Die politische und diplomatische Bedeutung des Treffens zwischen Papst Franziskus und Präsident Putin (Erster Teil)

Interview mit Dario Citati, Direktor des geopolitischen Studienprogramms "Eurasia"

Rom, (ZENIT.org) Federico Cenci | 396 klicks

Das Treffen Wladimir Putins mit dem Heiligen Vater im Vatikan am vergangenen 25. November war ein Ereignis von historischer Bedeutung. Wenn auch die Begegnung eines russischen Präsidenten mit dem Papst an sich keine Neuigkeit war, nimmt doch die Tatsache, dass der neue Papst das Staatsoberhaupt Russlands noch vor dem amerikanischen Präsidenten empfangen hat, eine symbolische Bedeutung an. Im heutigen geopolitischen Rahmen scheint das „Dritte Rom“ den Interessen des Vatikans näher zu stehen als die Regierung der Vereinigten Staaten.

Der gemeinsame Einsatz für eine friedliche Lösung des Syrienkonflikts und die Kooperation zur Verteidigung von Religionsfreiheit und ethisch-moralischen Werten in der modernen Gesellschaft sind heute „ein fruchtbares Begegnungsfeld“ zwischen Russland und dem Heiligen Stuhl. Zumindest nach Ansicht von Dario Citati, Direktor des Studienprogramms „Eurasia“ des römischen Instituts für höhere Studien in Geopolitik und deren Hilfswissenschaften (Istituto di Alti Studi in Geopolitica e Scienze Ausiliarie; kurz IsAG), den ZENIT für ein Interview traf.

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Russland ist die einzige Industrienation, in der der Anteil der Gläubigen in der Bevölkerung exponentiell zunimmt. Zugleich hat die Anzahl der Eheschließungen und der Geburten in den letzten Jahren eine Zunahme registriert, während die Zahl der Abtreibungen sinkt. Woher kommt dieser ermutigende Trend?

Citati: Zum einen daher, dass die Wiederentdeckung der traditionellen und religiösen Werte, die an sich ein spontanes Phänomen ist, von der Regierung unterstützt wird. Die Russische Föderation ist ein säkularer Staat, doch sind sich seine Institutionen der Rolle bewusst, die Religion im Leben der Gesellschaft spielt. Andererseits tritt dieser Trend deshalb umso deutlicher hervor, weil die Europäische Union und die USA zurzeit eine diametral entgegengesetzte Entwicklung durchmachen. Die Wahrheit ist, dass in den letzten Jahren nicht so sehr Russland ein religiöseres Land geworden ist, als vielmehr die westlichen Staaten einen Prozess der Bannung traditioneller Werte aus dem öffentlichen Leben beschleunigt haben. Dieser Kontrast erweckt den Eindruck, in Russland finde eine allgemeine Klerikalisierung statt, obwohl in Wirklichkeit Säkularismus und Gleichgültigkeit vor dem Glauben weiter verbreitet sind, als man denkt, besonders in den größeren Städten. Das Wachstum des Christentums in Russland ist eine Realität, die jedoch weitaus weniger eklatant erscheinen würde, wenn nicht gleichzeitig in Europa und den USA der entgegengesetzte Trend zu beobachten wäre.

Der Schriftsteller Alexander Solschenizyn behauptete vor 25 Jahren, dass es dem russischen Volk leicht fallen müsse, nach Ende des Kommunismus wieder an seine Vergangenheit anzuknüpfen. Können wir im Licht der Zunahme der Gläubigen in Russland diese Vorhersage als gelungen betrachten? Sind Jahrzehnte des Staatsatheismus nur noch eine Erinnerung?

Citati: Solschenizyn betrachtete den Bolschewismus als einen Fremdkörper in der russischen Kulturtradition und war deshalb überzeugt, dass nach dem Fall des Kommunismus die religiösen Werte fast von selbst wieder in Kraft treten würden. Zum Teil kann man dieser Meinung zustimmen, aber man darf dabei nicht vergessen, dass die Religion in Russland eine ganz eigene Geschichte hinter sich hat, in der das Bewusstsein einer universalen Sendung mit der Sehnsucht nach nationaler Geltung gekoppelt ist. Deshalb ist die Wiederentdeckung des Glaubens in Russland nicht ganz frei vom Risiko einer Instrumentalisierung. In der Sowjetzeit wurde die kommunistische Ideologie als Werkzeug eingesetzt, um die Massen mittels einer Verschmelzung von Messianismus und Patriotismus zu mobilisieren: Es ist wichtig, dass heute nicht der Glaube auf ähnliche Weise missbraucht wird. Religion muss aufrichtig geglaubt und im Alltag gelebt werden, um die Herausforderungen des Lebens anzunehmen. Sie darf nicht zu einem provisorischen Zufluchtsort für nationale Identität werden.

Im November besuchte der russische Staatspräsident Wladimir Putin den Heiligen Vater Franziskus im Vatikan. Wie sehen Sie dieses diplomatische Bündnis zwischen dem Heiligen Stuhl und Moskau zur Lösung der Syrienkrise?

Citati: Dieses Treffen war für beide Seiten ein großer politischer und diplomatischer Erfolg, vor allem aber hat es den richtigen Weg für Syrien vorgegeben und den Krieg verhindert. Für Russland war dieser Erfolg auch deshalb wichtig, weil dadurch die strategische Rolle Moskaus im Nahen Osten mehr Gewicht erhält. Trotzdem kann man in dieser gemeinsamen Aktion paradoxerweise auch die verhältnismäßige Unfähigkeit sehen, aus dem diplomatischen Sieg vollen Nutzen zu ziehen. Zwei starke internationale Subjekte, die im Westen oft harter Kritik ausgesetzt sind – die katholische Kirche und die Russische Föderation – haben eine weise und moderate Politik angewandt, die auch den Erwartungen der weltweiten öffentlichen Meinungen entsprach. Daraus sollte eine größere Wertschätzung für Ihre Ansichten auch zu anderen Themen folgen, doch hängt das von ihrer Fähigkeit ab, ein Medienbild auszugleichen, das sie mehr zu Zielscheiben der Kritik als zu nachahmenswerten Vorbildern macht.

Wenn Sie von „anderen Themen“ sprechen, meinen Sie damit das Naturrecht und die Verteidigung der christlichen Identität?

Citati: Genau. Die Verteidigung des natürlichen Rechts und der christlichen Identität stellen heute das fruchtbarste Begegnungsfeld zwischen Moskau und Heiligem Stuhl dar, denn zu diesen Themen haben sie viele übereinstimmende Positionen. Die Szene des russischen Präsidenten, der anlässlich seines Besuchs beim Papst die Marienikone küsst, hat Öffentlichkeit und geopolitische Beobachter gleichermaßen beeindruckt, denn sie zeigt, dass die russische Position nicht allein der Realpolitik entspringt.

[Der zweite Teil des Interviews folgt am Freitag, dem 24. Januar]