Die Mission der alten Liturgie in der Kirche der Zukunft

Kongress über das Motu Proprio „Summorum Pontificum“

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Von Inma Álvarez

ROM, Montag, 16. Mai 2011 (ZENIT.org).- Der Schritt, den Papst Benedikt XVI. zur Regelung der Messfeier in seiner außerordentlichen Form getan hat, ist viel mehr als eine archäologische Rückgewinnung oder Anerkennung einer bestimmten Gruppe von „nostalgischen“ Gläubigen.

Es handelt sich vielmehr um den Beginn einer neuen liturgischen Bewegung durch den Papst, der in der Kirche als „ein Zeichen der Hoffnung“ aufgefasst werden soll.

Zeitgleich mit der Veröffentlichung der Instruktion „Universae Ecclesiae“ durch die Päpstliche Kommission Ecclesia Dei begann an der päpstlichen Universität Heiliger Thomas von Aquin in Rom der dritte Kongress über das Motu Proprio „Summorum Pontificum“ mit dem Titel „Eine Hoffnung für die ganze Kirche“.

An dem Symposium nahmen unter anderen Antonio Kardinal Cañizares, Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst, Kurt Kardinal Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, und Monsignore Guido Pozzo, Sekretär der Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei als Referenten teil.

Das Referat des letzteren wurde in der Montagsausgabe des Osservatore Romano veröffentlicht. Msgr. Pozzo erläuterte hier die Bedeutung der Instruktion, in der ganzen Kirche den historischen Reichtum der römischen Liturgie auf Dauer zu bewahren.

Diese Entscheidung des Papstes stehe in Kontinuität mit dem Konzilsdokument Sacrosanctum Concilium, wo es in Nr. 4 heißt: „Treu der Überlieferung erklärt das Heilige Konzil schließlich, dass die heilige Mutter Kirche allen rechtlich anerkannten Riten gleiches Recht und gleiche Ehre zuerkennt. Es ist ihr Wille, dass diese Riten in Zukunft erhalten und in jeder Weise gefördert werden”.

Nunmehr seien beide Formen der römischen Liturgie „ein Beispiel für gegenseitige Bereicherung und Wachstum. „Wer das Gegenteil denkt oder tut verletzt die Einheit des römischen Ritus, die kontinuierlich gewahrt werden muss“, so Pozzo.

Es handelt sich nicht um einen „ Indult“

Msgr.  Pozzo bekräftigte, dass „Ecclesiae Universae“ weder als „Nachsicht“ noch als „ein Gesetz für besondere Gruppen“ aufgefasst werden kann, sondern „ein Gesetz für die ganze Kirche“ ist.

Grundlage für die Wiederherstellung der außerordentlichen Form bildet der berühmte Spruch „lex orandi - lex credendi“: die katholischen Lehre von der Messe im römischen Ritus hat sich nicht geändert, denn Liturgie und Lehre sind unzertrennlich. „In jeder Form kann es Akzente, Heraushebungen und Verstärkungen geben, diese haben jedoch keinen Einfluss auf die inhaltliche Einheit der Liturgie“.

Der Sekretär der Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei erinnerte auch daran, dass die Liturgie  „eine dem Papst vorbehaltene Angelegenheit“ sei, und dass er in seinem Begleitschreiben zu „Summorum Pontificum“ an die Bischöfe betont habe, dass es „keinen Widerspruch“ zwischen den beiden Formen gebe.

Der Papst „möchte allen Katholiken dabei helfen, die Wahrheit der Liturgie zu leben, damit sie durch Kenntnis und Teilnahme an der alten römischen Liturgie verstehen, dass „Sacrosanctum concilium“ die Liturgie in Kontinuität mit der Tradition reformieren wollte“.

„Ökumenische“ Brücke

 Kurt Kardinal Koch bekräftigte für seinen Teil, dass das Motu Proprio nur dann „die Ökumene voranbringen“ könne, wenn beide Formen des einen römischen Ritus nicht als „Gegensatz“ sondern als „gegenseitige Bereicherung“ gesehen werden. In diesem Zusammenhang erklärte er, dass man dem ökumenischen Problem „in der grundlegenden hermeneutischen Frage“ begegne.

Diejenigen, die „Summorum Pontificum“ als Rückschritt betrachteten, würden das deshalb tun, weil sie nach dem starren Konservatismus vieler Progressiver „die nachkonziliare Liturgiereform als Endpunkt verstehen, die verteidigt werden muss. Sie bevorzugen eine dem Papst nach unangemessene Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches, die insbesondere auf dem Gebiet der Liturgie und Ökumene angewendet wird“, so Kardinal Koch.

Auch das Dekret über die Ökumene markiere einen Neuanfang in den Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und anderen christlichen Konfessionen. Diese ökumenische Wende stelle jedoch nicht einen Bruch,  sondern eine Kontinuität mit der Tradition dar.

Der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen bekräftigte, dass hierin „die grundlegende Frage über die Zukunft der katholischen Kirche und zur gleichen Zeit, über die Glaubwürdigkeit ihrer Ökumene liegt“. „Summorum Pontificum“ könnte eine wahrhaft solide, ökumenische Brücke sein, wenn sie als eine Hoffnung für die ganze Kirche wahrgenommen und aufgenommen werde.

