Die Menschen zu Gott hinziehen: Predigt von Kardinal Friedrich Wetter zur Priesterweihe von elf Diakonen

„Unser apostolischer Dienst im Auftrag des Herrn ist beglückend und erfüllt das ganze Leben“

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MÜNCHEN/FREISING, 2. Juli 2007 (ZENIT.org).- Die tiefe Bedeutung ihrer Sendung als Apostel und Menschenfischer erschloss Kardinal Friedrich Wetter den elf Priesteramtskandidaten der Erzdiözese München und Freising am vergangenen Samstag. Der Kardinal ermutigte sie während des Weihegottesdienstes im Mariendom zu Freising, als zukünftige Priester Menschen zu Gott hinzuziehen.



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Der Tag der Priesterweihe ist jedes Jahr ein besonderer Tag, ein Tag einzigartiger Freude für uns alle, vor allem für Euch, liebe Weihekandidaten, für Eure Eltern, Angehörige und Freunde, die Euch all die Jahre begleitet haben.

Auch für mich ist dies ein Tag besonderer Freude, da ich Euch als Euer Bischof zu Priestern weihen darf. Mit mir freuen sich unsere Weihbischöfe und die vielen Priester im ganzen Erzbistum. Denn durch Eure Weihe beschenkt der Herr unsere Gemeinschaft und gibt uns Helfer für unsere Arbeit im Dienst des Herrn.

Mit uns freuen sich alle Gläubigen; denn nicht für Euch, sondern für sie werdet Ihr geweiht. Sie spüren, dass sie Priester brauchen, weil der priesterliche Dienst einzigartig und unersetzbar ist. So liegen über dieser Stunde große Freude und tiefer Dank.

Eure Weihe fällt zusammen mit dem Fest der Apostel Petrus und Paulus. Durch die Weihe erhaltet Ihr Anteil an der Sendung, welche die Apostel einst von Jesus empfingen. Am Osterabend trat der Auferstandene in die Mitte seiner Jünger und sagte zu ihnen: „Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfanget den Heiligen Geist!“ (Joh 20.21 f.).

Das geschieht jetzt an Euch. Im heiligen Zeichen der Handauflegung und im Gebet nimmt der auferstandene Herr Euch hinein in seine eigene Sendung, mit der ihn der Vater in die Welt gesandt hat. Diese Sendung, die er am Osterabend an die Apostel weitergegeben hat, lebt in der Kirche weiter in der apostolischen Sukzession der Bischöfe.

An ihr bekommt Ihr nun Anteil. Und das heißt: Durch Euren Dienst will Jesus Christus seine Sendung an den Menschen erfüllen, die er Euch anvertraut. Dazu haucht er Euch an und gibt Euch seinen Heiligen Geist, den Ihr braucht, um Eure Aufgabe zu erfüllen.
Was ist nun Eure Aufgabe? Das könnt Ihr an den Aposteln ablesen, vor allem an Petrus. Als der erste der Apostel ist er auch der Prototyp für uns.

Jesus hat den Fischer vom See Genesareth zum Menschenfischer gemacht. „Von jetzt an wirst du Menschen fangen“ (Lk 5,10). Wie der Fischer mit seinem Netz die Fische aus dem Wasser ans Land zieht, sollt Ihr die Menschen zu Gott hinziehen.

In der Lesung aus der Apostelgeschichte hörten wir, wie Petrus den am Boden liegenden, von Geburt an Gelähmten im Tempel an der Hand fasst und hochzieht und heilt. Das ist ein Bild auch für Euch. Als Menschenfischer dürft Ihr Menschen aus der Dunkelheit der Welt ans Licht Gottes ziehen, aus der Verstrickung in die Sünde in die Freiheit der Kinder Gottes, aus der Welt des Todes in das Leben Gottes, aus den Ängsten in den Frieden, den nur Gott geben kann.

Im Evangelium hörten wir, wie der auferstandene Herr Petrus zum Hirten für die Seinen, für seine Kirche bestellt hat: „Weide meine Lämmer, weide meine Schafe!“ (Joh 21,15.16).

Die Aufgabe des Hirten ist es, die Schafe auf die Weide zu führen und zu nähren. Als Hirten sollt Ihr die Menschen nähren mit Gottes Wahrheit, die er uns in seinem Wort darlegt, und mit Gottes Gegenwart, die er uns in den Sakramenten schenkt.

Das ist die alles belebende Mitte Eurer Sendung: durch Euren Dienst sollen die Menschen Jesus Christus begegnen; in ihm den lebendigen Gott finden und so zum wahren Leben kommen, das diesen Namen verdient, weil es keiner Vergänglichkeit und keinem Tod ausgeliefert ist. In Eurem Dienst dürft Ihr die Menschen glücklich machen mit Gott.

Als Pater Rupert Mayer im KZ Oranienburg war, ohne Aussicht, noch einmal lebend herauszukommen, schrieb er am 16. Januar 1940 an seine betagte Mutter: „Jetzt habe ich wirklich nichts und niemand mehr als den lieben Gott. Und das ist genug. Ja übergenug. Wenn das die Menschen doch einsehen wollten. Es gäbe viel mehr Glückliche auf Erden.“ Ja, als Hirten dürft Ihr die Menschen glücklich machen mit Gott, der Liebe ist.

