Die Seele einer Stadt in der Schwebe

Zeugin einer Show im Colosseum von New York

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Von Elizabeth Lev

ROM, 16. Februar 2012 (ZENIT.org). – Auf einer kürzlichen Reise nach New York City war ich wieder einmal schockiert von den tiefen und dramatischen Kontrasten, die in diesem großstädtischen Mekka Seite an Seite existieren. Die Nebeneinanderstellung des Heiligen und des Profanen dort erinnert an einige der dramatischsten Momente der Geschichte.

Manchmal meine ich erblicken zu können, wie es in Rom in den ersten Jahren nach der Legalisierung des Christentum zugegangen sein muss, als die Heiden verzweifelt versuchten, die aufbrausende Flutwelle der Bekehrungen (ein Sieg für die Christen) aufzuhalten, oder in Paris während der Aufklärung, als die Säkularisten ihre Offensive gegen die etablierte Kirche organisierten (für die Kirche ging dies hier schlecht aus). Heute fühlt man einen anderen epischen Krieg über der Seele dieser anderen Stadt toben, und, wie im Falle von Rom und Paris, wird das Resultat die ganze Welt beeinflussen.

Die Schlachten und Siege in New York reichen von erhaben bis lächerlich. Während das politische Feld der beste Platz zu sein scheint, den Kampf um Amerikas Seele zu sichtbar zu machen, war ich doch mehr von den Geschichten unseres zeitgenössischen Colosseums, der Entertainment-Industrie, beeindruckt. Zwischen den Theatern und Bühnen New Yorks sah ich, wie Unschuldige unter die Löwen von Tanz und Musik geworfen werden, den Aufstieg eines neuen Ben Hur und einen stillen Zeugen, der im Gebet das Kommen und Gehen jahrzehntelang überblickte.

Lady Gaga veralbert das Evangelium

Beim letzten „Thanksgiving“ (Erntedank), als die Amerikaner Gott (oder einem unbekannten, unsichtbaren Spender) für ihre Gaben dankten, dankte Lady Gaga, die auf den Namen Stephanie Germanotta getauft wurde, sich selbst für das Geschenk ihrer selbst und ihrer früheren High School, der katholischen „Sacred Heart“ (Heiligstes-Herz)-Schule in Manhattan.

Die „Sacred Heart“-Schule wurde 1881 von einer französischen Kongregation der „Gesellschaft des Heiligsten Herzens“ gegründet und ist die älteste Mädchen-Privatschule in New York. Frau Germanotte filmte ihr „Ferien“-Special in ihrer Schule und reflektierte dabei die Ereignisse und Erfahrungen ihrer 29 Jahre.

Obwohl Sacred Heart wohl nicht dafür bekannt ist, Nobelpreisträger zu produzieren-die meisten der Absolventinnen sind Schauspielerinnern-, fragt man sich schon, was die ehemalige Schülerin Eunive Kennedy-Shriver über den Schnulzen-Hit Germanottas „Born this way“ („So geboren“, der langweiligen genetischen Entschuldigung für hemmungsloses sexuelles Ausleben), sagen würde, eine Frau, die sich ein Leben lang dem Kreuzzug gewidmet hatte, Menschen mit Behinderung von Geburt an ein würdiges Leben zu ermöglichen.

Frau Germanotta ist weniger für ihr Gesangstalent als für ihre provokativen Verkleidungen und geschmacklosen Musikvideos bekannt, die nur einen Schritt weit von Pornographie entfernt sind. Wie  ihre Vorgängerin Madonna hat Gaga ein Faible dafür, christliche Symboliken in ihren Shows zu benutzen, von einem umgekehrten Kreuz über ihren Genitalien bis zu einer Parodie eines Ordenshabits aus rotem Latex und dem Verschlingen von Rosenkranz-Perlen. In diesem Sinne fragt man sich, ob sie wirklich das beste Rollenidol für die Zwölfjährigen einer„katholischen“ Schule ist. Verehren wir als Katholiken diejenigen, die berühmt werden, oder solche, die ein Beispiel christlicher Tugend bieten?

Noch haarsträubender ist allerdings, dass Frau Germanotta eine aktive Unterstützerin der Förderer von Verhütungsmitteln und Abtreibungen und eine ganz entschiedene Förderin von homosexuellen „Ehen“ ist. Interessanterweise gab dies den Schulleitern und Eltern nicht zu denken, die ihren acht Jahre alten Kindern erlaubten, in katholischen Schuluniformen deren Hymnen vor der Fernsehkamera zu singen.

Diese Situation erinnert nur zu sehr an die Universität „Notre Dame“ im Jahre 2009, die dem offen für Abtreibung eintretenden Präsidenten Barack Obama ein Ehrentitel verliehen hatte. Wenn wir denjenigen, die unsere Lehren untergraben, eine Plattform bieten, wie können wir uns dann wundern, dass die Gläubigen durcheinander geraten?

