Die Papstfrage: Hirte oder Herrscher?

Von Manfred Lütz

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WÜRZBURG, 9. Februar 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Was hat die Aufhebung der Exkommunikation der vier Traditionalistenbischöfe durch Papst Benedikt XVI. mit Canossa zu tun? Sehr viel. Wie steht es um die religionswissenschaftliche Bildung der deutschen Öffentlichkeit? Offensichtlich sehr schlecht. Wenn Medien im Wortsinne die Aufgabe haben, auf den ersten Blick Unverständliches verständlich zu machen, also zu vermitteln, dann haben sie in diesem Fall spektakulär versagt. Aber eins nach dem anderen.

Papst Benedikt XVI. fasziniert viele Menschen dadurch, dass er stets ganz persönlich existenziell und so gut wie nie formelhaft spricht. Im Zeitalter der political correctness, in dem die neuen Inquisitoren alle Texte darauf absuchen, ob gesagt wurde, was gesagt werden musste und nicht gesagt wurde, was nicht gesagt werden durfte, ist das eine selten gewordene Eigenschaft. Doch genau das macht kleine Texte des Papstes, wie Grußworte für gute Freunde, so wertvoll wie alles Echte und große Ansprachen wie die Rede in Auschwitz so anrührend und zum eigenen Nachdenken anregend. Auf diese Weise kann Sprache wirkliche Brücken schlagen zu anderen Menschen und zu einem Dialog anregen, der beide Seiten verändert.

Medien haben entscheidende Informationen nicht vermittelt

Als Joseph Ratzinger Papst wurde, wird er wohl die Sorge gehabt haben, ob er in einem solchen Amt er selbst bleiben könne. Bald machte er klar, dass er die Person des Papstes in seiner zurückhaltenden Art zwar mehr in den Hintergrund stellen, aber dass er sich nicht verbiegen wollte. Seine zentralen Ansprachen formulierte er unverkennbar selbst in seinem bekannten persönlichen Stil. Sein Jesus-Buch schrieb er eigentlich nicht als Papst, sondern als Theologieprofessor und er bestand den Verlagen gegenüber auf seinem Geburtsnamen als Autorennamen. Ausdrücklich bat er um Widerspruch, aber auch „um jenen Vorschuss an Sympathie, ohne den es kein Verstehen gibt". Der entscheidende und hochgeschätzte Gesprächspartner in diesem Buch war übrigens ein jüdischer Rabbi.

Es war keine Panne, als der Papst in der berühmten Regensburger Rede nicht in einer ihm völlig fernliegenden Allüre der Unfehlbarkeit sprach, sondern als Professor, doch im Bewusstsein, weltweit gehört zu werden. Es war ihm ernst, als er in freundlichem Ton, aber unmissverständlich ohne jede der üblichen Floskeln den Islam aufforderte, sich von der Gewalt zu distanzieren und zu einem Dialog der Vernunft voranzuschreiten. Das war eine heilsame Provokation, die inzwischen wertvolle Reaktionen aus der Welt des Islam ausgelöst hat. Allerdings wird es wohl auch Benedikt erschreckt haben, dass es damals Menschen gab, die ein Zitat nicht als Zitat lesen konnten und mediale Vermittlungen, die solche Missverständnisse bewusst förderten.

Auch die Karfreitagsfürbitte, die der Papst für die alte Messe formuliert hatte, widersprach der political correctness, da hier auch den Juden gegenüber der Glauben an Jesus Christus bekannt wird. Gewiss, von den drei monotheistischen Weltreligionen hat wohl das Judentum in seiner Geschichte am wenigsten missioniert. Doch selbstverständlich hält ein Muslim das Christentum nicht für das non plus ultra und auch ein Christ nicht den Islam. Es ist eine Frage der Fairness, das anzuerkennen, wenn man einen ehrlichen Dialog zwischen den Religionen führen will. Wenn Muslime Gott bitten, dass Christen zum Islam gelangen, dann ist das keine Respektlosigkeit. Denn damit wünschen Muslime den Christen das Wertvollste, was sie kennen, ihren Glauben. Es muss dann freilich über die Methoden geredet werden und da ist jede Form von Zwangsmission natürlich strengstens abzulehnen.

