Die Rolle der Familie und Option für die Armen

Interview mit Kardinal Rodríguez Maradiaga, internationaler Caritas-Präsident

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MEXIKO-STADT, 17. Februar 2009 (ZENIT.org).- Angesichts der großen Bedeutung, die die Familie für den einzelnen Menschen und die ganze Gesellschaft hat - auch im Hinblick auf die Wirtschaft -, sollte die Entscheidung, eine Familie zu gründen, gründlich vorbereitet werden, so der internationale Caritas-Präsident Kardinal Oscar Rodríguez Maradiaga.

ZENIT sprach mit dem Kardinal am Rande des 6. Weltfamilientreffens, das vom 14. bis zum 18. Januar in Mexiko-Stadt abgehalten wurde.

Rodríguez Maradiaga betonte die Notwendigkeit von Ehevorbereitungskursen und verwies auf die Folgen, die die immer größere werdende Armut in Amerika für die Familien mit sich bringen. Die vorrangige Option der Kirche für die armen Menschen sei „keine Gefühlsduselei, sondern handfeste Wirklichkeit".

ZENIT: Sie kennen die sozialen Probleme und ihre Auswirkungen auf die Familien. Welche dieser Themen beschäftigen die Kirche heute am meisten?



Kardinal Rodríguez Maradiaga: Die Familie selbst - das ist der Hauptpunkt, die wichtigste Entscheidung im Leben des Menschen. Deshalb steht ganz oben auf der Liste unserer Sorgen: Was können wir tun, damit die Menschen immer besser für diese Lebensentscheidung vorbereitet sind?

Alle wichtigen Dinge im Leben werden vorbereitet und nicht improvisiert, aber bei der größten Entscheidung des Lebens - Liebe und Familie - wird häufig auf erschreckende Weise improvisiert. Manchmal haben wir Familien, die aufgrund eines Irrtums gegründet worden sind und nicht aus einer frei getroffenen Entscheidung. Die Vorbereitung dieser Lebensentscheidung ist wahrscheinlich das wichtigste Ziel aller Familienpastoral.

ZENIT: Was sagen Sie zu dem offenkundigen Verarmungsprozess und der Ungerechtigkeit, unter der Lateinamerika leidet und die in vielen Fällen die ganzheitliche Entwicklung der Familien hemmt?

Kardinal Rodríguez Maradiaga: Auf dem Weltfamilientreffen hat uns eine Wirtschaftsexpertin die Konsequenzen aufgezeigt, die das Fehlen von Familien für die Wirtschaftsentwicklung hat und wie es für die Armut selbst mitverantwortlich ist. Mit Hilfe von wissenschaftlichen Studien und Statistiken zeigte sie uns, dass die körperliche und geistige Gesundheit in intakten Familien viel ausgeprägter ist als in Familien mit nur einem Elternteil oder in zerrütteten Familien.

Die Armut ist viel schlimmer in zerbrochenen als in intakten Familie. In diesem Zusammenhang untersuchten die Autoren der besagten Studie verschiedene Aspekte, etwa die höhere Bildung und die Hindernisse, die entstehen, wenn Eltern geschieden sind. Dies sind Faktoren, die von der Presse sehr wenig beachtet werden, und es wäre der Mühe Wert, dies zu tun.

Es wurde über die erzieherische Rolle der Familie gesprochen. Manche reduzieren die Bildung auf die schulische Erziehung. In dem Vortrag wurde klar dargestellt, was ethische Erziehung bedeutet und welche Bedeutung spirituelle Erziehung, wirtschaftliche Aspekte und das Zeugnis des Vaters haben, wenn dieser inmitten der Wechselfälle des Lebens fähig ist, die Familie auf heroische Weise zu begleiten. Das sind unentdeckte Schätze, die es verdienen, bekannt gemacht zu werden, denn es gibt Menschen, die leiden und die gestärkt werden, wenn sie von solchen Beispielen hören.

Die Armut wird in unseren Ländern immer mehr Wirklichkeit, anstatt dass sie abnimmt. Jetzt haben wir diese sehr schwere Finanzkrise, und es ist vorhersehbar, dass sie viele Folgen haben wird.

ZENIT: Manche sagen, arme Länder wären arm, weil sie keine Geburtenkontrolle einführen. Viele Regierungen legen ihren Strategien zur Armutsbekämpfung die Politik der Geburtenkontrolle zu Grunde...


