Die Säulen des Priestertums: Verkündigung und Gottesdienst

Papst Benedikt XVI. erklärt priesterliche Identität und Sendung

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ROM, 1. Juli 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen eine eigene Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. heute, Mittwoch, während der Generalaudienz auf dem Petersplatz gehalten hat.

Der Heilige Vater betonte, dass Christus die Lebensmitte jedes Gläubigen sei und dass dies in besonderer Weise für den Priester gelte, auf dessen Dienst er in der Folge - nicht zuletzt anlässlich des aktuellen Priesterjahres zum Gedenken an den 150. Todestags des heiligen Pfarrers von Ars - näher einging.

„Die Sendung der Priester hängt vom Bewusstsein dieser sakramentalen Wirklichkeit des neuen Seins in Christus ab. Ihre Identität ist ein göttliches Geschenk, eine empfangene Aufgabe. Durch die Gnade der Weihe werden die Priester zu bleibenden Zeugen ihrer Begegnung mit Christus, den sie durch die Verkündigung des Wortes Gottes und in der Spendung der Sakramente zu den Menschen bringen. So sind Wort und Sakrament, Verkündigung und Gottesdienst die beiden Grundsäulen des priesterlichen Dienstes."

Am Ende der Generalaudienz appellierte Benedikt XVI. an die Gläubigen und Gäste aus dem deutschsprachigen Raum: „Begleitet im Gebet den Dienst der Priester und seid bereit, Gottes Stimme zu hören. Er zeigt den Weg zu einem erfüllten Leben und ruft auch heute in seine Nachfolge."

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Liebe Brüder und Schwestern!

Mit der Feier der ersten Vesper zum Hochfest der heiligen Apostel Petrus und Paulus in der Basilika St. Paul vor den Mauern kam, wie Ihr wisst, am 28. Juni das Paulusjahr zum Gedenken des 2000. Jahrestages der Geburt des Völkerapostels zu seinem Ende. Wir danken dem Herrn für die geistlichen Früchte, die diese wichtige Initiative in vielen christlichen Gemeinden hervorgebracht hat. Als kostbares Erbe des Paulusjahres können wir die Einladung des Apostels aufnehmen, die Kenntnis des Geheimnisses Christi zu vertiefen, auf dass er das Herz und der Mittelpunkt unseres persönlichen und gemeinschaftlichen Seins sei. Dies nämlich ist die unverzichtbare Bedingung für eine wahre geistliche und kirchliche Erneuerung. Wie ich bereits während der ersten Eucharistiefeier in der Sixtinischen Kappelle nach meiner Wahl zum Nachfolger des Apostels Petrus hervorgehoben habe, ist es gerade die volle Gemeinschaft mit Christus, aus der „jedes weitere Element des Lebens der Kirche, an erster Stelle die Gemeinschaft zwischen allen Gläubigen, die Verpflichtung, das Evangelium zu verkünden und zu bezeugen, und die leidenschaftliche Liebe zu allen, besonders zu den Armen und Geringen [erwächst]". Dies gilt an erster Stelle für die Priester. Aus diesem Grund danken wir der göttlichen Vorsehung, die uns nun die Möglichkeit bietet, das Priester-Jahr zu begehen. Von Herzen wünsche ich, dass es für einen jeden Priester eine Gelegenheit zur inneren Erneuerung und folglich zur festen Stärkung im Einsatz für die eigene Sendung bilde.

Wie während des Paulusjahres unser ständiger Bezugspunkt der heilige Paulus gewesen ist, so werden wir in den kommenden Monaten vor allem auf den heiligen Pfarrer von Ars Jean-Marie Vianney blicken, indem wir des 150. Jahrestages seines Todes gedenken. Im Brief, den ich zu diesem Anlass an die Priester geschrieben habe, wollte ich das hervorheben, was am meisten im Dasein dieses demütigen Dieners des Altares hervorleuchtet: „die völlige Identifizierung mit der eigenen Aufgabe". Er liebte es zu sagen: „Ein guter Hirte, ein Hirte nach dem Herzen Gottes, ist der größte Schatz, den der liebe Gott einer Pfarrei gewähren kann, und eines der wertvollsten Geschenke der göttlichen Barmherzigkeit." Und - als könne er die Größe der dem Geschöpf Mensch anvertrauten Gabe und Aufgabe einfach nicht fassen - seufzte er: „Oh, wie groß ist der Priester! ... Wenn er sich selbst verstünde, würde er sterben ... Gott gehorcht ihm: Er spricht zwei Sätze aus, und auf sein Wort hin steigt der Herr vom Himmel herab und schließt sich in eine kleine Hostie ein...".

