Die Natur öffnet ein Fenster zum Schöpfer – neues Buch aus dem Schülerkreis Benedikts XVI.

Von Alexander Riebel

| 975 klicks

WÜRZBURG, 13. September 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Die Evolutionstheorie in der Nachfolge Darwins hat immer wieder versucht, ihre Grenzen zu überschreiten. So auch heute. Methodisch unwissenschaftlich erweitert sie die biologische Forschung auch noch auf den Ursprung der Schöpfung. Evolution spielt sich aber nur innerhalb der Schöpfung ab. Die Evolutionslehre versucht also nichts weniger, als in die Verbindung zwischen Glaube und Vernunft eingreifen und so den Alleinherrschaftsanspruch auf die Vernunft im Sinne einer biologischen Methode zu reklamieren. Mit diesem beschränkten Vernunftgebrauch will sie die Metaphysik außer Kraft setzen und den Glauben an Gott als unvernünftig erklären: Gott soll nicht mehr der Grund der Schöpfung sein. Der Biologie müssen daher die Grenzen gezeigt werden. Nur so kann die Krise eines naturwissenschaftlichen Zeitalters abgewendet werden, das nichts mehr außer sich gelten lässt.



Kreationismus ist kein Ausweg

Der Heilige Vater hat immer wieder in den vergangenen Jahrzehnten über die Evolutionstheorie geschrieben und ihr Verhältnis zum Glauben längst geklärt. Als Theologe hat er bereits vor den Konsequenzen des „Aufgebens der Schöpfungslehre“ gewarnt. Im Sommer 2006 hat der Papst seinen engeren Schülerkreis nach Castel Gandolfo eingeladen – der Band dokumentiert die Tagung mit Vorträgen aus Naturwissenschaft, Theologie und Philosophie sowie in Diskussionsbeiträgen.

Kardinal Schönborn zeigt im Vorwort des Buches, wie deutlich Benedikt XVI. die Problemlage beschrieben hat, die jetzt eine völlig neue Gesprächssituation gegenüber dem Streit zwischen Naturwissenschaft und Theologie im 19. Jahrhundert darstellt. So schrieb der heutige Papst im Geleitwort zu dem Symposiumsband von 1986 „Evolutionismus und Christentum“: „Heute ist insofern ein neues Stadium der Debatte erreicht, als ,Evolution‘ über ihren naturwissenschaftlichen Gehalt hinaus zu einem Denkmodell erhoben worden ist, das mit dem Anspruch auf Klärung des Ganzen der Wirklichkeit auftritt und so zu einer Art von ,erster Philosophie‘ geworden ist. Wenn das Mittelalter eine ,Rückführung aller Wissenschaften auf die Theologie‘ (Bonaventura) versucht hatte, so kann man hier von einer Rückführung aller Realität auf ,Evolution‘ sprechen, die auch Erkenntnis, Ethos, Religion aus dem Generalschema Evolution glaubt ableiten zu können.“

Die Evolutionstheorie kann nicht klären, ob die Welt einen Sinn hat oder nicht. Ja sie kann nicht einmal den Sinn des Entwicklungsgedankens selbst angemessen darstellen. Denn die so genannte Entstehung der Arten und insbesondere des Menschen sieht aus metaphysischer Sicht ganz anders aus. Wie der Papst einst in einer Rundfunkansprache 1968 sagte, ist der Mensch mehr als das Produkt von Erbanlagen und Umwelt, das Geheimnis der Schöpfung stehe über jedem von uns: „Da wäre dann zuerst daran zu erinnern, dass auch hinsichtlich der Erschaffung des Menschen die Schöpfung nicht einen fernen Anfang bezeichnet, sondern mit Adam jeden von uns meint: jeder Mensch ist direkt zu Gott. Der Glaube behauptet vom ersten Menschen nicht mehr als von jedem von uns und umgekehrt von uns nicht weniger als vom ersten Menschen.“

