und in der Auferstehung Christi in Erfüllung gegangene, wenn auch noch stets auf die endgültige Vollendung harrende Pascha“ (KKK 1096).

Wenn auch in der Liturgie des Neuen Bundes die versammelte Gemeinde auf ihre Begegnung mit Christus und seiner Kirche vorbereitet werden muss, besteht diese Vorbereitung nicht primär in einer gedanklichen Rezeption theologischer Wahrheiten, sondern ist eine innere Angelegenheit des Herzens, dem Ort, wo Umkehr am besten zum Ausdruck kommt und wo die Überzeugung, ein Leben in Einheit mit dem Willen des Vaters zu führen, am lebendigsten wahrgenommen wird. Diese Verfügbarkeit oder Gelehrsamkeit gegenüber dem Heiligen Geist ist die Vorbedingung für die Gnaden, die man während der Feier selbst empfängt sowie für deren spätere Auswirkungen und Folgen (KKK 1097-1098).

Das Band zwischen dem Heiligen Geist und der Kirche zeigt Christus selbst und sein Heilswerk in der Liturgie auf. Besonders bei der Messfeier ist die Liturgie das „Gedenken an sein Heilsmysterium“, während der Heilige Geist das „lebendige Gedächtnis der Kirche“ ist, denn sie begeht das Gedächtnis des Geheimnisses Christi. Die bevorzugte Art und Weise, wie der Heilige Geist die Bedeutung des Heilsereignisses ins Gedächtnis ruft, besteht darin, dass er durch das Wort Gottes, das in der Liturgie verkündet wird, Leben hervorruft, sodass es in den Hörern Teil ihres Lebensvollzugs und somit wirksam werden kann. Sacrosanctum Concilium erklärt unter Nr. 24, dass die Heilige Schrift in ihrer Lebendigkeit sowohl die Hirten als auch die Gläubigen in eine lebendige Beziehung zu Christus zu bringen vermag (KKK 1099-1101).

„Von größtem Gewicht für die Liturgiefeier ist die Heilige Schrift. Aus ihr werden nämlich Lesungen vorgetragen und in der Homilie ausgedeutet, aus ihr werden Psalmen gesungen, unter ihrem Anhauch und Antrieb sind liturgische Gebete, Orationen und Gesänge geschaffen worden, und aus ihr empfangen Handlungen und Zeichen ihren Sinn“ (SC 24).

Die liturgische Versammlung ist also ihrem Wesen nach nicht eine Ansammlung von Menschen verschiedener Veranlagung, sondern eine Glaubensgemeinschaft. Die Verkündigung in der Liturgie erfordert eine „gläubige Antwort“, in der gleichzeitig „Zustimmung und Verpflichtung“ aufleuchten, deren Konstrukteur der Heilige Geist ist, der in denjenigen, die an der Versammlung teilnehmen“ „eine Anamnese der Großtaten Gottes“ hervorruft, die sich fortschreitenden entwickelt. Die Dankbarkeit gegenüber Gott für alles, was er getan hat, geht dann auf natürliche Weise in den Lobpreis Gottes oder Doxologie über (KKK 1102-1103).

Bei der Feier des Ostergeheimnisses wird das Pascha-Geheimnis nicht wiederholt. Vielmehr sind es die einzelnen Feiern, die wiederholt werden. Die Ausgießung des Heiligen Geistes macht bei jeder Feier dieses eine, spezifische Geheimnis gegenwärtig. Bei der Epiklese wird der Heilige Geist herabgerufen und wenn der Gläubige auf rechte Weise vorbereitet in der heiligen Eucharistie den Leib und das Blut Christi empfängt, wird er selbst zu einem lebendigen Opfer für Gott, ist voll Hoffnung auf das himmlische Erbe und legt über die liturgische Feier hinaus Zeugnis vom Leben des Heiligen Geistes ab. „Die Frucht des Geistes in der Liturgie ist“ dann „zugleich Gemeinschaft mit der heiligsten Dreifaltigkeit und brüderliche Gemeinschaft“ (KKK 1104-1109). Wie Abt Alcuin Deutsch von Collegeville 1926 in seinem Vorwort zu der (von Virgil Michel erarbeiteten) englischen Übersetzung des von Lambert Beauduin stammenden Werkes La pieté de l’Église, geschrieben hat, „bringt die Liturgie auf feierliche und öffentliche Weise den Glauben, die Liebe, die Sehnsüchte, Hoffnungen und Ängste der Gläubigen gegenüber Gott zum Ausdruck. [...] Sie ist das Produkt einer seelenbewegenden Erfahrung; sie pulsiert mit Leben und mit der Wärme des Feuers des Heiligen Geistes, von denen ihre Worte voll sind und unter deren Inspiration sie entstand. Wie nichts Anderes hat sie die Macht, die Seele zu bewegen, ihre Leben einzuflößen und ihr Geschmack an Gottes Dingen zu vermitteln” (S. iv).

*P. Paul Gunter OSB ist Professor am Päpstlichen Liturgischen Institut in Rom und theologischer Berater des Amts für die Liturgischen Feiern des Papstes.

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