Die Mystik des Kreuzes und des Dienstes

Leitwort von Msgr. Bruno Forte aus der italienischen Tageszeitung "Il Sole 24 Ore", erschienen am 24. Februar

Rom, (ZENIT.org) | 947 klicks

Wir veröffentlichen das Leitwort von Msgr. Bruno Forte, Erzbischof von Chieti-Vasto, das in der italienischen Tageszeitung für Wirtschaft „Il Sole 24 Ore“ (pp. 1 und 9) veröffentlicht wurde.

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Der Vergleich zwischen der Wahl Johannes Paul II. und Benedikt XVI. im Hinblick auf die schwindenden physischen Kräfte wurde von verschiedenen Seiten angestellt: manchmal nur, um eine Gegenüberstellung vorzunehmen und mit beunruhigendem Hintergrundwissen Hypothesen aufzustellen. In Wirklichkeit kann die Annäherung an die beiden Päpste, eindeutig verschiedene Persönlichkeiten und gleichzeitig in tiefem Einklang miteinander, äußerst hilfreich sein, um die Ereignisse an der Spitze der katholischen Kirche und ihre Bedeutung für die nächste Zukunft zu verstehen.

Der geeignetste Schlüssel, um die Art und Weise zu verstehen, mit der der polnische Papst sich der Krankheit, dem Leiden und dem Tod stellte, ist die slawische Mystik des Kreuzes. Da ich das besondere Privileg hatte, vor Johannes Paul II. die letzten geistlichen Exerzitien, an denen er teilnehmen konnte, halten zu dürfen, hatte ich auch Gelegenheit, aus seinem Mund die Worte zu hören, die in meiner Erinnerung und in meinem Herzen bleiben werden: „Der Papst muss für die Kirche leiden.“ Was mich berührte, war die Intensität, mit der er diese Worte sprach, insbesondere die Betonung auf das „muss“.

Die Evangelisten bezeugen, dass Jesus im Angesicht des Leidens ähnliche Worte gebraucht hat. Man liest bei Markus: „Dann begann er, sie darüber zu belehren, der Menschensohn müsse vieles erleiden…“ (8,31). Und in der Erzählung des Lukas heißt es: „Der Menschensohn muss vieles erleiden …“ (9,22). Das slawische Christentum erkennt sich vor allem in dieser Bestimmung, im Folgen Jesu, wieder. Es weiß, im Zeichen des Kreuzes geschaffen worden zu sein: „Unter den europäischen Völkern – schreibt P. Tomas Spidlik – erhielten die Slawen die Taufe wie Arbeiter der letzten Stunde. Nichtsdestoweniger mussten die neuen vom Evangelium gesäten Felder mit Blut begossen werden… Deshalb richteten die slawischen Denker immer ihr Interesse darauf, den wahren Sinn des Schmerzes zu erfassen.“ Für sie „ist das Leid eine große Kraft, weil es nicht nur die Unschuldigen heiligt, sondern auch diejenigen, die gesündigt haben und akzeptieren, dass die ‚Strafe das Vergehensühne‘“.

Nicolaj Berdiaev zögert nicht zu bekräftigen: „Die Intensität, mit der man das Leiden fühlt, kann als Hinweis für den Tiefgang des Menschen betrachtet werden. Ich leide, also bin ich.“ Boris Pasternak schließt seinen Roman „Doktor Schiwago“ mit den folgenden Worten: „Die Seele ist traurig bis zum Tod... Trotzdem ist das Buch des Lebens zur kostbarsten Seite gelangt… Jetzt muß sich erfüllen, was geschrieben wurde. Lass also, dass es sich erfülle. Amen“. Unter diesem Licht verwundert es nicht, dass der slawische Papst seine Mission wie ein Martyrium auffasste und dass er von der Kathedra des Erlebten aus verkünden wollte, was er in Wort und Schrift gelehrt hatte: Wie er in seinem Apostolischen Schreiben „Salvifici doloris“ vom11. Februar 1984 über den unvergleichlichen Sinn des Leidens aus Liebe schrieb, verkündete Johannes Paul II. der Welt mit stiller Beredsamkeit von seinem Leid bis zu jenem stummen Schmerzensgestus, den er spontan ausführte – am Fenster zur Piazza San Pietro, übervoll von einer schweigenden Menge   , und er kein Wort mehr sprechen konnte.

Benedikt XVI. bewegt sich in einem anderen kulturellen und symbolischen Panorama, jenem der westlichen Mystik des Dienstes. Er ist der Mensch, der selbstlos zu geben weiß, was er selbstlos empfing. Und er weiß, dass Geben ohne Nehmen der Dienst ist, zu dem er gerufen wurde, als Denker des Glaubens wie als Hirte und Apostel, der vom Herrn eingesetzt wurde, in seinem Weinberg zu arbeiten, beschäftigt als einfacher Arbeiter, um alle Gaben des Intellekts und des Glaubens, die er von Gott erhielt, zu Gunsten der Sache Gottes in dieser Welt einzusetzen.

