Die Schönheit der Liturgie gibt dem Glauben Kraft: Die Bedeutung des Schönheit für den Heiligen Vater

Von Alexander Kissler

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WÜRZBURG, 13. September 2006 (ZENIT.org/ Die-Tagespost.de).- Für Benedikt XVI. ist Schönheit eine moralische Größe, sie ist das Siegel der Wahrheit, die Krone der Liebe. Und sie kann der Königsweg zu einem gottgefälligen Leben sein. Der Glaube nimmt seine Kraft aus der Liturgie als dem Ursprung aller Schönheit, die demjenigen Trost spendet, der in ihr Auge blickt. – Papst-Biograph Alexander Kissler über die Bedeutung der Schönheit für den Heiligen Vater.



Die Liebe, sagte Joseph Ratzinger im Dom zu Münster anno 1964, die Liebe genügt. "Sie rettet den Menschen. Wer liebt, ist ein Christ." Hätte es eines Beweises bedurft, dass das theologische Denken des heutigen Papstes von großen Kontinuitäten geprägt ist, dann wäre ein solcher Beweis mit den Münsteraner Adventspredigten erbracht. Der Kern der Enzyklika Deus caritas est vom Dezember 2005 findet sich bereits an vielen Stellen des Frühwerks der fünfziger und sechziger Jahre. Nicht anders verhält es sich mit dem zweiten Schlüsselbegriff dieses Pontifikats, der Wahrheit. Beide aber, Wahrheit und Liebe, werden überwölbt vom schillerndsten und fragilsten der drei Leitbegriffe Benedikts XVI.: der Schönheit.

Die wahre Weise des Erkennens

Kaum jemand hat die Leichtigkeit erwartet, mit der Joseph Ratzinger seinem Vorgänger in einer lange unterschätzten päpstlichen Disziplin nachfolgte. Er weiß ebenso sehr wie Johannes Paul II., dass die Kirche auch ein Bilderproduzent ist und dass der Papst selbst das erste Bild seiner Kirche abgibt – nolens volens. Nicht nur das Auge ist, mit Paul Celan gesprochen, ein "Bilderknecht". Im dritten Jahrtausend schickt der ganze Mensch sich an, das Abbild und manchmal auch der Knecht seiner eigenen Wunschbilder zu werden. Man will der werden, als der man zu erscheinen sich so unendliche Mühe gibt. Im Bilderfeuer, mit Styling und Tattoo und Körperdrill will das spätmoderne Ich sich umschmelzen. Dagegen setzt Benedikt die Option Schönheit – und Schönheit ist ihm eine moralische Größe. Sie ist das Siegel der Wahrheit, die Krone der Liebe.

Die Rolle als Bilderproduzent war von allen Aufgaben, denen der ehemalige Kurienkardinal sich stellen musste, die heikelste. Mit einem Schlag wurde der scheue Gelehrte zur meistfotografierten Person der Zeitgeschichte. Ein Theoretiker der Ästhetik musste nun seine Theorie dem Praxistest aussetzen. Wer in Joseph Ratzinger zuvor nur den machtvollen Dogmatiker gesehen hatte, traute seinen Augen nicht. Benedikt zog sich einen silbernen Feuerwehrhelm über, er ließ sich im Cabrio mit modischer Sonnenbrille ablichten, über deren Rand er schelmisch lugte, und er holte den Camauro aus den vatikanischen Kleiderkammern, die pelzbesetzte leuchtendrote Wintermütze. Die Bilder gingen, nein, jagten um die Welt. Ihnen allen ist gemein: Sie sind ein verdichteter Ausdruck von Heiterkeit und Einfachheit. Die Ästhetik, von der sie künden, hat mit den üblichen Zutaten medientauglicher Schönheit, mit Dissonanz und Überreizung, nichts gemein.

Im theologischen Denken Benedikts XVI. markiert Schönheit die Schnittstelle von Immanenz und Transzendenz. Ganz aus Diesseits und Schein gewoben, deutet sie auf das scheinlose Glück einer anderen Welt, ist dessen irdisches Kleid. Als Platoniker, der er war (und geblieben ist), nannte Joseph Ratzinger die "Erschütterung durch die Begegnung des Herzens mit der Schönheit" die "wahre Weise des Erkennens". In den Predigten, Reden und Ansprachen Benedikts ist Schönheit selten ausdrückliches Thema. Sehr oft aber ordnet sie die Argumente, macht sinnfällig, was ein christliches und also durch Christus verwandeltes Leben wesentlich kennzeichnet.

