Die Münzen der Päpste

Von Ulrich Nersinger

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ROM, 25. September 2007 (ZENIT.org).- Seit weit mehr als einem Jahrtausend können die Bewohner der Ewigen Stadt ihre Einkäufe und Geschäfte mit Geldstücken tätigen, die das Konterfei des Heiligen Vaters aufweisen. Die Frage, wann genau die Päpste erstmals Münzen geprägt und in Umlauf gebracht haben, läßt sich nicht ohne weiteres beantworten. Wenn auch Kaiser Justinian (527-565) schon im Jahre 554 den Bischöfen von Rom wichtige und weitreichende Befugnisse – wie die Kontrolle der Maße und Gewichte – überließ, das Recht selber Geld herauszugeben, schien mit diesen Vollmachten noch nicht verbunden zu sein.



Erste päpstliche Münzen könnten aus den Pontifikaten Gregors III. (731-741) und Zacharias’ (741-752) stammen; einige Prägungen aus dieser Zeit halten Experten nicht mehr für reine Medaillen. Die meisten Numismatiker betrachten jedoch die Regierungszeit Hadrians I. (772-795) als den Beginn päpstlicher Münzprägung. Der Papst befahl damals, Denare nach dem fränkischen Fuß zu schlagen. Zwischen 772 und 983 gaben die Päpste permanent Münzen heraus, zumeist gemeinsam mit den Kaisern. Das letzte Geldstück der ersten päpstlichen Münzepoche ließ Benedikt VII. (974-983) zusammen mit Otto II. schlagen. 984 tauchte noch eine Rarität auf: ein Denar, der von Bonifaz VII. (984-985), einem Gegenpapst, in Auftrag gegeben worden war.

Die nächsten Münzen in der Ewigen Stadt wurden 1203 vom römischen Senat geprägt. Seine Geldstücke trugen die Aufschrift „Roma Caput Mundi – Rom, Haupt der Welt“ oder „S.P.Q.R.“ (Senatus Populusque Romanus = Senat und Volk von Rom). Päpstliche Münzprägungen finden wir dann wieder unter Bonifaz VIII. und den Päpsten des Avignoner Exils. Um 1350 führte der römische Senat den „fiorino romano“, den römischen Florin, ein; nicht ganz hundert Jahre später hob Papst Eugen IV. (1431-1447) diese Währung auf, um sie durch den „ducato papale“ (päpstlichen Dukaten) zu ersetzen. Mit diesem Schritt setzte die alleinige Währungshoheit des Papstes über Rom ein. Die Münzen wiesen nun auf einer Seite entweder das Familienwappen des Papstes oder sein Profil auf. Münzstätten außerhalb der Ewigen Stadt prägten ihre Geldstücke mit Zustimmung des Papstes auch mit dem Wappen ihrer jeweiligen Stadt, des Kardinallegaten oder des päpstlichen Gouverneurs.

Unterbrechungen in der päpstlichen Münzhoheit gab es bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nur dreimal: während der ersten „Römischen Republik“ (1798-1799), die von den Franzosen nach dem Einmarsch in die Päpstlichen Staaten ausgerufen worden war, in der Zeit der Besetzung Roms (1808-1814) durch die Truppen Kaiser Napoleons I. und während der kurzlebigen zweiten „Römischen Republik“ (1849).

Das Münzwesen der Päpste schien 1870 mit der erzwungenen Einverleibung des päpstlichen Herrschaftsgebietes in das neue Königreich Italien beendet zu sein. Jedoch nicht ganz. Nachdem die Truppen König Viktor Emanuels II. am 20. September 1870 den Kirchenstaat besetzt hatten, wurde der Leiter der „Zecca Pontificia“ (Päpstliche Münzanstalt) beim Papst vorstellig und erkundigte sich, wie man nun weiter verfahren solle. Im Depot befände sich noch ein Vorrat an Barren aus Bronze, Silber und Gold. Ob man weiterhin Münzen prägen solle? „Natürlich“, antwortete der Papst, „bis zum letzten Barren!“. So tragen die letzten Münzen, auf denen das Bildnis Pius’ IX. zu sehen ist, die Jahreszahl „1874“.

