Die nicht relativierte Sünderin

Impuls zum 11. Sonntag im Jahreskreis

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 688 klicks

Eine entlarvende Szene. Jesus geht in das Haus eines vornehmen Pharisäers. Er ist zum Essen eingeladen, aber der Hausherr vernachlässigt die elementarsten Höflichkeitsregeln, z.B. dass man dem Gast die Füße waschen lässt und ihm einen Begrüßungskuss gibt. Er verhält sich höflich und anständig, lässt aber erkennen, dass er gegen Jesus starke Vorbehalte hat.

Ähnliches erlebt man nicht selten auch heute, auch in der Kirche. Nicht jeder besitzt die Größe eines Benedikt XVI., der sich nach England oder zum deutschen Bundestag begibt und weiß, dass viele Leute ihn dort eigentlich ablehnen. Da hat der emeritierte Papst – letztlich durch seine persönliche Heiligkeit und Integrität – das Wunder erwirkt, dass die Stimmung sich um hundertachtzig Grad drehte und man ihn sogar sehr akzeptierte.

Menschen, die Vorbehalte gegen den Papst und seine Lehren haben, lassen ihren Unmut gern gegen bestimmte Personen und Gruppen in der Kirche aus, die als besonders papsttreu bekannt sind. Wer sich als solcher in kirchliche Gremien begibt, kommt sich manchmal vor wie einer, dem man beim Eintreten allenfalls höflich zurückhaltend begegnet, eine manchmal sehr subtile Art des Mobbing. Nicht selten erlebt man auch, dass Leute, die einen sonst herzlich behandeln, das plötzlich in Anwesenheit anderer nicht mehr tun.

Interessanterweise ist der Vorbehalt gegen den Papst (auch bei den Vorgängern von Benedikt war es so, und bei seinem Nachfolger wird es ebenfalls so kommen) der gleiche, der im Evangelium vom heutigen Sonntag zur Sprache kommt, nämlich Sünde und Vergebung. Dabei ist es nicht entscheidend, ob die Kritiker Jesu zuviel oder zu wenig Sünde festzustellen meinen. Der Pharisäer ist davon überzeugt, dass Jesus eine öffentlich bekannte Sünderin (gibt es die eigentlich heute noch?) streng behandeln müsste. Die heutigen Kritiker des Stellvertreters Jesu verlangen allerdings, dass er in moralischen Fragen – vor allem im sechsten Gebot und in Fragen des Lebens – nicht so streng sein soll. Auf den ersten Blick also ein Fortschritt.

Keineswegs! In Wirklichkeit verlangt man von Jesus und seiner Kirche nicht eine milde Behandlung des Sünders – die hat die katholische Kirche immer gehandhabt – sondern die Aufhebung der Sünde. Das, was bisher Sünde war, und nicht nur in den Augen der Katholiken, soll nicht mehr Sünde sein. Was das im einzelnen ist, bedarf nicht der Erwähnung. Wir lesen es jeden Tag in der Zeitung.

Während die Sünderin reuevoll zu Jesu Füßen sitzt erzählt der Herr ein Gleichnis, aus dem hervorgeht, dass der Mensch nicht an der begangenen Sünde vorbei kann, sondern sich ihr stellen muss. Die Sünde nimmt die Freude weg, und der Mensch sucht eine Lösung, denn er will nicht unglücklich sein. Mit Recht, denn Gott hat uns ja zur Freude geschaffen. Unser Schöpfer kennt uns und weiß um unsere Schwäche. Da er uns frei geschaffen hat, kann er aber nicht verhindern, dass wir sündigen.

Was ist nun eigentlich die Sünde? Böses tun. Aber was ist böse? In unserem relativistischen Zeitalter der Umkehrung der Werte wird mancher sagen, das ist doch eigentlich nur eine Konvention.

Hier zeigt es sich, nebenbei bemerkt, wie gut beraten die aufgeklärten Staatsmänner des 18. und 19. Jahrhunderts waren, als sie dafür sorgten, dass ihre Untertanen in der christlichen Religion unterrichtet wurden. Sie wussten, dass die Menschen, wenn sie an Gott nicht glauben, nur schwer zu einem moralischen Verhalten zu motivieren sein würden. Wenn die Gebote (Gesetze) nur von Menschen gemacht sind, am besten sogar durch Mehrheitsbeschluss, dann spricht nichts dagegen, sie bei Bedarf durch einen neuen Beschluss  zu verändern. Und genau da sind wir heute.

Das Tötungsverbot ist in allen Religionen und Kulturen selbstverständlich. Aber wenn es denn Vorteile bringt, es zunächst zu umgehen (um es später zu relativieren), dann kann man ja an den “Rändern” anfangen, also in der vorgeburtlichen oder in der senilen Phase des menschlichen Lebens.

Oder, im Hinblick auf die Sünderin im Evangelium, was ist denn eigentlich dabei? Es wäre doch schließlich nur eine Sache der Definition, ob die Frau die Ehe gebrochen hat oder einfach nur “Spaß haben wollte”.

Die Sache ist aber uralt. Im Paradies bereits erlagen unsere Vorfahren der Versuchung, selber zu entscheiden, was gut und was böse ist. Sie haben sich falsch entschieden, und wir haben bis heute nicht daraus gelernt.

Denn bei allem Relativismus ist da der lästige Störfaktor Gewissen. Die Frau wollte gar nicht bestätigt haben, dass ihr Verhalten im Grunde korrekt war. Sie wusste, dass es nicht in Ordnung war, und es tat ihr leid.

Und der Herr lobt sie. Nicht weil sie gesündigt hat, lobt er sie. Die Sünde muss ihr vergeben werden. Vor uns sehen wir zwei der schönsten Eigenschaften des Meisters.

Er ist barmherzig, das heißt er verzeiht, ohne weitere Diskussionen.

Und er liebt und schätzt es, geliebt zu werden. Er zeigt uns den Zusammenhang zwischen Liebe und Barmherzigkeit: “Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie mir so viel Liebe gezeigt hat” (Lk 7,36).

Ein mögliches Ziel für Menschen unserer Zeit: Nicht relativieren, sondern am Gewissen arbeiten. Wir haben in unserem Inneren einen wahren Schatz, eine Richtschnur, die unserem Denken und Handeln Niveau verleiht. Man muss es allerdings pflegen. Man kann das Gewissen verbiegen und verbilden, was sich früher oder später immer rächt.

Vielmehr sollten wir es pflegen und nähren.

Seine Nahrung ist die Wahrheit Christi und die barmherzige Liebe der Jungfrau Maria.

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Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich).