Die Multi 2012

Interview mit Wolfgang Heitzer, Koordinator Internationale Begegnungen, Büro für Interkultur der Stadt Oberhausen

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Von Britta Dörre

OBERHAUSEN, 18. Mai 2012 (ZENIT.org). - Wolfgang Heitzer engagiert sich seit mehr als zwanzig Jahren intensiv in der Jugendarbeit. Eines seiner wichtigsten Projekte ist die „Multi“, die größte multilaterale Jugendbegegnung Deutschlands. Kultureller, interreligiöser Austausch und Friedensarbeit sind die Leitideen des 1992 ins Leben gerufenen Projektes, an dem Jugendliche von 14 bis 17 Jahren aus 12 verschiedenen Nationen teilnehmen.  

ZENIT: Was ist die „Multi“?

Wolfgang Heitzer: Im Ruhrgebiet leben circa 5,3 Millionen Menschen, und ihr Durchschnittsalter ist relativ niedrig. Deshalb wird im Ruhrgebiet auf die Jugendarbeit ein bedeutender Schwerpunkt gelegt, die Multi und die „twinsprojekte“ (Städtepartnerschaften u.a. mit Jugendaustausch) zählen zu den wichtigsten Projekten.

Die „Multi“ in Oberhausen organisiert Jugendbegegnungen mit dem Ziel, Jugendliche unterschiedlichster Kulturkreise zusammenzubringen und Friedensarbeit zu leben. Der respektvolle Umgang mit dem Nächsten ungeachtet seiner Nationalität, Sprache, Hautfarbe, Bildung, sozialer Herkunft etc. ist die Grundlage für ein friedvolles Miteinander. Die Jugendlichen lernen andere Kulturkreise kennen, schließen Freundschaften und bauen Brücken.

Die „Multi“ ist 1992 aus Städtepartnerschaften entstanden. Damals haben sich drei Nationen beteiligt, mittlerweile besteht ein riesiges Netzwerk von insgesamt 11 Ländern. Alle zwei Jahre ist Oberhausen Gastgeber für circa 400 Jugendliche aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen und Nationen. In diesem Jahr werden vom 5. bis zum 19. August Jugendliche aus Großbritannien, Italien, Israel, Polen, Rumänien, Bashkortostan, Ukraine oder auch China teilnehmen, um nur einige der Teilnehmerländer zu nennen. 

Der organisatorische Aufwand ist aufgrund der Vielzahl der Nationen erheblich. In Oberhausen werden die Jugendlichen in Gastfamilien untergebracht. Das hat den großen Vorteil, dass die Jugendlichen auf Gleichaltrige treffen und in das Familienleben eingebunden sind. Gleichzeitig bietet der Aufenthalt in den Familien die Gelegenheit, die Kultur des anderen aus der Nähe und im Alltag kennenzulernen. Durch die Gastfamilien entsteht ein Netzwerk, das immer weiter ausgebaut wird.

Der Jugendliche einer Oberhausener Gastfamilie, der eine Unterkunft zur Verfügung stellt, kann 2013 zu einer Familie eines Oberhausener Partners ins Ausland reisen.

Die Gastfamilien beschreiben die Erfahrung als sehr positiv. Bei Sprachproblemen hilft das eigens für die „Multi“-Teilnehmer erstellte polyglotte Wörterbuch, das in jedem Begrüßungsrucksack zur Grundausstattung zählt.

ZENIT: Wer kann an der Multi teilnehmen?

Wolfgang Heitzer: An der „Multi“ können Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren teilnehmen. Die Bewerbung ist online möglich. Das Projekt ist umklammert verschiedene Bildungs-und Sozialschichten. Wir versuchen immer, den Jugendlichen zu helfen. Wenn zum Beispiel keine Unterkunft für einen Gast zur Verfügung gestellt werden oder der Reisebeitrag nicht aufgebracht werden kann, der Jugendliche aber ein großes Interesse an der „Multi“ zeigt, suchen wir nach einer Lösung und können auf Spenden und Patenschaften zurückgreifen.   

ZENIT: Wie finanziert sich das Projekt?

Wolfgang Heitzer: Das Projekt hat eine Vielzahl von Sponsoren, die man unserer Homepage entnehmen kann. Aus öffentlicher Hand erhalten wir Gelder vom Bund (Bundesjugendministerium), dem Land Nordrhein-Westfalen und einen Sockelbetrag von der Stadt Oberhausen.

ZENIT: Wie sieht das typische Programm einer „Multi“ aus?

