Die Rationalität des Glaubens

Überlegungen zu einer Konstante im Lehramt von Papst Benedikt XVI.

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Von Bischof Gerhard Ludwig Müller


WÜRZBURG, 14. Mai 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- In seiner in Regensburg gehaltenen Vorlesung – einer Sternstunde nicht nur der deutschen Universitätsgeschichte – hat Papst Benedikt XVI. erneut die Synthese von Glaube und Vernunft und von Freiheit und Liebe herausgestellt. Vier Begriffe, die heute eine säkulare Welt für sich beanspruchen möchte, die zugleich der Kirche abspricht, als tragendes Fundament oder Quelle eines sinnvollen Lebens der Gesellschaft in Erscheinung treten zu dürfen. Wer nicht glaubt, dass Christus der einzige und unüberbietbare Mittler des Heils ist, rühmt sich seiner Aufgeschlossenheit und seiner Fähigkeit zu Toleranz, während er zugleich der Kirche Gewissenszwang und geistigen Imperialismus vorwirft. Mit der so verabsolutierten Toleranz in einem pluralistischen Weltbild ist es scheinbar nicht weit her, wenn es um den Christen mit seiner grundsätzlichen Glaubensentscheidung geht.

Dahinter steckt oft die Vorstellung, dass der Mensch nur eindimensional, rein innerweltlich zu einer tiefergreifenden Erkenntnis gelangen könne. Das Nicht-Sichtbare wird in den Raum der Psychologie oder der Mythenbildung, als subjektiv geprägtes Bewältigungsmuster für eine nicht zu ertragende Realität abgedrängt – ihm also keine tatsächliche Existenz zugeschrieben. So gibt es keinen Wahrheitsanspruch, kein letztes Maß, keinen Gott. Aber wie kann man ein solch apodiktisches Urteil mit einer agnostischen Haltung sprechen?

Der Liberalismus kann die Offenbarung nicht ertragen

So entsteht die Diktatur des Relativismus, von der Kardinal Ratzinger bei der Eröffnung des Konklaves gesprochen hat, aus dem er als Benedikt XVI. hervorgegangen ist. In der Verneinung der Transzendenz liegen Gefahren, die sich mit den Ereignissen und Tendenzen aus der Geschichte dokumentieren lassen: Eine Vergötzung des Menschen führte und führt zu Totalitarismus und Diktatur, und vernichtet das christliche Menschenbild durch die Macht des Stärkeren. Niemand hat sich autoritärer gezeigt als der relativistische Liberalismus des 19. Jahrhunderts mit seinem antikirchlichen Furor. Keine andere Bewegung war menschenfeindlicher als der Atheismus des 20. Jahrhunderts mit dem pseudoreligiösen Habitus des „neuen Menschen“. Die Nomenklatur des „Übermenschen“ brachte millionenfachen Mord sowie Tod und Verwüstung über die ganze Welt. Im Namen der Freiheit wurden die Kirche und der Glaube bekämpft.

Relativismus in Bezug auf die Wahrheit ist nicht nur ein philosophischer Gedankengang, sondern führt unausweichlich in die Intoleranz gegenüber Gott. Die zentralen Aussagen zu Gott, Jesus Christus und Kirche werden höchstens noch als Subkultur einer religiös motivierten Gruppierung betrachtet. Aus Gott wird ein „Ideal“, das zur Erbauung oder Pädagogisierung der Menschen eingesetzt wird. Aus Jesus Christus wird ein besonderer „Fall“, der exemplarisch für die Moral der Gesellschaft als Vorbild dienen könnte und die Kirche ist ein freier Zusammenschluss – wie ein Verein – von Menschen mit den gleichen religiösen subjektiven Anschauungen.

Hier sind die Gründe zu suchen für die Tabuisierung religiöser Themen in der Öffentlichkeit. Aber auch die Verdrängung der christlichen Botschaft und der Kirche aus dem politischen Diskurs. Die Kirche, so sagt man, repräsentiert religiös motivierte Menschen, die aber keinerlei Anrecht auf Mitsprache und Mitgestaltung der Welt hätten. Sie sind einem begrenzten kulturellen Paradigma verbunden, das aber nicht allgemein verbindlich sei und an sich in den Bereich der individuellen und kollektiven Subjektivität gehöre. Auch für das Selbstverständnis der Theologie bleibt diese Einschätzung des Glaubens nicht ohne Folgen. Ist sie noch eine echte Beschäftigung mit Gott unter den Vorzeichen der Vernunft oder nur noch ein Programm, dem sich einige Anhänger verschreiben?

