Die natürliche Ordnung wiederentdecken

Über eine Ökologie des Menschen

Regensburg, (ZENIT.org) Michaela Koller | 598 klicks

Der Sozialethiker Manfred Spieker hat am Donnerstag beim Katholikentag in Regensburg mehr Mut der Christen zu Kontroversen über ethische Fragen in der Gesellschaft eingefordert. Deutschland habe zwar eine der besten Verfassungen der Welt, um Leben und Familie zu schützen. Jedoch sei das Lebensrecht durch den Gesetzgeber und der Schutz der Familie durch das Bundesverfassungsgericht eingeschränkt worden. „Niemand ist aber bereit, den Fakten ins Auge zu sehen“, beklagte Spieker auf dem Podium „Ökologie des Menschen“ mit Blick auf weit mehr als 5,5 Millionen gemeldeter Abtreibungsfälle seit Änderung des entsprechenden Paragraphen 218. Der Konflikt um den langjährigen Verbleib katholischer Verbände im staatlichen System der Beratung für Schwangere in Konfliktsituationen lähme die Kirche auch 15 Jahre nach seinem Ende.

„Es kann doch nicht sein, dass der Mutterbauch der Ort ist, an dem das Kind so gefährdet ist, wie sonst nirgendwo im Leben eines Menschen“, sagte der Heidelberger Neutestamentler Klaus Berger, der zu einem Impulsreferat vorab eingeladen war. Aus seiner Sicht besteht kein Gegensatz zwischen der Offenbarung in der Bibel und dem, was die Vernunft als Ordnung lehrt. „Keine Liebe hat Bestand ohne ein Konzept von Gerechtigkeit“, sagte Berger. Das Konzept der Familie galt Berger zufolge schon zur Zeit Jesu als „altmodisch“ vor dem Hintergrund der antik-griechischen sexuellen Libertinage. Jesus habe aber eine ganze Religion als Familie geschaffen.

Der gedeihlichste Ort für die Ökologie des Menschen ist nach Auffassung der Uelzener Psychotherapeutin Christa Meves „natürlich die Familie“. Für sie sei die zentrale Botschaft des emeritierten Papstes Benedikts XVI. bei seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag im September 2011 mit den Worten zusammenzufassen: „Bitte achtet die Natur an Euch selbst.“ Sein Nachfolger Papst Franziskus habe erst kürzlich die Gefahren benannt, wenn das Recht der natürlichen Ordnung mißachtet werde: Gott vergebe immer, die Menschen manchmal, die Schöpfung nie. In den ersten Lebensjahren, wenn sich das Hirn entwickelt, werde besonders deutlich, welchen Gesetzen der Natur der Mensch unterworfen sei. „Gerade dann ich es wichtig, alles der Schöpfung entsprechend richtig zu machen“, sagte Meves. Andernfalls entstehe eine große Gefahr für die seelische Gesundheit künftiger Generationen.

Die Psychologin Consuelo Gräfin Ballestrem, die neben Meves dieser beipflichtete, liest aus der regen Nachfrage nach Familien- und Paartherapie ab, dass die Menschen im Grunde wissen, „was das Gesetz des Lebens ist“, auch wenn ihre Kommunikation und ihr Umgang untereinander zeitweise gestört sei. Aus theologischer Sicht, die der Wiener Medizinethiker und Moraltheologe Matthias Beck skizzierte, entspricht dem Erspüren des Lebensgesetzes die Suche nach dem göttlichen Willen. Die Vernunftnatur des Menschen finde ihre Entsprechung in der Vernunft Gottes. „Gott ist logisch“, sagte Beck. Als Mitglied mehrerer Ethikkommissionen wünsche er sich aber ein stärkeres gesellschaftliches Nachdenken darüber, was der Mensch eigentlich ist. Es sei eben nicht alles beliebig, sondern folge einer festen Ordnung. Tief besorgte zeigte Beck sich über die Auflösung der Familie, der die Gesellschaft nichts entgegensetze.

Hedwig Freifrau von Beverfoerde, Sprecherin der Initiative Lebensschutz, erkennt mehrere Störungen in der Ökologie des Menschen: in der Anziehungskraft zwischen Mann und Frau, in der Bereitschaft zur Bindung, in der Offenheit für Kinder und in der Beziehung des Kindes zur Mutter. „Störungen in der Anziehungskraft kann man tolerieren, aber nicht noch fördern“, sagte Beverfoerde. Sie warnte vor der Anerkennung der Abtreibung als Menschenrecht und machte sich für das Recht des Kindes auf die Nähe seiner Mutter in den ersten drei Lebensjahren stark.

Die Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz lenkte den Fokus der Zuhörer auf den entscheidenden Unterschied zwischen den Begriffen Leib und Körper. Ersterer schliesse immer die Lebendigkeit mit ein. Der Mensch solle die eigene Sprache des Leibes verstehen lernen. Vielfach werde heute jedoch der Körper auf ein Ding reduziert, „das ich habe“. „Der Leib ist der Lieblingsweg der Gnade“ fuhr sie fort. Wenn diese Prinzipien verletzt würden, räche dies sich.

Moderator Alexander Kissler, Papstkenner und Kulturjournalist, erinnerte eingangs an die Enzyklika Centesimus Annus des heiligen Papst Johannes Pauls II. aus dem Jahr 1991. Dieser erwähnte darinerstmals den Begriff „Ökologie des Menschen“. In der westlichen Kultur, in der der Tierschutz zwar ausgeprägt, aber der Mensch zugleich im Mutterleib gefährdet ist, erinnert das Schreiben daran: Auch der Mensch ist ein Naturgeschöpf, das am besten in der Familie aufwächst und gedeiht. „Strukturen der Sünde“ in einer Kultur des Todes bedrohen die natürliche Ordnung, indem sie sie umdrehen. Papst Benedikt XVI. brachte den Begriff am prominenter Stelle wieder in die Debatte ein: In seiner Bundestagsrede im September 2011, die ein Plädoyer für das Naturrecht darstellte, das in der Folge nur selten verstanden wurde.