Die Magd des Herrn verhilft uns zur Reinheit des Herzens

Predigt des Kölner Erzbischofs Joachim Kardinal Meisner

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KÖLN, 6. Juni 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner am 31. Mai beim Gebetstag zu Ehren Mariens, Mutter aller Völker, am Pfingstfest gehalten hat.

Zum Abschluss des Marienmonats erläuterte Kardinal Meisner, was die Mutter Jesu für den Christen bedeutet. Er betonte, dass er sich eine marianische Kirche wünsche, eine Gott suchende Kirche, in der es nicht anstößig sei, „sich als katholische Frau als Magd des Herrn, oder als katholischer Mann als Knecht Gottes zu bezeichnen, ja, in der es geradezu eine Auszeichnung ist, Magd des Herrn und Knecht Gottes zu sein. Solche marianischen Gruppen und Gemeinschaften sind wichtige Inspirationspunkte, die weit in das Land hinein wirken und die Menschen der Mutter Christi auf die Spur bringen."

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Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Pfingsten zeigt uns die Kirche in ihrer Idealgestalt, indem die Apostelgeschichte sagt: Die Apostel waren versammelt mit Maria, der Mutter Jesu (vgl. Apg 1, 14). Maria gehört von Anfang an unverzichtbar zur Kirche.

Die Urgemeinde von Jerusalem ist normativ für jede christliche Gemeinde. Ohne Maria keine Kirche. Das Gebot der Stunde für den einzelnen Christen ist daher die apostolische Praxis, die uns im Johannesevangelium berichtet wird: Er, Johannes, nahm Maria in sein Haus auf (vgl. Joh 19,27). Wenn ein Bischof wüsste, dass jede Gemeinde in seinem Bistum und jede Familie darin Maria in das Haus ihres Daseins aufnehme, dann könnte ein Bischof ruhig schlafen. Und wenn er wüsste, dass jeder Christ Maria in das Haus seines Daseins aufnähme, dann wäre es um die Sache Gottes in einem Land gut bestellt. Wenn Menschen heute hier in der Kölnarena mit Maria versammelt sind, dann sollten sie von hier aus Maria in das Haus des eigenen Daseins mitnehmen können. Was holen wir uns ins Haus, wenn wir Maria in das Haus unseres Lebens mitnehmen?

Wir holen uns mit Maria den Heiligen Geist ins Haus des eigenen Daseins, wir holen uns mit ihr die Dienstbereitschaft des Herrn und die Leidenschaft für Gott in der Alltäglichkeit des Lebens ins Haus.

1. Maria ist die Trägerin des Heiligen Geistes


Und Johannes nahm sie in sein Haus auf. Maria hat zweimal Pfingsten erlebt, das erste Mal in der Kammer von Nazareth, als der Engel zu ihr kam und ihr sagte: „Sei gegrüßt, du Begnadete" (Lk 1,28), was soviel heißt wie: Du bist die Begeisterte. Und dann hat Maria zum zweiten Mal im Abendmahlsaal von Jerusalem mit den Aposteln Pfingsten erlebt, als der Heilige Geist in brennenden Feuerzungen auf sie und die Apostel herabkam.

Darum: Wo Maria, dort die Begeisterung. Dort hat eine Kirche viele geistliche Berufungen und zahlreiche begeisterte Christen. Immer, wenn es für Maria in der Kirche keinen Raum mehr gibt, dann schwindet die Begeisterung, dann gibt es keine geistlichen Berufe mehr, dann ziehen die Geistlichen ihr geistliches Kleid aus, und manche hängen ihren geistlichen Beruf an den Nagel. Maria ist die Werkstatt des Heiligen Geistes.

Sie bringt uns Gottverbundenheit, denn der Heilige Geist verbindet Gott und Mensch, er verbindet Gott und die Welt, und er verbindet Mensch und Mensch. Marienverehrung ist darum keine Frage des theologischen Geschmacks, sondern sie ist eine Existenzfrage für unsere Kirche, weil Maria die Geistträgerin ist. Sie bringt uns den Heiligen Geist ins Haus.

Vielleicht ist dies das Besondere des Johannesevangeliums, dass Johannes nach den Aussprüchen der Väter „der Große Theologe" genannt wird. Wo hat Johannes Theologie studiert? - Bei Maria, als er sie in sein Haus aufnahm!

Maria sitzt nicht auf einem Lehrstuhl, sondern sie kniet auf einem Betstuhl. Auf den Knien lernt man vor allem Theologie und nicht nur und nicht vor allem in den Hörsälen, sondern in den Betsälen. Nicht der Lehrstuhl, sondern der Betstuhl ist der legitime Ort, wo sich uns die Herrlichkeit Gottes offenbart. Und wenn unser Heiliger Vater als wirklich großer Lehrer und Theologe vor den Völkern der Welt seine Stimme erklingen lässt, dann spürt man, bei wem er letztlich studiert hat, welche hohe Schule er besucht hat: die Kammer von Nazareth.