Liberalismus als handelnde Form des Pluralismus kann es nicht ertragen, wenn Gott sich dem Menschen tatsächlich geoffenbart hat, weil man dann zugeben müsste, dass nicht der Mensch das Maß aller Dinge ist, sondern er sich der Freiheit schenkenden Liebe Gottes verdankt. Der Liberalismus, der Genuss und Gewinn verabsolutiert, steht gegen den eucharistischen Menschen, der sich Gott verdankt und der zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes erlöst ist.

Kann eine Welt ohne Gott gelingen? Diese Frage stellt sich nicht rein theoretisch. Sie muss unter die Prämisse gestellt werden, dass es Gott gibt und wir ihn aus seinem Eigentum verdrängen. Es geht also nicht um die Frage, ob Gott existiert, sondern um die blanke Ablehnung seiner Gegenwart. Wer Gott als Dreh- und Angelpunkt des eigenen Lebens erkennt, wird nicht deshalb oftmals belächelt, weil es keinen Gott gäbe, an den man sich wenden könnte, sondern weil man ihn bewusst aus der Realität verbannen möchte. Eine aufklärerische Vernunft erklärt sich selbst zu Gott und suggeriert, dass der Mensch sich selbst allein genüge.

Aber in unserem Glaubensbekenntnis liegt bereits der Keim für eine an der menschlichen Vernunft orientierten Begegnung mit Gott. Vernunft, Vernünftigkeit sind keine Begriffe, die mit dem Glauben nicht vereinbar wären, auch wenn dies immer wieder der Vorwurf ist, den die pluralistische und relativistische Moderne anbringt. Als Wesen des Verstandes sind wir so konzipiert, dass wir Gott nicht vor der Vernunft verstecken. Er hat sie geschaffen, er ist der alles umgreifende LOGOS, der uns überhaupt erst zur Erfahrung und Erkenntnis führen kann. Der Mensch denkt sich selbst und die Welt und damit ihren alles entspringen lassenden transzendentalen Grund. Er gebraucht seine Vernunft. Wie kann sich Vernunft ohne Bezug auf Gott überhaupt selbst denken?

Pluralismus und Säkularismus bedienen den Menschen, der ohne Gott leben möchte, damit ihm keine Regeln auferlegt sind, Regeln, die aber aus dem Mensch-Sein selbst erwachsen. Eine Diskussion ohne diesen Bezugspunkt hebt den Menschen aus den Angeln. Weil keine Basis mehr da ist, die ihm zeigen kann, wer er eigentlich ist. Ohne die freimachende Herrschaft Jesu Christi wird das, was den Menschen ausmacht, zur Farce. Es hat keinen Bestand und wird zum Schrecken für die, die sich nicht wehren können. Gerade deshalb braucht die Welt eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber nicht taub ist. Der göttliche Logos hat in Jesus Christus menschliche Gestalt angenommen. Das ist der Glaube, den die Vernunft zu verstehen lehrt und die Vernunft, die zum Glauben kommt und die Freiheit, die gewissenhaft handelt. „Nicht mit dem Logos zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider“ (Regensburger Vorlesung) – dieser programmatische Satz aus der berühmten Vorlesung, die Papst Benedikt in Regensburg gehalten hat, beschreibt die Korrelation von Glaube und Vernunft. Auf beeindruckende Weise wird dieses gegenseitige Lernen von Glaube und Vernunft bereits im denkwürdigen Gespräch, das Joseph Ratzinger mit Jürgen Habermas in der Katholischen Akademie in Bayern geführt hat, erläutert.

In der Religion gibt es gefährliche Pathologien

Da die westliche Rationalität aus ihrer geschichtlichen Vergewisserung heraus und den sich dahinter verbergenden Denkprozessen nicht von der ganzen Menschheit nachvollziehbar ist und daher nicht uneingeschränkt – grenzenlos – operieren kann, fordert Ratzinger gegenseitige Lernbereitschaft. Der Glaube von der Vernunft und die Vernunft vom Glauben: Denn in der Religion gäbe es gefährliche Pathologien, die es nötig machten, das göttliche Licht der Vernunft als Korrektiv anzunehmen. Wenn gilt „nicht mit dem Logos zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider“, dann bedarf die Religion der Vernunft als ordnendes und gegebenenfalls reinigendes Prinzip. Die Vernunft ist nicht erst additiv der Religion zur Seite gestellt, sondern ihr Ursprung liegt ja im Logos, ist Gott.

