Die Pfarrei hat nur Zukunft, wenn sie missionarisch ist

Interview mit P. Yves le Saux, Verantwortlicher der Gemeinschaft Emmanuel für die Seminaristen

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ROM, 31. Januar 2008 (ZENIT.org).- „Wenn ein Pfarrer Schafe haben möchte, muss er sie sich suchen“, bekräftigt P. Yves le Saux, Vertreter des Moderators für Priester und Seminaristen der katholischen Gemeinschaft Emmanuel, im ZENIT-Interview zum römischen Symposium, das sich in diesen Tagen mit dem Thema „Pfarreien und Neuevangelisierung“ befasst.



Die Tagung wurde von der Gemeinschaft Emmanuel in Zusammenarbeit mit dem päpstlichen Institut „Redemptor Hominis“ organisiert und findet vom 30. Januar bis zum 1. Februar in Rom statt.

ZENIT: Gibt es für Pfarreien eine Zukunft?

P. Yves le Saux: Einige stellen sich heute in verschiedenen Regionen der Welt die Frage, welche Zukunft Pfarreien wohl haben werden. Ich glaube, dass die Pfarrei der wichtigste und der privilegierte Ort des kirchlichen Lebens bleiben wird. Sie ist von Natur aus der Ort, an dem die gesamte christliche Gemeinde zusammenkommt. Sie ist dazu berufen, alle Christen rund um die Eucharistie, rund um Christus zu versammeln, unter anderem durch den Dienst des Pfarrers. In ihr kann jeder Christ, jeder Getaufte, was auch immer sein Charisma ist, leben und sich ins kirchliche Leben integrieren.

Das bedeutet, dass das Modell der Pfarrei, in dem der Pfarrer inmitten seiner Gemeinde anwesend ist und denen zur Verfügung steht, die ihn aufsuchen, nicht mehr ausreciht. Wenn ein Pfarrer heute immer noch Schafe haben möchte, muss er sie suchen gehen. Die Pfarrei heutzutage muss sich als „missionarisches Gebiet“ verstehen. Meiner Meinung nach muss der Bezeichnung „Pfarrei“ der Titel „Missionsgebiet“ beigestellt werden, damit der Priester und die Christen, die dort leben, in eine Dynamik der Verkündigung des Evangeliums eintreten können. Doch nun zurück zur Ausgangsfrage, ob die Pfarrei eine Zukunft hat: Ja, wenn sie missionarisch ist.

ZENIT: Was würden Sie einem Pfarrer raten, der sich seiner missionarischen Rolle bewusst ist, sich aber angesichts dieser Herausforderung allein fühlt?


P. Yves le Saux: Natürlich kann der Anspruch der Mission nicht auf einem einzigen Mann lasten. Die Anforderungen der Pfarrei können nicht von einem Einzelnen getragen werden. Vielmehr ist ein Team von Priestern notwendig, die in Gemeinschaft leben und bereit sind, zusammen in der Mission zu arbeiten.

Aber auch das genügt nicht. Ein Pfarrer muss von Getauften umgeben sein, die mit ihm denselben missionarischen Elan teilen. Ein Priester, der sich allein fühlt, muss sich bemühen, Menschen zu finden, die nicht nur das Evangelium mit ihm verbreiten, sondern auch mit ihm beten, nachdenken und ein christliches Leben führen.

Ich denke, es liegt in der Verantwortung der Bischöfe, dass Priester nicht auf sich allein gestellt sind. Der Einzelne, selbst wenn er sehr begabt ist, bleibt in seiner Fruchtbarkeit beschränkt.

Die Welt von heute braucht Zeugnisse, und zwar nicht nur einzelner Personen, sondern ganzer Gruppen. Dies darf nicht nur ein Anliegen der Priester sein, sondern muss allen Getauften am Herzen liegen, die dann ihren Priester unterstützen. Und natürlich betrifft es die Bischöfe, die ihre Priester nicht alleine lassen dürfen.

ZENIT: Die neuen geistlichen Bewegungen sind sich manchmal der Bedeutung der Neuevangelisierung mehr bewusst als die Pfarreien, zögern aber aus Angst, ihre Identität zu verlieren, sich in den Pfarreien zu engagieren. Was denken Sie darüber?

P. Yves le Saux: Eine Bewegung ist nicht dazu da, um ihre Identität zu verteidigen. Immer mehr stellen Gemeinschaften und Bewegungen ihr Charisma in den Dienst einer Pfarrei. Das ist nur dann möglich, wenn Menschen eine wirkliche kirchliche Gesinnung entwickeln und die Kirche nicht auf ihre eigene Erfahrung reduzieren, selbst wenn diese sehr stark war.

Eine Pfarrei kann nicht einer bestimmten Gemeinschaft oder Bewegung „gehören“. Sie kann aber der Ort sein, an dem das Charisma einer Gemeinschaft gelebt wird, ohne jedoch ausschließend zu werden.

Zwei Versuchungen sind zu vermeiden: Der Pfarrer darf Gemeinschaften und Bewegungen nicht einfach benutzen, ohne auf die je eigene Berufung und das Charisma der einzelnen Personen zu achten. Denn so können sie das, was Gott ihnen geschenkt hat, nicht weitergeben. Die andere Versuchung betrifft die Gemeinschaften. Sie dürfen die Pfarrei nicht instrumentalisieren, um sich selbst zu fördern.

Aber es gibt heute wirklich fruchtbare Erfahrungen in den verschiedenen Teilen der Erde. Das Symposium hat zum Ziel, über all das nachzudenken und die notwendigen Bedingungen zu sehen, unter denen neue geistliche Bewegungen die Pfarreien unterstützen können, missionarische Orte zu sein.

[Das Interview führte
Gisèle Plantec; Übersetzung des französischen Originals von Sandra Kladler]