In Darwins Lehre lassen sich Wissenschaft und Weltanschauung unterscheiden, aber die materialistische Ideologie des Darwinismus behauptet, dass der Schöpfer in seinem Werk gar nicht vorkommt. Das war das Ergebnis der mechanischen Erklärung der Entstehung der Arten. Die Frage ist jedoch, ob die Evolution mit dem Glauben an einen Schöpfer vereinbar ist. Dass der Kreationismus kein Ausweg ist, macht Kardinal Schönborn völlig deutlich: „Die ,kreationistische‘ Position basiert auf einem Bibelverständnis, das die katholische Kirche nicht teilt. Die erste Seite der Bibel ist nicht ein kosmologischer Traktat über die Weltentstehung in sechs Tagen.“ Die Bibel lehre nicht, wie der Himmel funktioniert, sondern wie wir in den Himmel kommen. Aber auch die Lehre vom „intelligent design“, einer intelligenten Ursache der Welt, sollte nicht vorschnell herangezogen werden. Wir kennen nicht die Pläne der Natur und wie Hiob auch nicht die Antwort auf das Leiden. Wir haben aber eine Antwort bekommen, wie der Kardinal ausführt, und die hat uns Gott selber gegeben. Nämlich dass das Kreuz der Schlüssel zu Gottes Plan und Ratschluss sei. Die Auferstehung ist, so sagte der Papst im vorigen Jahr in seiner Osterpredigt bewusst in der Sprache der Evolutionstheorie, die „größte ,Mutation‘, der absolut entscheidende Sprung in ein ganz Neues hinein.“ Es ist der Durchbruch des Lebens zu einem künftigen Leben in einer neuen Welt. Im Blick auf die Evolution heißt das: Der Weg ist nicht das Ziel, sondern der Sinn des Weges ist die Auferstehung. Die Konsequenzen, die im Verhältnis der Entwicklungsgeschichte der Natur und des Glaubens liegen, wollen die Ideologen des Darwinismus natürlich nicht wahrhaben. Darin liegt ja gerade die Ideologie, einseitig materialistisch nicht mehr von Schöpfung sprechen zu wollen, weil dann auch auf den Schöpfer verzichtet werden kann. Denn aus seinem Anspruch an den Menschen folgt ein Sollen, das Verbindlichkeiten gegenüber der Seinsordnung einfordert. Und selbst ein führender Vertreter des Evolutionismus wie Richard Dawkins will nicht in einer darwinistischen Gesellschaft leben, weil sie ihm zu unmenschlich wäre. Dennoch hält er an der Ersatzreligion fest – die angebliche Selbstverwirklichung scheint so leichter erreichbar zu sein.

Die Evolution ist nur der Schöpfung immanent, sie umfasst also nicht das Ganze von Schöpfer und Schöpfung. Hierbei ist festzustellen, dass Eingriffe des Schöpfers in den Evolutionsprozess noch nicht erkannt wurden. Darauf hat in Castel Gandolfo Peter Schuster hingewiesen, Professor für Theoretische Chemie an der Universität Wien und Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Auch Schuster wandte sich gegen die Auffassung eines „intelligent design“, wonach die Evolution wie ein Ingenieur Teile einer Maschine am Reißbrett konstruiert. Vielmehr fordere die biologische Selbstorganisation der Natur Respekt vor dem Ergebnis „evolutionären Bastelns“: „Der Darwinsche Evolutionsmechanismus kann Optimierung, Anpassung an eine Umwelt und Koevolution im Sinne von ,Wettrüsten‘ erklären.“ Doch habe Darwin völlig falsche Vorstellungen von der Vererbung gehabt, den Unterschied zwischen Keimbahn und Körperzellen nicht gekannt und die Molekularbiologie konnte seine Vorstellungen von einer Pangenesis endgültig widerlegen. Aber gerade weil heute das Zusammenspiel vieler Faktoren in einem Ganzen der Natur ohne Eingriffe von außen in der Wissenschaft immer deutlicher werde, sieht Schuster hier die Möglichkeit eines Brückenschlags zwischen Theologie und Naturwissenschaft. Denn die Frage nach dem Ursprung dieses Ganzen der Natur können die Naturwissenschaftler nicht mehr beantworten.

