Die menschliche Seite von James Bond

Filmrezension: Skyfall

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Von Dr. phil. José García*

BERLIN, 23. November 2012 (ZENIT.org/textezumfilm). - Seit dem ersten James-Bond-Film „James Bond jagt Dr. No“ (1962) ist ein halbes Jahrhundert vergangen. Über die verschiedenen Regisseure- und vor allem Hauptdarstellerwechsel (von Sean Connery über Roger Moore bis Pierce Bosnan, ohne George Lanzeby und Timothy Dalton zu vergessen) hinweg stellte der James-Film-Bond jahrzehntelang ein Genre für sich dar, das sich durch die Mischung aus Spionagethriller und rasanter Action kennzeichnete. Problematisch wurde es für die James-Bond-Reihe zum einen, als der historische Hintergrund wegfiel: Die James-Bond-Romane von Ian Fleming (1908–1964) handelten durchweg vom Kalten Krieg. Der Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion gehört zu den wesentlichen Merkmalen eines James-Bond-Filmes genauso wie der Superschurke, der die Weltmächte gegeneinander ausspielen will, um selbst die Weltmacht zu erobern. Andererseits bekam James Bond Konkurrenz im Spionage-Action-Kino, als 2001 die Bourne-Reihe das Kinolicht erblickte. Die Bourne-Filme belebten nicht nur das Genre des Agententhrillers neu. Sie enthielten darüber hinaus einige der am besten inszenierten Action-Sequenzen des Agentenkinos. Für viele hatte Jason Bourne damit James Bond überholt.

Die James-Bond-Franchise reagierte mit einer Rückkehr zu den Ursprüngen – ähnlich Christopher Nolans „Batman Begins“ (2005), der auf diese Weise den Fledermaushelden aus der Sackgasse herausholte, in die die Batman-Verfilmungen hineingeraten waren. „Casino Royale“ (2006) wartete nicht nur mit dem neuen Bond-Darsteller Daniel Craig auf. Der 21. James-Bond-Film verfilmte außerdem den ersten der Bond-Romane von Ian Fleming aus dem Jahre 1953. In der Inszenierung ließen sowohl Martin Campbell („Casino Royal) als auch Marc Forster im darauffolgenden „Ein Quantum Trost“ (2008) erkennen, dass sie eine Modernisierung des „James-Bond-Filmes“ insbesondere als Anlehnung an die „Bourne“-Filme verstanden. Die Unübersichtlichkeit etwa einiger Verfolgungsjagden ließ allerdings erkennen, dass sie über die Stränge geschlagen hatten. Der zeitgemäße James Bond musste seinen eigenen Weg aus Altbekanntem und Neuem gehen. Und dies ist unter der Regie von Sam Mendes mit dem 23. Bond-Film „Skyfall“ gelungen.

Dazu trägt insbesondere das Originaldrehbuch von Neal Purvis, Robert Wade und John Logan bei, das im Unterschied zur Vorsehbarkeit der meisten Bond-Filme tatsächlich überraschende Wendungen bereithält und darüber hinaus den Ursprung manch einer festen Figur im Bond-Universum wie Chefsekretärin Miss Moneypenny enthüllt. Ungewöhnlich ist indes die Zeichnung der James-Bond-Figur: Der Zuschauer erfährt nicht nur einige Details aus seiner Kindheit. Er erlebt außerdem einen „realeren“ und „menschlicheren“ James Bond, der „sogar fähig ist, Rührung zu empfinden und zu weinen“ – so die Vatikanzeitung „Osservatore Romano“, die „Skyfall“ eine ganze Seite einschließlich Interview mit Bond-Darsteller Daniel Craig widmete. Regisseur Sam Mendes beschreibt seinen James Bond mit den Worten: „Er hat seine eigenen inneren Dämonen, die er anderen Menschen aber nicht zeigt – und doch muss sich das Publikum immer bewusst sein, dass sie da sind. Das trifft vor allem auf unseren Film zu. In ‚Skyfall’ wird das Publikum sozusagen Zeuge, wie Bond in Einzelteile zerbricht und sich von Neuem aufbaut.“

Regisseur Mendes verknüpft jedoch die Rückkehr zu den Ursprüngen, die sich etwa in einigen nostalgischen Momenten wie dem Auftritt des Aston Martin aus „Goldfinger“ (1964) niederschlägt, sowie die sorgfältige Figurenzeichnung und die damit verbundenen menschlichen Konflikte mit genretypischer Action. Bereits die 20-minütige Eingangssequenz ist eine furiose Verfolgungsjagd auf Motorrädern über den Dächern von Istanbul, die mit einem Zweikampf auf einem fahrenden Zug fortgesetzt wird. Die Sequenz geht in einen kunstvoll, ebenso nostalgisch wie gleichzeitig modern wirkenden Vorspann über, der von Adeles schönem Bond-Thema „Skyfall“ („This Is the End“) unterlegt wird, so dass die sogenannte „Gun Barrel Sequence“ – James Bond läuft mit einer Pistole durch das Bild, während im Hintergrund die klassische James-Bond-Theme zu hören ist, bis Bond in die Richtung der Zuschauer schießt – für den Nachspann aufgehoben wurde.

Was wäre ein James-Bond-Film ohne einen Superschurken? In „Skyfall“ übernimmt diese Rolle Silva (Javier Bardem), der allerdings kein Möchtegern-Weltherrscher ist, sondern ein ehemaliger Agent, der von „M“ (Judi Dench) fallen gelassen wurde und sich nun an ihr rächen möchte. Allein Silvas erster Auftritt, als er sich aus der Tiefe des Raumes kommend langsam auf Bond und damit auf den Zuschauer zu bewegt, zeugt von großer inszenatorischer Finesse. Durch „Skyfall“ zieht sich darüber hinaus als roter Faden eine gewisse Skepsis gegenüber der Technik. Im Unterschied zu den technischen Spielereien mancher James-Bond-Filme fallen die von Quartiermeister „Q“ (Ben Whishaw) bereitgestellten „Gadgets“ bescheiden aus: eine Pistole und ein Peilsender. Mehr bekommt Bond in „Skyfall“ von ihm nicht. Im Mittelpunkt des 23. Bond-Filmes steht der Mensch, nicht die Technik. Dazu passt ebenso „M“s Aussage, als ihr der Rücktritt nahegelegt wird: „Ich werde nicht in Würde gehen. Ich werde gehen, wenn die Arbeit getan ist.“

*Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.