„Die ‚Ökumene der Herzen‘ überwindet die Grenzen mit Leichtigkeit“

Interview mit Pater Michael Marmann

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MÜNCHEN, 2. Mai 2007 (ZENIT.org).- „Wir haben innerhalb der Geistlichen Bewegungen auf europäischer Ebene gar nicht das Gefühl, dass die Ökumene stagniert“, betonte Pater Dr. Michael Johannes Marmann, viele Jahre Vorsitzender des Generalpräsidiums des Internationalen Schönstattwerkes und Leiter der Patresgemeinschaft, im Gespräch mit ZENIT.



Der einstige Ratzinger-Schüler, der 1971 beim jetzigen Papst zum Doktor der Theologie promovierte, hat zusammen mit dem evangelischen Pastor Friedrich Aschoff das Buch Zuneigung. Christliche Perspektiven für Europa geschrieben, das in diesen Tagen neu in den Handel kommt.

ZENIT sprach mit P. Marmann über diesen Band, der mit seinen 164 Seiten in lebendigen Beiträgen zeigt, wie eine „Ökumene der Herzen“ Grenzen überschreitet und neue Wege geht.

Pater Michael Johannes Marmann ist seit 2004 Rektor der Filiale der Schönstattpatres in München und kommissarischer Standesleiter für die Familienliga in Deutschland. Im September wird er im Rahmen des Schülerkreis-Treffens mit Papst Benedikt XVI. seinen 70. Geburtstag feiern.

ZENIT: Der Titel ihres gemeinsamen Buches, das pünktlich zum ökumenischen „Europatag“ erscheint, trägt den Titel „Zuneigung“. Wie kam es dazu?

-- P. Michael Marmann: Was Kardinal Walter Kasper 2004 in Stuttgart „Sternstunde der Ökumene“ und „Meilenstein auf dem Weg der Kirche“ nannte, beruht ja auf dieser doppelten Zuneigung: zu Christus und zueinander. Bruder Franziskus, der Prior der Jesusbruderschaft von Gnadenthal, hat unseren gemeinsamen Weg bei einem Treffen mit „Zuneigung“ umrissen.

Schon vorher wurde auf dem ersten Treffen der Bewegungen in Deutschland im März 1999 auf der Rothenburg das Wort von der „Ökumene der Herzen“ geprägt. Eine evangelische Pastorin der „Vineyard-Bewegung“ hat es zuerst benutzt. Kardinal Kasper sprach dann von der „Ökumene des Lebens“. Die evangelischen Glaubensbrüder bezeichneten den Vorgang mit „Gott sammelt sein Volk“. Auch das drückt einen von Herzen beseelten Prozess aus, der sich in der Ökumene zeigen soll.

Ein Bild, das uns Helmut Nicklas erschlossen hat, zeigt, wie Maria und Johannes der Täufer auf Christus schauen. Der Blick auf Christus, der Fingerzeig, das dauernde Verweisen auf ihn, lässt ihren Blick dann auch aufeinander fallen. Wir schauen auf Christus, die Zuneigung zu ihm ist entscheidend für die Art von Zuneigung, die wir zueinander innerhalb der Gruppierungen pflegen.

ZENIT: Wie geht man bei einer solchen „Ökumene der Herzen“ mit den Verschiedenheiten, den Ecken und Kanten des anderen um?

-- P. Michael Marmann: Natürlich kann eine „Ökumene der Herzen“ nicht alle Spannungen auflösen, das soll sie auch gar nicht. Davon lebt ja die Beziehung.

Wenn wir ausgehend von dem Fundus dessen, was uns zutiefst antreibt und eint, kommunizieren; wenn wir darüber reden, wer der lebendige Christus in unserem Leben und unserem Engagement konkret ist, dann hat das stets die Frage geweckt: „Was ist bei euch nun anders?“ Ich habe das besonders beim Austausch mit evangelikalen Gruppen gemerkt. Aber, so darf ich ihnen gestehen, diese Frage hat das „Andere“, das „Verschiedene“ als etwas Positives eingefordert.

