Die Schöpfungsmusik

Interview mit dem Komponisten Msgr. Marco Frisina, Gründer und Leiter des Chores der Diözese Rom

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ROM, 25. April 2012 (ZENIT.org) – Nur wenige Tage sind vergangen, seit die Katholiken in aller Welt das wichtigste Fest im liturgischen Jahreskreis, das Osterfest, gefeiert haben.

Das Ereignis, bei dem das Geheimnis vom Tod und von der Auferstehung Jesu Christi sakramental vergegenwärtigt wird, ist über die Jahrhunderte hinaus nicht nur geistlich begangen worden, sondern hat auch die Kunst und ganz besonders die Musik inspiriert, die edelsten Gaben, die Gott dem Menschen vermacht hat.

Genau hierüber hat ZENIT mit dem Priester und Bibelexperten Msgr. Marco Frisina gesprochen, dem Direktor des Chores der Diözese Rom. Monsignore Frisina ist sowohl innerhalb von Italien als auch im Ausland einer der renommiertesten Komponisten liturgischer und sakraler Musik sowie Autor berühmter Melodien für Fernsehen und Kino.

[Das Interview führte Salvatore Cernuzio]

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ZENIT: Msgr. Frisina, über das Leiden und den Tod Jesu Christi, die von je her die Phantasie des Volkes fasziniert haben, ist so viel Musik geschrieben worden …

Msgr. Frisina: Ich glaube, dass das Oster-Triduum Musiker inspiriert, weil es nicht nur theologische, sondern auch starke emotionale und geistliche Inhalte in sich birgt. Die musikalische Ausdrucksweise unterstreicht und hebt die Anspielungen hervor, die vom Geist stammen, was für einen Musiker von größter Bedeutung ist. Allein schon mit dem Gregorianischen Choral bietet die Liturgie ein ganz außerordentliches Repertoire an, das dem Triduum gewidmet ist. Es reicht schon, sich Gesänge wie „Ubi caritas“ , das am Gründonnerstag zur Liturgie der Abendmahlsmesse erklingt, in Erinnerung zu rufen, das „Crux fidelis“ von Venanzio Fortunato, die Hymnen der Karwoche, Texte wie z.B. „Resurrexit“ oder „Victimae Paschali“ und viele weitere Meisterwerke der sakralen Musik.

ZENIT: Über das Leiden und Sterben Christi geht es zur Auferstehung. Wie hat die Musik diesen Triumph des Sohnes Gottes über den Tod zum Ausdruck gebracht?

Msgr. Frisina: Hier gibt es viele Beispiele. Insbesondere möchte ich eines nennen, das für die große musikalische Erfahrungswelt Europas stellvertretend ist: die Hohe Messe in H-Moll.

Bach schreibt als Lutheraner eine katholische Messe und kreiert dabei Klangepisoden von außerordentlicher Kraft und einzigartiger Tiefe, die jeweils einem Artikel des Glaubensbekenntnisses entsprechen. Zum Beispiel beim „Et incarnatus est“ oder beim „Crucifixus“ ist klar ersichtlich, wie es Bach gelungen ist, inneren Schmerz vereint mit Sammlung und außerordentlichem Staunen auszudrücken. Oder denken wir auch an das ganz barocke, explosionsartige „Resurrexit“, mit den Trompeten, die im Stile Bachs vor Lebendigkeit sprühen und überraschend lebhaft strahlen.

Viele Komponisten haben sich dann vom Ereignis der Auferstehung inspirieren lassen. Einige Autoren aus der Barockzeit haben sie in ihrem Glanz, oder vielleicht würde man besser sagen durch ein regelrechtes musikalisches „Geprassel“ dargestellt; andere hingegen aus dem 20. Jahrhundert haben in sie eine gewisse statische Majestät hinein interpretiert, bei der das Licht und die Erscheinung des auferstandenen Christus mit schwebenden, lichtreichen Klängen dargestellt wird.

Man kann auch die Passion Christi nennen, zum Beispiel ein Meisterwerk wie die Lukas-Passion von Penderecki, das Mitte der 60er Jahre geschrieben worden ist und alle durch den Gebrauch von einzigartigen, neuen Tonalitäten mit Choreffekt in Staunen versetzte, wobei die Klänge fast schon wie Lärm anmuten, aber Wunden, die Tragik und das Drama der Passion Christi, die zum Schmerz des Alls und der Menschheit wird, ausdrücken.

ZENIT: Die Musik hat also der Weitergabe des Glaubens über die Jahrhunderte hinweg einen Dienst erwiesen?

Msgr. Frisina: Sie hat dies in großem Maße getan. Noch immer ist die Musik hierfür ein hervorragendes Instrument, denn sie teilt mit, was nicht in Worte gefasst und nur ohne Worte mitgeteilt werden kann. Sie berührt die Seele da, wo sie mit dem Unbewussten, den Erinnerungen und den Gedanken in Verbindung steht, auch mit dem Verborgensten, das wir in uns tragen. Das können die Noten freisetzen und aufblühen lassen.

Außerdem ist Musik strukturiert und harmonisch, was zum Verständnis einer Idee beiträgt. Dies sehen wir vor allem in großen Komponisten wie Bach oder Palestrina, in deren Werken eine wunderbare Ordnung vorherrscht, Stimmfolgen, die sich gegenseitig verflechten, dabei unterscheidbar bleiben und doch in einer höheren Harmonie aufgelöst werden. Kurz gesagt, es ist ein außerordentlicher geistlicher Leckerbissen, der auch die Harmonie eines Begriffs offenbart.