Was mich aber am meisten betroffen macht ist, dass im gegenwärtigen Klima von Missbrauch und Skandalen niemand Frau Germanottas Performance des Liedes „Bad Romance“ (Schlechte Romanze) in Frage gestellt hat, in der High-School-Studenten in ein Mikrofon in Form eines Phallus singen. Würde ein Priester oder eine Ordensschwester etwas Derartiges tun, würden sich die Gerichtsprozesse schneller häufen als Lady Gaga ihre Kostüme wechselt.

Eltern, Kinder und Lehrer standen aber stolz daneben und applaudierten. Die New-York-Art, die Jugend zu schützen und jungen Frauen ein gutes Beispiel zu geben, scheint seltsam widersprüchlich.

Es war nicht das erste Mal, dass Frau Germanotta in ihre alte Schule zurückgekehrt ist. 2010 nahm sie am Abschluss ihrer Schwester teil, in einem durchsichtigen hautengen Spitzengewand und schwarz-verschleiertem Hut, mit dem sie die Aufmerksamkeit vom Erfolg der Schüler ab- und sich selber anzog. Selbst Medien, die der Sängerin sympathisierend gegenüberstanden, berichteten, dass sie mit der Schule „abrechnete“, in der sie sich selber „gemobbt“ defühlt hatte. Nicht ungleich Lord Voldemorts in Hogwart’s nahm Lady Gaga nun Rache, leider mit Unterstützung des Leiters der Sacred-Heart-Schule.

Das Buch Mormon vs. Die Freude des Sex

Lady Gagas pubertäre Anwandlungen sind ein wenig vergleichbar mit der fluchgespickten, in Musik gesetzten Dichtung des Broadway-Musicals „Book of Mormon“ (Das Buch Mormon), das ich zusammen mit einem mormonischen Freund gesehen habe. Das Stück der Autoren von „South Park“ war seit seiner Premiere 2011 ununterbrochen ausverkauft. Kritiker häuften Lob und Auszeichnungen über das Musical, während Gegner munkelten, die Lehren der „Church of the Latter Day Saints“ (Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“) sei aus dem Zusammenhang gerissen worden. Die meisten Kommentatoren argumentierten, dass es alles nur Spiel und Spaß mit eingänglicher Musik sei.

Ich muss zugeben, dass ich zunächst auch Fan von South Park und ähnlicher Satire war, aber „Book of Mormon“ schien weniger demokratisch eingestellt zu sein. Die Geschichte dreht sich um zwei junge Mormonen-Missionare in Uganda, die ihre Schriften verbreiten möchten. Die Dorfbewohner sind uninteressiert, während ihr Leben von Armut, Hungersnot und AIDS geprägt ist. Als der örtliche Kriegsherr plant, die Frauen des Dorfes zu verstümmeln, beschließen die Dorfeinwohner, eine Bekehrung vorzutäuschen, um dem zu entfliehen. Als sie nun zur Unterweisung zu den Mormonen gehen, treffen sie auf einen ganz besonders einfältigen Missionar, der seine eigene Offenbarung aus Teilen von „Star Wars“ und „Herr der Ringe“ zusammensetzt. Als seine Täuschung auffliegt, beschließen alle, dass Religion besser als Metapher verstanden werden sollte als wörtlich genommen zu werden.

Meine erstes inneres rotes Warnsignal leuchtete bei der Darstellung der Ugander auf, die praktisch als analphabetisch und von ihren sexuellen Trieben versklavt dargestellt wurden. Ich weiß nicht, was ein Ugander tun würde, wenn er sich als fast schon tierisch in seinen Trieben und einem auf Schimpfwörter reduziertem Vokabular dargestellt sähe (In der Show werden alle 75 Schimpfwörter mit einer Ausnahme von den Ugandern ausgesprochen).

Zusätzlich setzt die Geschichte voraus, dass die Verstümmelung der weiblichen Genitalien in Uganda an der Tagesordnung ist, trotz der Tatsache, dass Uganda diese Praxis im Jahre 2009, vorbildlich für alle anderen afrikanischen Nationen, gesetzlich verboten hat. Darüber hinaus sieht die Handlung vor, dass die Mehrzahl der Ugander mit AIDS infiziert ist. Uganda ist aber eins der erfolgreichsten Länder in der AIDS-Bekämpfung mit ihrer „ABC“-POLICY: Abstinenz, Treue (Be faithful) und Kondomen, letztere als letzten Ausweg gesehen. Dank diesem Programm ist HIV in Uganda zwischen 1991 und 2007 drastisch gesunken, die Infektionsraten sanken um mehr als 50 Prozent.