Auch für Robert Spaemann, Professor em. für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, kann die Selektion nur begünstigen, was schon da ist. Ein schöpferisches Prinzip ist sie nicht. Denn sie ist nicht sinnstiftend. Wo der Naturwissenschaftler dem „Guten, dem Schönen und dem Heiligen begegnet, oder wo er dem Wahrheitsanspruch einer wissenschaftlichen Theorie begegnet“, werde er eine Botschaft entdecken, die sich nicht auf das zurückführen lasse, was er in der Natur finde.

Anders als bei Darwin steht Anpassung gar nicht im Mittelpunkt der Höherentwicklung, sondern Emanzipation von den Zwängen der Umwelt. So sieht es Paul Erbrich SJ, Professor em. für Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie in München. Fische seien einst aufs feste Land gekrochen und hätten sich vom Wasser emanzipiert, die Entwicklung habe sich mit der Eroberung des Landes durch Reptilien fortgesetzt, mit dem Leben in verschiedenen Klimazonen und gipfle schließlich im Menschen, der durch die Erkenntnis der Wahrheit Irrtümer überwinden könne. Zweckgerichtetheit scheint die Höherentwicklungen zu leiten, doch auch hier stellt sich die Frage nach der ursprünglichen Ganzheit, die allen Teilschritten der Entwicklung vorausgeht, wie die Verschmelzung von Eizelle und Samen ein Moment „am einen Schöpfungsakt Gottes“ ist: „Schöpfung wäre etwas, was jetzt noch immer geschieht und mehr als nur ein Akt der Erhaltung im Dasein (concursus divinus).“

Die wahre Vernunft ist die Liebe

Einen transzendentalen Schöpfungsbegriff in Anlehnung an die Gedanken Richard Schaefflers vertritt der Professor für Fundamentaltheologie und Dogmatik an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt, Siegfried Wiedenhofer. Mit diesem Begriff wird kein religiöser Gegenstand gedacht, kein schöpferisches Handeln oder die Geschöpfe selbst, sondern es geht um die Möglichkeit religiöser Erfahrungsfähigkeit. Ausführlich legt Wiedenhofer dar, wie der christliche Schöpfungsbegriff in die Grunderfahrungen des Glaubens eingebettet ist und wie sich der Wahrheitsanspruch des Glaubens mit der Welt des Denkens und Wissens vermitteln lässt.

Im Diskussionsteil dieses außergewöhnlich lehrreichen Buches werden die Vorträge im Schülerkreis des Papstes noch weiter erklärt und vertieft. Es wird deutlich, dass die Naturwissenschaft zwar Einblicke in die Rationalität der Natur geben kann, aber die vollständige Einsicht in den Plan Gottes bleibt ihr verborgen. Und damit auch das Zufällige, Rätselhafte und Schreckliche in der Natur, das Leiden. Mit der Fleischwerdung des Logos aber und der Auferstehung habe der Logos ein ganz anderes Gesicht bekommen, als es die Erforschung der Natur jemals zeigen könne, sagt der Papst in einem der Gespräche. Und wie die Vernunft dieses Logos zu verstehen ist, ist in dem Band aus einer Rede, die Kardinal Ratzinger 1999 in Paris gehalten hat, wiedergegeben: „Die wahre Vernunft ist die Liebe, und die Liebe ist die wahre Vernunft. In ihrer Einheit sind sie der wahre Grund und das Ziel alles Wirklichen.“

[Stephan Otto Horn SDS/Siegfried Wiedenhofer (Herausgegeben im Auftrag des Schülerkreises von Papst Benedikt XVI.): Schöpfung und Evolution – Eine Tagung mit Papst Penedikt XVI. in Castel Gandolfo. Mit einem Vorwort von Christoph Kardinal Schönborn. Sankt Ulrich Verlag, Augsburg 2007, 192 Seiten, ISBN 978-3-86744-018-9, EUR 16,90; © Die Tagespost vom 13. September 2007]