Die politische und diplomatische Bedeutung des Treffens zwischen Papst Franziskus und Präsident Putin (Zweiter Teil)

Interview mit Dario Citati, Direktor des geopolitischen Studienprogramms "Eurasia"

Rom, (ZENIT.org) Federico Cenci | 305 klicks

Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen, erklärte, die Beziehungen zwischen der katholischen und der russisch orthodoxen Kirche seien „besser geworden“. Welche geopolitischen Folgen können sich aus diesen ökumenischen Fortschritten ergeben?

Citati: Auf der Ebene der zwischenmenschlichen Beziehungen sicher positive Folgen; aber keine tiefgreifenden Veränderungen. Der ökumenische Dialog, der auf einer theologischen und dogmatischen Ebene stattfindet und die gegenseitige „Bereicherung“ zum Ziel hat, ist nicht der richtige Weg, um die Einheit aller Christen herbeizuführen. Indem man versucht, allen entgegenzukommen, erreicht man mit niemandem eine echte Übereinstimmung. Da unzählige Stimmen an diesem Dialog teilnehmen, bedeutet die Annäherung an einen Gesprächspartner fast unausweichlich eine Zunahme der Distanz zu allen anderen. Um ein Beispiel zu nennen: Zurzeit findet ein sehr ernster Kontrast zwischen dem Patriarchat von Konstantinopel und dem von Moskau statt, der zum Teil gerade auch das Verhältnis zur katholischen Kirche zum Thema hat. Trotzdem können Katholiken und Orthodoxe eine geopolitisch wichtige Einstimmigkeit erreichen, wenn nicht auf der ekklesiologischen und doktrinären Ebene, so doch zumindest auf der Ebene der Ethik, der Kultur und einer allgemeinen Sicht der Gesellschaft.

Wie beurteilen Sie das Bild, das die westlichen Medien von den Maßnahmen der russischen Regierung zu den sogenannten ethischen Fragen verbreiten?

Citati: Die überkritische Haltung eines Großteils der westlichen Medien hat einen in erster Linie geopolitischen Grund: Es geht darum, eine Großmacht zu delegitimieren, die als Gegner auf dem internationalen Spielbrett empfunden wird. Doch beweist diese Haltung auch, wie weit die verschiedenen einst wichtigen politischen Kulturen unserer Länder heute zum gestaltlosen Magma der postmodernen „political correctness“ zusammengeschmolzen sind. Wenn man genau hinsieht, sind die Positionen der russischen Regierung zu den sogenannten ethischen Fragen dieselben, die jede konservative Gruppierung im Westen, vom französischen Gaullismus zu den amerikanischen Republikanern, von der Conservative Party in Großbritannien zu den verschiedenen christdemokratischen Parteien auf dem Kontinent, seit jeher als Grundwerte ihrer Identität betrachtet: Verteidigung der natürlichen Familie und des ungeborenen Lebens, Patriotismus, Verbundenheit mit den nationalen Traditionen. Dass diese Themen von manchen Medien wie Phänomene eines fremden Planeten dargestellt werden ist das Zeichen einerzunehmenden Verarmung der intellektuellen Debatte und der demokratischen Dialektik in Europa.

In den westlichen Medien hat das russische Gesetz gegen homosexuelle Propaganda einen besonders schlechten Ruf. Gibt es Grund zur Sorge? Können Sie uns erklären, was dieses Gesetz vorsieht?

