Die Mutter Jesu im Koran, Brücke zur Bekehrung

Über die Chancen des marianischen Diskurses mit dem Islam

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Von Manfred Hauke



WÜRZBURG, 17. August 2009 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Die wachsende Bedeutung des Islam gehört zweifellos zu den großen politischen und religiösen Herausforderungen unserer Zeit. Die stärkere Gegenwart islamischer Gläubiger in Europa kann unseren Kontinent muslimisch machen und das Christentum zum Verschwinden bringen. Sie ist aber auch eine Chance: Wenn wir Christen ein glaubwürdiges Zeugnis geben, kann Gott durchaus auch muslimischen Gläubigen die Gnade schenken, sich Christus zu öffnen und lebendige Glieder der Kirche zu werden.

Maria, die Mutter Jesu, kann zu dieser Bekehrung wirkungsvoll beitragen. Das Zweite Vatikanische Konzil erwähnt in seinem Dekret über die nichtchristlichen Religionen die Verbindung des Islam mit Maria: „Jesus, den sie zwar nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten, und sie ehren seine jungfräuliche Mutter Maria und rufen sie manchmal auch andächtig an“ (Nostra aetate 3). Angesichts der Gegenwart Mariens im Koran überrascht die Überzeugung von der Jungfräulichkeit der Mutter Jesu (Suren 3, 45f; 4, 171; 5, 72; 19, 20; 21, 91; 66, 12) und sogar, allem Anschein nach, ein Hinweis auf die ohne Erbsünde erfolgte Empfängnis Mariens im Leib ihrer Mutter (Sure 3, 42: „O Maria, Gott hat dich auserwählt und rein gemacht, und Er hat dich vor den Frauen der Weltenbewohner auserwählt“). Überraschend scheint, dass Mohammed, der für die Moslems das „Siegel der Propheten“ darstellt und darum Jesus überlegen ist, nach muslimischem Glauben nicht von einer Jungfrau geboren wurde.

Fragezeichen für Aufmerksame

Die Gestalt Mariens ist darum ein großes Fragezeichen für aufmerksame Leser des Koran: Die Jungfräulichkeit Mariens weist im Christentum auf die Gottheit Jesu und kann nicht von der Gottesmutterschaft getrennt werden; wieso wird Jesus, der Mohammed als Prophet unterlegen ist, von einer Jungfrau geboren und nicht Mohammed? Wenn man hingegen die Jungfräulichkeit Mariens aus der Gesamtbotschaft des Christentums herauslöst, dann wird die jungfräuliche Empfängnis Jesu ein willkürliches Mirakel, das keinen theologischen Sinn ergibt und gegen die innere Rationalität des Glaubens steht. Dass Jesus, aber nicht Mohammed, jungfräulich empfangen wurde, findet im Koran keine Erklärung: Hier zeigt sich der voluntaristische Zug des muslimischen Gottesbildes, in dem der göttliche Wille nicht an die göttliche Weisheit und Vernunft zurückgebunden wird. Dieser wunde Punkt wurde (mit einem anderen Beispiel, dem der Gewalt) von Papst Benedikt XVI. in seiner Regensburger Vorlesung aufgegriffen: „Der entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt lautet: Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider. ... Für den Kaiser als einen in griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner ist dieser Satz evident. Für die moslemische Lehre hingegen ist Gott absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit. ... An dieser Stelle tut sich ein Scheideweg im Verständnis Gottes und so in der konkreten Verwirklichung von Religion auf, der uns heute ganz unmittelbar herausfordert. Ist es nur griechisch zu glauben, dass vernunftwidrig zu handeln dem Wesen Gottes zuwider ist, oder gilt das immer und in sich selbst?“

Ähnliches wie für die Jungfrauengeburt gilt für die Unbefleckte Empfängnis: Ohne Sünde empfangen zu sein hat nur Sinn als Vorbereitung auf den Erlöser, der von jeder Sünde frei ist, was der Islam keineswegs von Mohammed bekennt. Im Islam fehlt sogar das Bewusstsein von der übernatürlichen Gnade, die den Menschen heiligt, und erst recht die Überzeugung von einer Übertragung der Erbsünde. Die Gegenwart Mariens im Koran enthält unerkannte Reste christlicher Glaubensüberzeugung, die entgegen dem koranischen Zeugnis selbst auf Jesus Christus als Gottes Sohn und Erlöser weisen.

Im Koran erscheint Maria als Beispiel für diejenigen, die an das Wort Gottes glauben (Sure 66, 12). Darüber hinaus finden sich irrige Angaben, die dem historischen Wissen widerstreben: Behauptet wird, dass die christliche Dreifaltigkeit aus Gott (Vater), Jesus und Maria besteht (Sure 5, 116) – ein Fehlgriff, der wahrscheinlich auf ein Missverständnis des Begriffes der „Gottesmutter“ zurückgeht und sich die Zeugung des Sohnes als biologischen Vorgang mit einem Vater und einer Mutter vorstellt (vgl. Sure 6, 100f); anscheinend wird die Mutter Jesu mit Miriam, der Schwester des Mose und Aaron, verwechselt (Sure 19, 28); außerdem findet sich Hinweise auf apokryphe Traditionen. Insofern viele Muslime die Mutter des „Propheten“ Jesus verehren, kann die „anonyme“ Gegenwart der Mutter Gottes in ihrer Religion ein Anstoß werden, Jesus Christus als Sohn Gottes anzunehmen.