Die Religion wird damit auch ihrer unerlaubten Begrenzung im rein subjektiven und psychologischen Raum des Menschen entzogen. Wenn der Logos ausgeschlossen wird und die Rationalität des Menschen als mit dem Glauben nicht kompatibel angesehen wird, dann hätte dies auch Konsequenzen für das Menschenbild. Im Vorwort zur Neuausgabe seines Klassikers „Einführung ins Christentum“ aus dem Jahr 2000 erläutert der damalige Präfekt der Glaubenskongregation: „Logos heißt Vernunft, Sinn, aber auch Wort.“ Und im Blick auf den Prolog des Johannesevangeliums identifiziert Ratzinger den Logos so mit Gott, dass auch die Konsequenzen für das Verständnis von Welt und Mensch deutlich hervortreten: „Der Gott, der Logos ist, verbürgt uns die Vernünftigkeit der Welt, die Vernünftigkeit unseres Seins.“

So ist der Mensch als Geschöpf Gottes, des Logos, der Vernunft auch als Wesen des Hörens auf Gott, des Gott Antwortens, des Dialogs mit Gott – aber eben auch mit den Menschen aller Kulturen, die mit redlichen Herzen und fragender Vernunft nach der Erkenntnis Gottes ringen. Am Ende der Regensburger Vorlesung vom 12. September 2006 steht deshalb auch die Einladung in den „großen Logos, in diese Weite der Vernunft“, in der der „Dialog der Kulturen“ möglich ist, einzutreten.

Zu erwähnen sind aber auch die kritischen Töne Ratzingers über die gefährlichen Pathologien der Vernunft: „Eine Hybris der Vernunft, die nicht minder gefährlich, sondern von ihrer potenziellen Effizienz her noch bedrohlicher ist“ und er nennt als Beispiele die alles vernichtende Atombombe und die Reduzierung des Menschen auf die Ebene eines reinen Produkts. Wie die Religion durch die Vernunft ein vielleicht notwendiges Kontrollorgan zur Seite gestellt bekommt, so muss auch umgekehrt die Vernunft an ihre Grenzen gemahnt werden und „Hörbereitschaft gegenüber den großen religiösen Überlieferungen der Menschheit lernen. Wenn sie sich völlig emanzipiert und diese Lernbereitschaft, diese Korrelationalität ablegt, wird sie zerstörerisch.“

Resümierend fügt Ratzinger an: „Ich würde demgemäß von einer notwendigen Korrelationalität von Vernunft und Glaube, Vernunft und Religion sprechen, die zu gegenseitiger Reinigung und Heilung berufen sind und die sich gegenseitig brauchen und das gegenseitig anerkennen müssen.“ Ich erwähne Habermas an dieser Stelle, weil Benedikt XVI. den deutschen Philosophen bei seiner geplanten Rede an der Römischen Universität La Sapienza erneut zitiert und ihn mitverantwortlich macht für die Wiedereinführung des Wahrheitsbegriffs in die politische Diskussion. Die laizistische Blockade der Rede des Heiligen Vaters, die ja bekanntlich zur Absage des Termins führte, gehört sicher nicht zu den leuchtendsten Momenten säkularer Offenheit und Vernünftigkeit. Die Diktatur liberaler und relativistischer Unvernunft und Intoleranz tritt hier deutlich zu Tage. Deshalb sei an dieser Stelle noch kurz auf die Rede, die nicht gehalten wurde, eingegangen.

Wie notwendig dieser Gedanke von der Korrelationalität ist, hat die Diskussion um die nichtgehaltene Rede des Heiligen Vaters an der Römischen Universität Sapienza gezeigt. Mit den Argumenten der Toleranz, der Redefreiheit und der Meinungsfreiheit wurde die Rede verhindert, weil die Kirche für Intoleranz und ideologische Verengung stünde. Diese säkulare Vernunft benötigt wirklich ein Korrektiv. Denn ohne jegliche inhaltliche Auseinandersetzung wurde dem Papst in Rom ein Redeverbot ausgesprochen. Was aber hat er sagen wollen? – an einer Universität, die von einem Papst gegründet wurde und jahrhundertelang die Universität der Päpste gewesen ist?