Hoheit des menschlichen Lebens

Benedikt sprach in den zurückliegenden Monaten von der Schönheit der Seele, die es durch die Beichte zu erhalten gelte, von der Schönheit der Taufe und der Schönheit eines einfachen und arbeitsreichen Lebens, von der Schönheit der "auf Ehe gegründeten Familie", vom "Leben selbst in seiner Schönheit und Hoheit", und – gegenüber den scharf ermahnten österreichischen Bischöfen – von der "Klarheit und Schönheit des katholischen Glaubens, die das Leben der Menschen auch heute hell machen". Der päpstliche Kulturrat beschäftigte sich Ende März auf seiner Vollversammlung mit der Schönheit als einer "Grundkategorie christlichen Glaubens und Lebens". Der Kongress der neuen geistlichen Bewegungen wiederum stand Ende Mai unter dem nicht gerade handlichen Motto "Die Schönheit, Christ zu sein, und die Freude, es anderen mitzuteilen". Die Pastoralreise nach Bayern schließlich soll Benedikt zufolge zeigen, "dass es schön ist zu glauben".

Kein Ufer scheint das Meer der Schönheit zu kennen. Schönheit kann demnach ebenso ein seelischer Vorgang sein wie ein bestimmtes ethisches Verhalten oder eine rituelle Praxis. Schön können Alltag sein und Festtag, der außergewöhnliche Moment und das ganze Leben. Verliert damit die Option Schönheit nicht an Prägekraft? Ist sie ein letztlich beliebiges Etikett für diese oder jene gewünschte Verhaltensweise? Die entscheidende Antwort hat Benedikt aus sehr bezeichnendem Anlass gegeben. Am Jahrestag des Todes von Johannes Paul II., in der Gebetsvigil vom 3. April 2006 erklärte er: Sein Vorgänger sei deshalb zum "Gefährten für jeden von uns" geworden, weil "er sich Gott durch das Gebet und in der Liebe für Wahrheit und Schönheit immer mehr angenähert hat".

Schönheit kann folglich ein Königsweg sein zu einem, wie es früher hieß, gottgefälligen Leben. Sie stellt nämlich idealerweise das Ergebnis dar eines Bemühens um Liebe und Wahrheit. Sie lauert im Verborgenen und Kleinen, im gemeinhin Hässlichen und konventionell Harmonischen, wenn man eben diesen Erscheinungen Tiefe verleiht durch den Geist, in dem man ihnen begegnet. Die Schönheit, ließe sich sagen, liegt tatsächlich im Auge des Betrachters – wenn denn der Betrachter ein mitfühlendes Herz und eine helfende Hand sein eigen nennt. Dann wird er selbst ein Bote der Schönheit.

All solchen Bemühungen zum Trotz wird die Erde immer der Schauplatz bleiben der Auseinandersetzung von Gut und Böse. Im Diesseits gibt es keine Paradiese: Daran hält Benedikt fest. Zum Beginn der diesjährigen Fastenzeit sagte er: "Der Christ muss jeden Tag (...) einen Kampf kämpfen, so wie Christus ihn in der Wüste Juda bestanden hat. Es handelt sich um einen geistlichen Kampf, der sich gegen die Sünde richtet, und letztlich gegen Satan, Ursprung und Anfang jeder Sünde. Es ist ein Kampf, der die ganze Person betrifft und ein aufmerksames und ständiges Wachen verlangt. (...) Gegen das Böse zu kämpfen, gegen jede Form des Egoismus und des Hasses, und sich selbst zu sterben, um in Gott zu leben – das ist der aszetische Weg, den jeder Jünger Jesu mit Demut und Geduld, mit Großmut und Ausdauer zu gehen berufen ist."

Insofern kann Schönheit als Haltung, kann die "Hoheit" des menschlichen Lebens immer nur Augenblickstriumphe erringen. Das Leid lässt sich diesseits nicht besiegen. "Eine endgültig heile Gesellschaft", schrieb Joseph Ratzinger 2002, "würde das Ende der Freiheit voraussetzen". Dennoch "gehört die Welt Gott und nicht dem Bösen, wieviel es auch anrichten kann" – so abermals Ratzinger 2004. Wie aber lässt sich diese Spannung aus Heilsgewissheit einerseits und Dauerpräsenz des Bösen andererseits ertragen? Woher bezieht der Mensch, "immer unterwegs und immer endlich", seine Kräfte für den geistlichen Kampf? Ratzingers und Benedikts Antwort lautet: aus der Schönheit, besonders aber aus der Schönheit der Liturgie. Der Gottesdienst ist der Brennspiegel, in dem die Linien der immanent-transzendenten Schönheit zusammenfinden.

