Die Päpste und das Weltall

Von Ulrich Nersinger

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ROM, 12. Juli 2007 (ZENIT.org).- Im Sommer 2005 brachte Bild einen Bericht über die Vatikanische Sternwarte. „Vatikan lässt nach Aliens suchen“, lautete der reißerische Titel. Für das deutsche Boulevardblatt stand fest, seit 1578 „fandet der Vatikan nach außerirdischem Leben“. Laut Bild soll der Vatikanastronom Pater Sabino Maffeo SJ gesagt haben: „Es ist denkbar, dass Gott Außerirdische geschaffen hat, andere Wesen im All“. Auf die Frage, was denn geschehe, wenn sie wirklich entdeckt würden, sei die Antwort des Jesuiten gewesen: „Dann lautet unsere wichtigste Frage an sie natürlich: Glaubt ihr an Gott? Kennt ihr die Zehn Gebote?“



Die Präsenz der Päpste am Himmelsgewölbe begann im Pontifikat Gregors XIII. (1572-1585). Der Pontifex aus dem Adelsgeschlecht der Boncompagni hatte im Apostolischen Palast des Vatikans den Torre dei Venti, den „Turm der Winde“, errichten lassen. Der in den Jahren 1578 bis 1580 nach Plänen des Architekten Ottaviano Mascarino entstandene Turm sollte der Beobachtung der Gestirne und den Studien zur Reform des Kalenders dienen. In der Sala des ersten Geschosses ist bis heute der Meridian zu sehen, mit dem der päpstliche Astronom Pater Ignazio Danti dem Heiligen Vater den Beweis lieferte, dass die astronomische Tag- und Nachtgleiche des Frühjahrs nicht, wie seit dem Konzil von Nicäa angenommen, auf den 21. März, sondern bereits auf den 11. März fällt – „An der südlichen Wand des Turms gibt es ein kleines Loch in Meridianhöhe. Der Sonnenstrahl um zwölf Uhr fällt durch dieses Loch genau auf die hervorgehobene Meridianlinie, die in Nord-Süd-Richtung auf dem Boden des Saales markiert ist. Sie dient zur Justierung der Pendeluhr und zur Korrektur des Kalenders. Man konnte sowohl die Mittagszeit wie auch das Datum entsprechend der Mittagshöhe der Sonne auf der Meridianlinie ablesen. Am 24. März 1582 jedoch fiel der mittägliche Sonnenstrahl auf einen Punkt der 60 Zentimeter vom ursprünglichen Punkt der Tagundnachtgleiche entfernt war. Dies überzeugte Papst Gregor XIII. von der Notwendigkeit einer Kalenderreform“ (Gustav Teres).

Der 73 Meter hohe Turm wurde unter Papst Urban VIII. (1623-1644) zu einem luxuriösen Gästeappartement umgestaltet (in ihm hatte Königin Christina von Schweden nach ihrer Konversion zum Katholizismus Wohnung genommen). Die oberste Loggia des Turmes diente dann später wieder als Sternwarte. Papst Pius VI. (1775-1799) ließ im Jahre 1797 an der nordöstlichen Außenseite eine Wendeltreppe anbauen, um die Räumlichkeiten mit dem vatikanischen Archiv zu verbinden. Das kleine Observatorium wurde mit wissenschaftlichen Apparaten ausgestattet. Zum Leiter ernannte der Papst Monsignore Filippo Gilii. Auf eigene Kosten besorgte der Geistliche weitere Geräte, mit denen er astronomische, geophysikalische und meteorologische Untersuchungen vornahm. Der Tod des Monsignore im Jahre 1821 bedeutete das Ende der Sternwarte – die dort befindlichen Instrumente wurden in alle Winde zerstreut.

Im 18. und 19. Jahrhundert fanden astronomische Beobachtungen und Forschungen im Collegio Romano der Jesuiten ihre Fortsetzung. Die Söhne des hl. Ignatius von Loyola hatten dort einen hohen Turm mit Fernrohren erbaut – von 1774 an durfte sich der torre des Kollegs „Päpstliches Observatorium“ nennen. Am Römischen Kolleg wirkte seit dem Jahre 1850 Pater Angelo Secchi, einer der bedeutendsten Astronomen der Neuzeit und Begründer der Astrophysik.

