Die Neuevangelisierung Englands anstreben

Pater Aidan Nichols erklärt, warum das Königreich reif für die Bekehrung ist

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CAMBRIDGE, 27. Mai 2008 (ZENIT.org).- Eine große Kultur könne nur auf einer religiösen, metaphysischen Grundlage aufgebaut werden. So beginnt der Theologe Pater Aidan Nichols seine, wie er selbst sagt, „unmoderne“ Argumentation über die Reevangelisierung Englands.



Der Dominikanerpater ist Autor von „The Realm: An Unfashionable Essay on the Conversion of England“ („Das Königreich: Ein unzeitgemäßer Essay über die Bekehrung Englands“), das im Verlag „Family Publications“ veröffentlicht wurde. In dem Buch wird die These aufgestellt, dass die Grundfesten, auf denen England steht, wesentlich von der katholischen Kirche mitgeprägt worden sind.
Der Geistliche ist der erste Gastdozent am „Johannes Paul II. Institut (Memorial)“ an der Universität Oxford, Dozent an der theologischen Fakultät der Universität Cambridge und Gastprofessor für Systematische Theologie am Institut „Johannes Paul II.“ für Studien über Ehe und Familie in Melbourne (Australien). Gegenüber ZENIT erklärte er, warum die Voraussetzungen für eine Neubekehrung Englands heute gegeben sind.

ZENIT: Der Untertitel Ihres Buches lautet „An Unfashionable Essay on the Conversion of England.“ Was macht Ihre These so „unmodern“?

Pater Nichols: Es ist heute nicht modern, über den zeitgenössischen Pluralismus, Liberalismus und Multikulturalismus hinweg und gegen ihn zu behaupten, dass eine große Kultur nur auf einer metaphysischen, religiösen Grundlage errichtet werden kann. Dies trifft besonders dann zu, wenn diese Grundlage, wie im Falle Englands, dessen Auftreten als Nation mit seiner Bekehrung zusammenfällt, gerade das Christentum und im Besonderen die katholische Kirche ist.

ZENIT: Sie bestreiten die Annahme, dass eine wesentliche Charaktereigenschaft Englands der Protestantismus sei. In welcher Hinsicht war es der katholische Glaube, der für die Entwicklung Englands von grundlegender Bedeutung war, und was hat die Kirche heute anzubieten, das England neu entstehen lassen könnte?

Pater Nichols: Der Protestantismus war unter Königin Elisabeth aus dem Hause Tudor im Hinblick auf das Bestreben wichtig, Englands Identität wiederherzustellen – in Reaktion auf die katholisisierenden Tendenzen der Stuarts nach der Wiedereinsetzung der Monarchie und im Hinblick auf das Vorhaben, England und Schottland gegen die Interessen Frankreichs als vereinigtes Britannien zusammenzuschweißen, nachdem zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Parlamente vereinigt worden waren.

Aber die fast 1.000 Jahre katholischen Christentums, die all dem vorausgegangen waren, sind für die Ursprünge der schöpferischen Leistungen der englischen Literatur verantwortlich, für die Grundlagen des gesamten anglo-amerikanischen Rechtssystems, für das Konzept eines Bundesvolkes unter der Herrschaft Gottes, das der Einsetzung eines Souveräns zugrunde liegt, und für die Rangordnung der Tugenden, die in der englischen Kultur und Gesellschaft empfohlen und manchmal praktiziert wurden (und werden).

Was der Glaube der katholischen Kirche heute anzubieten hat, ist eine intellektuelle, moralische und schöpferisch-ästhetische Ausrüstung für die Rettung dieser Tugenden und ihre Neubelebung durch die sakramentale Gnade.

ZENIT: Der vielleicht interessanteste Teil Ihres Buches ist Ihre Begründung, warum die Mischung der verschiedenen Bevölkerungsteile innerhalb der katholischen Kirche in England diese auf einzigartige Weise für eine Umwandlung der englischen Kultur vorbereitet sein lässt. Könnten Sie das ein wenig genauer darlegen?

Pater Nichols: Das Beispiel der Bekehrung des angelsächsischen Englands zeigt die Effektivität eines missionarischen Programms, das Vertreter der einheimischen Bevölkerung mit klugen Neuankömmlingen verbindet. Um eine Kultur zu bekehren oder neu zu evangelisieren, bedarf es beides: die schon lange bestehende natürliche Vertrautheit des Einheimischen mit dieser Kultur und den distanzierteren, objektiveren kritischen Blick des Neuankömmlings.

Im zeitgenössischen englischen Katholizismus finden wir eine solche „eingeborene“ Gemeinschaft, die aus den Abkömmlingen von Gläubigen, die sich einst weigerten, zur Kirche von England zu gehören, aus Konvertiten und aus anglisierten Iren besteht, zusammen mit einem Potpourri mehr oder weniger neuerer Immigranten aus vielen Teilen der Welt. Als Reservoir für die Mission schafft das die erfolgreiche „Dark Age formula“ – die Erfolgsmethode des Christentums für die Missionierung im dunklen Zeitalter in der Zeit nach dem Fall Roms bis zum Jahr 1000.

