Die „Schönheit des christlichen Glaubens“ entdecken, leben und bezeugen: Papst Benedikt XVI. über die Apostel Simon und Judas Thaddäus

Generalaudienz am 11. Oktober 2006

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ROM, 11. Oktober 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am Mittwochvormittag während der Generalaudienz auf dem Petersplatz in Rom gehalten hat.



Der Heilige Vater betrachtete die beiden Apostel Simon und Judas Thaddäus und rief die Gläubigen dazu auf, die Identiät ihres Glaubens zu bewahren. Der auferstandene Jesus sei nur mit einem „offenen Herzen“ zu erkennen. Nur dann könne Gott im Menschen Wohnung nehmen. „Er will in unser Leben eintreten, und deshalb ist seine Offenbarung eine Offenbarung, die das offene Herz einschließt und voraussetzt. Nur so sehen wir den Auferstandenen“, sagte der Papst.

Abschließend lud er alle dazu ein, sich an den Aposteln ein Vorbild zu nehmen und „immer neu die Schönheit des christlichen Glaubens zu entdecken, sie unermüdlich zu leben und imstande zu sein, ein starkes und zugleich ausgeglichenes Zeugnis von ihr abzulegen“.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Heute stellen wir zwei der zwölf Apostel in den Mittelpunkt unserer Betrachtung: Simon „Kananäus“ und Judas Thaddäus (nicht zu verwechseln mit Judas Iskariot). Wir betrachten diese beiden nicht nur deswegen gemeinsam, weil sie in den Listen der Zwölf immer nebeneinander vorkommen (vgl. Mt 10,4; Mk 3,18; Lk 6,15; Apg 1,13), sondern auch, weil die Angaben, die sie betreffen, gering sind – abgesehen von der Tatsache, dass der neutestamentliche Kanon einen Brief enthält, der dem Judas Thaddäus zugeschrieben wird.

Simon erhält einen Beinamen, der in den vier Verzeichnissen variiert: Während Matthäus und Markus ihn als „Kananäus“ bezeichnen, bestimmt ihn Lukas hingegen als „der Zelot“. Tatsächlich aber bedeuten die beiden Bezeichnungen dasselbe: auf Hebräisch bedeutet das Verb „qanà’“ nämlich „eifersüchtig, leidenschaftsvoll sein“; es kann sowohl auf Gott angewandt werden, insofern dieser eifersüchtig auf das von ihm erwählte Volk ist (vgl. Ex 20,5), als auch auf die Menschen, die wie Elia von Eifer für den Dienst am einzigen Gott glühen, mit voller Hingabe (vgl. 1 Kön 19,10).

Wenn dieser Simon schon nicht im eigentlichen Sinn der nationalistischen Bewegung der Zeloten angehörte, so ist es ist doch gut möglich, dass er sich wenigstens durch einen glühenden Eifer für die jüdische Identität und somit für Gott, für sein Volk und das Gesetz Gottes auszeichnete. Wenn dem so ist, so steht Simon auf der gegenüberliegenden Seite des Matthäus. Dieser entstammte als Zöllner einer Tätigkeit, die als gänzlich unrein angesehen war – offensichtliches Zeichen dafür, dass Jesus seine Jünger und Mitarbeiter aus den unterschiedlichsten sozialen und religiösen Schichten beruft, ohne jemanden von vornherein auszuschließen.

Ihn interessieren die Menschen, nicht die sozialen Kategorien oder Etiketten! Und das schöne dabei ist, dass im Kreis seiner Nachfolger alle – trotz ihrer Unterschiedlichkeiten – zusammenlebten und dabei die unvorstellbarsten Schwierigkeiten überwanden. Jesus selbst war nämlich der Grund für diesen Zusammenhalt, in dem sich alle vereint fanden. Dieser Sachverhalt bildet unverkennbar eine Lehre für uns, die wir oft dazu neigen, die Unterschiede und vielleicht auch die Gegensätzlichkeiten hervorzuheben, und dabei vergessen, dass uns in Jesus Christus die Kraft zur Überwindung unserer Konflikte gegeben ist. Denken wir auch daran, dass der Zwölferkreis das Vorbild der Kirche ist, in der für alle Charismen, Völker, Rassen und alle menschlichen Eigenschaften Platz sein muss, die ihren Zusammenhalt und ihre Einheit in der Gemeinschaft mit Jesus finden.

