Die metaphysischen Mitlaute bei Meister Eckhart: Die Erfurter Zeit des Mystikers – Neue Erkenntnisse aus der Forschung

Von Manfred Gerwing

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WÜRZBURG, 12. Januar 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Nirgends ist Meister Eckhart O. P. „länger gewesen und nirgends hat er länger gewirkt als in Erfurt [...]. Doch zugleich ist über kaum eine Periode seines Lebens und Schaffens so wenig bekannt wie über die Erfurter Zeit“, stellt Andreas Speer einleitend fest und organisiert gleichzeitig ein Symposium, das auf diese Forschungslücke nicht nur nachdrücklich aufmerksam macht, sondern das selbst zur Aufklärung dieser Erfurter Zeit beiträgt. Gemeint ist das erste Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts, die Zeit von 1303 und 1310.



Die deutschen Reden

Die Stadt Erfurt hatte für das Jahr 2003 ein Meister Eckhart-Gedenkjahr ausgerufen. An die Rückkehr Eckharts von Hochheim nach Erfurt ins dortige Dominikanerkloster wurde erinnert, daran also, dass der Meister im Frühsommer des Jahres 1303 aus Paris wieder nach Erfurt kam und dort noch im gleichen Jahr zum ersten Provinzial der neu gegründeten Ordensprovinz „Saxonia“ avancierte. Im Rahmen dieses Gedenkjahres wurde von der Universität Erfurt eine internationale Tagung mit zweitägigen Workshops organisiert. Für das rechte Ambiente war gesorgt: Die wissenschaftlichen Vorträge fanden allesamt im ehrwürdigen „Coelicum“ der Katholisch-Theologischen Fakultät auf dem Domberg statt, während der noch auf die Zeit Eckharts zurückgehende Kapitelsaal der Erfurter Predigerkirche die Workshops beherbergte. Der vorliegende Band enthält die gehaltenen Referate sowie einige Beiträge der Projektgruppen. Die Tagung selbst stand unter jenem Thema, das auch zum Titel des vorliegenden Buches bestimmt wurde: „Meister Eckhart in Erfurt“.

Die Forschungen des an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt lehrenden Georg Steer sind erhellend. Zunächst erinnert er in seinem grundlegenden Beitrag „Meister Eckharts deutsche ,reden‘ und ,predigten‘ in seiner Erfurter Zeit“ (34 – 55) an Folgendes: Eckhart, um 1260 nicht in Hochheim bei Erfurt oder Gotha, sondern in Tambach als Sohn eines Ritters geboren, trat ungefähr mit 18 Jahren in das Noviziat der Dominikaner zu Erfurt ein und durchlief, vielleicht in Köln, das „studium generale“, wo er möglicherweise noch Albert den Großen hörte. Als geistiger Überflieger, heute sprechen wir von Hochbegabung, wurde Eckhart von seinem Orden an die Universität Paris geschickt. Dort kommentierte er 1293/94 die Sentenzen des Petrus Lombardus. Die „Collatio in libros sententiarum“, eine Festrede, gehalten zu Beginn der Vorlesungsreihe, Mitte September oder Anfang Oktober 1293, „ist der älteste lateinische Text Eckharts, den wir haben“. Zwischen 1294 und 1298 sehen wir Eckhart wieder in Thüringen: als Prior in Erfurt und als Vicarius des Dietrich von Freiberg, des Provinzials der Provinz „Teutonia“. In dieser Zeit sind die berühmten, „Reden der Unterweisung“ entstanden, ein Werk, das, verfasst in deutscher Sprache, angeblich aus Gesprächen (in collationibus) schöpft, die Prior Eckhart nach den Mahlzeiten bei Tisch mit seinen Novizen über religiöse Themen zu führen pflegte. Im Jahr 1302 wird Eckhart in Paris zum Magister der Theologie promoviert und hält dort am Festtag des heiligen Augustinus eine Predigt: „Sermo die b. Augustini Parisius habitus“ (LW V, 89 – 99). In dieser Zeit verfasst er auch bestimmte „Quaestiones“, von denen wir drei kennen: a) „Utrum in deo sit idem esse et intelligere“ (1302/1303), b) „Utrum intelligere angeli, ut dicit actionem, sit suum esse“ (1303/03), c) „Utrum laus Dei in patria sit nobilior eius dilectione in via“ (1302/03). Bereits im Jahre 1303 kehrt Eckhart wieder nach Erfurt zurück, um mit der Führung eines Gebietes betraut zu werden, das ungefähr dem der nördlichen Hälfte Deutschlands entsprach und 50 Konvente umfasste.

