Die Pastoralkonstitution Gaudium et Spes und Teilhard de Chardin

Eröffnung des akademischen Jahres 2012/2013 am Theologisches Institut Kalabriens

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von Anna Rotundo

ROM, 20. November 2012 (ZENIT.org). - Am Theologischen Institut Kalabriens „S. Pio X“ in Catanzaro hat das akademische Jahr 2012/2013 begonnen. Zur Eröffnung hielt Pater Rosino Gibellini, Theologe und literarischer Leiter des Verlagshauses „Queriniana“, einen hochinteressanten Vortrag über „Evangelisierung: die Pastoralkonstitution ‚Gaudium et Spes‘ und Teilhard de Chardin“.

„Der Glaube ist heute mehr denn je einer Reihe von Fragestellungen ausgesetzt, die von einer veränderten Mentalität herrühren, die den Bereich der verstandesmäßigen Gewissheiten auf die Errungenschaften der Wissenschaft und der Technik beschränkt. Die Kirche hat sich jedoch noch nie gescheut zu zeigen, dass zwischen Glauben und echter Wissenschaft kein Konflikt bestehen kann, weil beide, wenn auch auf unterschiedlichen Wegen, die Wahrheit suchen.“ Dies ist die Kernaussage der Begrüßungsrede von S.E. Msgr. Luigi Antonio Cantafora, Moderator des Theologischen Instituts Kalabriens „S. Pio X“, von S.E. Msgr. Vincenzo Bertolone, Moderator des Höheren Instituts für Religionswissenschaften „Maria Mediatrice“, und von Prof. Natale Colafati, Direktor des Theologischen Instituts Kalabriens „S. Pio X“.

Ein Beispiel für diese Möglichkeit des Einklangs zwischen Glauben und Wissenschaft lieferte Gibellinis Vortrag über eine elegante christliche Interpretation des Evolutionsgedankens. Sie stammt von keinem Theologen, sondern von einem Paläontologen und Geologen: dem Jesuiten Pierre Teilhard de Chardin, wichtige Persönlichkeit der französischen Kulturszene zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Er kam 1881 in Sacernat (Auvergne) zur Welt und starb 1955 in New York. Teilhard de Chardin war Wissenschaftler (Paläontologe und Geologe), Philosoph und Theologe. In den Jesuitenorden trat er 1899 ein.

Teilhard de Chardin nahm an wichtigen wissenschaftlichen Expeditionen teil, darunter eine nach China im Jahr 1926, die zur Entdeckung des umstrittenen „Sinanthropus“ führte, eines fossilen Hominiden, der im mittleren Pleistozän lebte (vor etwa 200.000 bis 300.000 Jahren). In seine wissenschaftlichen Hypothesen baute er auch kosmologische und theologische Überlegungen ein, die ihm zu Lebzeiten in den konservativeren Kreisen der katholischen Kirche keine Freunde brachten.

Nach Teilhard de Chardin ist der Mensch nicht der statische Mittelpunkt der Schöpfung, sondern der Pfeil, der der biologischen Evolution ihre Richtung gibt: Im Menschen wird „Psychismus“ zu „Verstand“. Darin unterscheidet sich der Mensch von allen Tieren, obwohl er das Ergebnis der tierischen Evolution ist: Er besitzt nicht nur Wissen, sondern weiß auch, dass er dieses Wissen besitzt. Dies stellt eine absolute Neuigkeit in der Geschichte des Universums dar: Zum allerersten Mal in der Geschichte der Erde denkt das Bewusstsein über sich selbst nach. Dabei handelt es sich aber nicht um einen Bruch mit der Vergangenheit: Diese Neuigkeit ist Teil eines sich verändernden Kontinuums.

Die Evolution endet auch nicht mit dem Menschen, sondern bekommt gerade durch den Menschen einen neuen Antrieb: die „Sozialisierung“. Darunter versteht Teilhard de Chardin „ein Phänomen, durch das die Menschheit sich auf sich selbst besinnt und den Individualismus überwindet, um eine Solidarität im Denken, Wollen, Handeln und Schaffen zu begründen, deren Fehlen hingegen die Sünde darstellt.“ Hier ein berühmt gewordener Spruch Teilhard de Chardins: „Manche sagen: ‚Lasst uns geduldig warten, dass Christus wiederkehrt.‘ Andere sagen: ‚Lasst uns inzwischen lieber darangehen, die Welt zu errichten.‘ Wieder andere sagen hingegen: ‚Damit die Parusie bald stattfinden kann, lasst uns zunächst den Menschen vollenden‘.“

[Übersetzung des italienischen Originals von Alexander Wagensommer]