Einen besonderen Stellenwert nehmen in der päpstlichen Numismatik die Sedisvakanzmünzen ein. Sie werden nämlich nicht unter der Autorität des Papstes herausgegeben, sondern unter der des Kardinalskollegiums, das in der papstlosen Zeit, in der Sedisvakanz (von „sede vacante“ = „während der Stuhl leer ist“), die weltlichen Rechte des Heiligen Stuhls zu wahren hat. Die Münzen der Sedisvakanz zeigen in der Regel den Ombrellino (Schirm) mit den Schlüsseln Petri, das Wappen des Kardinalkämmerers, der im Auftrag seiner Mitkardinäle die zeitlichen Güter der Kirche verwaltet, und die Umschrift „Sede Vacante“ mit der jeweiligen Jahreszahl. Der Ombrellino zeichnet als Hoheitszeichen der Kirche; er gilt als Symbol für das Zelt Gottes unter den Menschen, das in den Schriften des Neuen Testaments mit der Kirche gleichgesetzt wird. Während der langen Sedisvakanz von 1268-1271 wurden in Viterbo ein „grosso“ und ein „denaro paparino“ geprägt; sie sind die ersten Exemplare dieses Münztyps. In Rom selber wurden die Sedisvakanzmünzen erst seit dem Jahre 1521 üblich. Die höchste Anzahl von Sedisvakanzmünzen wurde 1655 herausgegeben, denn zwischen dem Tod Innozenz’ X. und der Wahl Alexanders VII. vergingen mehr als drei Monate. Im 17. und 18. Jahrhundert prägte man die Münzen in Gold, Silber und Kupfer sowie zu den verschiedensten Werten, während man sich später damit begnügte, nur noch ein Silbergeldstück zu ein oder zwei Werten in Umlauf zu bringen. Zur Sedisvakanz von 1939 erschienen Münzen zu 5 und 10 Lire; danach (1958, 1963 und 1978) nur noch zu 500 Lire. Aus Anlaß der Sedisvakanz des Jahres 2005 wird es erstmals einen SedeVacante-Kursmünzensatz geben. Neben dem kompletten Satz von 1 Cent bis 2 Euro wurde vom Vatikan zusätzlich eine 5-Euro-Silbergedenkmünze in sehr geringer Auflage angekündigt.

Nicht zu verwechseln mit den Sedisvakanzmünzen sind die Medaillen, die der Konklavemarschall das Recht hatte, prägen zu lassen. Diesem hohen Laienwürdenträger aus einem römischen Adelsgeschlecht war bis zum Jahre 1963 der äußere, militärische Schutz des Konklaves, der Papstwahlversammlung, anvertraut. Nach der Wahl eines neuen Papstes verteilte er Medaillen (die begehrter und wertvoller als die Münzen der Sedisvakanz waren) an all jene Personen, die geholfen hatten, das Konklave mit abzusichern.

Die Päpste behielten bei der Herausgabe ihres Geldes zunächst das byzantinische Münzsystem bei. Das erste Geldstück, das sie schlagen ließen, war ein karolingischer Denar. Papst Johannes XXII. (1316-1334) übernahm in Avignon dann das Florentiner System. Der genaue Wert der päpstlichen Münzen war dennoch schwer zu erfassen: so schwankte der Feinheitsgrad der während des Pontifikates von Johannes’ XXII. herausgegebenen Goldmünzen zwischen 22 und 30 Karat; Gregor XI. (1370-1378) legte später für die päpstlichen Goldmünzen endgültig 24 Karat fest.

1432 wurde von Papst Eugen IV. in den Päpstlichen Staaten der Dukaten eingeführt, eine Münze venezianischen Ursprungs (Die Umschrift auf der Vorderseite dieser Münze der Serenissima lautete: „Sit tibi Christe datus quem tu regis iste ducatus – Es sei Dir, Christus, das Herzogtum geweiht, das du regierst“. Das Schlußwort der Umschrift gab dem Geldstück dann den Namen „Ducatus – Dukaten“). Der Dukaten wurde in 10 „grossi“ ( = 70 baiocchi) eingeteilt. 1531 kamen in der Ewigen Stadt der „scudo“ ( = 1 Dukaten) und der „fiorino papale“ (= 2 Scudi oder 11 Baiocchi) auf. Ein nach einem Papst (Julius II., 1503-1513) benanntes Geldstück war der „giulio“. Mit Sixtus V. (1585-1590) begann in Rom die Prägung der „piastra“ (Piaster). Papst Benedikt XIV. (Prospero Lambertini, 1740-1758) führte dann jedoch wieder den „scudo romano“ ein. Da in den Päpstlichen Staaten viele Städte Münzen prägen durften, gab es im Herrschaftsgebiet des Papstes für lange Zeit kein einheitliches Münzsystem, zumal auch das Gewicht der Gold- und Silberstücke an den einzelnen Orten nicht identisch war.