Angelo Secchi wurde am 29. Juni 1818 in Reggio Emilia geboren. Schon im Alter von 15 Jahren hatte er sich dem Jesuitenorden angeschlossen. Dem hochbegabten Studenten erlaubte man neben den üblichen philosophisch-theologischen Studiengang auch das Studium der Astronomie. In Loreto lehrte er schon bald als Professor für Mathematik und Physik. Die Revolution in den Päpstlichen Staaten (1848/49) zwang die Jesuiten das Herrschaftsgebiet des Heiligen Vaters zu verlassen; im Exil arbeitete Secchi an den Sternwarten von Stonyhurst in England und des Georgetown Colleges in Washington, D.C. Im Jahr der Rückkehr des Papstes in die Ewige Stadt (1850) wurde ihm die Leitung der Sternwarte des Collegio Romano übertragen. Er war der erste, der die Spektralanalyse in die astronomische Forschung einführte und die Sterne nach ihrem eigentümlichen Farbspektrum klassifizierte. Secchi war maßgebend an der Entdeckung der wahren Natur der Sternkörper und des Zustands der Sternmaterie in den äußeren Schichten der Sterne beteiligt, des weiteren befasste er sich mit dem Einfluss der Sonne auf die Erdatmosphäre sowie deren elektrischen Erscheinungen. Auch dem Mond hatte sich der Ordensmann gewidmet (später wurde sogar ein Krater auf dem Erdtrabanten nach ihm benannt). Der päpstliche Astronom „machte durch seine Forschungen die Vereinbarkeit von Naturwissenschaften und Theologie deutlich zu einer Zeit, wo deren Bruch sozusagen programmiert war. Secchis Bedeutung für die Naturwissenschaften liegt auf den Gebieten der Sternkunde, der Wetterkunde und der Physik; seine Bedeutung für die Geistesgeschichte der westlichen Welt müsste noch Thema künftiger Untersuchungen werden“ (Josef Madey).

Der große Förderer Angelos Secchis war Pius IX. (1846-1878) gewesen. Der Papst hatte schon früh die außergewöhnlichen Fähigkeiten des Jesuiten erkannt und sie zum Nutzen der Kirche und Welt eingesetzt – nicht nur in der Astronomie. In der Voraussage des Wetters war Secchi durch seine Untersuchungen so weit gekommen, dass er für Italien größere Orkane und Meeresstürme auf zwei Tage voraussagen und die Hafenstationen Civitavecchia, Ancona und Porto d’Anzio telegraphisch vor dem Auslaufen von Schiffen warnen konnte. Ihm war es zu verdanken, dass sich schon im Jahre 1854 in Rom die „Telegraphisch-meterologische Correspondenz für den Kirchenstaat“ bildete, die Jahre später Muster und Vorbild für die von Leverrier begründete große „Correspondenz“ von Paris wurde.

Die Liebe des Papstes zur Astronomie fand sogar im Alltagsleben des Pontifex ihren Niederschlag. Zum Ende seines Pontifikats musste sich Pius IX. einer äußerst schmerzhaften Operation unterziehen. Nicht eine einzige Klage war aus dem Mund des hohen Patienten zu vernehmen. Als ihn der päpstliche Chirurg fragte, ob denn die Schmerzen erträglich gewesen seien, erwiderte Pius lächelnd: „Mein lieber Doktor, Sie haben mir mehr Sterne am Firmament des Himmels gezeigt als die Jesuitenpatres in ihren Observatorium.“

Zu seiner Arbeit und zu Pius IX. merkte Pater Secchi an: „Wenn es überhaupt eine wissenschaftliche Forschungsarbeit gibt, welche die Seele des Menschen zu ihrem Schöpfer erhebt, dann ist es die Wissenschaft der Sternkunde. Denn ‚die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner Hände kündet das Firmament’ (Ps 19,2). Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass viele dem göttlichen Dienst geweihte Personen sich ihr mit großer Hingabe und großem Erfolg widmen ... Es ist somit ganz natürlich, dass ein so aufgeklärter Papst wie Pius IX. die Sternkunde verteidigt und gefördert hat, welche nicht nur für die philosophischen Studien nützlich ist, sondern gewissermaßen auch die Verehrung Gottes fördert“.