Auch dieser Dienst ist nichts als eine „imitatio Christi“, ein Darstellen mit dem Wort und dem Leben des Einen, der „nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Mk 10,45). Jesus selbst stellt sich so vor: „Welcher von beiden ist größer: wer bei Tisch sitzt, oder wer bedient? Natürlich der, der bei Tisch sitzt. Ich aber bin unter euch wie der, der bedient.“ (Lk 22,27). Als feiner Kenner der Welt ignoriert Joseph Ratzinger nicht, wie weit diese Mystik des Dienstes der Logik der weltlichen Machtentegegengesetzt ist.

Und das ist es, was Jesus bekräftigt: „Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein.“ (Mt 20, 25-27). Dienend wird man ein demütiger und treuer Arbeiter im Weinberg des Herrn. Benedikt XVI. schrieb in seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“(2005): „Dieses rechte Dienen macht den Helfer demütig. Er setzt sich nicht in eine höhere Position dem andern gegenüber … Wer in der Lage ist zu helfen, erkennt, dass gerade so auch ihm selber geholfen wird und dass es nicht sein Verdienst und seine Größe ist, helfen zu können. … Denn er erkennt, dass er nicht aufgrund eigener Größe oder Leistung handelt, sondern weil der Herr es ihm gibt. Manchmal kann ihm das Übermaß der Not und die Grenze seines eigenen Tuns Versuchung zur Mutlosigkeit werden. Aber gerade dann wird ihm helfen zu wissen, dass er letzten Endes nur Werkzeug in der Hand des Herrn ist, er wird sich von dem Hochmut befreien, selbst und aus Eigenem die nötige Verbesserung der Welt zustande bringen zu müssen. Er wird in Demut das tun, was ihm möglich ist und in Demut das andere dem Herrn überlassen. Gott regiert die Welt, nicht wir. Wir dienen ihm nur, soweit wir können und er uns die Kraft dazu gibt.“

Wie eindeutig die letzten Worte zeigen, ist der Verzicht auf das Amt, wenn die Kräfte nachlassen, das demütige Anerkennen des unergründlichen Willen Gottes, Ausdruck bedingungslosen Glaubens in Seine Treue, die in Zeiten und Weisen sichtbar wird, die nicht der Logik der weltlichen Macht angehören.

Die Mystik des Kreuzes des slawischen Papstes und die des Amtes des deutschen Papstes werden von derselben Liebe getragen: der Liebe zu Christus, dem Erlöser des Menschen, und zum Vater, der ihn uns allen schenkte; von der Liebe zur Kirche und zur Menschheit, für deren besseres Wohl sie gerufen wurden, alles zu geben und zu dienen.

Es ist also die Mystik der Liebe, die die beiden Päpste vereint, die wussten, sie selbst zu sein, treu ihren unterschiedlichen spirituellen Identitäten und ihren kulturellen Wurzeln. Genau so kann man sich ihren Nachfolger vorstellen: Auch der nächste Papst wird gerufen werden, die Mystik der Liebe zu leben. Man wird ihn bitten, alles ohne Vorbehalt zu geben und zu dienen, wobei er dem Volk Gottes und der Menschheit die erhaltenen Gaben zur Verfügung stellt. Vielleicht auch dank des Verzichts durch den Papst im Bewusstsein um die eigene Gebrechlichkeit wird man ihn bitten, insbesondere diese Mystik der Liebe in einer immer größeren Brüderlichkeit, affektiv und effektiv, gemeinsam mit denjenigen auszudrücken, die mit ihm zum Dienst an allen Kirchen bestellt sind.

Das Bischofskollegium, Gesicht und Werkzeug der Caritas, die gibt und dient, wurde von Papst Benedikt XVI. zu Beginn seines Pontifikats als entscheidende Priorität bezeichnet und wird die Fortschritte erkönnen müssen, die noch implizit geblieben, aber vom Zweiten Vatikanischen Konzil angezeigt worden sind. Das erfordert vom nächsten Nachfolger Petri ein Auffahren der Liebe, ebenso der ganzen Kirche mit ihm. Die Agenda des nächsten Pontifikates wird auf der Basis der Übergabe, die der Papst, in Schweigen zurückgezogen, als Erbe hinterlässt, genau von dieser Priorität gezeichnet sein. Sie muss mit einzigartiger Stärke verfolgt werden, die sie rechtfertigt und sie möglich und wirksam macht: die von Christus erhaltene Liebe, um von allen gelebt und geschenkt zu werden, ohne Maß, von seinen Jüngern.