Eine Besonderheit stellten die „Sacrosanctae“-Münzen dar, so benannt nach ihrer Aufschrift „Sacrosanctae Basilicae Lateranensis Possesso – Besitzergreifung der Allerheiligsten Basilika des Laterans“. Sie wurden anläßlich der Besitzergreifung des Laterans durch den neu gewählten Papst geprägt und bei dieser Feierlichkeit unter die Armen und Bedürftigen der Ewigen Stadt verteilt. Eine weitere Besonderheit war die von Papst Pius VI. (1775-1799) geschaffene „paludella“ (= 1 Soldo); mit ihr wurden die Arbeiter, denen die Trockenlegung der Pontinischen Sümpfe („paludi“) anvertraut war, entlohnt.

1835 erneuerte Papst Gregor XVI. (1831-1846) das Währungssystem in den Päpstlichen Staaten (1 Scudo = 100 Baiocchi); am 18. Juni 1866 führte Pius IX. (1846-1878) im Kirchenstaat die Lira-Währung ein (1 Lira = 100 Centesimi); der Papst reagierte damit auf die im Königreich Italien angeordnete Währungsreform und die am 23. Dezember 1865 erfolgte Gründung der „Union Latine“ (Lateinischer Münzbund), zu der sich Frankreich, Belgien, Italien und die Schweiz zusammengeschlossen hatten.

Alle Münzsorten aufzuzählen, die unter der Oberhoheit der Päpste geprägt wurden, ist ein schwieriges, ja kaum durchführbares Unterfangen. Nicht einmal eine von der stets um Perfektion bemühten „Royal British Mint“ herausgegebene Liste kann darüber erschöpfend Aufschluß geben. Als einst in den Päpstlichen Staaten in Umlauf befindlichen Münzen benennt sie nur: Baiocco, Bianco, Bolognino, Carlino, Centesimo, Gabellone, Lira, Popetto, Piastra, Quinto di Scudo, Scudo und Soldo.

Die Päpste und der römische Senat bedienten sich für die Prägung ihrer Geldstücke der alten kaiserlichen Münze beim Kapitol in der Nähe des Septimus-Severus-Bogens. Im späten Mittelalter gab man der Zecca einen neuen Standort – sinnigerweise in der Nähe der „Banco di Santo Spirito“ (Bank des Heiligen Geistes). 1655 verlegte Papst Alexander VII. (1655-1667) die Päpstliche Münze in die Vatikanstadt. Lorenzo Bernini entwarf für sie eine Apparatur, die ein schnelleres Prägen ermöglichte. Mit der Hilfe von Francesco Girardini wurden die Maschinen so hervorragend perfektioniert, daß die Päpstliche Münze als die modernste und effektivste der damaligen Welt galt – Pisanello, Benvenuto Cellini und die Familie Hamerani entwarfen für die Zecca Pontificia die Prägestöcke.

Aber nicht nur in der Ewigen Stadt gab es päpstliche Münzstätten. Unter Bonifaz VIII. (1294-1303) wurden die Münzen des Kirchenstaates in Pont-de-Sorgnes (Südfrankreich) geprägt. Während des Exils der Päpste in Frankreich (1309-1377) und der Zeit des großen Schismas (1377-1417) war Avignon der Prägeort. Mit Martin V. (1417-1431) wurde dann wieder Rom die Hauptmünzstätte der Päpstlichen Staaten. Zu Prägeorten päpstlichen Geldes gehörten in den folgenden Jahrhunderten eine Vielzahl von Orten in den Ländern des Heiligen Vaters; noch unter Pius VI. (1775-1799) wurden in achtzehn Städten Münzen geschlagen. Nach den Napoleonischen Wirren und der Wiedererrichtung der Päpstlichen Staaten durch den Wiener Kongreß im Jahre 1815 hob Pius VII. (1800-1823) alle Münzstätten mit Ausnahme derjenigen in Rom und Bologna auf. Nach 1860 stand dem Kirchenstaat dann auf Grund der Okkupation der Romagna nur noch Rom zur Verfügung.

Am 11. Februar 1929 wurden die Lateranverträge zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Königreich Italien geschlossen und damit der souveräne „Staat der Vatikanstadt“ (Stato della Città del Vaticano) geschaffen. Dem neuen Staatswesen stand nunmehr auch das international verbürgte Recht auf eine eigene Währung zu. Die ersten Münzen mit dem Prägeaufdruck „Città del Vaticano 1929“ waren nur für die Sammler bestimmt. Denn erst am 2. August 1930 schlossen der Vatikanstaat und Italien eine „Convenzione monetaria“ (Münzabkommen). Das Vertragswerk unterzeichneten für das Königreich Italien dessen Finanzminister Mosconi und für den Vatikan der Gouverneur des Vatikanstaates, Marchese Camillo Serafini. In Kraft trat das Abkommen am 26. Mai des folgenden Jahres.