ZENIT: Gehen wir von der Musikgeschichte zu Ihrer persönlichen Geschichte über: Wie reifte in Ihnen die Berufung zu dieser Kunst heran?

Msgr. Frisina: Ich war noch ein Kind und wie jedes Kind zwischen 5 oder 6 Jahren ging ich mit meinen Eltern zur Kirche, wo ich damals die Gesänge auf Lateinisch hörte. Es gab da einige Momente, die mich unglaublich berührten, so sehr, dass ich sie heute noch im Gedächtnis habe, wie zum Beispiel die eucharistische Anbetung mit dem „Tantum ergo“ von Perosi.

Als ich dann erwachsen war, habe ich mein Musikstudium begonnen, bin ins Konservatorium eingetreten und schließlich ins Priesterseminar. Von so vielen Momenten, die ich als Kind erlebt habe, ist aber in mir eine Art Echo verblieben, das mich sozusagen dermaßen konditioniert hat, dass es mich jetzt noch berührt.

ZENIT: Kann man sagen, dass die Berufung zur Musik zu Ihrer Berufung zum Priestertum beigetragen hat?

Msgr. Frisina: Auf jeden Fall. Die Musik hat mir dabei geholfen und hilft mir immer noch, die Schönheit des christlichen Glaubens zu entdecken, denn gerade dann, wenn man sie zum Ausdruck bringt, nimmt man sie in ihrem vollen Glanz wahr.

Wenn ich Texte aus der Tradition wie zum Beispiel das „Anima Christi“ oder, wie vor kurzem das Gebet des hl. Johannes Maria Vianney vertone, tue ich das, um anderen die Schönheit Gottes mitzuteilen, wobei das Vertonen aber auch für mich mit einer unermesslich großen Gemütsbewegung verbunden ist. Ich würde sagen, über diese Texte unterhalte ich einen spielerischen Umgang mit dem Glauben, wobei ich die Hoffnung hege, dass dies auch meine Mitmenschen geistig nähren kann, wenn ich ihnen meine Erfahrung vermittle.

ZENIT: Wenn Sie in einem Satz beschreiben müssten, was Musik für Sie bedeutet, was würden Sie dann sagen?

Msgr. Frisina: Vielleicht ist Musik die mächtigste und außerordentlichste Kommunikationsform, denn sie bedarf keiner Übersetzung. Man kann ihr in China oder Afrika, in Südamerika oder in Deutschland folgen. Einige meiner Stücke werden in Teilen der Welt aufgeführt, wo ich es nie vermutet hätte, und das Außerordentliche daran ist, dass sie dort genauso verstanden werden, wie wir sie hier verstehen. Musik ist also eine hervorragendes Werkzeug, eine Art und Weise so Vieles zu sagen – vor allem das Allerschönste, das wir Christen im Evangelium besitzen.

ZENIT: Wo finden Sie, abgesehen vom Glauben, den Evangelien und der Heiligen Schrift, die Inspiration für Ihre Werke?

Msgr. Frisina: In dem, was die Texte oder Inhalte jeweils in mir wachrufen. Alle Dinge, jeder Mensch trägt in sich eine Musik, denn Gott hat jedem Geschöpf einen eigenen Klang gegeben. Der Mensch, der nach dem Abbild Gottes geschaffen ist, nimmt diese Musik des Alls wahr, wie es in Psalm 19 (18) heißt: „Die Himmel verkünden die Herrlichkeit Gottes … ohne Worte und ohne Reden, unhörbar bleibt ihre Stimme. Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt hinaus, ihre Kunde bis zu den Enden der Erde.“

Der Musiker ist also derjenige, der ganz Ohr ist, hinhört und ausgehend von den Dingen, den Menschen, den Ereignissen, den schönsten Texten, vor allem vom Wort Gottes in einer Welt von Einsichten und Empfindungen Inspiration findet.

Zum Beispiel hat der Papst am Gründonnerstag bei der Chrisam-Messe sehr schöne Dinge gesagt, die mir im Geist eine Melodie inspirierten. Man spürte seine Leidenschaft, seinen Schmerz, weil er in sich die Last der ganzen Kirche trägt. Und gleichzeitig spürt man seine Liebe zu Christus und seine Art und Weise, uns Christus mitzuteilen.

Es genügt, das alles zu spüren und es dann in Noten zu verwandeln. Ich weiß, es klingt ein bisschen geheimnisvoll, aber so ist das mit der Musik!

ZENIT: Welcher Arbeit widmen Sie sich jetzt?

Msgr. Frisina: Ich beschäftige mich mit drei Projekten, die während des Jahres des Glaubens ihre Verwirklichung finden sollen. Ein Projekt bezieht sich auf lateinische Gesänge. Es wurde mir vonseiten mehrerer Herausgeber anvertraut und wird zu Weihnachten unter dem Namen „Incarnatus est“ erscheinen. Ein weiteres Projekt für Kinder sieht die Vertonung von elf Parabeln vor. In ihnen wird die Art und Weise festgehalten, wie Jesus den Glauben erzählte. Dieses Projekt wird zu Ostern vorgestellt werden. Ein letztes Projekt besteht schließlich aus einer Sammlung italienischer Gesänge.

Ich darf noch meine Hoffnung zum Ausdruck bringen, dass wir in diesem Jahr des Glaubens den Glauben nicht nur mit der Musik, sondern auch und gerade mit dem Leben zum Ausdruck bringen werden.

[Übersetzung des italienischen Original von P. Thomas Fox LC]