Kardinal Rodríguez Maradiaga: Diese Geburtenkontrollpolitik bedeutet in Wirklichkeit die Drosselung der Geburtenraten. Man sieht nur einen einzigen Aspekt der Problematik. Sie denken, dass wir arm sind, weil wir eine große Bevölkerung haben. Das ist ein Scheinargument.

Bevölkerung ist nötig für die Entwicklung der Wirtschaft. Es gibt ein Land in Lateinamerika, das als erstes, bereits in den 50er-Jahren, die Geburtenzahl reduzierte. Was geschah mit diesem Land? Es kann nicht wachsen und infolgedessen hat es keine Verbraucher - und so gibt es auch keine erfolgreichen Unternehmen. Sie müssen alles von anderen großen Ländern importieren, und die Wirtschaftsentwicklung reicht gerade noch fürs Überleben.

Die Kirche spricht deutlich von verantwortlicher Vaterschaft und Mutterschaft. Die Weitergabe des Lebens ist eine wichtige Pflicht der Eltern, nicht das Ergebnis eines falschen Verhaltens. Sie ist eine große Aufgabe. In diesem Sinn haben die Regierungen die schwerwiegende Pflicht, für das Allgemeinwohl aller Bürger Sorge zu tragen. Und falls es Bürger gibt, die besondere Rechte bekommen sollten, dann sollten es die Armen sein und nicht jene, die mehr haben. Das ist der Grund, warum die Kirche, die Mutter Kirche, unerbittlich auf ihrer Lehre beharrt, dass die Familie nicht etwas ist, was im Hinblick auf die sozialen Fragestellungen keine Rolle spielen würde.

In der Soziallehre der Kirche ist ein sehr wichtiges Kapitel das über die Familie, denn sie ist ganz eng mit allem verbunden, was mit sozialen Fragen zu tun hat. Die Kirche hat immer an die Regierungen appelliert, sich um die armen Familien zu kümmern.

ZENIT: Was ist von der Meinung zu halten, dass die Kirche nur den Reichen Vorteile bringe?

Kardinal Rodríguez Maradiaga: Wer das sagt, kennt das Leben der Kirche nicht. Zunächst einmal besteht die Kirche nicht nur aus der Hierarchie; jeder Getaufte ist die Kirche. Wenn wir auf all die seelsorglichen Entwicklungen auf dem amerikanischen Kontinent schauen, sehen wir, dass die Kirche der Option für die Armen eine Vorrangstellung einräumt.

Mexiko ist für unseren Kontinent dafür ein Beispiel, das Seinesgleichen sucht: Unternehmer und Leute aus der ökonomischen Oberschicht unterhalten das „Instituto Mexicano de Doctrina Social" (Mexikanisches Institut für die Soziallehre), das die Menschen genau das lehrt, wovon sie bereits überzeugt sind: nämlich, dass eine der besten Methoden, der Armut abzuhelfen, in Bildung und Erziehung besteht. Das Institut gewährt Studenten aus armen Ländern Stipendien, die mit abgeschlossener akademischer Ausbildung nach Mexiko gekommen sind - eines dieser Länder ist Kuba -, damit sie tiefer in das Studium der Soziallehre der Kirche eindringen können. Daher darf dieses Urteil nicht verallgemeinert werden. Wer das Leben der Kirche erforscht, wird erkennen, dass die vorrangige Option für die Armen keine Gefühlsduselei ist, sondern handfeste Wirklichkeit.

Manchmal wird die katholische Morallehre kritisiert, weil sie gegen die Verwendung von Kondomen als Lösung des AIDS/HIV-Problems ist. Nun, dazu möchte ich sagen, dass 27 Prozent der Organisationen in der Welt, die sich für Menschen mit dieser Krankheit einsetzen, aus der katholischen Kirche kommen und dass sie nur 2 Prozent aus dem globalen Fonds für die Aids-Hilfe bekommen. Und wenn wir uns die Programme für den Häuserbau ansehen, merken wir, was das zum Beispiel bei Naturkatastrophen bedeutet.

[Das Interview von Gilberto Hernández García wurde von Christine & Gerhard Gutberlet bzw. Dominik Hartig übersetzt]