Die Mauer des Todes überwinden

Ansprache vor dem Angelusgebet am 5. Fastensonntag, Lesekreis A

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VATIKANSTADT, 11. April 2011 (ZENIT.org). – Das Evangelium von der Auferweckung des Lazarus legte Papst Benedikt XVI. in seiner Ansprache vor dem Angelus vor tausenden von Pilgern auf dem Petersplatz aus. Die Überwindung des Todes sprenge immer die Grenzen der Vernunft. Auch heute sei der Glaube an das ewige Leben von vielen Zweifeln, selbst unter den Christen, begleitet. Um diese zu überwinden, bedürfe es eines Glaubensaktes, wie es Marta, die Schwester des Lazarus, im Evangeliumstext vormache.

Wir dokumentieren den vollständigen Text der Ansprache:

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Liebe Brüder und Schwestern,

es fehlen nur noch zwei Wochen bis Ostern, und die biblischen Lesungen dieses Sonntags sprechen alle von der Auferstehung. Noch nicht von der Auferstehung Jesu, mit der etwas vollkommen Neues anbrechen wird, sondern von unserer Auferstehung, auf die wir zustreben, und die Christus uns geschenkt hat, als er von den Toten auferstand.

Tatsächlich stellt sich uns der Tod wie eine Mauer dar, die uns daran hindert, weiter zu blicken. Und doch streckt sich unser Herz weiter aus, über diese Mauer hinweg; auch wenn wir nicht erkennen können, was sich dahinter verbirgt, denken wir dennoch darüber nach und versuchen, es uns vorzustellen und unseren Wunsch nach Ewigkeit mit Symbolen auszudrücken.

Der Prophet Ezechiel verkündete dem jüdischen Volk, das weit von der israelischen Erde entfernt im Exil war, dass Gott seine Gräber öffnen und es in sein Land zurückführen werde, um es in Frieden ruhen zu lassen (vgl. Ez 37, 12-14). Dieses uralte Streben des Menschen, zusammen mit seinen Vätern begraben zu sein, ist mit einem „Vaterland“ verknüpft, das ihn nach seinen irdischen Mühen aufnimmt.

Eine solche Vorstellung enthält noch nicht die persönliche Auferstehung von den Toten, die erst zum Ende des Alten Testamentes vorkommt und auch zur Zeit Jesu noch nicht von allen Juden angenommen wurde.

Im Übrigen ist auch unter den Christen heute der Glaube an das ewige Leben nicht selten begleitet von vielen Zweifeln, von viel Verwirrung, denn es handelt sich für immer um eine Realität, die die Grenzen unserer Vernunft sprengt und einen Akt des Glaubens fordert.

Im heutigen Evangelium, -über die Auferweckung des Lazarus-, hören wir die Stimme des Glaubens aus dem Munde Martas, der Schwester des Lazarus. Jesus, der zu ihr sagt: „Dein Bruder wird auferstehen“, antwortet sie: „Ich weiß, dass er am letzten Tage auferstehen wird“ (Joh 11, 23-34).

Jesus erwidert aber: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt“ (Joh 11, 25-26). Das ist die wahre Neuigkeit, die jede Grenze sprengt und überwindet! Christus reißt die Mauer des Todes nieder, in ihm wohnt die ganze Fülle Gottes, die das Leben, das ewige Leben ist. Deshalb hat der Tod keine Macht über ihn, und die Auferstehung des Lazarus ist ein Zeichen seiner vollständigen Herrschaft über den physischen Tod, der vor Gott wie ein Schlaf ist (vgl. Joh 11,11).

Aber es gibt einen anderen Tod, der Christus den härtesten Kampf gekostet hat, ja sogar den Preis des Kreuzes: Es ist der geistliche Tod, die Sünde, die die Existenz jedes Menschen zu ruinieren droht. Um diesen Tod zu besiegen, ist Christus gestorben, und seine Auferstehung ist keine Rückkehr zum vorherigen Leben, sondern eine Öffnung zu einer neuen Realität, einer „neuen Erde“, die am Ende wieder mit dem Himmel Gottes vereint ist. Darum schreibt der heilige Paulus: „Wenn der Geist dessen in euch wohnt, der Jesus von den Toten auferweckt hat, dann wird er, der Christus Jesus von den Toten auferweckt hat, auch euren sterblichen Leib lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt“ (Röm 8, 11).

Liebe Brüder, wenden wir uns an die Jungfrau Maria, die schon Teil hat an dieser Auferstehung, damit sie uns hilft, gläubig zu sagen: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes“ (Joh 11, 27), und so wahrhaft zu erkennen, dass er unsere Erlösung ist.

[Die deutschsprachigen Pilger begrüßte der Papst mit folgenden Worten:]

Ganz herzlich grüße ich alle deutschsprachigen Pilger und Besucher auf dem Petersplatz. Das Evangelium dieses fünften Fastensonntags berichtet vom gläubigen Bekenntnis der Marta und der Auferweckung ihres verstorbenen Bruders Lazarus. Beides steht in einem tiefen Zusammenhang: Wer sich zu Christus, dem Sohn Gottes, bekennt, erhält das Leben. Auch zu uns sagt der Herr: „Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt." Durch die Taufe haben wir Anteil an diesem neuen Leben in Christus; so wollen wir unseren Mitmenschen bezeugen: Christus ist die Auferstehung und das Leben für die Welt. Der Herr schenke euch sein Licht auf allen euren Wegen.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals durch Jan Bentz © Copyright 2011 - Libreria Editrice Vaticana]