Gewiss, es hat solche Versuche von Angehörigen der monotheistischen Religionen gegeben, auch den Juden gegenüber. Das sind schlimme Erinnerungen. Doch damit ist nicht jede religiöse Überzeugung diskreditiert. Denn wer einen Dialog der Religionen bloß im Geiste der Ringparabel aus Lessings Nathan dem Weisen erträumt, der wird die realen Religionen kaum je an einen Tisch bekommen, sondern bloß ihre jeweiligen Säkularisate. Auch das Karfreitagsgebet, das der Papst formulierte, war der respektvolle Gebetswunsch eines überzeugten Christen für seine „älteren Brüder", der wie Paulus zu den Juden geht und seine christliche Überzeugung dabei nicht verleugnet.

Die Medienberichterstattung über die neu formulierte Karfreitagsfürbitte hat im Übrigen die entscheidende Information nicht vermittelt. Der Papst hatte bekanntlich die alte Messe, die Jahrhunderte lang gefeiert worden und deren faktisches Verbot ein präzedenzloses Ereignis gewesen war, wieder als außerordentliche Form zugelassen. Dabei wäre dann auch die alte Karfreitagsfürbitte zugelassen worden, die lautete: „Lasset uns auch beten für die Juden: Gott unser Herr möge den Schleier von ihren Herzen wegnehmen, auf dass auch sie unseren Herrn Jesus Christus erkennen... Allmächtiger ewiger Gott, Du schließest auch die Juden nicht aus von Deiner Erbarmung: erhöre unsere Gebete, die wir ob der Verblendung jenes Volkes vor Dich bringen: mögen sie das Licht Deiner Wahrheit, das Christus ist, erkennen und ihrer Finsternis entrissen werden. Durch Ihn, unseren Herrn." Das empfand der Papst als verletzend für die Juden und entschied sich zu dem ganz ungewöhnlichen Schritt, in den alten liturgischen Text einzugreifen.

Von Rehabilitierung kann keine Rede sein

Er korrigierte den Text wie folgt: „Wir wollen beten für die Juden. Dass unser Gott und Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Heiland aller Menschen... Allmächtiger ewiger Gott, der Du willst, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen, gewähre gnädig, dass beim Eintritt der Fülle aller Völker in Deine Kirche ganz Israel gerettet werde. Durch Christus unseren Herrn." Damit nimmt der Papst Bezug auf die Zeit vor dem Jüngsten Tag, in der die Völker in die Kirche eintreten. Dennoch war wahrheitswidrig vom Aufruf zur offensiven Judenmission die Rede, was auf diese Weise desinformierte Juden verständlicherweise irritierte und sogar empörte. Gewiss, vielleicht wäre es eine gute Idee gewesen, Juden den Text, der sie ja betraf, vorher kritisch lesen zu lassen. Doch wen sollte man da fragen und ist es wirklich realistisch, zu verlangen, dass Religionen ihre gottesdienstlichen Texte erst von anderen Religionen approbieren lassen sollen?

Nun also kein Gebet, sondern die Exkommunikation, besser gesagt, die Aufhebung der Exkommunikation. Eigentlich sollte man meinen, dass man die Aufhebung einer Exkommuniktion nur verstehen kann, wenn man weiß, was Exkommunikation ist. Doch in den Gazetten funktionierten Kommentare auch ganz ohne jede religionswissenschaftliche Grundbildung. Es ist ein Zeichen für eklatanten abendländischen Bildungsmangel, wenn man zwar weiß, was eine islamische Fatwa ist, aber vergessen hat, was eine christliche Exkommunikation bedeutet. Eine Exkommunikation ist die härteste Kirchenstrafe, sie bedeutet vor allem den Ausschluss von den Sakramenten. Der Exkommunizierte kann nicht beichten, nicht zur Kommunion gehen. Bei schwersten Vergehen, zum Beispiel bei Bruch des Beichtgeheimnisses und unerlaubter Bischofsweihe tritt diese Strafe ein. Sonst wird die Exkommunikation nur noch höchst selten verhängt. Das hat damit zu tun, dass die Exkommunikation vor allem im Mittelalter zu politischen Zwecken missbraucht wurde.

Gewiss, man erwartet vom Papst auch heute grundlegende Stellungnahmen zu politischen Ereignissen. Aber niemand verlangt ernsthaft, er solle katholisch getaufte Diktatoren, Kriegstreiber und Massenmörder exkommunizieren oder über Liechtenstein das Interdikt verhängen, um die Steuerflucht zu stoppen. Man verlangt auch nicht, dass der Papst alle Rechtsradikalen exkommuniziert und auch nicht alle Schwachköpfe oder menschenverachtenden Verbrecher, die den Holocaust leugnen. Allerdings wäre es ein Skandal, wenn ein Bischof den Holocaust leugnen oder verharmlosen würde und sein Gift mit kirchlicher Autorität noch weiter verbreiten könnte. Was man vom Papst mit Recht verlangen müsste ist, dass er einen solchen Bischof sofort von allen Ämtern suspendiert. Genau das aber ist die Lage. Der unerlaubt geweihte Bischof Williamson ist nach wie vor von allen kirchlichen Ämtern suspendiert und er hat nach Lage der Dinge nicht die geringste Aussicht, irgendein kirchliches Amt auszuüben. Das aber ist ungefähr das Gegenteil von „rehabilitiert" wie wahrheitswidrig verbreitet wird. Dass Juden auf eine solche mediale Ente empört reagieren, ist nur zu verständlich.