Seine Eltern gingen mit ihm als dem Jüngsten und den anderen Geschwistern regelmäßig nach Altötting zur Wallfahrt. Er ist von frühester Kindheit an im Haus der Mutter Christi zu Hause, und die Figur unserer Lieben Frau von Altötting steht auf seinem Schreibtisch und wacht mit ihrem gütigen Blick über seiner Arbeit. Bei seinem Besuch in Altötting im letzten Jahr schenkte er Maria seinen Bischofsring.

Auf dem Betstuhl Mariens ist der Heilige Vater wie Johannes, der Seher von Patmos, der große Prophet geworden, der uns glaubwürdig und überzeugend das Evangelium verkündet. Ganz verbunden mit Maria, der Geistträgerin, die Begeisterung vermittelt, werden wir zu Geistlichen, sodass uns dann die Augen aufgehen und wir nicht nur Anstudiertes verkündigen, sondern dem Volke Gottes Geschautes vermitteln dürfen. Das ist heute so wichtig, denn der Glaube verlöscht bei vielen Menschen wie eine Flamme, die keine Luft mehr bekommt.

Liebe Schwestern und Brüder, was holen wir uns ins Haus, wenn wir - wie Johannes - Maria in das Haus unseres Daseins aufnehmen? Wir holen uns den Heiligen Geist, sodass es dann auch von jedem von uns heißen kann: „Du Begnadeter, du Begeisterte". Weil uns auf dem Lehrstuhl Mariens, der ein Betstuhl ist, der Geist Gottes Herz und Augen öffnet.

2. Maria, die Magd des Herrn

Was holen wir uns ins Haus, wenn wir Maria die Türen unseres Daseins öffnen? Wir holen uns den Dienst Christi ins Leben. Die einzige Selbstbezeichnung Mariens im Evangelium lautet: „Magd": „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast" (Lk 1,38).

Welche Frau wagt es, sich heute eine Magd zu nennen? Da wird soviel geredet von Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung. Und dabei wird die Welt immer kälter vor Lieblosigkeiten, sodass eine neue Eiszeit in unser Dasein hereinzubrechen droht. Wer wagt es heute noch, sich als „Knecht Gottes" oder als „Magd des Herrn" zu bezeichnen? Maria nennt sich Magd.

Weil Johannes bei Maria in die Schule gegangen ist, ist er der einzige Evangelist, der an Stelle der Eucharistie-Einsetzung das erschütternde Ereignis von der Fußwaschung Jesu überliefert hat. In ihm wird der Standort Gottes in unserer Welt sichtbar. Wenn wir Gott suchen, dann suchen wir für gewöhnlich den Himmel ab.

Johannes in der Schule Mariens zeigt uns, dass der Standort Christi in unserer Welt unter den Füßen der Menschen ist. Man kann ihn treten, man kann auf ihm herumtrampeln. Die Magd des Herrn öffnet uns die Augen für den Standort des Herrn in unserer Welt, nämlich unter unseren Füßen. Nur wer sich zu bücken vermag, der wird Christus, dem Sohn des lebendigen Gottes, begegnen. Er ist nicht nur der, der die Füße wäscht, er ist auch das Waschmittel selbst, indem er uns mit seinem Blut von der Schuld rein gewaschen hat. Ich wage es zu sagen: Die große Waschfrau dieser Welt ist die Magd des Herrn, ist Maria, weil sie uns zur Reinheit des Herzens verhilft.

Wenn wir wieder Maria in das Haus unseres Daseins holen, dann verändert sich das Angesicht unserer Kirche und durch sie das Angesicht der Welt. Sie wird eine dienende Kirche, eine Kirche, die sich bücken kann, und zwar hinunter zu den Füßen der Menschen.

Wenn wir einmal nicht mehr die Gelegenheit haben sollten - Gott bewahre uns davor - Eucharistie zu feiern, dann zeigt uns Maria im Evangelium des Johannes, dass wir immer ein paar schmutzige Füße finden werden. Und indem wir sie waschen, feiern wir auch die Gegenwart des Herrn in unserer Mitte. „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" (Mt 25,40). Dafür brauchen wir als Zeremonienmeisterin die „Ancilla Domini", die „Magd des Herrn".

