Die Obsession eines Mörders: Zur Filmadaption von Patrick Süskinds "Das Parfum"

Von Jose García

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WÜRZBURG, 18. September 2006 (ZENIT.org/ Die-Tagespost.de).- Mit mehr als 15 Millionen in 45 Sprachen verkauften Exemplaren gehört Patrick Süskinds "Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders" (1985) zu den erfolgreichsten Werken der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Die Geschichte des im vorrevolutionären Frankreich auf einem Fischmarkt geborenen Jean Baptiste Grenouille, dessen stark ausgeprägter Geruchssinn zu einer mörderischen Obsession wird, wurde von Tom Tykwer mit Staraufgebot in einer Großproduktion für die große Leinwand adaptiert.



Das Produktionsdesign ist äußerst gelungen: Tykwer lässt zwar das 18. Jahrhundert erstehen, ohne aus seiner Filmadaption jedoch einen blutleeren Kostümfilm zu machen. Die Kamera weidet sich weder an Prachtbauten noch an weiteren Schauwerten. Denn zunächst einmal ist ohnehin kaum etwas zu bewundern: Jean Baptiste Grenouille wird auf dem Fischmarkt geboren. Seine Mutter lässt ihn in einem stinkigen Haufen von Fischabfällen liegen.

Bereits hier stellt Tom Tykwer unter Beweis, wie sich eins der Probleme dieser Adaption meistern lässt: die Sichtbarmachung von Gerüchen. Hierfür, vor allem aber für die Sequenz, in der Grenouille (Ben Whishaw) zum ersten Mal als Erwachsener in die Stadt geht, und dort allerlei Gerüche wahrnimmt, bis er von einer Parfümerie angezogen wird, findet der Film genuin filmische Mittel. Dazu äußerte der Regisseur in einem Interview ("Die Welt" vom 2. September): "Alle Gestaltungsebenen waren gefordert. Musik, Tongestaltung und Bild finden im Schnitt zu einem Rhythmus, der die physische Erfahrung des Riechens ausdrücken soll: sozusagen eine Gemeinschaftsproduktion von Kamera, Ausstattung und Berliner Philharmonikern."

Mit musikalisch untermalten, extrem fokussierten Schnitt-Gegenschnitt-Aufnahmen, einer dichten-düsteren Atmosphäre sowie schnellen Kamerafahrten ist die filmische Umsetzung des Geruchssinns gelungen. Dieser Aspekt stellt bei der Verfilmung von Süskinds Roman indes lediglich eine der Schwierigkeiten dar. Denn von Gerüchen handelt "Das Parfum" nur vordergründig.

"Das Parfum" erzählt vielmehr die Geschichte der Obsession Grenouilles, ein Parfüm zu kreieren, das die Liebe der Menschen ihm gegenüber erzwingt. In Paris überzeugt der junge Mann Parfumeur Giuseppe Baldini (Dustin Hoffmann), ihn in die Lehre zu nehmen. Nachdem er sich in Paris in den Duft eines schönen rothaarigen Mädchens (Karoline Herfurth) verliebt und sie unbeabsichtigt erwürgt hatte, möchte Grenouille die Kunst lernen, menschlichen (weiblichen) Duft zu konservieren. Dies kann ihm der Parfumeur freilich nicht beibringen.

Von Baldini erfährt der junge Mann allerdings von der südfranzösischen Stadt Grasse, in der die besten Parfumeure der Welt ausgebildet werden. Dorthin begibt er sich, verbringt allerdings zunächst sieben Jahre in einer Höhle im Zentralmassiv, wo er eine folgenschwere Entdeckung macht: Jean Baptiste Grenouille verfügt über keinen Eigengeruch.

In Grasse findet Grenouille Arbeit als Geselle im kleinen Parfumeuratelier der Witwe Arnulfi (Corinna Harfouch), wo er neue Methoden zur Duftgewinnung erlernt. Bald jedoch werden auf geheimnisvolle Art junge Mädchen ermordet, die nackt und mit kahlrasiertem Haupt aufgefunden werden. Denn Grenouille gewinnt aus ihrer Haut und ihren Haaren mit Hilfe von Fett und Ölen, der so genannten Enfleurage, Parfum.

Setzt der Film in seiner grandiosen ersten Hälfte den Geruchssinn filmisch um, so gelingt es dem Regisseur in der zweiten, in Grasse spielenden Hälfte kaum, den Antihelden und seine Obsession plausibel in Szene zu setzen. Die Hassliebe zur abstoßenden, amoralischen Figur Jean Baptiste Grenouille, die Patrick Süskinds Roman im Leser entstehen lässt, empfindet der Zuschauer kaum.

Die Empfindungen Grenouilles werden statt mit filmischen Mitteln durch die Off-Stimme eines Erzählers ausgedrückt. Tom Tykwers "Das Parfum" erzählt zwar "Die Geschichte eines Mörders", bleibt aber in seiner zweiten Hälfte an der Oberfläche, bei einem bloßen "Kriminalroman" haften. Von der Obsession eines ohne Liebe, ohne Moralvorstellungen, ohne Religion aufgewachsenen Außenseiters, die ja den Kern des Romans ausmacht, erfährt der Zuschauer wenig.

[© Die Tagespost vom 16.09.2006]