Stellen Sie dem die Kirche von England gegenüber, für die es schwer ist, sich nationalen Trends zu verweigern, wohin immer diese auch führen mögen. Oder schauen Sie auf die orthodoxe Kirche in England, die viel zu sehr an andere Ethnien gebunden bleibt, als dass sie sich hinreichend in die englische Situation hineinversetzen könnte.

ZENIT: In den rund 100 Jahren zwischen 1850 und 1960 sind mehrere führende Künstler, Intellektuelle und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens katholisch geworden. Was war der Hauptgrund für diese Bekehrungen, und was ist heute der Hauptgrund für ihr auffallendes Fehlen? Was kann die Kirche heute tun, um die „maßgeblichen Spitzen“ der Kultur zu evangelisieren?

Pater Nichols: Die bemerkenswerte Zahl von Bekehrungen bedeutender oder relativ bedeutender Persönlichkeiten in der Zeit von 1850 bis 1960 ist aus der verbreiteten Wahrnehmung des Katholizismus als einer Darstellung des Wahren, Guten und Schönen zu verstehen, die gleichzeitig eine machtvolle Philosophie, eine umfassende Ethik und eine Vision spiritueller Freude war.

Das Fehlen solcher Konversionen in der Zeit nach 1960 muss aus der darauf folgenden Desorientierung hinsichtlich der Lehre erklärt werden („Wo bleibt denn da die Wahrheit?“), dem Nachbeten der modischen Menschenrechtsdiskussion („Wo bleibt da das Gute, zumindest was eine umfassende Ethik anbelangt?“) und aus der liturgischen Banalität („Wo bleibt da die Schönheit und die spirituelle Freude?“).

Was die Kirche heute tun kann ist, sich selbst zu reformieren, indem sie wie ein Mantra immer wieder die Worte wiederholt: „Nur das Beste ist gut genug“: das Beste in intellektueller, ethischer und ästhetischer Hinsicht.

ZENIT: Was Sie geltend machen ist, dass die Kirche ihr eigenes Schiff auf den rechten Kurs bringen muss, ehe sie versucht, England auf den rechten Kurs zu bringen. Und Sie legen den Finger auf das Hauptproblem: eine allgemeine Apathie unter Gläubigen und Klerus. Welche der von Ihnen vorgeschlagenen Reformen spricht dieses Problem am direktesten an?

Pater Nichols: Die einzige und dringendste Notwendigkeit ist ein neues In-Gang-Setzen einer angemessenen und einwandfreien Katechese auf allen Ebenen. Irgendetwas anderes an die erste Stelle zu setzen hieße, etwas zu versuchen, ohne die nötigen Mittel dafür zu haben; zu versuchen, „Lehmziegel ohne Stroh zu machen“.

ZENIT: Es scheint, dass der Islam dabei ist, sich eine führende Stellung in der englischen Gesellschaft zu verschaffen, indem er sogar einige hochprofilierte Konvertiten aus der königlichen Familie für sich gewinnt und ein auf der Scharia beruhendes Rechtssystem fordert. Hat das Christentum eine spezifische Rolle bei der Abwehr dieses Trends in Großbritannien?

Pater Nichols: England, oder – weiter gefasst – das Vereinigte Königreich, hat die Wahl zwischen drei Möglichkeiten, wenn es auf das nicht nur zahlenmäßige Wachstum der islamischen Gemeinschaft reagieren will, sondern auch auf sein im Wachsen begriffenes Selbstbewusstsein.

Die erste ist der „Kommunitarianismus“, der es jeder Glaubensgemeinschaft (und auch der Gemeinschaft von Nichtglaubenden) überlässt, die ihr genehme öffentliche Stellung einzunehmen. Dies scheint der Weg zu sein, den der derzeitige Erzbischof von Canterbury gehen möchte. Aber dieser „Kommunitarianismus” bedeutet die (weitergehende) innere Desintegration des kulturellen Systems der Nation als ganzer.

Die zweite Antwort ist ein säkularer Liberalismus, der jeglichen Glaubenseifer privatisieren würde, um den öffentlichen Bereich von allen Rechtsansprüchen von Seiten einer Religion frei zu halten. Aber das würde bedeuten, dass das moralische Kapital des geschichtlichen kulturellen Erbes zunehmend entleert würde, so dass der Sinn für das Metaphysische im öffentlichen Leben schrumpfte und schließlich der Agnostizismus zur Staatsreligion würde.

Die dritte Antwort ist eine Wiederentdeckung der jüdisch-christlichen Tradition als das, was der englischen Gesellschaft und Kultur auf besonders grundlegende Weise ihre Form verleiht, auch wenn man auch zulassen müsste, dass es einzelne Menschen und auch Gruppen gibt, die sich aus Gründen des Gewissens diese Tradition nicht ganz zu Eigen machen können. Aus naheliegenden Gründen denke ich, dass dies der Weg ist, den man gehen sollte.

[Das Interview führte Annamarie Adkins]