Citati: Das Gesetz, von dem Sie sprechen (Bundesgesetz Nr. 135 vom 19. Juni 2013) ist eine Integration des Gesetzes zum Schutz Minderjähriger und hat keinerlei strafrechtliche Relevanz. Es sieht eine Geldstrafe für Personen vor, die „nicht traditionelle“ sexuelle Verhaltensweisen im Beisein von Minderjährigen propagieren. Darüber hinaus stellt dieses Gesetz keinerlei Einschränkung der persönlichen Freiheit gleichgesinnter Erwachsener in ihrer Privatsphäre dar. Verglichen mit dem britischen Gesetz „Section 28 of the Local Government Act“ von 1988, das von Margaret Thatcher eingeführt wurde und bis 2003 in Kraft war und homosexuelle Verhaltensweisen an öffentlichen Orten mit viel schwereren Strafen belegte, kann dieses russische Gesetz sogar als mild gelten. Ganz zu schweigen von der Gesetzeslage in den USA: Noch vor knapp einem Jahrzehnt besaßen verschiedene US-Bundesstaaten Gesetze gegen Sodomie, die Homosexualität zu einer Straftat machten, die den Schuldigen ins Gefängnis bringen konnte. Keines der Informationsorgane, die heute Russland angreifen, erwähnt das. Damit ist für mich erwiesen, dass die „besorgten“ Äußerungen unserer Medien Teil einer uralten „Soft-Power-Strategie“ sind. Es handelt sich um die Tendenz seitens der hegemonischen Mächte, ihre jeweils veränderlichen Sitten als ein Maßstab darzustellen, das den Unterschied zwischen Kultur und Barbarei macht. Wenn die Vereinigten Staaten morgen die Todesstrafe abschafften, würden die Massenmedien schlagartig die Idee propagieren, dass Länder, in denen Todesstrafe noch in Kraft ist, außerhalb der zivilisierten Welt liegen. Bei Bedarf würden sie dieses Argument dann einsetzen, um rivalisierende Mächte in Misskredit zu bringen oder gar zu dämonisieren.

Mario Pescante, ehemaliger Präsident des Italienischen Olympischen Komitees und Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees, bezeichnete den Entschluss der Vereinigten Staaten, homosexuelle Athleten zu den olympischen Winterspielen nach Sotschi zu entsenden, als „politischen Terror“. Auch die Gefahr von Attentaten seitens tschetschenischer Nationalisten bleibt hoch. Glauben Sie, dass die Winterolympiade in Sotschi dem Image Putins eher nutzen oder schaden wird?

Citati: Putin kann dieses Event zur Visitenkarte Russlands machen, doch werden die ihm feindlich gesinnten Medien jede Gelegenheit nutzen, um ihm leicht vorhersehbare Vorwürfe zu machen. Schließlich ist die Selektivität der Information heute mehr denn je das, was die Realität „schafft“. Ein Beispiel dafür ist der islamistische Terror. Ende 2013 fanden zwei schwere Anschläge in Wolgograd statt, doch hat die internationale Presse kein großes Aufsehen davon gemacht und nicht versucht, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und Bestürzung über dieses Massaker wehrloser Zivilisten hervorzurufen (was zweifellos geschehen wäre, wenn die Anschläge in einer europäischen oder nordamerikanischen Stadt stattgefunden hätten). Stattdessen war fast nur vom Mangel an Sicherheit in Russland die Rede. Dabei genügte gestern noch das Schreckgespenst des islamistischen Terrors, um die Kriege des Westens zu legitimieren, der heute ungeniert die Islamisten in Syrien und Nordafrika unterstützt, ohne deshalb an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Oder nehmen wir den Skandal um die internationale Überwachungsaffäre, der letztlich eher milde Kritik hervorgerufen hat: Wenn an Stelle der USA Russland stünde, würden die Medien uns täglich mit Reportagen, entrüsteten Aufrufen und schockierenden Enthüllungen über die Verletzung von Privatsphäre und Menschenrechten zuschütten. Das erkennt man schon an der einseitigen Art, wie die innerrussischen Ereignisse von unseren Medien bewertet werden: Als Putin Chodorkowski und die Pussy Riot begnadete, warf man ihm vor, populistische Propaganda zu betreiben; hätte er es nicht getan, hätte man weiterhin darüber geklagt, dass die heroischen Gegner des Kreml immer noch in Haft sind. Mit diesem Geist, der die russische Regierung kritisiert, was auch immer sie tut, schicken viele Medien sich an, über die olympischen Winterspiele in Sotschi zu berichten.

[Der erste Teil des Interviews mit Dario Citati erschien am Donnerstag, dem 23. Januar]