Die Revolution der Kinder

Tragischer Tod eines achtjährigen Mädchens veranlasst Arabische Emirate zu neuem Kinderschutzgesetz

Rom, (ZENIT.org) Valentina Colombo | 1039 klicks

„Schwarze, regenbringende Wolke“. So ungefähr könnte man den arabischen Namen „Wadima“ übersetzen. Die tragische Geschichte der achtjährigen Wadima und ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Mira könnte jedoch den künftigen Generationen der Vereinigten Arabischen Emirate einen Sonnenstrahl der Hoffnung bringen.

Diese traurige Geschichte beginnt im November 2011 mit der Scheidung der Eltern der beiden Mädchen. Wie es das islamische Recht vorsieht, werden die Kinder der Familie des Vaters anvertraut, in diesem Fall der Großmutter väterlicherseits, die sie allerdings ganz ihrem Vater überlässt. Im Juni vergangenen Jahres wird die kleine Wadima tot in der Wüste aufgefunden, dank der Angaben, die ihre Schwester Mira im Krankenhaus macht, wo sie wegen schwerer Verletzungen behandelt wird. Noch unter Schock erzählt Mira den Ärzten, ihr Vater habe ihr und ihrer Schwester die Haare geschoren und ihnen kochendes Wasser über den Kopf gegossen; zusätzlich habe er sie brutal verprügelt.

Der Tod Wadimas schockiert in den Emiraten nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch den Emir selbst, der den Entschluss fasst, ein neues Gesetz zu verabschieden, dass Kindern künftig mehr Schutz gewähren soll. Schon 2010 hatte Humaid Al Muhairi, hoher Beamter am Justizministerium der Vereinigten Arabischen Emirate, erklärt: „Gewalt in der Familie ist in jedem Fall zu verurteilen.“ Anlass für diese Aussage war ein Fall von Gewaltanwendung eines Bürgers der Emirate gegen seine Frau und seine Tochter. Al Muhairi hatte damals eigens betont, diese Art von Gewalt sei auch eindeutig von der Schari‘a verboten.

Der tragische Tod Wadimas hat das Thema der Gewalt in den Familien wieder aktuell werden lassen. Der Gedanke eines Gesetzes zum Schutz der Minderjährigen wurde sofort als prioritär erkannt. Im November 2012 erklärte Scheich Muhammad bin Raschid Al Maktum, Premierminister der Vereinigten Arabischen Emirate: „Alle Kinder haben ein Recht auf ein gesichertes Leben, auf emotionell und psychisch stabile Verhältnisse, auf Betreuung und Schutz vor Gefahren und Gewalt.“ Den Minderjährigen diese Rechte zu sichern, sei von größter Wichtigkeit und es sei Aufgabe des Staats, sich für den Schutz der jungen Generationen einzusetzen.

Am 13. Januar dieses Jahres wurde das neue Kinderschutzgesetz verabschiedet, das auf ausdrücklichen Wunsch des Emirs „Wadima-Gesetz“ heißen soll, um das Andenken des kleinen Gewaltopfers zu ehren.

Dieses Gesetz ist ein Meilenstein für die arabisch-islamische Welt; ein erster wichtiger Schritt zur Anpassung des reichen Golfstaats an die internationalen Konventionen über die Kindheit. In 72 Absätzen, die zu zwölf Paragraphen zusammengefasst sind, wird das Recht der Kinder auf einen umfassenden Schutz festgelegt, angefangen bei so scheinbar einfachen Dingen wie dem Rauchverbot auf öffentlichen Verkehrsmitteln in Gegenwart von Kindern oder dem Verbot, Alkohol und Tabak an Minderjährige zu verkaufen, bis hin zum Recht auf Ausbildung und strengeren Strafen für Erwachsene, die Gewalt gegen Kinder anwenden. Das Gesetz legt auch erstmals fest, dass Kinder ein Recht auf eine glückliche Kindheit haben.

Bemerkenswert ist auch, dass das neue Gesetz sich unter anderem vornimmt, Minderjährige „vor dem Einfluss von Verbrecherorganisationen“ zu schützen, „die extremistische Ideen und Hass-Ideologien verbreiten.“ Absatz 34 zum Beispiel betrifft den Schutz der geistigen und moralischen Umwelt, in der ein Kind aufwächst.

Dieses Gesetz ist ein sehr mutiger Schritt für ein Land wie die Vereinigten Arabischen Emirate, dessen Regierung angesichts eines schweren Gewaltverbrechens nicht der Versuchung erlegen ist, die Nachricht zu verbergen oder die Ausmaße des Problems niederzuspielen, sondern mit einem Gesetz reagiert hat, das zur Zeit ein absolutes Unikum in der Region darstellt.

Schließlich ist auch ein nicht unbedeutender Teil der Bevölkerung der Emirate davon betroffen, denn etwa 20,5 Prozent aller Einwohner des Landes ist weniger als fünfzehn Jahre alt. Interessant ist auch die Koppelung des Kinderschutzes mit dem Kampf gegen islamistischen Fundamentalismus, den die Vereinigten Emirate schon seit Jahren führen. Die Politik einer angemessenen Ausbildung und größeren Schutzes für jenen Teil der Bevölkerung, der zwar heute der schwächere ist, aber die Zukunft der Nation darstellt, soll innere Stabilität sichern. Die jungen Generationen schützen heißt auch, eine Zukunft aufzubauen, in der extremistische Ideen weniger Nährboden finden dürften.

Die Hoffnung ist, dass das „Wadima-Gesetz“ in der muslimischen Welt Schule macht und dazu beiträgt, in Zukunft Kinderhochzeiten sowie psychische und körperliche Gewalt gegen Minderjährige zu unterbinden und den Kindern ganz allgemein ein gesichertes Leben zu garantieren, im Einklang mit den internationalen Konventionen.