Tradition als vernünftiges Kriterium

Als Papst steht er zunächst als der, „der von einem Übersichtspunkt aus aufs Ganze sieht“ und „sich um den rechten Weg und den Zusammenhalt des Ganzen müht“. Sein Blick ist insofern zuerst auf die Gemeinschaft der Gläubigen gerichtet, deren Hirte und Lehrer er ist und die er auf dem Weg zu Gott hält, wie ihn Christus uns gezeigt hat – weil er selbst der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Aber diese Gemeinschaft der Gläubigen – die Kirche – ist in der Welt. Ihr Zustand, ihr Weg, ihre Verkündigung wirkt sich unweigerlich auf die ganze Menschheit aus, weil die Kirche in ihrer Universalität eben nicht den Grenzen menschlicher Enge unterworfen ist. Politische, nationale oder ethnische Barrieren kennt der Glaube nicht. Und wenn die Religion in einen kritischen Zustand kommt, dann sind die Auswirkungen auch für die ganze Menschheit spürbar. So wird der Papst gerade als Hirte der Kirche immer mehr zu einer Stimme der moralischen Vernunft der ganzen Menschheit.

Was aber ist diese Vernunft? Wann kann eine Aussage als vernünftig beurteilt werden? Und Benedikt XVI. antwortet: Ein Kriterium der Vernünftigkeit besteht unter anderem darin, dass vernünftige Lehren aus einer verantworteten und doktrinellen Tradition heraus sich ableiten lassen und sie zudem über lange Zeiträume hinweg hinreichende Gründe für die jeweilige Lehre entwickelt hat. Erfahrung und Bewährung über den Strom der Generationen hinweg, eingebettet in den „Fundus menschlicher Weisheit“ werden zum Maßstab der Vernünftigkeit. So sind religiöse Traditionen ein Erbe der Menschheit, das nicht durch säkulare Kräfte in den rein binnenkirchlichen oder innertheologischen Raum abgedrängt werden dürfen, sondern vielmehr durch die Kriterien der Dauer, der Erfahrung, der Beständigkeit und Bewährung als für die gesamte Menschheit geltend anerkannt werden müssen.

Als Vertreter moralischer Vernunft bringt der Papst als Hirte der Kirche die in den Jahrhunderten ihres Bestehens gewachsene Weisheit des Lebens sowie ihren Schatz an moralischer Erkenntnis und Erfahrung, der für die ganze Menschheit bedeutsam ist, in seiner Vernünftigkeit zur Sprache. Das Verhältnis von Vernunft und Glaube kann als Merkmal der Theologie des Fundamentaltheologen Joseph Ratzinger gelten. Auch in seinen überaus erfolgreichen ersten drei Jahren seines Pontifikats werden immer wieder die fundamentalen Themen der Theologie zum Thema seiner Verkündigung. Besonders deutlich geworden ist dies in den beiden Enzykliken über die Liebe und über die Hoffnung, die uns Gott als den in der Welt Wirkenden vorstellen, der uns liebt und uns die Hoffnung auf die endgültige Erlösung schenkt. So spricht er auch von Gott, der schöpferische Vernunft und zugleich „Vernunft als Liebe ist.“

Die Vernunft fragt, sie will Antworten auf die Fragen, die den Menschen in seinem Innersten beschäftigen. Sie will Gott erkennen. Das geht über das bloße Wissen hinaus, weil es ein Suchen nach der Wahrheit ist. Die Erkenntnis der Wahrheit zielt auf die Erkenntnis des Guten. Im christlichen Glauben begegnet der Mensch dem Logos, der schöpferischen Vernunft, die sich in der Inkarnation als das Gute, die Güte selbst gezeigt hat. Mit einem Blick auf die mittelalterliche Universität qualifiziert er die Philosophie und die Theologie als die beiden Disziplinen, denen die Suche nach dem Ganzen des Menschseins aufgetragen ist, und zwar insofern sie auch mitverantwortlich sind für das „Wachhalten der Sensibilität für die Wahrheit“. Nicht die Zersplitterung des Seins, der Erkenntnis und der Vernunft hinein in die weiten Fächer der akademischen Disziplinen, sondern das Ringen um das Ganze, das Erfassen innerer Zusammenhänge und das Vordringen zum Wesen alles Seins macht die Theologie und die Philosophie zu „Hütern der Sensibilität für die Wahrheit“, die den Menschen auf diesem Weg der Wahrheitssuche halten und ihm zeigen, dass Glaube, Vernunft und Wahrheit zusammengehören.