Unbeabsichtigt war durch Angelo Secchi auch eine neue Literatursparte, der Zukunftsroman, beflügelt worden. Bei der Erstellung von Marskarten hatte er die Linien, die dunkle Punkte des Planeten miteinander verbanden, als „canali – Kanäle“ bezeichnet. Bei Syrtis Major Planitia sah er einen „Atlantik-Kanal“, in einer anderen Region den „Franklin-Kanal“. Secchi spekulierte darauf, daß dies möglicherweise natürliche Wasserwege gewesen seien (heute scheinen die neuesten NASA-Forschungen dem Jesuiten recht zu geben). Zeitgenössische Publikationen führten die Hypothesen des Astronomen dann ins Abenteuerliche hinüber, schon bald sprach man von künstlichen Konstrukten, die Außerirdische geschaffen hätten. Noch vor wenigen Jahren stellte eine Esoterikzeitschrift die Frage: „Wusste Pater Secchi mehr?“

Die unrechtmäßige Einverleibung des Kirchenstaates in das Königreich Italien (1870) hatte die astronomische Forschung des Heiligen Stuhls mehr oder weniger zum Erliegen gebracht. Im März 1891 errichtete Leo XIII. (1878-1903) kraft des Motu Proprios Ut mysticam Sponsam Christi inmitten der Vatikanischen Gärten ein neues päpstliches Observatorium: „Die Söhne der Finsternis wollen Verachtung und Hass wecken gegen die Kirche Christi unter den Völkern. Sie verbreiten die falsche Anklage, dass die Kirche ein Gegner der wissenschaftlichen Forschung und des Fortschrittes sei ... Unsere Absicht durch die Erneuerung der Vatikanischen Sternwarte ist es, die edelste Wissenschaft zu fördern, denn gerade die Astronomie hilft am besten, die Seele der Menschen zur Betrachtung der himmlischen Dinge zu erheben. Von Anfang an haben Wir versucht, dies durch Wort und Schreiben zu zeigen, damit die Wahrheit für alle klar sei: die Kirche und ihre Priester sind nicht gegen die wahre und gründliche Wissenschaft, sondern sie wollen sie mit allen Mitteln pflegend fördern, die Naturwissenschaft genau so wie die Theologie“.

Zum ersten Direktor der neuen Sternwarte wurde der Barnabitenpater Francesco Denza, der Gründer der Meteorologischen Gesellschaft Italiens, berufen. Denza setzte sich erfolgreich dafür ein, dass dem Vatikan ein Sektor am Himmel (+50-+64 Grad) vom „Ständigen Komitee für die Bildung der Himmelskarte“ zugewiesen wurde. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, erwarb der Heilige Stuhl in Paris einen Astrographen und richtete ihn im Leo-Turm ein. Zwischen 1906 und 1910 erweiterte Papst Pius X. (1903-1914) die Sternwarte. Er ließ sie in der Palazzina Leos XIII. unterbringen und verband dann den ersten Leo-Turm mit dem zweiten durch eine 85 Meter lange Eisenbrücke.

Das Werk, das die Vatikanische Sternwarte wiederum weltberühmt machen sollte, war der Atlas Stellarum Varabilium, ein Verzeichnis der veränderlichen Sterne in neun Bänden. 30 Jahre brauchten die Astronomen der Gesellschaft Jesu, um das Opus fertig zu stellen; Confratres aus Deutschland, Österreich, Ungarn, den Niederlanden, England und Amerika hatten daran mitgearbeitet. Der damalige Direktor der Sternwarte, Pater Georg Johann Hagen SJ (1847-1930), allein hatte die Koordination von 24.000 näheren Sternen bestimmt. Die extragalaktischen Nebel, die man zu Beginn des 20. Jahrhunderts kaum kannte, waren von Hagen erstmals einem eingehenden Studium unterworfen worden.

