Die Rolle Bergoglios während der Diktatur in Argentinien

Ein neues Buch gibt Klarheit

Rom, (ZENIT.org) Maike Sternberg-Schmitz | 629 klicks

Im Oktober wird in Italien ein Buch erscheinen, das den Titel „Die Liste Bergoglios“ trägt. Die Grundlage der Publikation bildet eine Umfrage von Zeitzeugen und einige unveröffentlichte Dokumente, die zeigen, dass Papst Franziskus während seiner Zeit als Ordensprovinzial der Jesuiten in Argentinien viele Personen während der Militärdiktatur vor der Verfolgung bewahrte. Von 1976 an verschwanden in Argentinien mehr als 30.000 Menschen. Radio Vatikan führte ein Interview mit dem Autor des Buches, dem Journalisten Nello Scavo.

Der Autor sagte, Bergoglio habe sich bei der Rettung von Dutzenden von der Militärdiktatur verfolgten Menschen als ein sehr beweglicher Mann erwiesen, der sich mit der gleichen Vorsicht und Schlauheit wie ein Geheimagent bewegt habe. Dabei habe er sein eigenes Leben und seine Reputation aufs Spiel gesetzt. Bergoglio selbst habe nie darüber sprechen mögen, weswegen auch keine exakten Zahlen der geretteten Menschen vorlägen. Im Buch kommen 20 Zeitzeugen zu Wort, die Bergoglio alle in unterschiedlichen Zeitabschnitten kennengelernt haben und sich untereinander nicht kennten. Jeder von ihnen spreche von mehr als 20 Geretteten, so dass man sicher davon ausgehen könne, dass mehr als hundert Menschen von Pater Jorge Mario Bergoglio gerettet worden seien. Dann gebe es noch die „indirekt“ Geretteten, deren Namen bei eventuellen Folterungen hätten genannt werden müssen.

Nello Scavo rekonstruiert in seinem Buch, dass Bergoglio ein Untergrundnetz für die Rettung der Verfolgten organisiert hatte. Im Interview mit Radio Vatikan sagte er, wohl niemand werde jedoch ein Wort darüber verlieren, am wenigstens Bergoglio selbst, wie er von seinen Kontakten und Freundschaften dabei profitierte. Sicher sei, dass er Studenten, Männer und Frauen, im Collegio Maximo di Sam Miguel versteckte und dies in Unkenntnis seiner Mitbrüder, indem er ihnen erzählte, es handele sich um junge Menschen, die in einer Phase der spirituellen Selbstfindung seien. Während Bergolgio die Menschen bei sich versteckte, organisierte er ihre Flucht, wie zum Beispiel nach Brasilien, wo diese von einem weiteren von Jesuiten gegründeten Netz bis nach Europa gebracht wurden.

Die Untersuchungen haben mit absoluter Sicherheit ergeben, so der Autor, dass Bergoglio sich persönlich und unter Lebensgefahr um die Rettung der beiden Jesuiten und Priester Orlando Yorio und Franz Jalics bemüht habe, die in den Armenvierteln von Buenos Aires tätig waren. Es habe eine Begegnung zwischen Bergoglio und Admiral Massera, dem Obersten der Marine, einem furchtbaren Mann, gegeben, um die Freilassung der beiden Priester zu erlangen. Der Autor fügte hinzu, der Orden der Jesuiten sei der einzige gewesen, der während der Diktatur in Argentinien keine Toten zu verzeichnen habe.

Das Buch zeigt, dass zu den von Bergoglio geretteten Personen Gläubige wie Nichtgläubige, junge Menschen und ältere Menschen gehörten. Als Beispiel nannte Nello Scavo die Geschichte von Sergio und Ana Gobelin, die von Bergoglio getraut wurden. Als Sergio ins Visier der Diktatur gelangt und nach seiner Festnahme über drei Wochen gefoltert worden war, gelang Bergoglio seine Freilassung und die heimliche Einweisung in ein Krankenhaus in Buenos Aires. Anschließend gelang es ihm, das Paar nach Italien weiter zu schleusen. Ihre Geschichte sei insofern besonders bedeutsam, da sie unter dem Einfluss des Zweiten Vatikanischen Konzils beschlossen hatten, unter den Armen von Buenos Aires zu leben. Ihrem Bericht zu Folge habe Bergoglio regelmäßig in Unwissenheit seiner Mitbrüder Messen für die Armen in einer Baracke abgehalten.