Ehrlich gesagt hat mich die AIDS-Frage davon überzeugt, dass dies nicht nur eine Satire der Glaubensinhalte der Mormonen sein soll, sondern ein Angriff auf jede Religion, die Moral lehrt, vor allem sexueller Art. Von diesem Moment an entlarvte ich jeden Witz über den Mormonenengel „Moroni“ als Angriff auf Erzengel Gabriel und die jungfräuliche Geburt, und die Show wurde weniger witzig.

Die nächste, sehr eingängige Nummer hieß „turn it off“ („stell es aus“) und handelte davon, schmerzhafte Erfahrungen hinter sich zu lassen und weiter zu machen. Wenn es katholische Missionare gewesen wären, hätte es „opfere es auf“ geheißen. Nach einigen halbherzigen Liedversen über wirkliche Familientragödien kam das Lied zu seinem eigentlichen Anliegen: Homosexualität. Zu diesem Zeitpunkt verwandelten sich die Missionare in rosa-palettierte und sexuell unterdrückte junge Männer.

Das war der Zeitpunkt, an dem ich anfing zu rechnen. „Proposition 8", der kalifornische Gesetzeszusatz, der die „Ehe“ von Homosexuellen verbietet, wurde im November 2008 durch große Unterstützung der Mormonen durchgesetzt, die einen Großteil der Finanzierung und der Tür-zu-Tür Mission für diese Gesetzgebung übernahmen. Die wirkungsvolle Aktivität der Mormonen wurde von einem schlimmen Gegenangriff beantwortet, der von Kravallen, Vandalismus und Gewaltandrohungen gekennzeichnet war.

„Das Buch Mormon“ hat wie Lady Gagas Schulbesuch den Geschmack von Rache, serviert mit Musik und Texten. Die Autoren erklären ihr langjähriges Interesse an Mormonen, aber ich nehme einmal an, dass es zwischen 2008 und 2012 umgeschrieben wurde, um den homosexuellen Blickwinkel zu unterstreichen.

Nochmals, es scheint, dass die Angriffe auf die Mormonen gegen jede Art von Kirche gerichtet waren, die ihre Lehren verteidigt. Als Katholikin, die am Broadway dabei zuschaute, wie man über die Mormonen herzog, fragte ich mich, warum pickt ihr euch nicht jemanden von eurer eigenen Größenordnung heraus?

„Das Buch Mormon“ ist von pausenloser Obszönität. Selbst der „New York Times"-Kritiker musste zugeben, dass das Musical „fauler war als David Mamet in einer Fluchorgie“.

Ein Freund und Kunsthistoriker äußerte die möglicherweise vernünftigste Kritik dieser Show: „So viel Ausgaben, so viel Arbeit und so viel Talent…für so etwas?“ Thema-Eins-Humor (sexuelle Anzüglichkeiten) und Kraftausdrücke werden schnell langweilig.

Die Kamera einschalten

Während die dunklen Wolken von Sex und Satire Bühne und Bildschirm verdunkeln und Schwarzseherei hervorrufen mögen, wurde ich auch Zeuge einer großen Kraft in diesem Jahr der Evangelisierung mit dem Erzbischof von New York, Timothy Dolan, der in den Kardinalsstand erhoben wird.

Am Morgen des 6. Januar besuchte ich die Messe in der Kathedrale (in meiner Dummheit dachte ich, dass Erscheinung des Herrn ein vorgeschriebener Feiertag sei) und sah Timothy Dolan nur Stunden nach seiner Nominierung zum Kardinal, während Fernsehkameras und Reporter in die Kirche strömten. Erzbischof Dolan stellte sich mit Leichtigkeit vor die Kameras und erklärte seine neuen Aufgaben und seine bisherigen Verpflichtungen mit einer Klarheit, Überzeugung und einer Freude, die eindringlicher waren als irgendeine Show-Musik.

Dann schritt er über die Straße zum Set von „Today show“ und nutzte seinen neuen Status im Vorfeld von Politik und Unterhaltung für einige Momente morgendlicher Evangelisierung.

Mein erinnerungswürdigster Moment in New York war aber, als ich nach dem „Buch von Mormon“ aus dem Theater kam, in meinem Kopf klangen immer noch die relativistischen Mantras, und eine kleine Kapelle genau auf der anderen Straßenseite sah. Es handelte sich um die „Actors Kapelle“, die dem hl. Malachias geweiht ist und seit 1902 ihren stillen Platz in der 49. Straße hat. Der meditative Ort beherbergt auch eine Kapelle des hl. Genesius, dem Patron der Schauspieler, und der hl. Cäcilia, der Patronin der Musik. Spencer Tracy, Irene Dunne, Bob Hope und Ricardo Montalban haben hier gebetet, Jimmy Durante diente hier in der Messe.

Der Tabernakel erinnert uns mit dem kleinen roten Licht daran, dass Christus alles sieht. Er wurde schon früher verhöhnt, viel schlimmer, als jeder musikalischer Angriff es vermag, und er hat triumphiert.

[Übersetzung des englischen Originals von Jan Bentz]