Die persönlichen Aufzeichnungen von Johannes Paul II.

Ein Schlüssel zum Verständnis seiner Spiritualität

Krakau, (ZENIT.org) Kardinal Stanisław Dziwisz | 305 klicks

„Ich hinterlasse keinerlei Besitz, über den verfügt werden müsste. Was die Gebrauchsgegenstände betrifft, derer ich mich im Alltag bedient habe, wünsche ich, dass sie so verteilt werden mögen, wie man es für richtig halten wird. Meine persönlichen Aufzeichnungen sollen verbrannt werden. Ich wünsche, dass Don Stanisław die nötigen Schritte hierfür unternimmt, und danke ihm für seine langjährige und verständnisvolle Mitarbeit und Hilfe. Was ich sonst noch an Dankworten zu sagen hätte, bewahre ich in meinem Herzen auf und werde sie vor Gott selbst tragen, denn es ist schwer, sie alle auszudrücken.“ So schrieb Papst Johannes Paul II. in seinem Testament, das das Datum vom 6. März 1979 trägt.

Ich habe den letzten Willen des Heiligen Vaters nach seinem Tod 2005 treu erfüllt, habe alle seine persönlichen Gegenstände verteilt, alle seine Andenken. Doch den Mut, diese Aufzeichnungen und Notizbüchlein zu verbrennen, die er zurückgelassen hat, habe ich nie gefunden, denn sie beinhalten wichtige Informationen über sein Leben. Ich habe sie oft auf seinem Schreibtisch liegen sehen, doch hatte ich sie nie gelesen. Als ich seine testamentarischen Verfügungen las, bewegte mich die Tatsache, dass Johannes Paul II., den ich fast vierzig Jahre lang begleitet habe, mir auch diese persönlichen Dinge anvertraute.

Ich beschloss, seine persönlichen Aufzeichnungen nicht zu verbrennen, denn sie sind ein Schlüssel zum Verständnis seiner Spiritualität, seines innersten Ichs: Sie sprechen von seinem Verhältnis zu Gott, zu den anderen und zu sich selbst. Sie zeigen eine andere Seite jenes Menschen, den wir als Bischof von Krakau und dann von Rom, als Petrus unserer Tage, als Hirte der Weltkirche gekannt haben. Sie berichten auch viel über sein früheres Leben, über die Zeit, als er die Bischofsweihe empfing und die Leitung der Krakauer Diözese übernahm. Sie erlauben uns einen Einblick in seine innere Glaubensbeziehung zu Gott dem Schöpfer, dem Lebensspender, unserem Meister und Lehrer. Sie verweisen uns auch auf die Quellen seiner Spiritualität: seine innere Stärke und sein fester Wille, bis zum letzten Atemzug Christus zu dienen.

Wenn ich heute die Aufzeichnungen von Johannes Paul II. lese, sehe ich den Heiligen Vater wieder in der Hauskapelle in der Franziskanerstraße beten, wie er in Gott versunken vor dem Allerheiligsten kniet, und ich höre sein Seufzen aus der kleinen Kapelle des Apostolischen Palasts im Vatikan wieder an mein Ohr dringen. Sein strahlendes Gesicht verriet nie, was er fühlte. Er sah immer voller Mut zum Kruzifix und zur Ikone der Muttergottes von Częstochowa auf. Von ihr lernte er, bedingungslos auf Gott zu vertrauen, indem er die Worte von Louis-Marie Grignion de Montfort wiederholte: „Totus Tuus ego sum, o Maria, et omnia mea Tua sunt“ – „Ich gehöre ganz dir, oh Maria, und alles Meine gehört dir.“ Absolutes Vertrauen in Gott, Nachfolge des Beispiels Mariens und Erfüllung des göttlichen Willens kennzeichneten diesen Mann des Gebets, der eine reiche geistige Welt in seiner Beziehung zu Gott entdeckte.

Möge dieses Buch, das die spirituellen Notizen des seligen Johannes Paul II. zusammenträgt, jedem Leser helfen, die geistige Tiefe dieses Mannes zu entdecken, und möge es uns alle zu einer tieferen Liebe zu Gott und den Menschen verhelfen.

+ Stanisław Kardinal Dziwisz

Gegeben am Gedenktag unserer Lieben Frau in Jerusalem