Judas Thaddäus besitzt seinen Namen durch die Tradition, die zwei verschiedene Namen miteinander verbunden hat: Während Matthäus und Markus ihn einfach „Thaddäus“ nennen (Mt 10,3; Mk 3,18), kennt Lukas einen „Judas, den Sohn des Jakobus“ (Lk 6,16; Apg 1,13). Der Beiname „Thaddäus“ ist ungewisser Herkunft und soll vom aramäischen „taddà’“ stammen, was „Brust“ heißt und somit „großmütig“ bedeuten würde. Oder aber es handelt sich um die Abkürzung eines griechischen Namens wie „Theodorus, Theodotus“.

Von ihm ist wenig überliefert. Nur Johannes verzeichnet eine Frage, die er während des Letzten Abendmahls an Jesus gerichtet hat. Thaddäus sagte zum Herrn: „Herr, warum willst du dich nur uns offenbaren und nicht der Welt?“ Das ist eine Frage von großer Aktualität, die auch wir an den Herrn richten: Warum offenbarte sich der Auferstandene nicht seinen Widersachern in all seiner Herrlichkeit, um zu zeigen, dass der Sieger Gott ist? Warum offenbarte er sich nur seinen Jüngern? Die Antwort Jesu ist geheimnisvoll und tief. Der Herr sagt: „Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen“ (Joh 14,22-23). Das will heißen, dass der Auferstandene gesehen und auch mit dem Herzen wahrgenommen werden muss, so dass Gott in uns wohnen kann. Der Herr erscheint nicht als eine Sache. Er will in unser Leben eintreten, und deshalb ist seine Offenbarung eine Offenbarung, die das offene Herz einschließt und voraussetzt. Nur so sehen wir den Auferstandenen.

Dem Apostel Judas Thaddäus wurde in der Vergangenheit die Urheberschaft eines der Briefe des Neuen Testaments zugeschrieben, die die „katholischen Briefe“ genannt werden, insofern sie nicht für eine bestimmte Ortskirche bestimmt sind, sondern für einen sehr weiten Empfängerkreis. Er richtet sich in der Tat „an die Berufenen, die von Gott, dem Vater, geliebt und für Jesus Christus bestimmt und bewahrt sind“ (Jud 1,1). Die zentrale Sorge dieser Schrift ist es, die Christen vor all denen zu warnen, die die göttliche Gnade zum Vorwand nehmen, um die eigenen Ausschweifungen zu entschuldigen und die anderen Brüder mit nicht annehmbaren Lehren irrezuleiten, wobei sie „unter dem Antrieb ihrer Träume“ (vgl. Jud 1,8) Trennungen ins Innere der Kirche brachten. So definiert Judas diese ihre besonderen Lehren und Ideen. Er vergleicht sie sogar mit gefallenen Engeln, und mit starken Worten sagt er, dass sie „den Weg Kains gegangen sind“ ( Jud 1,11). Des weiteren brandmarkt er sie ohne Zurückhaltung als „wasserlose Wolken, von den Winden dahin getrieben; Bäume, die im Herbst keine Frucht tragen, zweimal verdorrt und entwurzelt; wilde Meereswogen, die ihre eigene Schande ans Land spülen; Sterne, die keine feste Bahn haben; ihnen ist auf ewig die dunkelste Finsternis bestimmt“ (Jud 1, 12-13).

Heute sind wir vielleicht nicht mehr daran gewöhnt, eine derartig polemische Sprache zu benutzen. Dennoch sagt sie uns etwas Wichtiges: Inmitten aller Versuchungen, die da sind, und trotz aller Strömungen des modernen Lebens müssen wir die Identität unseres Glaubens bewahren. Sicher, der Weg der Nachsicht und des Dialogs, den das Zweite Vatikanische Konzil glücklicherweise eingeschlagen hat, ist mit beständiger Ausdauer fortzusetzen. Aber dieser so notwendige Weg des Dialogs darf die Pflicht nicht vergessen machen, die unverzichtbaren Grundlinien unserer christlichen Identität zu bedenken und sie immer mit ebenso großer Kraft herauszustellen. Andererseits ist es notwendig, sich vor Augen zu halten, dass diese unsere Identität angesichts der Widersprüchlichkeiten unserer Welt Kraft, Klarheit und Mut erfordert. Aus diesem Grund fährt der Brief so fort: „Ihr aber, liebe Brüder“ – er spricht hier zu uns allen – „gründet euch auf euren hochheiligen Glauben, und baut darauf weiter, betet in der Kraft des heiligen Geistes, haltet fest an der Liebe Gottes, und wartet auf das Erbarmen Jesu Christi, unseres Herrn, der euch das ewige Leben schenkt. Erbarmt euch derer, die zweifeln…“ (Jud 1, 20-22).