Der in aller Welt geschätzte Astronom lebte in den letzten Jahren seines Schaffens als Einsiedler, ganz in seiner eigenen „Sternenwelt“, in einem fernen Universum. „Graf Giuseppe Dalla Torre, der Leiter des ‚Osservatore Romano’, war nicht wenig erstaunt, als er eines Tages dem Pater Hagen begegnete, diesen seinerseits sichtlich begierig zu sehen, mit ihm ein Gespräch anzuknüpfen. ‚Entschuldigen Sie, wenn ich Sie belästige’, fragte dann der Gelehrte bedächtig, ‚aber ich habe in einer Nummer des Osservatore Romano, die ich las, einen so vom Üblichen abweichenden Ton betreffs des italienischen Staates festgestellt, dass ich vermutete, es sei irgendetwas geschehen’. In der Tat war etwas geschehen – es war die Aussöhnung erfolgt“, berichtet Silvio Negro in seinem Buch Vaticano minore.

1931 verfügte Pius XI. (1922-1939) auf Vorschlag von Pater Johannes Stein SJ, der Pater Hagen als Direktor der Specola Vaticana gefolgt war, die Verlegung der Sternwarte in die päpstlichen Besitzungen bei Castelgandolfo. Denn die Großstadt Rom mit ihrer Straßenbeleuchtung und den zahlreichen nächtlichen Lichtern erschwerte immer mehr eine sinnvolle Beobachtung des Himmels. Papa Ratti überwachte die Arbeiten in der Sternwarte höchstpersönlich; mal kam er mit kleiner Begleitung zur Inspektion, mal mit großem Gefolge. Am 25. September 1939 konnte die Sternwarte von Castelgandolfo ihrer Bestimmung übergeben werden. Sie war mit dem modernsten technischen Gerät ausgestattet worden und verfügte „über ein doppeltes Teleskop, das aus einem Astrograph mit vierfachem Objektiv und 40 cm Öffnungsweite bestand und 200 cm Fokalabstand aufwies, verbunden mit einem Reflektor von etwa 60cm Öffnungsweite und 240 cm Fokalabstand. Gleichzeitig wurden zwei große Objektivprismen eingebaut, ein Spektrumfotometer zum Registrieren, ein Eklipsenvergleicher, ein Apparat für Präzisionsmessungen und ein Mikrofotometer“ (Niccolò Del Re).

Zur Vatikanischen Sternwarte gehörte ein Laboratorium für astrographische und spektrographische Forschungen. Der Vatikan erarbeitete, wie schon an anderer Stelle erwähnt, Spektralatlanten, die von der Fachwelt hoch geschätzt wurden. Aufgrund der Qualität der spektrographischen Studien und Publikationen (seit 1938 gab er die englischsprachige Zeitschrift Spectrochimica Acta heraus) übertrug die „Internationale Astrographische Union“ der Päpstlichen Sternwarte im Jahre 1948 die Erstellung eines Atlanten für molekulare Spektren.

Auch der Nachfolger des Ratti-Papstes, Pius XII. (1939-1958), förderte mit großem Engagement die Arbeit der Sternwarte. Er ließ in Castelgandolfo neue Kuppeln bauen und bestückte sie mit den aktuellsten Apparaturen. Aus Deutschland besorgte der Papst ein Schmidt-Teleskop, das über einen sphärischen Spiegel mit Korrektionslinse verfügte (bei der Beobachtung der galaktischen und außergalaktischen Objekte bot der Schmidt-Spiegel gemeinsam mit den schon vorhandenen Astrographen eine lückenlose photographische Aufnahme des Himmels in kurzer Zeit). Während Johannes XXIII. (1958-1963) kein allzu großes Interesse an seiner Sternwarte zeigte, erwies sich ihr Paul VI. (1963-1978) als sehr verbunden. Es gab fast keinen Aufenthalt in Castelgandolfo, bei dem der Papst sich nicht stundenlang im Observatorium aufhielt und Fragen nach den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen stellte.