Trost, eine knappe Ressource

"Wenn wir die Kirche recht verstehen wollen, dann müssen wir sie (...) von der Liturgie her betrachten." Diesen Satz des Glaubenspräfekten hat der Pontifex nicht wiederholt. Auffallend zurückgehalten hat er sich bisher mit programmatischen Aussagen zum Thema seines Lebens, der Art und Weise, wie Christen Jesu Gegenwart erleben. Bekräftigt hat er indes Anfang April, dass seine eigene Berufung ohne die "Schönheit der Liturgie" undenkbar gewesen wäre. "Ich fühlte nämlich, dass in ihr die göttliche Schönheit aufstrahlt und uns dem Himmel gegenüber offen macht." Ein sehr hoher Maßstab ist damit ausgesprochen.

Das Tun und Hoffen und Beten der Menschen soll empfänglich machen für Gott. Die "unvergleichliche Schönheit des Schöpfers der Welt", die Benedikt wenig später aus Mozarts "Ave Verum" heraushörte, das "oft bei liturgischen Feiern gesungen" werde – eine solche Schönheit soll ihren würdigen Widerpart finden in der Eucharistiefeier der Gemeinde. Joseph Ratzinger ließ als Theologe und Bischof keinen Zweifel daran, dass es um diese Schönheit schlecht bestellt ist. Das liturgische Kraftfeld sah er weitgehend erschöpft. Es mangele an "Respekt vor der Liturgie und ihrer Unmanipulierbarkeit".

Dass jede Ästhetik eine Ethik in sich trägt, gilt in gesteigerter Weise vom "göttlichen Spiel". Die Liturgie ist ein Ernstfall des Glaubens. An ihr nämlich lässt sich ablesen, wie ernst es den Glaubenden ist mit ihrer Bereitschaft, "sich selbst zu sterben". Folgt man der langen Mängelliste Joseph Ratzingers, dann ist das Gegenteil der Fall. Dann wurde der Gottesdienst zum bevorzugten Ort, sich selbst zu überhöhen. Die Kommunion begehe man "mehr als eine Art von Sozialisierungsritus", das Knien als "eindringlichste körperliche Darstellung der christlichen Frömmigkeit" habe man aus der Messe vertrieben, das Lateinische nicht minder, "einseitig intellektuell, als Form religiöser Belehrung" sei die Liturgiereform umgesetzt worden, der Zelebrant begreife sich oft als Showmaster, der in "platter Sprache" den Zeitgeist nachbuchstabiere. Solche Worte aus dem Mund eines Papstes würden als Affront aufgefasst. Darum hält Benedikt sich hier bedeckt. Die Messfeiern aber, denen er selbst vorsteht, zeichnen liturgische Schlichtheit und eine Renaissance des Lateinischen aus.

Kein Jahrzehnt ist es her, dass Joseph Ratzinger die "'Exkommunikation' des alten Missale" brandmarkte. Nötig sei eine "stärkere Präsenz lateinischer Elemente, um die universale Dimension zu unterstreichen". Den vorkonziliaren, gegenwärtig weder verbotenen noch überholten Ritus solle man "viel großzügiger gewähren". Die faktische "Ächtung der bis 1970 gültigen Form von Liturgie" müsse endlich aufhören. Er begreife nicht, weshalb "viele meiner bischöflichen Mitbrüder sich diesem Intoleranzgebot unterwerfen".

Ob die Alte Messe mit gregorianischem Choral und ohne Volksaltar, mit lateinischen Gebeten und ohne Handkommunion mehr Facetten der Schönheit abdeckt als der gar nicht mehr so neue Ritus, ist eine offene Frage. Vielleicht aber sollte man in die Waagschale ein letztes Kriterium werfen, eine letzte Dimension der Schönheit. Erkennen lässt sie sich auch daran, dass sie Trost spendet. Wer der Schönheit ins Auge blickt, der kehrt getröstet zurück an die Stätte, von der er kam. Und das dritte Jahrtausend wird – nach allem, was wir wissen, – eine Epoche sein, in der die knappste aller Ressourcen unserer Weltgesellschaft der Trost sein wird.

[Der Autor ist auch Verfasser des Buchs: "Der deutsche Papst. Benedikt XVI. und seine schwierige Heimat", Herder Verlag 2005; © Die Tagespost vom 12.09.2006]