Tatsächlich kann gerade in Anbetracht des Binoms „Identität-Sendung" ein jeder Priester die Notwendigkeit jener fortschreitenden Identifizierung mit Christus wahrnehmen, die ihm die Treue und die Fruchtbarkeit des Zeugnisses für das Evangelium gewährleistet. Der Titel des Priester-Jahres selbst - Treue in Christus, Treue des Priesters - macht deutlich, dass das Geschenk der göttlichen Gnade jeder möglichen menschlichen Antwort und pastoralen Verwirklichung vorangeht, und so sind im Leben des Priesters missionarische Verkündigung und Gottesdienst nie trennbar, so wie ontologisch-sakramentale Identität und Sendung zur Evangelisierung nie getrennt werden dürfen. Im übrigen ist das Ziel der Sendung eines jeden Priesters, so könnten wir sagen, „kultisch": auf dass alle Menschen sich Gott als lebendige, heilige und ihm wohlgefällige Hostie darbringen können (vgl. Röm 12,1), die in der Schöpfung, in den Menschen Gottesdienst wird, Lob des Schöpfers, indem sie von ihm jene Liebe empfangen, zu deren reicher gegenseitigen Weitergabe sie berufen sind. Dies wurde eindeutig in den Anfängen des Christentums wahrgenommen. Der heilige Johannes Chrysostomus sagte zum Beispiel, dass das Sakrament des Altares und das „Sakrament des Bruders" oder, wie er sagt, das „Sakrament des Armen" zwei Aspekte desselben Geheimnisses darstellen. Die Liebe zum Nächsten, die Aufmerksamkeit gegenüber der Gerechtigkeit und den Armen sind nicht nur Themen einer Sozialmoral als vielmehr Ausdruck eines sakramentalen Konzeptes der christlichen Moralität, da durch den Dienst der Priester das geistliche Opfer aller Gläubigen vollbracht wird, in Einheit mit jenem Opfer Christi, des einzigen Mittlers: ein Opfer, das die Priester unblutig und sakramental in Erwartung des neuen Kommens des Herrn darbringen. Das ist die hauptsächliche, wesentlich missionarische und dynamische Dimension der priesterlichen Identität und des priesterlichen Dienstes: durch die Verkündigung des Evangeliums erzeugen sie den Glauben in denen, die noch nicht glauben, auf dass sie ihr Opfer mit dem Opfer Christi vereinen können, was sich in Liebe zu Gott und zum Nächsten umsetzt.

Liebe Brüder und Schwestern, angesichts so vieler Ungewissheiten und Ermüdungserscheinungen auch in der Ausübung des Priesterdienstes ist die Wiedererlangung eines klaren und eindeutigen Urteils über den absoluten Primat der göttlichen Gnade notwendig, dies eingedenk dessen, was der heilige Thomas von Aquin schreibt: „Die kleinste Gabe der Gnade übertrifft das natürliche Gut des gesamten Universums" (Summa Theologiae, I-II, q. 113, a. 9, ad 2). Die Sendung eines jeden einzelnen Priesters wird somit auch und vor allem vom Bewusstsein der sakramentalen Wirklichkeit seines „neuen Seins" abhängen. Von der Gewissheit der eigenen Identität, die nicht künstlich konstruiert, sondern unentgeltlich und göttlich geschenkt und angenommen ist, hängt die immer erneuerte Begeisterung des Priesters für die Mission ab. Auch für die Priester gilt, was ich in der Enzyklika Deus caritas est geschrieben habe: „Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt" (1).

Da sie mit ihrer „Weihe" eine derart außerordentliche Gnadengabe empfangen haben, werden die Priester zu ständigen Zeugen ihrer Begegnung mit Christus. Ausgehend gerade von diesem inneren Bewusstsein können sie ihre „Sendung" durch die Verkündigung des Wortes und die Spendung der Sakramente voll erfüllen. Nach dem II. Vatikanischen Konzil ist es da und dort zum Eindruck gekommen, dass es in der Sendung der Priester in unserer Zeit etwas Dringlicheres gäbe. Einige dachten, dass man vor allem eine andere Gesellschaft aufbauen müsste. Der Abschnitt aus dem Evangelium jedoch, den wir zu Beginn gehört haben, ruft dagegen die beiden wesentlichen Elemente des priesterlichen Dienstes in Erinnerung. Jesus entsendet in jener Zeit und heute die Apostel, um das Evangelium zu verkündigen, und gibt ihnen die Vollmacht, die bösen Geister auszutreiben. „Verkündigung" und „Vollmacht", das heißt „Wort" und „Sakrament" sind somit jenseits seiner möglichen vielfältigen Ausgestaltungen die beiden grundlegenden Säulen des priesterlichen Dienstes.