1978 wurde Pater George V. Coyne SJ zum Direktor der Specola Vaticana ernannt. Der Professor für Astrophysik an der Universität von Arizona schlug Johannes Paul II. (1978-2005) vor, auf den zwei bis dreitausend Meter hohen Bergen Arizonas eine neue Sternwarte des Vatikans zu begründen. Der Papst stimmte grundsätzlich zu, sah sich aber nicht in der Lage, die Kosten des Unternehmens zu tragen. Die amerikanischen Jesuiten gründeten daher die Vatican Observatory Foundation, die die Finanzierung des Projekts übernahm. Seit 1981 arbeiten päpstliche Astronome in Tucson/Arizona. Die Sternwarte des Papstes verfügt daher heute über zwei Standorte: Die Beobachtungen und Forschungen finden in den USA statt, die Leitungs- und Verwaltungsaufgaben in Castelgandolfo. In jedem zweiten Jahr gibt es in der päpstlichen Sommerresidenz für Universitätsstudenten aus aller Welt die Summer School in Astronomy and Astrophysics (Die überwiegende Zahl der Teilnehmer kommt aus den Entwicklungsländern; 75 Prozent der Ausgaben für den vierwöchigen Kurs werden vom Vatikan getragen). Anfang der Neunziger Jahre entstand in Tucson das damals modernste Teleskop der Welt; „mit der Einweihung des neuen Vatikanischen Fernrohrs auf dem Mount Graham am 18. September 1993 begann die dritte Blütezeit der Vatikanischen Sternwarte, die durch eine ausgedehnte und vielseitige internationale Zusammenarbeit gekennzeichnet ist“ (Gustav Teres).

Das NASA-Programm zur Erforschung des Mondes verfolgte der Heilige Stuhl mit großem Interesse. Zu Beginn des Jahres 1969 besuchte Captain Frank Borman, der Kommandant von Apollo VIII, auf Einladung der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften Rom, wo er Vorlesungen über das Raumfahrtprogramm der USA hielt. Am 15. Februar hatten sich in der Aula der Bischofssynode rund zwanzig Kardinäle, das beim Heiligen Stuhl akkreditierte Diplomatische Korps sowie eine beträchtliche Anzahl von Persönlichkeiten der Römischen Kurie und des Vatikans eingefunden. Borman referierte über seinen Mondflug und zeigte einen an Bord von Apollo VIII gedrehten Farbfilm; die Erde als Ganzes zu sehen, bezeichnete der Astronaut als die großartigste Schau, die ihm auf seinen Flug ins Weltall zuteil geworden sei, seinen Vortrag schloss er mit den Worten: „Von dort oben aus sind die Grenzen, die die Völker trennen, nicht zu sehen“. Anschließend wurde Captain Borman zusammen mit seiner Frau Susan und seinen beiden Söhnen von Papst Paul VI. in Privataudienz empfangen. Zur Begrüßung sagte der Heilige Vater: „Wir sind glücklich, einen der unerschrockenen Raumfahrer zu grüßen, die dazu beigetragen haben, die Kenntnis der göttlichen Schöpfung bei den Menschen so zu vertiefen und damit die Bewunderung des Menschen für das Werk Gottes zu vermehren. Wir bewundern auf das höchste den Mut, den Sie und Ihre Kameraden auf dem Flug bewiesen haben“. Während der Audienz überreichte ihm Papst Paul VI. eine kleine Flagge des Vatikanstaates. Frank Borman versprach, dass sie bei einer der kommenden Landungen auf dem Erdtrabanten mitgenommen würde.

1969 setzte der erste Mensch seinen Fuß auf den Mond. Der Heilige Vater begab sich am Abend des 20. Juli vom Apostolischen Palast in Castelgandolfo in die nahegelegene Sternwarte des Vatikans. Durch das Teleskop beobachtete er eine Weile das „Meer der Ruhe“. Am Fernsehbildschirm verfolgte er dann interessiert die Übertragungen vom Landemanöver. Unmittelbar nach dem Aufsetzen der Mondfähre richtete Papst Paul VI. über Radio eine Botschaft an die Welt und die Astronauten:

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind! Wir, demütiger Stellvertreter jenes Christus, der aus der Tiefe der Göttlichkeit zu uns kommend diese selige Stimme am Firmament hat erschallen lassen, machen Uns heute zum Echo dieser Stimme und wiederholen sie als festlichen Hymnus unserer ganzen Weltkugel, die nicht mehr unüberschreitbare Grenze der menschlichen Existenz, sondern offene Schwelle zur Weite des grenzenlosen Raumes und zu neuen Bestimmungen ist. Ehre sei Gott! Und Ehre den Menschen, die dieses große Raumfahrtunternehmen bewerkstelligt haben! Ehre den Verantwortlichen, den Wissenschaftlern, den Erdenkern, den Organisatoren, den Arbeitern! Ehre allen, die diesen so kühnen Flug ermöglicht haben! Ehre allen, die in irgendeiner Weise damit zu tun haben! Ehre allen, die vor ihren wunderbaren Apparaten sitzend das Unternehmen leiten, und allen, die der Welt das Werk und die Stunde bekannt geben, die die wissende und mutige Herrschaft des Menschen auf die himmlischen Tiefen ausdehnt.“

An die Astronauten gewandt, sagte der Heilige Vater mit bewegter Stimme: „Hier spricht zu Euch, von seiner Sternwarte in Castelgandolfo in der Nähe von Rom aus, Papst Paul VI. Ehre, Gruß und Segen Euch, die ihr den Mond erobert habt, das bleiche Licht unserer Nächte und unserer Träume. Bringt dem Mond mit unserer lebhaften Teilnahme die Stimme des Geistes, den Hymnus für Gott, unseren Schöpfer und Vater. Wir sind Euch nahe mit Unseren Wünschen und mit Unseren Gebeten. Mit der ganzen katholischen Kirche grüßt Euch Papst Paul VI.“

Gegen 23.00 Uhr verließ der Heilige Vater das Observatorium und begab sich wieder in seine Gemächer im Apostolischen Palast. Gegen 4.00 Uhr wurde er vom Direktor der Sternwarte, dem irischen Jesuitenpater Joseph O’Connell, telephonisch geweckt. Der Papst sah sich dann bis 5.30 Uhr am Fernsehschirm die Direktübertragung vom Mond an.

Dieses bedeutende Ereignis in der Geschichte der Menschheit war nicht nur beim Papst sondern im ganzen Vatikan auf großes Interesse gestoßen. Eine katholische Nachrichtenagentur berichtete: „In der historischen Nacht der Mondlandung vom 20. zum 21. Juli blieben auch im Vatikan viele Fenster erleuchtet. Zahlreiche Kurienkardinäle und –prälaten verbrachten die ganze Nacht vor dem Bildschirm, um das große Ereignis auf diese Weise mitzuerleben. Besonders festlich ging es dabei in der Wohnung des US-amerikanischen Kurienkardinals John Joseph Wright, des Präfekten der Kongregation für den Klerus, zu. Zusammen mit einigen Gästen verfolgte der Kardinal die ganze Nacht hindurch die Übertragungen. Dafür blieb die von ihm geleitete Kongregation am Montag geschlossen – ein noch nie da gewesenes Faktum im Vatikan. Am Montagvormittag, 21. Juli, zelebrierte Kardinal Wright dann eine heilige Messe für die Astronauten und alle, die am Gelingen des Mondlande-Unternehmens mitgewirkt hatten“.

In den Tagen vor und nach der Mondlandung hatte sich Papst Paul VI. intensiv mit allen Dimensionen dieses historischen Geschehens befasst. Am Mittag des 20. Juli fanden sich Tausende von Pilgern und Touristen zum Angelusgebet in der päpstlichen Sommerresidenz ein. Vor dem „Engel des Herrn“ lobte der Papst überschwänglich das Unternehmen, ließ jedoch auch warnende Worte vernehmen: „Im Taumel dieses prophetischen Tages, dieses wahren Triumphs der vom Menschen zur Beherrschung des Kosmos geschaffenen Mittel, dürfen wir nicht vergessen, wie notwendig und pflichtgemäß es ist, dass sich der Mensch selbst zu beherrschen vermag. Auf dem Antlitz der Erde, wir wissen es alle, immer noch drei Kriege im Gange: in Vietnam, in Afrika und im Nahen Osten. Dazu ist noch ein vierter gekommen, der gerade in diesen Tagen in Salvador und Honduras Tausende von Opfern gefordert hat. Und dann der Hunger, der immer noch ganze Völker bedrängt. Wo ist die wahre Menschlichkeit? Wo ist die Brüderlichkeit? Wo ist der Friede? Wo bliebe der wahre Fortschritt des Menschen, wenn dieses Unglück weiterbestünde und sich verschlimmerte? Heute feiern wir einen erhabenen Sieg dieses Fortschrittes. Möge er sich doch endlich dem wahren zeitlichen und sittlichen Wohl der Menschheit zuwenden.“