Vier Jahre später musste er dazu noch die böhmische Provinz als Generalvikar verwalten. Als Eckhart 1311 aber zum Provinzial der süddeutschen Provinz „Teutonia“ gewählt wurde, verweigerte das Generalkapitel der Dominikaner die Bestätigung dieser Wahl und schickte den Hochbegabten stattdessen abermals nach Paris: als ordentlichen Professor der Theologie (magister actu regens) an die dortige Universität, von 1311 bis 1313. Nach dieser ehrenvollen Tätigkeit als „Lesemeister“ kehrt Eckhart nicht nach Erfurt zurück, sondern geht nach Straßburg; und zwar als „Lebemeister“: als Lehrer spirituellen Lebens. Doch woran arbeitete Eckhart in der Zeit zwischen September 1302 und 1310? Auch hier gibt Steer solide Auskunft: Eckhart hält auf zwei Provinzialkapiteln „Sermones et Lectiones“ über das 24. Kapitel des Ecclesiasticus. Sie sind uns erhalten geblieben, weil Eckhart sie in sein größtes lateinisches Werk, in das „Opus tripartitum“, eingearbeitet hat. An diesem Werk vor allem arbeitete Eckhart während seiner Erfurter Zeit. Bevor er in Paris seine „Quaestiones“ verfasste, hatte er bereits in Erfurt die „Prologi in Opus tripartitum“ geschrieben. Überdies müssen der Erfurter Zeit folgende drei deutsche Predigten zugerechnet werden: „Quasi stella matutina“, die Predigt 4 „Omne datum optimum“, die allerdings nicht in die Predigtsammlung „Paradisus anime intelligentis“ aufgenommen wurde, und eine weitere, „nach heutigem Kenntnisstand verlorengegangene Predigt“, von der wir allerdings Exzerpta besitzen. Doch damit nicht genug: auch das Predigtopus „Von der ewigen geburt“ gehört in die Erfurter Zeit, was aber nicht anderes bedeutet: „Eckharts Ansätze seines Denkens über die Gottesgeburt“ finden sich bereits in Erfurt, nicht erst in Straßburg oder Köln.

Und was ist mit dem schon erwähnten Predigtbuch „Paradisus anime intelligentis“? Auch die dort von Eckhart stammenden Predigten, 32 von insgesamt 64 „sermones“, weisen auf die Stadt im Thüringer Becken hin. Auf die Forschungsergebnisse von Kurt Ruh rekurrierend, wird allerdings nicht ausgeschlossen, „dass die eine oder andere der 32 Eckhart-Predigten des ,Paradisus‘ nicht in Erfurt gehalten wurde, sondern erst aus späterer Zeit in schriftlicher Gestalt dorthin gelangte [...]. Nur philologische Kleinarbeit könnte indes zu konkreten Resultaten führen“. Und genau diese leistet Georg Steer in vorbildlicher Weise. Dabei kann er schließlich resümieren: „Die Erfurter Jahre waren für Eckhart die wichtigsten in seinem Leben“; denn seine grundlegenden innovativen Gedanken, „des Freiwerdens von sich selbst, der äußersten Armut sowie der Gottesgeburt und des Einsseins in Gott hat Eckhart in Erfurt zu denken begonnen.

Entsprechend themenzentriert und sachlich konzentriert wird im vorgelegten, sechs Hauptteile umfassenden Sammelband vorgegangen: Zunächst steht der „Kontext Erfurt“ zur Debatte. Diesen Lebens- und Wirkraum Eckharts suchen – neben Andreas Speer und Georg Steer – Freimut Löser, Hemut G. Walther und Gunther Felkel auszuleuchten. Sodann kommt die „Erfurter ,Rede‘“ zu Wort (109–186), während im dritten Hauptteil nach der „Systematik und Einheit“ im Denken Eckharts gefragt wird: Jan A. Aertsen stellt hier kenntnisreichen den „Systematiker“ Eckhart dar, während Karl Albert nach „Eckharts intellektueller Mystik“ und Theo Kobusch nach Eckharts Metaphysik unter den etwas kompliziert formulierten Stichworten „Lesemeistermetaphysik – Lebemeistermetaphysik“ fragen. Überhaupt verdient der Beitrag des inzwischen in Bonn lehrenden Kobusch besondere Aufmerksamkeit. Wird hier doch die Einheit der Philosophie Meister Eckharts in den Blick genommen und dabei vor allem auf das patristische Erbe verwiesen.

Jargon der Ausschließlichkeit

Was Kobusch hier zutage fördert, ist erstaunlich neu und verdient es, womöglich im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojektes, systematisch im Blick auf Meister Eckharts Gesamtwerk erforscht werden. Yosef Schwarz, Tel Aviv, beschließt diesen dritten Hauptteil mit einer erhellenden Reflexion über die Maimonides-Lektüre Eckharts, betitelt mit „Zwischen Einheitsmetaphysik und Einheitshermeneutik“. Damit ist der Weg frei für das vierte Kapitel: „Spekulation und Begriff“. Wouter Goris, Amsterdam, lenkt dabei mit seinem Beitrag „Die Freiheit des Denkens“ zunächst die Aufmerksamkeit auf die Freiheitskonzeption Eckharts und stellt nicht ohne intellektuelle Ungenauigkeit fest: „Nicht nur Scotus, sondern auch Eckhart ist, in einer gewissen Weise, dem Konzept der Freiheit als Selbstbestimmung verpflichtet.“ Dabei bilde sich, deutlich vernehmbar, der „Jargon der Ausschließlichkeit“ heraus, der sich differenziert „von der Erhaltung der Gebundenheit des Erkennens“ ernähre. Der Verstand („bekantnisse“) komme schließlich zur Vernunft („vernüfticheit“). Doch dieser „Vernunftsprozess“ hätte gerade im Blick auf die damit zusammenhängende Freiheitskonzeption Eckharts durchaus deutlicher herausgearbeitet werden dürfen.

