„Die Ruinen, die blieben, musste man schließen“: vom Ende des Neuthomismus

Von Urs Buhlmann

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WÜRZBURG, 4. September 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Es ist die Geschichte eines Verlustes, die Eduard Habsburg-Lothringen in seinem Buch mit dem sprechenden Titel „Das Ende des Neuthomismus“ beschreibt. Das, was vor allem die Priesterausbildung heute entbehrt, ist freilich nicht nur die philosophische Ausbildung unter dem Vorzeichen der thomistischen Schule. Vielmehr ist die Philosophie insgesamt in den meisten Fakultäten und Seminaren so sehr an den Rand gerückt, dass den angehenden Priestern kein wie auch immer geartetes systematisches Gerüst zur Verfügung steht, das sie zu eigenständigem Denken ertüchtigen würde. Dies wiederum, nimmt man noch den Zustand der altsprachlichen Kenntnisse hinzu, ist ein Bruch mit der Vergangenheit und kein gutes Auspizium für die Zukunft einer wissenschaftlichen Theologie.



Mehr als nur Wissensanhäufung: Fortschritt in der Wissenschaft

Habsburg stellt in seiner wissenschaftsgeschichtlichen Dissertation heraus, dass der Neuthomismus als spezifisch katholische Denkrichtung insofern ein ideales Untersuchungsfeld darstellt, weil er wegen seiner geschlossenen, fast schon dogmatisch vorgetragenen Lehre und wegen der Kirche als weltweiter Vermittlerin eine Parallele nur noch in den Naturwissenschaften findet, die ihre Erkenntnisse mit gleichem Wahrheitsanspruch vorzutragen pflegen. So verwendet er als Kriterium seiner Untersuchung das bahnbrechende Werk des Amerikaners Thomas Kuhn über die Struktur wissenschaftlichen Fortschritts aus dem Jahre 1962 („The Structure of Scientific Revolutions“). Kuhn hatte mit der Vorstellung aufgeräumt, Fortschritt in der Wissenschaft vollziehe sich kumulativ, also einfach auf dem Wege der Vermehrung der Erkenntnisse, wie es wohl allgemeiner Anschauung entspricht. Vielmehr entwirft er das Bild einer „normalen“ Wissenschaft, die auf der Basis eines Paradigmas beruht, also einer als verbindlich angesehenen wissenschaftlichen Leistung der Vergangenheit, und eines in der Folge einsetzenden Prozesses der wissenschaftlichen Revolution.

Diese beginnt, wenn Forscher innerhalb des normalen Forschungsbetriebes eine Anomalie feststellen, die nun zum allmählichen Aufweichen des Paradigmas führt, das am Ende von einem neuen ersetzt wird. Wichtig ist für Kuhns These, dass sich die Prozesse der Bewahrung und der Neuformulierung gleichzeitig und nebeneinander vollziehen können und dass dabei auch sozialer Druck und allgemeingeschichtliche Entwicklungen einwirken. Diese Zusätze machen Kuhns Modell so wertvoll für die Betrachtung der nachkonziliaren Kirche und ihres Verhältnisses zur Philosophie wie auch des wichtigsten Trägers der thomistischen Philosophie, des Dominikanerordens.

Jenem gehörte Thomas von Aquin ja an und so fühlten sich die geistigen Nachfahren des heiligen Dominikus über Jahrhunderte verpflichtet, das philosophische System ihres Ordensbruders, freilich in der Vermittlung und Systematisierung durch die Kommentatoren des 16. und 17. Jahrhunderts, weiterzutragen. Habsburg erwähnt die rund 100 Ermahnungen und Einschärfungen von Seiten der Päpste und römischer Institutionen, von der 1879 erschienenen Enzyklika „Aeterni Patris“ Leos XIII. an, die immer wieder und man möchte sagen mit zunehmender Resignation Lehrende und Lernende anhielten, die Philosophie des Aquinaten zu beachten und auf ihr aufzubauen. Es entspricht dem Kuhnschen Modell und der von ihm beobachteten Anomalie, dass dem seit der Nachkriegszeit zunehmend nicht mehr gefolgt wurde. Der Autor kann den Nachweis nur für den Dominikanerorden führen und schaut dabei besonders auf die Fakultät in Fribourg/Schweiz. Es ließe sich ähnliches aber wohl auch von den Universitäten des deutschsprachigen Raumes wie auch den Priester-Ausbildungsordnungen der Diözesen sagen. Natürlich gehört Philosophie weiterhin zum Curriculum der theologischen Ausbildung für Priesterkandidaten wie Laien, aber das gründliche, meist zweijährige „Philosophicum“ früherer Zeiten – das noch das kirchliche Gesetzbuch von 1917 vorschrieb – existiert heute nur noch in den Ausbildungsplänen als konservativ verschrieener Orden und Seminare.