Nach der bisher letzten Mondlandung am 7. Dezember 1972 besuchte der Kommandant von Apollo XVII, Eugen Cernan, Paul VI. Er dankte dem Papst dafür, dass er die Mondlandungen mit seinem Gebet begleitet habe und gab ihm die auf den Mond mitgenommene Vatikanflagge zurück, zusammen mit einem Stück Mondgestein als Geschenk des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.

Seit der Entdeckung der „Kanäle“ auf dem Mars durch Pater Angelo Secchi SJ ist der Heilige Stuhl auch in die Erforschung des vierten Planeten des Sonnensystems involviert. Die vatikanische Sternwarte in Castelgandolfo befindet sich im Besitz einer der größten Meteoritensammlungen der Welt. 1.020 Meteoriten von 448 verschiedenen Fundorten umfasst das Konvult, das in der Specola Vaticana aufbewahrt wird; die meisten Exemplare entstammen einer Schenkung des französischen Mineralogen Adrien-Charles, Marquis von Mauroy, an den Papst. Viele dieser Meteoriten können als ihren Ursprungsort den Mars aufweisen. Bruder Guy J. Consolmagno, der in Boston Geologie und Planetenkunde studiert hatte und nach einer beachtlichen wissenschaftlichen Karriere 1989 dem Jesuitenorden beitrat, betreut die kostbare Sammlung.

Peter Haffner von der Neuen Züricher Zeitung besuchte 1997 den Ordensmann: „‚Das hier zum Beispiel ist ein Marsmeteorit‘, sagt Bruder Consolmagno und holt ein kleines Glasröhrchen aus dem Schrank, in dem ein vielleicht haselnussgroßes, hellbraunes Stück Stein liegt. ‚Chassignite, tombée le 3 octobre 1815 à Chassigny, France‘ steht in Handschrift auf dem kleinen Beipackzettel. ‚Ein sehr seltenes Stück, ein Steinmeteorit, ein Achondrit, 15,7 Gramm schwer. Er stammt aus dem Marsinnern und nicht von der Oberfläche.‘ Und als habe er es mit einem Ungläubigen zu tun, doppelt er nach: ‚Sonst haben wir nur Eisen aus dem Inneren, aber dies ist Fels. Sehr ungewöhnlich‘.“

Der Meteorit aus der Sammlung des Vatikans leistete einen außergewöhnlichen Beitrag zur Erforschung des Weltalls. Er wurde genutzt, um den Mars zu erforschen, er diente dazu, die Kamera für die Pathfinder-Mission der NASA auf den roten Planeten einzustimmen.

An bemannten Raumflügen hat sich der Heilige Stuhl bisher noch nicht beteiligt. Virtuell aber kann man schon heute mit päpstlichen Raumschiffen durch die unendlichen Weiten des Weltalls fliegen. Die Computerabenteuer der Homeworld-Serie erlauben es den Spielern, eigene Schiffe zu kreieren. Und es gibt sie, die Fans, die eine Papal Fleet, eine Päpstliche Flotte, aufgebaut haben! Wer die entsprechenden Spielerforen im Internet aufsucht, kann imposanten Raumkreuzern und Pulsarschiffen begegnen, die mit den Hoheitszeichen und den gelbweißen Farben des Vatikans versehen sind.

Und auch in der einen oder anderen Science-Fiction-Serie sind der Vatikan und die katholische Kirche präsent. Auf der Raumstation Spacecenter Babylon 5 (Warner Brothers) helfen Mönche der tapferen Crew um Captain Sheridan den intergalaktischen Frieden zu bewahren. In Crusade (ebenfalls Warner Brothers), einem Ableger der Serie um Babylon 5, tritt sogar das Oberhaupt der Kirche auf – eine „Päpstin“!

[Vom Autor zur Verfügung gestelltes Original, erschienen in: Ulrich Nersinger,
Die Päpste zu Lande, zu Wasser und zu Luft (verlag nova&vetera), Bonn 2006]