"Die richtige Lösung sollte primär aus Syrien selbst kommen"

Interview mit Msgr. William Shomali, Patriarchalvikar in Jerusalem, zur 68. UN-Generalversammlung

Jerusalem, (Lateinisches Patriarchat) | 336 klicks

Die 68. UN-Generalversammlung wurde am Dienstag, den 24. September vor dem Hintergrund eines angespannten internationalen Kontextes in New York eröffnet. Die Hauptkrise betrifft Syrien, aber die Aufmerksamkeit richtet sich auch auf die iranische Nuklearfrage und die Friedensgespräche zwischen Israel und Palästina. Bischof William Shomali, Patriarchalvikar in Jerusalem, stellt eine Analyse vor.

Der iranische Präsident betonte, dass sein Land keine Bedrohung für die Welt oder den Mittleren Osten sei. Diese Versöhnungsversuche lassen eine vorsichtige Hoffnung unter westlichen Diplomaten entstehen, haben aber die israelischen Autoritäten nicht umgestimmt. „Diese Handlung reflektiert genau die iranische Strategie, zu reden und Zeit zu gewinnen, um die Fähigkeit, Nuklearwaffen zu entwickeln, weiter auszubauen“, sagt Netanyahu. Glauben Sie, dass die Diplomatie jemals eine Chance erhält?

Hassan Rohani ist ein geschickter Politiker und will Zeit gewinnen, um das iranische Nuklearprogramm fortzusetzen. Sicher hat der Westen Grund zu zweifeln. Wir sollten uns nicht in diesem Teufelskreis von Lügen fangen und eingrenzen lassen.

Es ist notwendig, das iranische Problem radikal zu lösen. Wir sollten zunächst den Mittleren Osten von allen Nuklearwaffen befreien. Jede Bombe, ob aus Indien, Pakistan, Iran oder Israel, ist eine zerstörerische Atombombe.

Man sollte versuchen, Nuklearprogramme und die Herstellung chemischer Waffen zu verhindern. Wir müssen alle anderen politischen Fragen klären, die zum Gebrauch solcher Waffen führen.

Würde die Rückkehr des Iran in die Vereinten Nationen dazu beitragen, die syrische Tragödie zu stoppen oder zu beenden?

Das Wort „stoppen“ ist prätentiös. Der Iran ist sicher ein Schlüsselelement im Konflikt, aber er ist nur ein Element, weil ebenso Russland und die Hisbollah Syrien unterstützen. Die richtige Lösung sollte primär aus Syrien selbst kommen, unterstützt durch internationalen Druck. Dazu sollte eine Reihe von Handlungen in verschiedenen Phasen folgen:

ein sofortiger Waffenstillstand

die Einfuhr von Waffen nach Syrien verhindern

einen Weg für freie, faire und transparente Wahlen bereiten

das Ergebnis der Wahlen anerkennen

In dieser Hinsicht muss der Iran eine Rolle spielen, und als Freund von Syrien könnte er einen positiven Einfluss zur Errichtung eines Waffenstillstandes ausüben.

Was ist Ihre Ansicht zur Verzögerung der westlichen Intervention in Syrien?

Ich verstehe, dass es einiges Zögern auf Seiten der USA und Europas aus verschiedenen Gründen gegeben haben mag.

Erstens, aus ethischen Gründen: Die Verbrecher der chemischen Angriffe sind nicht identifiziert. So ein Angriff kann nicht gestartet werden ohne einen Schuldbeweis. Und wenn es Rebellen waren, würde der Westen dann auch noch angreifen?

Dann gibt es einen Grund für Angst: die Eskalation der Gewalt und eines regionalen Flächenbrandes.

Schließlich, der dritte Grund betrifft das russische und chinesische Veto und die Bedenken des britischen Parlaments, die Obama zurückgehalten haben.

Wenn wir auf einer spirituelleren Ebene sprechen, die Teilnahme von Millionen von Gläubigen aus der ganzen Welt am Gebets-und Fasttag, den Papst Franziskus am Samstag, dem 7. September, ausgerufen hatte, hatte eine Einfluss auf die Politiker. Gott arbeitet auf verborgene und unerwartete Weise.

Obama und Hollande wollen eine Resolution von den Russen erhalten, die eine klare Drohung beinhaltet, dass die Anwendung von Gewalt in Syrien gerechtfertigt ist, wenn Assad seine Versprechen, die chemischen Waffen zu zerstören, nicht erfüllt. Glauben Sie, dass sie im Recht sind?

Wenn wir uns die Tatsachen vom Standpunkt Hollandes und Obamas ansehen, kommen wir zu dem Schluss, dass Gewalt gegen Assad verwendet werden muss. Aber diese Ansicht geht davon aus, dass Assad ein Diktator oder die Ursache allen Übels in Syrien ist und daher unter allen Umständen entfernt werden muss. Die Geschichte der chemischen Waffen ist eigentlich eine gute Ausrede, um einen Angriff auf Syrien zur Entfernung Assads zu starten. Wären das nicht gleichzeitig die Möglichkeiten, den Iran und die Hisbollah zu schwächen, die bitteren Feinde der Vereinigten Staaten?