Der Brief schließt mit diesen wunderschönen Worten: „Dem einen Gott aber, der die Macht hat, euch vor jedem Fehltritt zu bewahren und euch untadelig und voll Freude vor seine Herrlichkeit treten zu lassen, ihm, der uns durch Jesus Christus, unseren Herrn, rettet, gebührt die Herrlichkeit, Hoheit, Macht und Gewalt vor aller Zeit und jetzt und für alle Zeiten. Amen“ (Jud 1, 24-25).

Es ist gut zu sehen, dass der Autor dieser Zeilen seinen Glauben in Fülle lebt. Zum Glauben gehören große Wirklichkeiten: die moralische Integrität und die Freude, das Vertrauen und schließlich das Lob, und dies alles kommt ja nur aus der Güte unseres einzigen Gottes und aus der Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus. Es mögen uns deshalb sowohl Simon Kananäus als auch Judas Thaddäus dabei helfen, immer neu die Schönheit des christlichen Glaubens zu entdecken, sie unermüdlich zu leben und imstande zu sein, ein starkes und zugleich ausgeglichenes Zeugnis von ihr abzulegen.

[Auf Deutsch sagte der Papst:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Im Mittelpunkt der Katechese dieses Tages über die Apostel stehen heute die Heiligen Simon und Judas Thaddäus. In den Apostellisten werden sie immer zusammen angeführt. Simon wird dort „Kananäus“ oder „der Zelot“, das heißt „Eiferer“, genannt. Diese Beinamen bringen den Eifer dieses Jüngers für die jüdische Identität, für Gott und dessen Bundesvolk und das Gesetz zum Ausdruck, erinnern uns daran, dass Matthäus, der Zöllner, der eher am Rand der jüdischen Identität war, auch zur Apostelgruppe gehörte, und dass in der Gemeinschaft Jesu unterschiedliche Temperamente, unterschiedliche Schichten und Charismen zur Einheit zusammenfinden – als Vorbild für die Kirche, in der auch Menschen, Völker, Gaben ganz unterschiedlicher Art durch ihn zur Einheit kommen.

Der Beinamen Thaddäus bedeutet wohl soviel wie „großmütig“, ein Mann des weiten Herzens. Dieser Thaddäus hat Jesus im Abendmahlssaal gefragt, warum er sich als Auferstandener nicht der Welt, sondern nur der Seinen zeigen wollte. Und Jesus hat ihm erklärt, dass man den Auferstandenen von innen her mit dem Herzen sehen muss. Dieser Apostel Judas Thaddäus hat der Überlieferung nach die Urheberschaft des Judasbriefes im Neuen Testament, der uns nachdrücklich zu einem gelebten Christentum auffordert, dazu auffordert, nicht wie Irrlichter herumzulaufen, sondern klar und entschieden den Weg Jesu Christi zu gehen.

Mit Freude grüße ich die vielen Pilger und Besucher deutscher Sprache. Unter ihnen heiße ich besonders die neu geweihten Priester und Diakone des Collegium Germanicum mit ihren Gästen willkommen. Einen herzlichen Gruß richte ich an die Pilger des Erzbistums Köln unter der Leitung von Joachim Kardinal Meisner anlässlich der Segnung der Edith-Stein-Statue am Petersdom, sowie an die Romwallfahrer aus den Diözesen Basel und Münster. Gerne begrüße ich auch die Offiziere aus Österreich und die großen Gruppen der Bischöflichen Schulen in Koblenz und Osnabrück sowie alle anderen Jugendgruppen. Ich freue mich, dass ihr da seid; herzlichen Dank euch allen!

Schauen wir auf die Apostel Simon und Judas Thaddäus. Sie mögen uns helfen, die Schönheit des Glaubens stets neu zu entdecken und in unserem eigenen Leben Gestalt werden zu lassen. Euch allen erbitte ich Gottes Segen für euren weiteren Weg.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2006 – Libreria Editrice Vaticana]