Die Orthodoxie schätzt das theologische Profil des Papstes

Interview mit Pater Gregor Hohmann OSA, Direktor des Ostkirchlichen Instituts in Würzburg

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WÜRZBURG, 22. August 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Die Fragen, was eine Begegnung zwischen dem Moskauer Patriarchen Alexeij II. und Papst Benedikt XVI. bedeuten könnte und wie es um die Beziehung zwischen den beiden Kirchen bestellt ist, erörtert Pater Gregor Hohmann OSA, Direktor des Ostkirchlichen Instituts in Würzburg, im folgenden Interview von Regina Einig.



Wäre ein Papstbesuch in Moskau ein politisches oder ein ökumenisches Ereignis?

Jeder Papstbesuch trägt eine politische Note, da der Papst ja auch Oberhaupt eines gut vernetzten Staates ist. Aber in erster Linie hätte eine Moskaureise des Papstes ökumenische Bedeutung. Die Begegnung mit den Vertretern der größten orthodoxen Kirche bliebe sicher nicht ohne Folgen für die gesamte Orthodoxie. Alle Orthodoxen würden ein solches Ereignis sehr aufmerksam beobachten und beurteilen.

Isoliert sich das Moskauer Patriarchat mit seiner unnachgiebigen Haltung gegenüber Rom innerhalb der orthodoxen Kirchen?

Nein, den anderen orthodoxen Denominationen sind die Spannungen zwischen dem Moskauer Patriarchat und dem Vatikan relativ egal. Jedes Patriarchat ist für sich selbstständig und pflegt seine eigenen Beziehungen mit Rom.

Wie sieht das Moskauer Patriarchat den deutschen Papst?

Seit Beginn des Pontifikats von Benedikt XVI. ist eine große Bereitschaft in der russisch-orthodoxen Kirche spürbar, dem Papst zuzuhören. Viele seiner Aussagen sind wohlwollend kommentiert worden. Dass er als theologisch konservativ angesehen wird, schätzt die russische Orthodoxie. Johannes Paul II. war Pole und stieß deshalb in Russland trotz seiner konservativen Positionen auf mehr Vorbehalte.

Angesichts der unzähligen Nichtchristen in Osteuropa scheint die Aufregung über katholische Missionare kaum nachvollziehbar...

Ja, so sehen wir das. Aber die russisch-orthodoxe Kirche legt Wert auf das so genannte kanonische Territorium. Sie begründet ihre Position mit einer Stelle aus dem Römerbrief, in der Paulus schreibt: „Ich habe darauf geachtet, das Evangelium nicht dort zu verkündigen, wo der Name Christi schon bekanntgemacht war, um nicht auf einem fremden Fundament zu bauen.“

Es wird oft vergessen, dass Russland seit tausend Jahren ein christliches Land ist. Wieviele Russen den Glauben tatsächlich praktizieren ist natürlich eine andere Frage. Die Frage, was vom christlichen Erbe übriggeblieben ist, stellt sich in den Ländern Westeuropas ja auch. In Russland würde vielen Christen das Bild eines glaubenslosen Landes, das missioniert werden muss, übel aufstoßen.

Gab es vor der Wende ähnliche Abwehrreaktionen gegen die katholische Kirche?

Bis zur politischen Wende 1989/90 schienen die Beziehungen zwischen dem Moskauer Patriarchat und dem Vatikan recht gut zu sein. Nach der Wende stellte sich heraus, dass viele Kontakte des Moskauer Patriarchats mit dem Vatikan offenbar auf Veranlassung des kommunistischen Regimes geknüpft worden waren. Diese Kontakte dienten dazu, der westlichen Welt zu suggerieren, das Moskauer Patriarchat sei frei und es gebe Religionsfreiheit in Russland. Nach der Wende zeigte sich aber, dass die russisch-orthodoxe Kirche auf die Freiheit völlig unvorbereitet war. Es fehlte vor allem an theologischer Bildung des russischen Klerus und Episkopats.

Das lag auch daran, dass der Staat bestimmt hatte, wer studieren durfte. Man hatte natürlich für das Theologiestudium nicht die Intelligentesten ausgesucht, sondern die, von denen man Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der Regierung erwarten konnte. Außerdem stand die orthodoxe Kirche nach der Wende dem Ansturm westlicher Missionare völlig hilflos gegenüber. Die Reaktionen waren Angst und Abkapselung. Besonders bei jungen Russen setzte eine Abwehrreaktion ein.

[© Die Tagespost vom 21.8.2007]