Dieser Hirtendienst fordert Euch ganz. Jesus sagt von sich: „Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe“ (Joh 10,11). Werdet nach Jesu Vorbild gute Hirten! Sorgt gewissenhaft für die Menschen, die Euch anvertraut werden. Seid nie feige Mietlinge, die sich teilnahmslos abwenden oder fliehen, wenn es schwer oder gar gefährlich wird. Der gute Hirt gibt sein Leben für die Schafe. So müsst auch Ihr ganz da sein für alle, die Jesus Euch anvertrauen, ja auf die Seele binden wird.

Die Kraft dazu findet Ihr in der tiefen Freundschaft mit Jesus. Er verbindet Euch mit sich nicht nur durch die Sendung, die er Euch anvertraut; er nimmt Euch auch tief in seine Freundschaft hinein. Euer priesterlicher Dienst ist Freundesdienst für Jesus.

Was er einst den Jüngern sagte, das sagt er heute auch Euch: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt“ (Joh 15,14 f.).

Wie tief diese Freundschaft mit Jesus ist, zeigt Euch das Zwiegespräch zwischen Jesus und Petrus im Evangelium. Da könnt Ihr sehen, wie die Sendung des Petrus in seine Liebe zu Jesus eingebunden ist. Als Jesus Petrus fragt „Liebst du mich?“ da bekennt er seine Liebe: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe.“ Daraufhin bestellt Jesus ihn zum Hirten seiner Kirche: Weide meine Lämmer, weide meine Schafe! Dreimal stellt Jesus diese Frage, beim ersten Mal sogar nach der größeren Liebe zu ihm: Liebst du mich mehr als diese? (Joh 21, 15-17).

In dieser Stunde, da der auferstandene Herr Euch in seine Sendung hineinholt, fragt er einen jeden von Euch: Liebst du mich? Und fragt er nicht auch Euch nach der größeren Liebe?
Diese Liebe ist das Herzstück Eures priesterlichen Dienstes, die immer lebendig bleiben, ja von Jahr zu Jahr in die Tiefe wachsen muss. Dann werdet Ihr erfahren, wie groß, schön und erfüllend der priesterliche Dienst ist. Das können Euch die Mitbrüder, die schon viele Jahre im Weinberg des Herrn arbeiten, bestätigen.

Das ist auch meine Erfahrung aus 54 Priesterjahren, von denen ich 39 Jahre im bischöflichen Dienst stehe. Wie Petrus habe ich das Netz ausgeworfen, nicht auf Grund meines Wissens und meines Könnens, sondern auf Jesu Wort hin. Wie viele Fische in dem Netz sind, weiß ich nicht. Petrus wusste es auch nicht, solange das Netz im Wasser war. Aber Jesus hat mir immer wieder ein ermutigendes Zeichen gegeben, dass mein Netz nicht ganz leer ist und er, wie bei Petrus, immer dabei ist und das Entscheidende tut. Was mir ins Netz gegangen ist, wird erst sichtbar, wenn ich es am Ende meines Lebens an das Ufer der Ewigkeit ziehen werde. Das kann ich Euch sagen: Bei aller Mühsal und allem Misserfolg, die auch zu unserer Arbeit gehören – denn wir stehen ja in der Nachfolge eines Gekreuzigten - unser apostolischer Dienst im Auftrag des Herrn ist beglückend und erfüllt das ganze Leben.

Ihr werdet das auch erfahren, wenn Ihr Eure Arbeit tut als Freundesdienst für den Herrn und die Liebe zu ihm Euer Tun durchwirkt und belebt. Der reiche Fischfang des Petrus, von dem uns das Evangelium berichtet, ist eine Verheißung für Euch.

Petrus hatte die ganz Nacht gearbeitet – umsonst. Ermüdet und wohl auch enttäuscht fährt er ans Ufer. Doch die Liebe zum Herrn gibt ihm Kraft, und er beginnt aufs neue mit dem Fischfang. Und das Netz war so voller Fische, dass er es nicht wieder einholen konnte. Die anderen Jünger mussten ihm helfen, das Netz an Land zu ziehen. Die Liebe zu Jesus verwandelt die Nacht voller Frust in einen glanzvollen Tag und bringt eine Ernte ein, die all unsere Erwartungen weit übertrifft.

Das ist die Verheißung, die Euch Jesus auf Euren priesterlichen Lebensweg mitgibt. Wie Petrus werdet auch Ihr einmal beglückt staunen über die Fülle, die Ihr am Ende Eures Lebens ans Ufer der Ewigkeit ziehen dürft.

Jetzt aber heißt es: voll Zuversicht an die Arbeit zu gehen und im Vertrauen auf den Herrn das Netz auszuwerfen. Lasst Euch durch keinen Misserfolg und keine Enttäuschung entmutigen. Die Liebe Jesu hilft Euch immer wieder neu beginnen. Lebt in der Freundschaft mit Jesus und wachst immer tiefer in sie hinein. Niemand stand Jesus so nahe wie Maria, die Mutter des Herrn und Mutter der Kirche. Sie stehe Euch bei, immer tiefer in seine Freundschaft hineinzuwachsen. Dann werdet Ihr als Menschenfischer viele zu Jesus Christus hinziehen und als gute Hirten sie mit der Gegenwart Gottes nähren und sie glücklich machen mit Gott, der Liebe ist. Amen.

[Vom Erzbistum München-Freising veröffentlichtes Original]