Die Religionen sind „Sinnträger“: Kardinal Tauran über christlich-muslimische Zusammenarbeit

Interview im „Osservatore Romano“

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ROM, 9. Januar 2008 (ZENIT.org).- Die Religionen sind „Sinnträger“, sagt Kardinal Jean-Louis Tauran, Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog. Aus diesem Grund dürfen sich die Gläubigen nicht davor fürchten, mit vereinten Kräften zu arbeiten.



In einem Gespräch mit der Vatikanzeitung „Osservatore Romano“ betonte Kardinal Tauran insbesondere zwei Ereignisse des zu Ende gegangen alten Jahres: den offenen Brief von 138 muslimischen Gelehrten und Religionsführern an den Papst und die übrigen Hirten der christlichen Kirchen sowie das interreligiöse Treffen in Neapel vom 21. bis zum 23. Oktober 2007.

Der Brief der muslimischen Gelehrten habe Gelegenheit geboten, eine „interessante Evolution“ im interreligiösen Dialog festzustellen, auch wenn für die Muslime der Dialog „weder eine Wirklichkeit noch eine Priorität“ darstellt.

Der Inhalt des Briefes, der an alle Verantwortlichen der christlichen Kirchen gerichtet ist, „definiert auf originelle Weise den den Juden, Christen und Muslimen gemeinsamen Monotheismus unter einem Hauptthema: dem gemeinsamen Glauben an den lebendigen Gott im Rahmen des zweifachen Gebotes der Gottes- und Nächstenliebe“ (vgl. hierzu Antwortschreiben Benedikts XVI.).

All dies bedeute „eine beachtliche Öffnung, und der islamisch-christliche Dialog wird durch diese Anstrengungen gestärkt, die darauf ausgerichtet sind, gemeinsame Werte für alle drei Monotheismen zu finden“, so der Kardinal.

Hinsichtlich des Zusammenspiels von Dialog und Evangelisierung erklärte Tauran, dass diese beiden Elemente „den geheimnisvollen Plan Gottes und die Freiheit des Menschen ins Spiel bringen“.

Für die Christen gehe es darum, „einen Schatz mit den anderen zu teilen: unseren Glauben“. Das müsse in der Achtung des anderen, seiner Freiheit und seiner Überzeugungen geschehen. Zugleich sei jede Form von Synkretismus zu vermeiden.

„Wir sagen nicht: ‚Alle Religionen sind mehr oder minder gleich‘“, präzisierte Kardinal Tauran. „Wir sagen vielmehr: ‚Alle, die Gott suchen, haben dieselbe Würde und dieselbe Freiheit.‘ Der interreligiöse Dialog kann nicht auf Zweideutigkeit beruhen. Alle Parteien müssen eine klare Vorstellung von der eigenen religiösen Identität und dem Gehalt des eigenen Glaubens haben.“

In einer Welt, in der der Friede durch Egoismus und Machthunger bedroht ist, könnten die Religionen eine Trendumkehr einleiten, „da sie im Bewusstsein leben, dass die Menschheit eine Familie ist, die Gott in der Liebe vereint sehen will; dass ihre Sprache das Gebet und ihr Programm die Brüderlichkeit ist“.

Zur Förderung des interreligiösen Dialogs ist es für Kardinal Tauran vor allem notwendig, dass die Hirten und Führer der Religionen für die Bildung ihrer Gläubigen Sorge tragen. Des Weiteren sei der Wille unverzichtbar, den anderen kennen zu lernen, ihn zu verstehen und eine gewisse Kenntnis der persönlichen und gemeinschaftlichen Geschichte sowie des Inhalts seiner Religion zu besitzen.

Angst davor, den eigenen Glauben vor den Zeitgenossen zu bekennen, sei unangebracht. „Die Religionen sind Sinnträger“, so Kardinal Tauran. „Wenn Christen und Muslime nicht in Frieden miteinander leben, so kann es für die Welt keinen Frieden geben.“

Der Brief der islamischen Gelehrten bekräftige, dass jede wahre Religion in der Einzigkeit Gottes gründe, in der Notwendigkeit, ihn anzubeten, sowie in der Notwendigkeit, alle Menschen zu lieben und somit Gerechtigkeit zu praktizieren. In diesem Kontext sei es möglich, „miteinander zu sprechen und dafür zu arbeiten, die Ungerechtigkeiten und Krankheiten auszumerzen und das ökologische Erbe des Planten zu bewahren“.

Kardinal Tauran hielt es im Gespräch mit dem „Osservatore Romano“ für möglich, dass sich auch die Juden dieser Linie der gemeinsamen Überlegungen anschließen, um einen Beitrag für die Errichtung einer gerechten und solidarischen Gesellschaft zu leisten.