Die „Regensburger Enzyklika“ – ein Jahr danach

Gespräch mit Bischof Crepaldi, Sekretär des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden

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ROM, 11. September 2007 (ZENIT.org).- Morgen, Mittwoch, jährt sich der Tag der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am 12. September 2006 während seiner Pastoralreise nach Bayern an der Universität Regensburg hielt.



Die „Regensburger Enzyklika“ um Glauben und Vernunft mit ihrem eindringlichen Aufruf zu einem „wirklichen Dialog der Kulturen und Religionen“ wurde durch die wenige Tage später einsetzende und teilweise gewaltsame Polemik in ihrem eigentlichen Anliegen missverstanden und zugunsten politischer Interessen instrumentalisiert.

Die beispiellosen gelenkten und irrationalen Manifestationen des Hasses eines fanatisierten Teils der islamischen Welt gegen den Papst machten es nötig, mehrere Klarstellungen zum Inhalt der Rede des Heiligen Vaters zu veröffentlichen. Islamische Gelehrte setzten sich am 12. Oktober 2006 in einem „Offenen Brief“ mit dem Text des Papstes auseinander und bekundeten ihre grundsätzliche Zustimmung zur Kernaussage Benedikts XVI.: Es gibt keine Religion, die dieses Namens würdig ist, die Gewalttaten ausübt oder rechtfertigt. Mord im Namen Gottes ist gegen das Gesetz Gottes, das immer ein Gesetz der Liebe ist. Gleichzeitig wurde jedoch in diesem Brief deutlich, dass die islamischen Gelehrten in der Grundfrage der Religionsfreiheit den Forderungen des Papstes nach Freiheit in Glaubensfragen und gegenseitiger Anerkennung der Religionsfreiheit sowie der freien Ausübung der Religion auswichen, insofern der Islam als solcher einen Wechsel der Religion mit dem Tod bestraft.

Trotz der negativen Reaktionen vieler Bereiche des Islam sowie der konstanten Bedrohung der christlichen Gemeinden in Ländern mit muslimischer Mehrheit wurde mit der Regensburger Rede ein neues Zeitalter im christlich-muslimischen Dialog eingeleitet. Die Worte des Papstes machten klar, dass die Grundbedingung für einen echten Dialog die Anerkennung des Strebens nach Wahrheit als der Natur des Menschen zugehörig ist.

Benedikt XVI. wandte sich in Regensburg allerdings nicht in erster Linie an die Welt des Islam, sondern an das Vernunftverständnis der modernen westlichen Kultur, das Gott aus ihrem Zuständigkeitsbereich ausschließt. Eine derartige Kultur der Gottabwesenheit könne keinen wahren Dialog zwischen Kulturen und Religionen fördern.

ZENIT interviewte diesbezüglich den Sekretär des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, Bischof Giampaolo Crepaldi, der darauf hinwies, dass die Regensburger Rede hinsichtlich der Beziehung von Glaube und Vernunft, Kirche und Welt, vom Christentum und den anderen Religionen ein „unersetzliches Dokument“ darstelle. In ihm komme der Gesamtzusammenhang der Lehre Papst Benedikts XVI. und des Theologen Joseph Ratzinger zum Ausdruck.

Der Bischof erinnerte daran, dass die Polemiken rund um die Rede des Heiligen Vaters auch dadurch zu erklären seien, dass der Papst auf die wesentliche Grundfrage eingegangen war: nämlich „dass das Christentum als Religion der Liebe die wahre Religion ist“.

Die inszenierten Polemiken haben nach Worten von Bischof Crepaldi von den wahren Inhalten der Rede abgelenkt. Gleichzeitig sei es im Verlauf dieses Jahres aber auch zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den Worten des Papstes gekommen. Dabei sei vor allem die Notwendigkeit eines Dialogs der wissenschaftlichen Disziplinen ins Auge gesprungen, eines Dialogs, der zu einer wahren „Einheit des Wissens“ führen sollte.

Bischof Crepaldi nannte gegenüber ZENIT auch das Hauptanliegen von Benedikt XVI.: Eine Wissenschaft, die Gott ausschließt, führt in die Leere und macht wahre Erkenntnis unmöglich. Die Selbstbeschränkung der Vernunft habe nur einen relativistischen Nihilismus zur Folge, während der Glaube der Vernunft dazu verhelfe, nicht innezuhalten. In diesem Sinne erfülle der Glaube in Bezug auf die Vernunft eine Reinigungsfunktion und öffne sie für die Transzendenz.

„Der christliche Glaube stellt seinen Wahrheitsanspruch und akzeptiert es, von der Vernunft untersucht zu werden.“ Auf diese Weise stelle der Glaube aber auch das Problem der Wahrheit der Vernunft und lade diese dazu ein, in sich selbst zu gehen, fuhr Bischof Crepaldi fort. Eine in sich verschlossene positivistische oder nihilistische Vernunft sei nicht in der Lage, die Religion zu untersuchen – aus dem einfachen Grund, „dass sie nicht einmal Vernunft ist, insofern sie die Idee der eigenen Wahrheit verloren hat“.

Der Primat der Vernunft bezieht sich nach Worten des Bischofs sowohl auf den Glauben als auch auf die Wissenschaft. Die Vernunft müsse in eine dialogische Beziehung mit dem Glauben eintreten und von diesem hinterfragt werden, um nicht in sich selbst zu ersticken. Vernunft ohne Gott führe nicht zum Atheismus, sondern vielmehr zur Vielgötterei, einem im Letzten irrationalen Glauben.

In den Augen von Bischof Crepaldi ist der Glaube immer der Anfang. Jeder Mensch stehe vor der Notwendigkeit von Grundsatzentscheidungen, und die würden auch jegliche Form von Rationalität betreffen. „Ohne Glaube gibt es kein Wissen.“