Die Schuhgröße raten möchte ich diesmal besser nicht

Zu Besuch beim Schuhmacher des Papstes

Rom, (ZENIT.org) Jan Bentz | 1163 klicks

Jetzt fehlt nur noch Spucke und polieren…In der verschlafenen norditalienischen Stadt Novara stehen die neuen braunen Schuhe für den Papst Emeritus bereit und warten auf den Versand nach Castelgandolfo. Der edle „artigianale“ Schuhladen gehört Andrea Stefanelli, einem lokalen Schuhhandwerks-Meister, der den 1954 gegründeten Laden von seinem Vater übernommen hat.

„Mein Vater wollte ganz altmodisch, dass der älteste von uns drei Brüdern den Laden und das Handwerk übernimmt – ich aber wollte alles werden, nur nicht Schuhmacher“, gesteht Stefanelli. Nach vielen vergeblichen Überzeugungsversuchen habe Stefanelli Senior zunächst aufgegeben, seinen Sohn zur Übernahme des Ladens zu bringen und ihm alle Möglichkeiten offen gelassen. Er habe ihm aber ans Herz gelegt, zumindest das Schuhmacher-Handwerk zu erlernen, um in schweren Zeiten einen Rückhalt zu haben. „Nachdem ich dann, seit ich vierzehn Jahre war, täglich die Lederzange in die Hand genommen hatte, ging es mir doch ins Blut über; ich habe sie nie wieder weggelegt…ich arbeite in diesem Laden seit 50 Jahren“, schmunzelt er über die gelungene Bekehrung.

Die Wände des kleinen Ladens an der Hauptstraße der Stadt, über der der mächtige Dom der Kirche des hl. Gaudenzio, des vom hl. Ambrosius eingesetzten ersten Bischofes der unabhängigen Diözese Novara aufragt, sind übersät mit Dankesbriefen und signierten Zertifikaten. Man liest Namen wie: „Giorgio Napolitano“, „G.W. Bush“, „Michelle Obama“ und andere. Alles Dankschreiben für Schuhe, die Stefanelli für diese „Celebrities“ in Handarbeit angefertigt hat. Sogar Fußballschuhe für Tarcisio Bertone, komplett mit Stollen und originalgetreu aus den 50er Jahren, sind dabei.

„Ich will kein Geld dafür, ich nehme keine Bezahlung an“, betont der Meister und fügt lächelnd hinzu:„Es ist mein großzügiger Beitrag für die Menschen, um ihr Leiden im Leben zu lindern… zumindest beim Gehen.“

„Ich fertige diese Schuhe in meiner Freizeit, in der Nacht und in Arbeitspausen, darum brauche ich ungefähr einen Monat für jedes Paar“, so der rührige Italiener. „Nebenbei verkaufe ich meine anderen Schuhmarken hier im Laden.“

Diese sind durchaus erschwinglich und zeigen, was diesen Meister seines Fachs auszeichnet: trotz seiner weltweiten Berühmtheit nicht vor allem auf eigenen Profit aus zu sein, sondern dass es ihm darum geht, die Handwerkskunst Norditaliens bekannt und berühmt zu machen.

Als er Johannes Paul II. zum ersten Mal getroffen habe, habe dieser große Gehprobleme gehabt, erzählt er. Er habe auf die Schuhe des heute seligen Papstes geblickt und die Größe geschätzt: 44.

„Ich spürte so viel Liebe für diesen Menschen, dass ich ihm etwas schenken wollte. So dachte ich mir, selbst wenn die Schuhe nicht passen, wären sie doch eine Geste meines Mitgefühls.“

Wie sich herausstellte, schätzte der Meister perfekt, und die Schuhe saßen wie angegossen.

„Nachdem ich ihm persönlich die Schuhe in einer Audienz übergeben konnte, wurde ich immer wieder aufgefordert, Schuhe anzufertigen“, erzählt Stefanelli. „Ich fertigte die Schuhe für Johannes Paul II.  und dann auch für Benedikt XVI.“

„Dieser wollte aber keine bordeaux-roten Schuhe mehr, sondern hellrote“, plaudert er weiter aus dem Nähkästchen. „Das Leder kaufe ich von einem lokalen Händler, nur der Papst bekam diesen Farbton, ich benutzte ihn für niemanden sonst, auch für keinen der fanatischen Fans; ich widerstehe jedem Bestechungsversuch.“

„Der Rotton der Schuhe brachte dem Papst die Kührung zum ‚Accesory des Jahres‘ des Esquire Magazins ein“, lacht er und deutet auf einen gerahmten Zeitungsartikel an der Wand.

Präsident Bush war von den Papstschuhen während des USA-Besuches des Papstes so angetan, dass auch er Stefanelli kontaktierte, um sich das gleiche Modell in Schwarz anfertigen zu lassen, was er prompt bekam.

„Ich bin, glaube ich, rekordverdächtig, denn ich habe für fünf Päpste Schuhe gemacht“, so Stefanelli und zählt an seiner Hand auf: „Johannes Paul II., Benedikt XVI., und drei der Ostpatriarchen, die auch den Titel ‚Papst‘ tragen. Ich hoffe, auch den kommenden Papst dazu zählen zu können. Außerdem habe ich ein Paar Schuhe für den Leichnam von Pius IX. angefertigt, der vor kurzem im Vatikan umgebettet und neu angekleidet wurde.“

„Die Schuhe sind immer das gleiche Modell, sehr einfach, aber aus einem Stück Leder handgefertigt“, erläutert Stefanelli mit einem gewissen Stolz. Nur eine einzige Naht sei an der Ferse des Schuhs zu sehen. Mit seiner Hand über die Naht des Schuhs gleitend blitzt es in den Augen des Meisters, als er seine Kunst erklärt: „Schönheit liegt in der Einfachheit und Perfektion der Linie – hier ist alles auf das Wesentliche reduziert“.

Und damit liegen auch die Schuhe des Papstes Emeritus auf einer Linie mit der theologischen Botschaft, wie er sie von jeher verkündet hat. Perfekt in der umfassenden Kenntnis, auf das Wesentliche reduziert und einfach in der Sprache: schön wie die Musik von Mozart, wie viele sagen.

„Für die Schuhe des kommenden Papstes werde ich mich richtig ins Zeug legen und Tag und Nacht daran arbeiten. So könnten sie in acht Tagen fertig werden“, gesteht der rührige norditalienische Handwerksmeister und fügt lächelnd hinzu: „Alles Material liegt bereit, ich warte nur auf den Brief aus dem Vatikan…denn die Schuhgröße raten möchte ich dieses Mal besser nicht…“.

Zur Geschichte der päpstlichen Schuhe hier.