Die sakrale Musik muss zur Sehnsucht nach dem Transzendenten führen

Interview mit Kardinal Zenon Grocholewski

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ROM, Dienstag, 31. Mai 2011 (ZENIT.org). – Die sakrale Musik müsse die Menschen zum Erleben von etwas Transzendentem führen; nicht als ein zusätzliches Beiwerk, sondern als etwas Wesentliches, das sich von der Banalität der Gesänge unterscheide, die nicht zum Gebet passten, sondern einfach nur Lärm seien.

Das sind einige der Gedanken, die Kardinal Zenon Grocholewski, Präfekt der Kongregation für die Katholische Erziehung und Großkanzler des Päpstlichen Instituts für die sakrale Musik, bei der Eröffnung des internationalen Kongresses, der vom 26.5. bis 1.6. in Rom zum hundertsten Jahrestag der Gründung seines Päpstlichen Instituts "Pontificio Istituto di Musica Sacra" abgehalten wird, gegenüber ZENIT äußerte.

Wie ist es möglich, die sakrale Musik mit den neuen Tendenzen zu versöhnen?

Kardinal Zenon Grocholewski: Das Problem ist nicht einfach: Man muss tatsächlich die Tradition der Kirche und die Sakralität der Musik mit der Möglichkeit neuer Beiträge in der Musik vereinen. Pius X. gründete das Institut, um gerade diese Problematik zu studieren. Und dieses Institut bildet Studenten aus aller Welt aus und sensibilisiert für die Rolle der sakralen Musik.

In welcher Weise verbindet sich die sakrale Musik mit der Liturgie?

Kardinal Zenon Grocholewski: Die sakrale Musik ist ein integrierender Bestandteil der Liturgie und muss daher Gebet sein, sie muss dieses Moment ausdrücken, ist also nicht nur ein zusätzliches Beiwerk, sondern etwas Wesentliches. Andererseits beobachten wir heute die vollständige Banalität einiger Gesänge, die nicht zum Gebet passen, sondern einfach nur Lärm sind. Die Liturgie braucht auch die Stille. Gesang und Gebet müssen übereinstimmen mit dem, was sich während der Eucharistiefeier vollzieht. In Wirklichkeit haben große Musiker der Vergangenheit, wie Giovanni Pierluigi von Palestrina, wunderbare Melodien für die Messe komponiert.

Bräuchte man heute vielleicht ein wenig mehr von dieser sakralen Musik in den Kirchen?

Kardinal Zenon Grocholewski: Ja, ich denke, ja. Man müsste das Verständnis für sakrale Musik fördern. Es gibt neue Kompositionen, die ich oftmals in der Kirche gehört habe, vollkommen neue, aber sehr schöne.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Kardinal Zenon Grocholewski: Im vergangenen Jahr war ich in Marseille, wo ich für Juristen eine Messe gefeiert habe in einer Kirche, die zum Abriss bestimmt war, weil es keine Gläubigen gab. Ein neuer Priester kam, und heute ist diese Kirche am Sonntag voll. Unter anderem dank seines Gesanges und seines Gebetes. Es sind in der Tat seine eigenen Kompositionen. Dieser Priester sang vor seinem Eintritt ins Seminar im Kabarett in Paris. Dann hat er eine Bekehrung erlebt und ist Priester geworden. Ich muss sagen, dass ich fasziniert war von der Art, in der seine Kompositionen das Gebet ausdrückten. Ich habe beim Herausgehen mit den Menschen gesprochen und viele haben mir geantwortet, dass sie gekommen seien – auch von weit her -, „weil hier gebetet wird, der Priester eine Predigt hält, die wir verstehen können, und es schöne Musik gibt“.  

Sie haben von der Sakralität gesprochen. Was ist die Sakralität?

Kardinal Zenon Grocholewski: Die Sakralität kommt in dem Maß zum Ausdruck, in dem sich das Gebet äußert, wie es Sehnsucht nach etwas ist, wie es eine Transzendenz ausdrückt. Heute zum Beispiel haben einige moderne Musikstücke, die wir – sagen wir – im Fernsehen hören, nichts vom Transzendenten, sie sind Unterhaltung hier auf der Erde, und es gibt überhaupt keine Sehnsucht nach irgendetwas. Es ist sicher nicht einfach zu definieren, was Sakralität ist. Es ist keine physikalische Sache, die wie ein Material bestimmt wird. Aber es gibt eine Sensibilität in der Kirche, die das, was heilig ist, unterscheidet von dem, was weniger heilig ist.

Ein Prälat hat einmal behauptet, dass die Musik in der Liturgie uns dazu bringt, das von dem zu erleben, was das Paradies sein wird. Was gibt uns die sakrale Musik?

Kardinal Zenon Grocholewski: Ratzinger hat, bevor er Papst wurde, sehr viele aussagekräftige Seiten über die sakrale Musik geschrieben, wie man in seinem Gesamtwerk würdigen kann. Und er unterstreicht, dass die sakrale Musik uns in eine andere Welt versetzen muss, dass sie uns zu einer Sehnsucht nach etwas Transzendentem führen muss. Es ist nicht nur der Lärm, der uns irreführt. Ratzinger erklärt, dass, wenn man diesen tranzendenten Horizont des menschlichen Lebens verliert, sich alles auf das Irdische reduziert, auch die Musik und die Tiefe des Gedankens. Die Musik muss diesen Raum zum Transzendenten öffnen.

Gibt es in der Kirche einen Konsens darüber, dass die Orgel das Instrument par excellence ist?

Kardinal Zenon Grocholewski: Ich denke, ja. Wenn man in die Kirche geht, schafft die Orgel eine besondere Atmosphäre, sie gibt eine gewisse Fülle. Daher bemüht man sich in einigen modernen und auch wichtigen Kirchen, sie zu erhalten.

Haben Sie irgendeinen Rat für die Pfarrer, auch für die jüngeren?

Kardinal Zenon Grocholewski: Ich denke, dass es notwendig ist, die Leute für die sakrale Musik, die Gebet ist, zu sensibilisieren. Natürlich ist es nicht möglich, in jeder Pfarrei einen guten Chor einzurichten, aber man muss die Leute sensibilisieren für die Sakralität des Gesanges, der in der Kirche ausgeübt wird. 

[Aus dem Italienischen übersetzt von Dr. Edith Olk]