Bezeichnend für eine solche zukünftige Chance sind die Marienerscheinungen in Zeitoun (Ägypten, an der Peripherie von Kairo) in den Jahren 1968 bis 1970. Sie fanden vor Hunderttausenden von Zeugen statt und fanden eine allseitige Anerkennung von Seiten der christlichen Konfessionen in Ägypten, bis hin zur Bestätigung durch eine Regierungskommission. Danach habe sich Maria des Nachts über einer koptischen Marienkirche gezeigt, zwar ohne mündliche Botschaft, aber mit deutlichen Zeichen: mit dem Jesuskind auf dem Arm sowie mit einem Olivenzweig als Ausdruck des Friedens (vgl. R. Laurentin – P. Sbalchiero [Hrsg.], Dictionnaire des „apparitions“ de la Vierge Marie, Paris 2007, 154–158). Die Bereitschaft, diese Botschaft aufzunehmen, war bei den Moslems größer als es in der westlichen Welt, in einem vergleichbaren Fall, bei Theologen und kirchlichen Würdenträgern vorausgesetzt werden könnte. Vielleicht hat der Diener Gottes Frank Duff (1889–1980) recht, der Gründer der „Legion Mariens“, wenn er die künftige Bekehrung der Moslems mit der Gottesmutter und dem Erzengel Gabriel verbindet.
In der gegenwärtigen Situation ist es interessant, mit einem originellen katalanischen Laientheologen aus dem Mittelalter in Verbindung zu treten: Ramon Llull (oder, latinisiert, Raimundus Llullus) (ca. 1232–1316) (vgl. F. Domínguez Reboiras [Hrsg.], Ramon Llull, Das Buch über die heilige Maria. Libre de sancta Maria. Katalanisch-deutsch, Stuttgart-Bad Canstatt 2005).

Llull wächst auf der Mittelmeerinsel Mallorca auf, die im Jahre 1229 nach drei Jahrhunderten muslimischer Herrschaft von Jakob I., dem König von Aragon, erobert worden war. Im dreizehnten Jahrhundert gab es deshalb auf den Balearen, neben einer starken jüdischen Kolonie, auch eine beachtliche Präsenz von Moslems. Llull wächst in diesem interreligiösen, in gewisser Weise sehr „modernen“ Klima auf. Im Alter von etwa 30 Jahren, als Ehemann und Vater von zwei Kindern, hat er eine tiefe geistliche Erfahrung (eine Kreuzesvision) und fasst daraufhin drei Vorsätze, die sein weiteres Leben bestimmen: die Bereitschaft, für Christus zu sterben, „das beste Buch der Welt gegen die Ungläubigen zu schreiben und die Gründung von Klöstern zu fördern, in denen ihre unterschiedlichen Sprachen gelehrt werden“ (XIV).

Wirksame Hilfe für die Mission

Llull selbst verfügt, in missionarischer Absicht, über hervorragende Kenntnisse des Arabischen. Um seine Vorsätze zu verwirklichen, verfasst er zahlreiche Werke, unter denen die marianischen Schriften eine besondere Rolle einnehmen. Denn „Llull war davon überzeugt ..., dass die Gestalt Marias in der Lage war, seine Missionsprogramme zu beleben. Stets stellte Llull in Rechnung, dass Maria auch im Islam verehrt wurde. Daher wusste er, dass der marianische Diskurs niemals ein Hindernis sein konnte, sondern im Gegenteil eher als wirksame Hilfe bei der Bekehrung der Muslime deuten konnte. Und diese war das grundlegende Ziel seines gesamten Denkens“ (XXXIV).

Das „Buch über die heilige Maria“ hat die literarische Form des Gespräches dreier symbolischer Frauengestalten – Lobpreis, Gebet und Intention – mit einem Einsiedler über „die Gutheit, Größe, Schönheit und Vollkommenheiten Unserer Lieben Frau, der heiligen Maria“, um dadurch Erleuchtung zu empfangen. Um ein Beispiel herauszugreifen: Im letzten Kapitel über das „Morgenlicht“, das die Finsternis vertreibt, ist der Ausgangspunkt die Menschwerdung des Sohnes Gottes, „der Licht allen Lichtes und Glanz allen Glanzes ist“. Maria selbst ist der Beginn dieses Glanzes, der von Christus ausgeht. Ihre Gutheit erleuchtet „die Gutheit der Menschen mehr als die Helligkeit der Sonne jede andere Helligkeit erleuchtet“ (Kap. 30, 2.4; S. 371–373). Durch Maria kann das Licht Christi auch unsere muslimischen Mitbürger erfassen.

© Die Tagespost vom 13. August 2009