Das Wort „Thomismus“ ist nie gefallen

Vor allem sind die philosophischen Einführungen, jedenfalls, wenn es um Thomas geht, heute meist rein historisch angelegt; zu spekulativem Denken, gar auf thomistischer Grundlage, werden angehende Theologen kaum noch ertüchtigt. Habsburg weist nach, dass bereits die erste nachkonziliare Studienordnung der Dominikaner dazu auffordert, die Aussagen des heiligen Lehrers lediglich in ihrem historischen Kontext zu bedenken – damit begann das Kratzen am Paradigma im Kuhnschen Sinne.

Auch auf dem Konzil gab es ein lebhaftes Ringen um die Frage der Beibehaltung der thomistischen Philosophie. Zwar wird im Priesterausbildungs-Dekret Optatam Totius der Aquinat noch erwähnt, aber andere philosophische Wege sind ausdrücklich zugelassen. In einem der zahlreichen Interviews, die Habsburg mit wichtigen Theologen, darunter auch dem heutigen Papst, für sein Buch führen konnte, erinnert sich der einflussreiche Dominikaner Schillebeeckx an einen römischen Gesprächskreis wichtiger Theologen zur Konzilszeit: „Das Wort Thomas, Thomismus ist niemals gefallen“.

In einer rein ergebnisorientierten Betrachtung muss einen das Verschwinden der bis dato favorisierten und sogar vorgeschriebenen philosophischen Schule nicht stören, wenn denn an deren Stelle etwas Anderes und Besseres getreten wäre. Erhellend ist hierzu der im Buch zitierte Kommentar des Jesuiten Josef Neuner zu Optatam Totius: „Ebenso muss der Versuch, alle Priester auf akademischer, streng wissenschaftlicher Ebene zu bilden, abgelehnt werden, weil dies nicht für alle notwendig ist (...) und oft nur zur Pseudobildung führt“. Zulehner mit seinem zweigeteilten Zukunftsmodell von wissenschaftlich gebildeten und „Volks“-Priestern scheint hier schon auf.

Für den Dominikanerorden jedenfalls hat sich der Versuch der Öffnung zur Welt hin zunächst einmal nicht ausgezahlt, noch mehr als andere Orden litt er in den Jahrzehnten nach dem Konzil unter Austritten und mangelnden Eintritten. Christoph Kardinal Schönborn OP, damals Theologiestudent, erinnert sich: „Ich glaube, es war wie in der Französischen Revolution, nur dass die Guillotine gefehlt hat (...). Es war ein Zertrümmern von dem, was vorhanden war, und nachdem doch recht viel vorhanden war, hat man das eine Zeitlang machen können. Ja, und dann sind halt Ruinen übriggeblieben, und die musste man dann schließen.“ Damit spielt er auf das Ende des berühmten Ordens-Studienhauses Le Saulchoir an. Schönborns Fazit dieser Zeit der Versuche und Abbrüche: „Da ist kein Leben daraus gewachsen. Und man sieht es ja: es haben schlagartig die Berufungen aufgehört.“ So ging es freilich nicht nur den Predigerbrüdern.

Die Wiederbelebung der Schule hat begonnen

Das Ende des Neuthomismus ist auf das Engste verwoben mit der nachkonziliaren Krise der Kirche. Das System, das man glaubte fallen lassen zu müssen, ist durch nichts ersetzt worden. In jüngster Zeit – damit endet Habsburgs bahnbrechendes Werk – scheint es allerdings zu einer allmählichen Wiederentdeckung und Wiederbelebung des thomistischen Denkens zu kommen. Die Zahl der relevanten Publikationen nimmt zu, junge Forscher interessieren sich wieder für „Divus Thomas“ und sein Werk, und dies nicht nur historisch, sondern als Ausgangspunkt für ihr eigenes Denken.

Eduard Habsburg-Lothringen ist es gelungen, in seinem spannenden Buch, dem man wegen der doch etwas zu zahlreichen Rechtschreibfehler ein besseres Lektorat gewünscht hätte, auf den Zusammenhang zwischen dem gewollten Verschwinden einer Philosophie und dessen Folgen aufmerksam gemacht zu haben. Glanz und Ende der letzten großen philosophischen Schule, die die katholische Kirche hervorgebracht hat, werden umfassend ausgeleuchtet – darin ein wichtiges Kapitel neuerer Kirchengeschichte. Zugleich ist das Werk ein wichtiger Baustein zur erwünschten und dringend benötigten Gesamtgeschichte des Thomismus.

[Eduard Habsburg-Lothringen: Das Ende des Neuthomismus. Die 68er, das Konzil und die Dominikaner, Verlag Nova et Vetera, Bonn 2007, 292 Seiten, ISBN 978-3-936741-43-8, EUR 38,–; © Die Tagespost vom 11. August 2007]