Es war ein Glücksfall, daß der erste Gouverneur der Vatikanstadt, der Marchese Camillo Serafini, eine international anerkannte Koryphäe auf dem Gebiet der Numismatik war. Serafini hatte vor seiner Ernennung zum Gouverneur das Amt eines Konservators des weltberühmten Münzkabinetts der Vatikanischen Bibliothek innegehabt. So lag die Verantwortung um die neuen päpstlichen Münzen von Anfang an in den bestmöglichen Händen. Die Zecca Reale, die Königliche Münzanstalt, übernahm für den Vatikanstaat die Prägung der Münzen; nach dem Sturz der italienischen Monarchie im Jahre 1946 wurde diese Verpflichtung dem „Istituto Poligrafico e Zecca dello Stato“ übertragen.

Die ersten Münzen des Vatikanstaates, die in Umlauf gesetzt wurden, waren im August 1931 den Kurienkardinälen zugestellt worden. Die Purpurträger fanden in der Schatulle, in denen man ihnen jeden Monat ihr Gehalt zustellte, einen kleinen Beutel mit der ganzen Reihe der neuen Münzen: das Goldstück von hundert Lire, zwei Silberstücke von zehn und fünf Lire, vier Nickelstücke von zwei Lire, einer Lira, von fünfzig und zwanzig Centesimi, sowie zwei Kupferstücke von zehn und fünf Centesimi.

Die Lire-Münzen des Vatikanstaates erfreuten sich bei den Sammlern, ja bei jedem der in ihren Besitz geriet, großer Beliebtheit. Wer in vatikaneigenen Geschäften und Institutionen (Post, Apotheke oder den Museen) sein Wechselgeld in päpstlicher Lira erhielt, steckte es gesondert ein und gab es zumeist nicht wieder aus. Es wurde an Verwandte und Freunde als besondere Aufmerksamkeit verschenkt, in einem Album als Rarität gesammelt oder als eine mögliche „Wertanlage“ sorgsam verwahrt. Im Gegensatz zu den vatikanischen Briefmarken, die in den Sechziger und frühen Siebziger Jahren – nicht ohne Mitschuld des Vatikans – zum Spekulationsobjekt geworden waren, standen sie in hohem Ansehen und galten als wertbeständig.

Ende der Neunziger Jahre zeichnete sich ab, daß Europa eine gemeinsame Währung bekommen würde: den Euro. Schon früh hatte der Staat der Vatikanstadt Interesse an einem Beitritt zu der neuen europäischen Einheitswährung gezeigt und war bei den Entscheidungsgremien der EU vorstellig geworden. Im Dezember 1998 teilte die Europäische Union dem Vatikanstaat grundsätzlich das Recht zu, nach der Währungsumstellung eigene Euro-Münzen prägen zu lassen. Da Italien am 1. Januar 1999 seine Währungshoheit an die Europäische Zentralbank abgab, wurde es in einem Anhang zum „Maastrichter Vertrag“ aufgefordert, sein Geldabkommen mit dem Vatikan neu auszuhandeln. Ende Dezember des Jahres 2000 unterzeichneten die Außenminister der beiden Staaten – Titularerzbischof Jean-Louis Tauran für den Vatikan und Dino Lambertini für Italien – ein entsprechendes Abkommen. Am 2. Juli 2001 gab Papst Johannes Paul II. (1978-2005) als Souverän des Vatikansstaates seine Zustimmung zu dem Gesetz, kraft dessen der Euro mit Datum des 1. Januar 2002 als alleinige Währung im Kirchenstaat eingeführt wurde. Der entsprechende Gesetzestext wurde in den „Acta Apostolicae Sedis“, dem offiziellen Gesetzblatt des Heiligen Stuhls, veröffentlicht.

Die Gesamtmenge der Vatikan-Münzen wurde im Einvernehmen mit der Europäischen Zentralbank und der Republik Italien auf jährlich 670.000 Euro begrenzt. Beim Ableben des Papstes sollten weitere vatikanische Münzen im Wert von 210.000 Euro geprägt werden können. Die Wirtschafts- und Finanzminister der Europäischen Union stimmten im Herbst 2003 einem Abkommen zu, wonach der Vatikan ab dem Jahr 2004 Euro-Münzen im Wert von einer Million Euro prägen lassen darf. Außerdem wurde dem Vatikan zugestanden, in drei besonderen Fällen weitere Euro-Münzen im Wert von 300.000 Euro herauszugeben. Dies soll gelten, wenn der Heilige Stuhl vakant ist, wenn ein Heiliges Jahr stattfindet oder wenn ein Konzil einberufen wird.