Mutter Teresa von Kalkutta hatte das in vollkommener Weise von Maria gelernt, indem sie sich in Kalkutta zu den Menschen herabbückte, zu den ungewollten Kindern und zu den sterbenden Menschen. Sie liebte sie bis zum Wehtun. Ich wünsche mir eine solche marianische Kirche, die Gott sucht und findet unter den Füßen der Menschen, und in der es nicht mehr anstößig ist, sich als katholische Frau als „Magd des Herrn", oder als katholischer Mann als „Knecht Gottes" zu bezeichnen, ja, in der es geradezu eine Auszeichnung ist, „Magd des Herrn" und „Knecht Gottes" zu sein. Solche marianischen Gruppen und Gemeinschaften sind wichtige Inspirationspunkte, die weit in das Land hinein wirken und die Menschen der Mutter Christi auf die Spur bringen.

3. Maria, die Mater Dolorosa

Was holen wir uns ins Haus, wenn wir Maria Einlass in das Dasein unseres Lebens gewähren? Wir holen uns damit die große Leidenschaft für Gott ins Haus. Als der Soldat mit der Lanze das Herz des Herrn durchbohrte, da öffnete sich auch das Herz Mariens nach den Worten des Simeon: „Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen" (Lk 2,35).

Herz-Jesu-Verehrung und Herz-Marien-Verehrung sind auf Golgotha unlösbar miteinander verbunden. Maria besitzt ihre Erfahrung mit dem Leid. Sie ist eine Frau, die etwas vom Leid versteht, weil sie voller Leidenschaft für die Sache Christi ist, die gar keine Sache ist, sondern er selbst. Der Herr wird vom Kreuz herabgenommen und seiner Mutter auf den Schoß gelegt. Die Mater Dolorosa oder die Pietà ist das große Gnadenbild der Welt geworden. Die Mater Dolorosa ist das Kreuz Christi in den Dimensionen des Menschen; Maria ist gleichsam die Vertikale des Kreuzes und der tote Christus auf ihren Armen die Horizontale.

Das Kreuz ist das Plus gewordene Minus der Welt durch den Einsatz Gottes. Die Pietà ist der große Plus-Typus von Mensch. Hier am Kreuz wird Minus umqualifiziert in Plus, Tod in Leben, Verzweiflung in Hoffnung, Hass in Liebe. Maria nimmt sich als Pietà gleichsam zurück, und sie hält uns den Sohn entgegen. Der Sohn ist uns im Bild der Pietà näher als sie selbst. Sie ist gleichsam wie der Priester, der uns die hl. Kommunion spendet: Er hält uns den Leib des Herrn hin, und er bleibt dahinter zurück.

Von Leon Bloy, dem französischen Philosophen, stammt das Wort: „Herr, du betest für die, die dich kreuzigen, aber du kreuzigst die, die dich lieben". Darum steht Maria als die Mater Dolorosa vor uns, weil Gott sie wirklich liebt. Liebe ist nur ein anderer Name für Leiden. Wenn eure und meine Passion Christus und seine Kirche ist - wie bei Maria - dann wird uns jede Niederlage Christi und seiner Kirche durchbohren, wie die Lanze das Herz des Herrn und das Schwert das Herz Mariens durchbohrt hat. Jeder Christ sollte eigentlich eine Mater Dolorosa oder ein Pater Dolorosus sein, einer, den die Leidenschaft für den Herrn und seine Kirche gepackt hat. Wer sein Herz an das Herz der Mutter Christi hält, der wird erfüllt mit der Leidenschaft für Christus und seine Kirche. Ihm wird es zur Passion, mit Maria auf der Seite Christi zu stehen. Er hat dann keinen Stein in seiner Brust, sondern ein geöffnetes Herz, wie Maria. So wie der erste Herz-Jesu-Verehrer, der so genannte „ungläubige Thomas", am Ostertag die Höhe und Tiefe, die Länge und Breite Christi mit seiner Hand ausmisst, so darf die Christenheit beten: „In deine Wunden berg ich mich": die Erste ist Maria, derZweite Thomas, der Dritte du oder ich.

„Und er nahm sie in sein Haus auf." Das wäre eine gesegnete Stunde, wenn niemand von uns heute von hier aus der Kölnarena allein nach Hause zurückgeht, sondern wenn ihr zu zweit an eure Arbeit zurückgehen würdet, mit Maria. Dann geht ihr gesegnet als Begnadete, als Dienende, als Menschen voller Leidenschaft und als Zeugen alltäglicher Treue in euer Leben zurück. Darum ist diese Stunde eine Stunde der Hoffnung für die Kirche in Europa, dass Maria in unserer Mitte Wohnrecht bekomme in Gegenwart und Zukunft. Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

[Vom Erzbistum Köln veröffentlichtes Original]