Die ökumenischen Perspektiven der kommenden Synode

Interview mit Kardinal Albert Vanhoye SJ (Teil 3)

| 1023 klicks

ROM, 1. Oktober 2008 (ZENIT.org).- „Die Synode wird eine ökumenische Offenheit zeigen“, erklärte der langjährige Rektor des Päpstlichen Bibelinstituts in Rom, Jesuit Albert Vanhoye (83), gegenüber ZENIT. Vor zwei Jahren hatte ihm Papst Benedikt XVI. im Rahmen eines Konsistoriums die Würde eines Kardinals verliehen, und in diesem Jahr berief er ihn als Mitglied in die kommende Weltbischofsynode über das Wort Gottes, die am 5. Oktober in Rom beginnt.

Während Kardinal Vanhoye im ersten Teil des Interview den Lesern von ZENIT einen Einblick gab, woher seine Liebe zum Wort Gottes kommt und wie sie sein Leben als Christ prägt, ging es im zweiten Teil um wichtige Impulse für eine Spiritualität des Wortes Gottes im christlichen Lebensalltag. In diesem dritten Teil zeigt er nun die möglichen Impulse der Synode für die Ökumene und ein lebendiges Christensein auf.

Bekannt ist Vanhoye für seine Forschungsarbeiten zum Hebräerbrief sowie für seine Bibelhermeneutik, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil inspiriert worden ist.

ZENIT: Der Synode geht es auch um die Heilige Schrift im Kontext der Ökumene. Welche Erfahrungen haben Sie in diesem Bereich gesammelt?

Kardinal Vanhoye: Ich habe an der ökumenischen französischen Bibelübersetzung mitgearbeitet. Das ist ein Projekt, das vom Konzil angeregt wurde und hinsichtlich der Ökumene sehr fruchtbar geworden ist. Es wurde festgestellt, dass die Bibel wirklich ein Boden für die Einheit ist. Natürlich gibt es auch biblische Texte, die Anlass zu sehr starken Diskussionen boten, aber wir haben viele Dinge gemeinsam, und wir müssen darauf aufbauen.

Die Synode wird auch diesen Aspekt der ökumenischen Offenheit haben. Es ist klar, dass, gesetzt den Fall, ein Protestant folgt dem „Sola Scriptura" Luthers, er deshalb dann wohl nicht im Fahrwasser der Tradition unterwegs sein wird. Daraus ergibt sich dann eine Schwierigkeit. Aber auf der anderen Seite hat es unter Katholiken die Tendenz gegeben, nicht unbedingt die Bibel zu meditieren, sondern vielem anderen weit mehr Aufmerksamkeit zu schenken, etwa den Dogmen und Andachten. Daher ist die Aufmerksamkeit, die nun dem geschriebenen Wort Gottes gilt, sicherlich ein Element, das sehr stark verbindet, das uns als Gemeinschaft zusammenführt.

ZENIT: Sie haben viele Exegeten kennen gelernt und viele von ihnen auch unterrichtet. Wie lässt sich bei einer solchen Arbeit am Text eine kalte Wissenschaftlichkeit vermeiden, die keinen Bezug mehr zum Glauben hat?

Kardinal Vanhoye: Ich denke, das Wichtigste ist die Meditation der biblischen Texte, und dies mit einer Haltung des Glaubens und des Gebetes. Exegeten dürften sich nicht nur mit dem Studium der Texte begnügen. Sie sollten das Wort in einer Haltung der Suche nach dem Herrn meditieren, mit ihm verbunden sein. Zugleich müssen sie sich immer darüber im Klaren sein, dass nur Christus den ganzen Reichtum der inspirierten Texte offenbart; dass er es ist, der unseren Geist erst einmal für die Vernunft der Heiligen Schrift öffnet, wie es das Lukasevangelium am Ende formuliert.

Die Lösung, wenn wir das so sagen wollen, ist deshalb das Gebet, eben verstanden als Meditation, die die Vereinigung mit dem Herrn sucht. Das bedeutet konkret, sich für das Licht des Herrn zu öffnen, die Annahme seiner Liebe. Nur so können die Gefahren einer rationalistischen und mithin unfruchtbaren Haltung abgewendet werden. Denn diese können zu einem Hindernis für das Leben der Gläubigen werden.

ZENIT: Was sind Ihre Erwartungen für die Synode? Wird sie einen Einfluss auf die Bibelwissenschaft haben?

Kardinal Vanhoye: Ich bin mir nicht so sicher, ob die Synode das Studium der Exegese wird beeinflussen können, wenn sie so etwas wie eine pastorale Perspektive bekommt. Allerdings auch diese Perspektive fiele sicherlich in den Einzugsbereich einer Erklärung der biblischen Texte. Aber bedenken Sie: Exegese ist eine tief schürfende wissenschaftliche Untersuchung und wird aus einer Sicht heraus betrieben, die nicht direkt seelsorglich orientiert ist.

Von der Synode können wir sicherlich einige sehr fruchtbare Hinweise für vertiefte Kenntnisse der Bibel erwarten, eine größere Akzeptanz der Bibel im Leben der christlichen Gemeinden und im geistlichen Leben der Menschen.

Auf der anderen Seite gibt es auch ein ökumenisches Interesse, das im Instrumentum laboris direkt angesprochen wird. Man kann sich also dank der Akzeptanz des geschriebenen Wortes Gottes eine noch größere Annäherung der verschiedenen christlichen Konfessionen erhoffen.

Das „Instrumentum laboris" gibt zu verstehen, dass die Synode besonders daran interessiert sein wird, durch das geschriebene Wort Gottes ihre Perspektive zu erweitern. Es heißt dort, dass das Wort Gottes Christus ist, und deshalb wird bekrägtigt: Das Ziel der Synode ist es, Christus besser kennen zu lernen. Das halte ich wirklich für das ultimative Ziel. Ein mehr unmittelbares Ziel ist es natürlich, die Aufmerksamkeit aller Beteiligten der Kirche immer mehr auf die Notwendigkeit eines stärkeren und tieferen Kontakts mit dem geschriebenen Wort zu lenken.

Natürlich sollte das geschriebene Wort wieder lebendig werden und nicht ein toter Buchstabe sein. Damit es aber wieder lebendig wird, muss es eingebettet sein in den Fluss der Tradition, in die Verkündigung und das Leben der Kirche.

Von Lucas Teixeira LC; aus dem Italienischen übersetzt von Angela Reddemann und Domink Hartig