Warum aber wurde die Exkommunikation aufgehoben? Und damit sind wir auf der Burg Canossa am Nordrand des Appenin angelangt. Wir schreiben das Jahr 1077. Papst Gregor VII. hatte Kaiser Heinrich IV. in den Bann getan. Das war für den Kaiser eine politische Katastrophe. Die Reichsfürsten begannen, von ihm abzufallen und luden den Papst nach Deutschland ein. Der Papst brach auf. Da entschloss sich der Kaiser zu einem Himmelfahrtskommando. Bei klirrender Winterkälte ging er mit seiner Frau und seinem zweijährigen Sohn Konrad über die Alpen und erreichte in Eilmärschen die Burg Canossa, auf der der Papst bei seiner Verbündeten weilte, der Markgräfin Mathilde von Tuszien. Drei Mal, so wird erzählt, zeigte sich der Kaiser im Büßergewand vor der Burg. Schließlich ließ sich Gregor VII. erweichen und hob die Exkommunikation auf. Er konnte nicht anders, denn hier ging es um sein eigentliches Amt, oberster Hirte der Kirche zu sein und ein reuiges Schaf wiederaufnehmen zu müssen. Papst Gregor war ein kluger Mann und wusste, dass dieser Schritt politisch für ihn selbst eine Katastrophe war. Denn nun passierte, was abzusehen war. Der Kaiser befestigte wieder seine Herrschaft im Reich, kehrte mit Heeresmacht nach Italien zurück, vertrieb den Papst mit Waffengewalt aus Rom, so dass Gregor VII. heute nicht in Rom, sondern in Salerno begraben liegt, mit dem bitteren Grabspruch: „Ich habe die Gerechtigkeit geliebt und das Unrecht gehasst, deshalb sterbe ich in der Verbannung."

Nach dem Untergang des Kirchenstaats 1870 hat die Kirche die Entlastung von politischer Aktivität als befreiend erlebt. Kirche und Öffentlichkeit wünschen keine Rückkehr zum politischen Papsttum des Mittelalters. Papst Benedikt XVI. hat die Tiara, die dreifache Krone, die ihn über Könige und Kaiser erheben sollte, aus dem päpstlichen Wappen entfernen lassen. Der Papst soll Oberhirte sein, Seelsorgepapst. Da muss er mindestens so seelsorglich denken wie Gregor in Canossa. Nicht anders als Gregor VII. hat der geschichtsbewusste Benedikt XVI. gehandelt.

„Die Kirche ist keine Gesinnungsdiktatur"

Nachdem die vier Bischöfe den Papst am 15. Dezember 2008 schriftlich dringlich und ernsthaft um Aufhebung der Exkommuniktion gebeten hatten, handelte der Papst als Seelsorger. Er hätte um des äußeren Eindrucks willen noch taktieren und den Schritt hinauszögern können. Seelsorglich wäre das nicht gewesen. Gregor auf seiner Burg in Canossa und Benedikt im Vatikan wurde eine Frage gestellt, die an den Kern dieser 2000-jährigen Institution geht: Bist Du geistlicher Hirte oder politischer Herrscher? Sie haben beide in dieser Situation die Antwort gegeben, die allein dem Papsttum frommt.

Gewiss die Vermittlung der päpstlichen Entscheidung durch den Vatikan ist kritikwürdig. Doch all das hätte man auch ohne die Hilfe des Pressesaals des Heiligen Stuhls als säkularer Journalist recherchieren können. Statt dessen fordert man den Papst allen Ernstes auf, mit dem Schwert der Exkommunikation gute von bösen Meinungen und gute von bösen Menschen zu unterscheiden. „Die Kirche ist... keine Gesinnungsdiktatur", hat der Philosoph Robert Spaemann dazu gesagt.



[Manfred Lütz ist Theologe, Arzt und Bestseller-Autor;
© Die Tagepost vom 7. Februar 2009]