Wenn man dem „Diptychon" Weihe-Sendung nicht Rechnung trägt, wird es wirklich schwierig, die Identität des Priesters und seines Dienstes in der Kirche zu verstehen. Was nämlich ist der Priester, wenn nicht ein vom Geist bekehrter und erneuerter Mensch, der aus der persönlichen Beziehung mit Christus heraus lebt und sich ständig die dem Evangelium entstammenden Kriterien zu eigen macht? Was ist der Priester, wenn nicht ein Mann der Einheit und der Wahrheit, der sich seiner eigenen Grenzen und gleichzeitig der außerordentlichen Größe der empfangenen Berufung bewusst ist, jener Berufung, an der Ausweitung des Reiches Gottes bis zu den äußersten Grenzen der Erde beizutragen? Ja! Der Priester ist ein Mann, der ganz dem Herrn gehört, da Gott selbst es ist, der ihn beruft und in seinen apostolischen Dienst einsetzt. Und gerade weil er ganz dem Herrn gehört, gehört er ganz den Menschen, ist er ganz für die Menschen. Während dieses Priester-Jahres, das bis zum kommenden Hochfest des Heiligsten Herzens Jesus dauern wird, wollen wir für alle Priester beten. In den Diözesen, Pfarreien, Ordensgemeinschaften, besonders in jenen monastischen, in den Vereinigungen und Bewegungen, in den verschiedenen pastoralen, in der ganzen Welt gegebenen Zusammenschlüssen mögen sich Initiativen des Gebets und besonders der eucharistischen Anbetung für die Heiligung des Klerus und die Priesterberufe mehren, um so auf die Einladung Jesu zu antworten: „Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden" (Mt 9,38). Das Gebet ist der erste Einsatz, der wahre Weg der Heiligung der Priester und die Seele der echten „Berufungspastoral". Die geringe Zahl von Priesterweihen in einigen Ländern darf uns nicht nur nicht mutlos werden lassen, sondern muss uns dazu drängen, die Räume der Stille und des Hörens des Wortes zu vermehren, besser die geistliche Begeleitung und das Sakrament der Beichte zu pflegen, damit die Stimme Gottes, der immer fortfährt zu rufen und zu stärken, gehört und ihr bereitwillig von vielen jungen Menschen gefolgt werden kann. Wer betet, hat keine Angst; wer betet, ist nie allein; wer betet, wird gerettet werden. Vorbild eines Lebens, das dem Gebet seinen Bestand entnimmt, ist zweifellos der heilige Jean-Marie Vianney. Maria, die Mutter der Kirche, helfe allen Priestern, dessen Beispiel zu folgen, um wie er Zeugen Christi und Apostel des Evangeliums zu sein.

[Für die deutsche Zusammenfassung der Katechese bediente sich der Papst des folgenden Manuskripts:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Das Priesterjahr, das wir bis zum Juni des nächsten Jahres begehen, lädt uns ein, intensiver über die Sendung des Priesters in der Kirche nachzudenken. Christus ist die Mitte unseres Daseins. Dies gilt in besonderer Weise für die Priester. Ihre Identität und Sendung gründen in der Gemeinschaft mit Christus, in den sie sich fortschreitend hineinversetzen und mit dem sie immer mehr eins werden sollen. Die Sendung der Priester hängt vom Bewusstsein dieser sakramentalen Wirklichkeit des neuen Seins in Christus ab. Ihre Identität ist ein göttliches Geschenk, eine empfangene Aufgabe. Durch die Gnade der Weihe werden die Priester zu bleibenden Zeugen ihrer Begegnung mit Christus, den sie durch die Verkündigung des Wortes Gottes und in der Spendung der Sakramente zu den Menschen bringen. So sind Wort und Sakrament, Verkündigung und Gottesdienst die beiden Grundsäulen des priesterlichen Dienstes. Wenn die Priester das Evangelium verkünden, wird in den Menschen der Glaube geboren, durch den diese mit Christus verbunden werden und ihr Leben mit dem Opfer Christi vereinen. So bilden auch das Sakrament des Altares, der Gottesdienst, und das Sakrament der Armen, das heißt die tätige Nächstenliebe, zwei Aspekte desselben Dienstes. In diesem Priesterjahr wollen wir daher Gott für das Geschenk und den Dienst der Priester in der Kirche danken. Dabei wollen wir die verschiedenen Gebetsinitiativen, vor allem die eucharistische Anbetung, für die Heiligung der Priester und für die Berufungen verstärken. Das Gebet ist nämlich die erste Aufgabe als echte Berufungspastoral.

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte Benedikt XVI. mit den folgenden Worten:]

Einen frohen Gruß richte ich an alle Pilger und Besucher deutscher Sprache. Besonders heiße ich die vielen jungen Menschen willkommen, unter ihnen die Teilnehmer am Feriencamp aus Norddeutschland. Begleitet im Gebet den Dienst der Priester und seid bereit, Gottes Stimme zu hören. Er zeigt den Weg zu einem erfüllten Leben und ruft auch heute in seine Nachfolge. Der Herr schenke euch seinen Segen.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2009 - Libreria Editrice Vaticana]