Die Aufgabe, der Wahrheit und der Vernunft in der Welt ihren Platz zu bewahren, stellt aber immer wieder die Frage, wie kann dies geschehen? Wie kann die Theologie der Vernunft und der Wahrheit den ihnen zukommenden Platz bei den Menschen geben? Gerade heute wird der Religion wieder Möglichkeit gegeben, sie als bedeutsames Segment der Gesellschaft anzuerkennen. Die grundlegenden Themen existenzieller Erfahrung rücken wieder in den Vordergrund. Der Papst wird zunehmend als Instanz in ethischen Fragen – auch von Nicht-Katholiken – anerkannt, sich als Christ zu bezeichnen geschieht nicht mehr hinter verschlossenen Türen und das Bekenntnis zu beten wird nicht mehr belächelt.

Das ist eine Chance für die Theologie, die sich als Disziplin der Kirche in den Dienst der Verkündigung stellen muss, damit sie so den Glauben auch in seiner Vernünftigkeit offen verteidigt und fördert. Dazu gehört die Einordnung der Theologie in das Ganze des Geschehens der Offenbarung Gottes an uns Menschen und unserer Antwort darauf. Theologie dient dem Glauben, der ihr bereits voraus ist, aus dessen Quellen sie schöpft und deren Lauf sie nicht beliebig verändern kann. Vernünftigkeit heißt ja, oben ist es bereits erwähnt, auf eine über die Jahrhunderte hinweggreifende bewährte und somit verbindliche Struktur zurückzugreifen. Aber dieser Blick auf die eigene Herkunft erschließt der Vernunft die Kraft, dem Denken immer neue Wege zu eröffnen. Die Geschichte der Heiligen ist eine Geschichte des Aufbruchs und der Erneuerung im Glauben.

Ebenso ist die christliche Botschaft von ihrem Ursprung her immer Ermutigung zur Vernunft und zur Wahrheit und so eine Kraft gegen den brutalen Druck von menschlicher Macht und zerstörerischer Interessen. Diese „Diktatur des Relativismus“ ist grundgelegt in den Egoismen einer sich von Gott losgelösten Menschheit. An ihre Grenzen gestoßen ruft sie jedoch nach den sinnstiftenden Antworten des Glaubens, der sich eben nicht begrenzen lässt in die durch subjektive Maßstäbe gesetzten Interessen. Und damit betritt die Vernunft des Glaubens den allgemeinen, den öffentlichen Raum, in den hinein sie von der „Stimme der moralischen Vernunft“ getragen wird. Unser Glaube und die Theologie wenden sich an die Vernunft des Menschen. Aber auch die Theologie und der Glaube dürfen sich nicht von der Vernunft trennen lassen. Kaum ein Theologe der Gegenwart hat diese Verbindung von Glaube – Vernunft – Wahrheit seit Beginn seines wissenschaftlichen Arbeitens derart betont, wie Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. Dass er als universaler Hirte der Kirche Jesu Christi dies nunmehr an herausragender Stelle tun kann, ist eine echte Chance für die Kirche, den Glauben und die Theologie.

Mit einem Zitat aus der an der Römischen Universität La Sapienza nichtgehaltenen Rede Papst Benedikt XVI. möchte ich schließen. Es fasst vieles, was nur angedacht werden konnte mit einer Selbstbeschreibung des Papstes in Bezug auf seine Verantwortung für die Vernunft, die Wahrheit und den Glauben, zusammen: „Über seinen Hirtendienst in der Kirche hinaus und vom inneren Wesen dieses Hirtendienstes her ist es seine Aufgabe, die Sensibilität für die Wahrheit wach zu halten; die Vernunft immer neu einzuladen, sich auf die Suche nach dem Wahren, nach dem Guten, nach Gott zu machen und auf diesem Weg die hilfreichen Lichter wahrzunehmen, die in der Geschichte des christlichen Glaubens aufgegangen sind und dabei dann Jesus Christus wahrzunehmen als Licht, das die Geschichte erhellt und den Weg in die Zukunft.“

[Der vorstehende Text wurde im April an der Theologischen Fakultät San Dámaso in Madrid vorgetragen; © Die Tagespost vom 13.05.2008]