Neue liturgische Bewegung

Kardinal Koch erklärte, dass der Papst eine neue liturgische Bewegung in der heutigen Zeit für unerlässlich halte, die er früher als „eine Reform der Liturgiereform“ bezeichnet hatte.

„Der Heilige Vater weiß, dass die nachkonziliare Liturgiereform viele positiven Ergebnisse gebracht hatte, die liturgischen Entwicklungen nach dem Konzil weisen jedoch zu viele Grauzonen auf, was zum großen Teil daran liegt, dass das Konzept des Konzils vom österlichen Geheimnis nicht ausreichend berücksichtigt worden ist.“

Deshalb „brauchen wird heute eine neue liturgische Bewegung mit dem Ziel, das wahre Erbe des Zweiten Vatikanischen Konzils in der gegenwärtigen Situation der Kirche fruchtbar werden zu lassen, während die theologischen Grundlagen der Liturgie gefestigt werden.“

So sei es notwendig, „nicht nur den christologischen Primat, die kosmische Dimension und den Anbetungscharakter der Liturgie wiederzubeleben, sondern auch und vor allem die Grundbedeutung des österlichen Geheimnisses in der Feier des christlichen Gottesdienstes wiederzuentdecken.“

Nach Ansicht des Kardinals ist das Motu Proprio nur der Anfang. Benedikt XVI. wisse genau, dass die Kirche sich auf lange Sicht nicht in einer Koexistenz zwischen der ordentlichen und außerordentlichen Form des römischen Ritus aufhalten könne, sondern dass sie in Zukunft wieder einen gemeinsamen Ritus brauche.

„Da jedoch eine neue liturgische Reform nicht zwischen Tür und Angel entschieden werden kann, sondern einen Prozess des Wachstums und der Reinigung erfordert, betont der Papst, dass vorläufig die Nutzung beider Formen des römischen Ritus einander bereichern kann und soll.“

Unter anderem schlägt der Kardinal vor, dass sich im „Novus Ordo“ „stärker die Sakralität manifestieren soll, die viele zum alten Ritus zieht. Die größte Sicherheit dafür, dass das Messbuch Pauls VI. die Pfarrgemeinden vereinen kann und von ihnen geschätzt wird, liegt darin, dass sie mit großer Ehrfurcht in Übereinstimmung mit den Vorschriften gefeiert wird, sodass der spirituelle Reichtum und die theologische Tiefe dieses Missale aufgezeigt werden können“.

Dualismen überwinden

Kardinal Koch sagte, dass eine der wichtigsten Debatten nach dem II. Vatikanum gerade die drei Aspekte der Eucharistiefeier gewesen seien: erstens, ob sie ein Opfer oder ein Festmahl sei, zweitens, ob sie eine Handlung sei, an der nur der Priester teilnimmt oder auch das ganze Gottesvolk, und drittens, ob es sich um Anbetung oder Teilnahme handle.

Zur Betrachtung der Eucharistiefeier als Opfer oder als Festmahl betone der Katechismus der Katholischen Kirche die Einheit dessen, was untrennbar ist: „Die Messe ist zur gleichen Zeit und untrennbar Gedächtnis des Todes und der Auferstehung des Herrn und die Vollendung des Hochzeitsmahls im Reiche des Vaters, wo die Gläubigen den neuen Wein trinken werden, der Blut Christi geworden ist."

Zum Thema der Liturgie stellte Kardinal Koch fest, dass sich im Laufe der Geschichte die ursprüngliche Rolle der Gläubigen als Co-Subjekte der Liturgie langsam zurückgegangen sei und dass das göttliche gemeinschaftliche Amt der frühen Kirche im Sinne einer Liturgie, an der die ganze Gemeinde teilnahm, zunehmend den Charakter einer privaten Messe des Klerus bekommen habe.

„Die Existenz einer Kontinuität zwischen den alten Liturgie und der liturgischen Erneuerung des II. Vatikanums zeigt sich in einem breiten und vertieften Blick auf die liturgische Verfassung, wonach der gesamte öffentliche Kult durch den mystischen Leib Jesus Christi ausgeübt wird, also von Haupt und Gliedern.“

Bei der dritten Debatte über Anbetung und Beteiligung handelt es sich nach Aussagen von Kardinal Koch um eine „falsche Gegenüberstellung“, weil, wie der heilige Augustinus selbst sagte, „niemand von diesem Fleisch essen darf, der es vorher nicht angebetet hat.“

„Die nachkonziliare Liturgiereform gilt in weiten Kreisen der katholischen Kirche als ein Bruch mit der Tradition und als eine neue Schöpfung, die einen derartigen emotionalen Streit über Liturgie provoziert hat, dass er bis heute noch zu spüren ist“.

Daher will der Papst „zu einer Lösung dieses Streits und zu einer Versöhnung innerhalb der Kirche beitragen: Das Motu proprio soll sozusagen die inter-katholische Ökumene fördern“.

Abschließend sagte Kardinal Koch, dass dies jedoch voraussetzen würde, dass die alte Liturgie als „ökumenische Brücke“ begriffen werde. „ Denn wenn die inter-katholische Ökumene scheitert, dann wird sich der Streit über die katholische Liturgie auch auf die Ökumene ausdehnen, und die alte Liturgie wird ihre ökumenische Rolle als Brücke nicht ausführen können“.

[Übersetzung aus dem Spanischen von Susanne Czupy]