Bei all dem ist der „metaphysische Mitlaut“ nicht zu überhören. Er gibt dem Wort „Gott“, dem „Wort Gottes“ und dem das Wort Gottes im Glauben aufnehmenden Menschen seinen besonderen Klang und spezifischen Ausdruck. Nikolaus Largier lässt diese so entstandene Klangfülle exemplarisch zu Wort kommen; und zwar thematisch zentriert: „Gottesgeburt“ und „speculatio“ im „Paradisus anime intelligentis“. Im Zuge seiner gründlichen Analyse geht Largier auch auf die Rezeption des Denkens Eckharts durch Nikolaus von Kues ein und regt überhaupt zu einem Vergleich zwischen dem Denken beider an, einem Vergleich, der in der Tat aus philosophie-, theologie-, dogmen- und spiritualitätsgeschichtlicher Perspektive kaum hoch genug eingeschätzt werden kann (dazu jetzt die Studie von Stephanie Frost, Nikolaus von Kues und Meister Eckhart, Münster 2006, BGPhThMA NF. Bd. 69). Alessandra Beccarisi untersucht sorgfaltig „die Wege und Irrwege“ des philosophischen Terminus „Isticheit“ bei Meister Eckart, während Erich A. Panzig überzeugend die ausgesprochen theologische Herkunft der Eckhartschen Grundbegriffe „gelâzenheit“ und „abegescheidenheit“ nachzuweisen vermag. Mit Hilfe der Analogielehre sucht Eckhart Gott als die jenseitige Fülle des Seins zu erweisen und die Fülle des Seins als das göttliche Sein aufzuweisen. Angelika Schiffhauer geht dieser Wegweisung mit bedächtigen Schritten nach: Im Blick auf die Verteidigungsschrift, also auf das von Eckhart am 26. September 1326 verfasste private „Respondeo“, sucht sie das spezifische Analogieverständnis Eckharts zu analysieren, zu reflektieren und schließlich auf das Thema der Gottessohnschaft des Menschen zu applizieren: „nos filii dei sumus analogice“.

Im fünften Hauptteil rücken endlich „die deutschen Predigten“ in den Fokus wissenschaftlicher Aufmerksamkeit. Hat es überhaupt „ein Corpus der deutschen Predigten Meister Eckharts gegeben“ fragt Loris Sturlese mit der ihn auszeichnenden textkritischen Gründlichkeit, während Nadia Bray minutiös die deutschen Bibelzitate und Dagmar Gottschall aufmerksam den variationsreichen „Umgang mit Wörtern“ in den Predigten Eckharts untersucht. Markus Enders schließlich stellt zwei bemerkenswerte Predigten Eckharts inhaltlich vor: Predigt 7 („Populi eius qui in te est, misereberis“) und Predigt 60 („In omnibus requiem quaesivi“). In ihnen geht es darum, Gott als die Ruhe und den Frieden zu bekennen; denn, wie Eckhart mit Augustinus wusste: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in Dir“ (Conf. 1,1).

Der letzte Hauptteil steht unter dem Titel „Rezeption und Mystik“ (473–600). Es geht tatsächlich um die Wirkungsgeschichte dessen, was Eckhart vornehmlich in Erfurt gedacht und verfasst hat, allerdings wiederum thematisch konzentriert und exemplifiziert auf das, was vielfach „Mystik“ genannt wird. Jeffrey F. Hamburger, Cambridge Mass., rekurriert dabei lang und breit und dank synoptischer Textvariationen auf „Johannes Scotus Eriugena deutsch redivius“. Bernard McGinn, Chicago, thematisiert in gewohnt ausgezeichneter Textkenntnis, aber nicht immer auf dem inzwischen doch erreichten philosophisch-theologischen Erkenntnis- und Problemstand die Frage nach der mystischen Einheit bei Eckhart, Seuse und Tauler. Die Erfurter Universität, namentlich die Theologische Fakultät, wäre gut beraten, wenn sie den in diesem Band gelegten Forschungsspuren weiter nachginge. Das, was Meister Eckhart in Erfurt zu denken begann, gibt, obgleich in seiner ganzen Fülle noch längst nicht genügend erforscht, gerade heute zu denken, weit über Erfurt hinaus.

[Andreas Speer und Lydia Wegener: Meister Eckhart in Erfurt. De Gruyter Verlag, Berlin 2005. (= Miscellanea Mediaevalia. Veröffentlichungen des Thomas-Instituts der Universität zu Köln. Bd. 32). 612 Seiten, ISBN-10 3-11018-583-0, EUR 128,–; © Die Tagespost vom 6.1.2007]