Wolfgang Heitzer: Das Programm wird von ehrenamtlichen Multiplikatoren, das heißt in der Regel ehemaligen Multi-Teilnehmern, in Zusammenarbeit mit dem Büro für Interkultur der Stadt Oberhausen gestaltet. Das Programm zielt darauf, die unterschiedlichen Interessen und Begabungen der Jugendlichen anzusprechen und ihre Kreativität zu fördern. In den Workshops treffen Jugendliche aus den verschiedensten Kulturkreisen aufeinander und arbeiten gemeinsam an einem Projekt, zum Beispiel an einem Theaterstück. Die Jugendlichen verbringen viel Zeit miteinander und haben die Möglichkeit, im Alltag und in Gesprächen nicht nur viel über die Kultur des anderen, sondern auch über die eigene Kultur zu lernen.

Die „Multi“ richtet sich nicht an Erwachsene, sondern an Jugendliche. Deshalb versuchen wir, mit dem Programm auf ihre Interessen und Erwartungen einzugehen. Die Jugendlichen sollen Spaß haben.

Traditioneller Auftakt ist die „Ice-Break-Party“, bei der „das Eis gebrochen werden soll“. 400 Jugendliche, die sich nicht kennen, die nicht dieselbe Sprache sprechen, sollen sich kennenlernen und miteinander sprechen. Um die Kontaktaufnahme zu erleichtern, haben die Organisatoren sich einen kleinen Trick ausgedacht. Alle Teilnehmer wählen einen der 40 Workshops selbst aus. Anschließend beginnt die große Tauschbörse, bei der die Jugendlichen aufeinander zugehen müssen, um einen passenden Tauschpartner zu finden und am jeweiligen Wunschprojekt teilnehmen zu können.

Alles Wissenswerte über die Stadt Oberhausen erfahren die Jugendlichen beim Stadtspiel. In den Projekten und Workshops stehen Sport und Kultur auf dem Programm. Kunst, Theater, Pantomime und Musikgruppen stehen im kreativen Bereich zur Auswahl. Wer sich lieber sportlich betätigen möchte, kann zum Beispiel mit einem Fußballtrainer seine Technik verbessern. Auf großes Interesse stößt erfahrungsgemäß das „Dice Stacking“, ein Geschicklichkeitsspiel mit Würfeln. Alle Gruppen werden von Fachkräften und Profis geleitet. 

Ein weiterer fester Bestandteil des Programms ist der Sozialtag. Zunächst hatten wir Bedenken, die Jugendlichen an einem Tag soziale Aufgaben übernehmen zu lassen, doch der große Erfolg hat uns recht gegeben. Zu unserer Überraschung sind die Jugendlichen sehr begeistert von den Tätigkeiten. Am Sozialtag gehen die Jugendlichen zum Beispiel in das Altenheim Haus Gottesdank und kümmern sich um die Senioren. Sie kochen gemeinsam und hören den Erzählungen zu. Die Resonanz war bei allen überaus positiv.

ZENIT: Was ist den „Multis“ wichtig?

Wolfgang Heitzer: Die Jugendlichen möchten andere Kulturkreise kennenzulernen, neue Freundschaften  schließen, ihren Horizont erweitern. Sie sind sehr offen und am Dialog interessiert. Wir bereiten die Jugendlichen natürlich vor. Die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit liegt uns sehr am Herzen. Deshalb sind wir sehr froh, dass in diesem Jahr die israelische Sängerin Noa die Schirmherrschaft der „Multi 2012“ übernehmen wird.

Wir wollen Friedensarbeit leisten; christliche,  muslimische oder auch jüdische Jugendliche, um nur einige Glaubensrichtungen zu nennen, arbeiten gemeinsam an Projekten und Workshops, lernen sich kennen und schließen Freundschaften. Jeder von ihnen ist Botschafter seines Landes und Kulturmittler.

Die Teilnehmer sind sich dieser Aufgabe bewusst. Sie suchen den Dialog und diskutieren über Themen wie Menschenrechte, Immigration und die damit verbundenen Probleme.

Die Oberhausener Jugendlichen nehmen meist mehrfach an der Multi teil, anschließend bringen sie ihre Erfahrung als Multiplikatoren ein und übernehmen eine Leiterfunktion. Für sie ist es wichtig, einen Beitrag zu leisten und Verantwortung übernehmen zu können. Unsere Homepage wird zum Beispiel von einem ehemaligen „Multi“ gestaltet und betreut.

Die „Multi“ stellt als größte multilaterale Jugendbegegnung Deutschlands für die Jugendlichen eine wichtige Plattform dar, um sich auszudrücken, die eigene Meinung zu äußern, Stellung zu beziehen, neue Erfahrungen zu sammeln, aufeinander zuzugehen und einen Beitrag zum interkulturellen und interreligiösen Dialog zu leisten. Die heute noch Jugendlichen sind die Erwachsenen von morgen, ihr Interesse und ihre Offenheit sind ein Beispiel für mehr Toleranz, Respekt und damit ein friedvolles Miteinander der Menschen.   

Weitere Informationen über die „Multi 2012“ kann man hier entnehmen.