Als wir diesen Weg 1999 begonnen haben, waren wir zuerst von der Ähnlichkeit der spirituellen Erfahrung, dem gemeinsamen Sendungsauftrag überwältigt. Mit den Jahren haben wir aber auch gespürt: Das ist bei uns definitiv anders, und das ist gut so.

Wir erleben im Miteinander der Bewegungen, dass wir stets in unseren ureigenen und unaufgebbaren Glaubensschätzen gestärkt werden. Da, wo wir als Bewegungen die gemeinsame Mitte in Christus teilen, erleben wir, dass die bleibende Unterschiedlichkeiten mit Leichtigkeit durchgetragen werden können.

ZENIT: Wie könnten Ihrer Meinung nach nun die Diskrepanzen auf dem ökumenischen Weg, die immer wieder in den Medien Schlagzeilen machen, überwunden werden?

-- P. Michael Marmann: Probleme bringt das ökumenische Miteinander immer dann, wenn man das praktiziert, was ich „Profil-Ökumene“ nennen würde. Das kann man zum Beispiel bei der EKD in der letzten Zeit registrieren, wenn man sich seitens der Leitung in vielen Teilfragen permanent abgrenzen muss.

Ich habe über eine lange Zeit mit dem evangelischen Bischof Knut von Schleswig darüber reflektiert und ihm eingestanden: „Ich habe den Verdacht, dass man bei vielen öffentlichen Verhandlungen innerhalb der Kirchen letztlich das Ziel dieser Ökumene nicht mit bedenkt.“ Ich habe ihm gegenüber meine Verwunderung kundgetan, dass wir in unseren ökumenischen Gesprächen die trinitarische Perspektive oft genug vernachlässigen. Der Blick auf unseren dreifaltigen Gott lehrt uns viel über die unvermischte Verschiedenheit dreier Personen, die doch in der Mitte, im Wesen, in der Liebe eins sind.

Vater, Sohn und Heiliger Geist, ewig verschieden und auf ewig eins. Die Dreifaltigkeit ist das Urbild, das Vorbild der Ökumene. Das Volk Gottes ist doch seinem Gott wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich.

ZENIT: P. Michael, Schönstatt und Ökumene. Wie nun sieht der nächste Schritt innerhalb ihrer eigenen Bewegung aus?

-- P. Michael Marmann: Auf der kommenden Delegiertenversammlung der gesamten Schönstattfamilie wollen wir diesmal mit den 800 Delegierten bewusst vertiefen, wie es uns gelingen könnte, innerhalb des ganzen Werkes vertieft ökumenische Akzente zu setzen. Die Erfahrungen der letzten Jahre sollen in einem Referat mit dem Titel „Gott sammelt sein Volk“ zu einem Anstoß für all unsere Gliedschaften werden.

Unser Präsidium hat zudem beschlossen, das neben mir noch fünf andere Schönstätter mit zur ökumenischen Konferenz der Europäischen Bischofskonferenzen nach Sibiu in Rumänien gehen sollen.

Aus evangelikalen Kreisen erreichte mich über einen Sprecher die Nachricht, dass man bestrebt sei, die Gründung einer neuen christlichen Partei zu erwägen. Das sind alles Möglichkeiten, gemeinsam gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

Doch für mich bleibt dabei eines klar: Beim Lebensvorgang Ökumene sind Diskussionen, Themen und theologische Konsensüberlegungen sehr wichtig. Der ökumenische Prozess, der in Graz und Basel seinen Anfang nahm, ist eine imponierende Sache, aber die „Ökumene der Herzen“ überwindet die Grenzen mit Leichtigkeit; das gepflegte Miteinander innerhalb der Geistlichen Gemeinschaften ist meiner Meinung nach viel interessanter.