Andererseits würden Hollande und Obama nicht anerkennen, dass ihre Haltung zur Syrienfrage nicht objektiv ist. Es stimmt, dass Assad ein Diktator ist, aber er ist gemäßigt verglichen mit anderen Diktatoren im Mittleren Osten.

Wir hören oft von der Notwendigkeit einer Demokratie im Mittleren Osten, aber es ist ein Fehler zu glauben, dass das in einigen Monaten möglich ist. Eine Demokratie in Syrien braucht eine lange Einführungsphase. Sie wird nicht das Ergebnis eines Bürgerkriegs, einer militärischen Intervention von außen oder eines Siegs der Rebellen sein, von denen viele Salafisten oder Dschihadisten mit Verbindung zur Al Kaida sind. Die Irakische Erfahrung ist der Beweis. Der Westen dachte, dass Wechsel und Änderung innerhalb von fünf Wochen einer militärischen Operation wirkungsvoll werden könnten. Noch Jahre später leidet dieses arme Land jeden Tag unter einer alarmierenden Instabilität, auf Kosten von vielen unschuldigen Menschenleben. Ich möchte die irakische Lektion als Richtlinie für alle Politiker verwenden.

Barack Obama sagte, dass er nicht von „Illusionen“ über die Schwierigkeit, Frieden zwischen Israel und den Palästinensern zu erreichen, sprach. Was erwarten Sie eigentlich von den laufenden Gesprächen?

Der einzige Weg zu einer Lösung ist der politische Dialog. Ein Dialog, der ehrlich, transparent, kreativ ist und auf einer international anerkannten Plattform basiert. Bis jetzt sind bilaterale Verhandlungen gescheitert.

Ausgehend von der Annahme, dass gleiche Ursachen die gleichen Auswirkungen haben, kann man darauf schließen, dass die Verhandlungen scheitern, wenn ein Mangel an Flexibilität herrscht, und es wird eine Eskalation von Gewalt geben…

Ich möchte einen amerikanischen Diplomaten zitieren, der in einem privaten Gespräch sagte: „Wenn zwei Feinde 80 Jahre lang kämpfen und ihre Probleme nicht überwinden können, kann man eine Lösung nur aufzwingen.“

Der US Präsident glaubte, dass die internationale Gemeinschaft noch nicht mit dem syrischen Problem konfrontiert war… Ist der Westen heute ein machtloser Beobachter des Mittleren Ostens im Allgemeinen?

Ja, er hat Recht. Die Welt war Zuschauer, und ich wage zu sagen „schuldig“. Wenn ein Land die Macht hat, für den Frieden zu arbeiten, und das nicht tut, begeht es die Sünde der Unterlassung.

Es hat auch Mitschuldige gegeben (vergleichen Sie das Beispiel der Waffen in Syrien), die den Konflikt verlängert haben, und ohne Sieg auf der einen oder der anderen Seite. Die einzige Lösung ist, wie ich schon gesagt habe, einen Waffenstillstand zu erklären, dem Verhandlungen zwischen den beiden Parteien unter internationaler Aufsicht folgen. Diesen Weg nicht zu gehen, würde bedeuten, den Konflikt wissentlich und mit voller Verantwortung zu verlängern.

Es gab Versuche von Extremisten, die einen Konfessionskonflikt im Mittleren Osten (Angriffe im Irak, Ägypten, Syrien….) provozieren wollten. Wie lautet Ihre Analyse? Glauben Sie, dass sich die Situation verschlechtern könnte und der religiöse Radikalismus sich auf Kosten der Christen intensivieren könnte?

Es ist richtig, dass es eine Radikalisierung im Mittleren Osten gibt, wegen religiöser Ideologien, die auf Intoleranz basieren, und Christen leiden.

Christen sollten nicht als Opfer einer Verfolgung dastehen und vom Himmel eine fertige Lösung erwarten. Sie sollten nicht neutral bleiben und sich in Ghettos einschließen. Im Gegenteil, sie sollten sich im politischen Leben ihres Landes engagieren, leiden und kämpfen mit den anderen Bürgern, und eine kluge Allianz mit gemäßigten Moslems eingehen…Die Kopten in Ägypten verstanden diese Notwendigkeit, sich im öffentlichen Leben zu engagieren, besonders während des letzten Putsches. Sie sind auch aktiv am Entwurf einer neuen Verfassung beteiligt.

Das Interview führte Christophe Lafontaine

(Quelle: Lateinisches Patriarchat von Jerusalem, 30/9/2013)