Die Sehnsucht Jesu nach seiner Braut

Versuch einer Neubegründung des Zölibats

| 2277 klicks

Von Klaus Berger

WÜRZBURG, 6. September 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Wie sehen andere Christen den Zölibat katholischer Weltpriester? Die Antwort auf diese Frage gibt die neueste Nummer des evangelischen Magazins „Chrismon“ (Juli 08): In der ersten Spalte des zweispaltigen Artikels begegnet dreimal das Wort „Pflicht“ und dreimal das Wort „Zwang“. Die Gründe „für“, die dann genannt werden, sind rein technischer oder praktischer Art. Vor allem: Der Zölibat solle die Verfügbarkeit garantieren. Das wars denn. Auch nur der Hauch einer theologischen Begründung kommt nicht vor. Und was sich bei den betroffenen Priestern an geistiger Bewältigung dieses Themas angesammelt hat, ist oft nicht besser. Die intelligenteren verweisen auf Gregor VII. und 1077: Priester sollten eben kein Kirchengut vererben dürfen. Also reines Besitzstreben der Kirche. Für die Mönche und Nonnen zeigt man Verständnis, denn da sei das alles freiwillig. Im übrigen sei der Priester nur zur Ehelosigkeit, aber nicht zur Keuschheit verpflichtet; dabei kommt Keuschheit doch allerdings unter den Zehn Geboten vor. Ich halte alle diese Argumente, inklusive den Artikel in Chrismon, für schlechthin jämmerlich. Nein, so kann es nicht weitergehen!

Beginnen wir mit der Rede vom Zwangszölibat. Niemand wird gezwungen. Sondern unter den mit dem Charisma der „Jungfräulichkeit“ Begabten (im Augenblick gut eine Million Christen!) wählt die Kirche ihre Priesterkandidaten aus. Da steht die Gabe, das Charisma am Anfang, und dieses gibt Gott, oft in Verbindung auch mit anderen Charismen. Siehe Paulus in 1 Kor 7 und Jesus nach Mt 19, 12b. Gott aber steht gottlob nicht unter dem Zwang, Charismen zu schenken. Im übrigen zeigt die Diskussion um den Zölibat einen völligen Mangel an Theologie. Als ob es die gar nicht gäbe oder nur ein Plastikspielzeug der Professoren wäre.

Der Blick auf Jesus ist allemal lohnend. Seine Erwartung der Zukunft wird allerdings ebenso wie der Zölibat in einem merkwürdigen Zwielicht dargestellt. Denn die berühmten Gerichtsaussagen werden in der Predigt vermieden, da man ja keine Drohbotschaft statt Frohbotschaft will. Da gilt zunächst: Jesus predigt nicht Angst, sondern eröffnet Spielräume. Vor allem aber gilt: Die Predigt vom Gericht ist keineswegs alles, was Jesus zu dieser Sache zu sagen hat. Die Wiederkunft Jesu Christi wird nicht zuerst durch den Gerichtsgedanken bestimmt, sondern primär durch den Gedanken an ein großes Hochzeitsfest; dass einer, der geladen ist, sich nicht um ein hochzeitliches Gewand kümmert, erscheint da eher als Ausnahmefall. Quer durch das Neue Testament ist immer wieder dieser originelle Ansatz Jesu belegt: Jesus ist der Bräutigam. Die Braut ist das neue, das erneuerte Israel. Vor allem wird von hier aus verständlich, warum Jesus selbst ehelos gelebt hat.

Die Wiederkunft des Herrn ist der Hochzeitstermin

Er ist der Bräutigam, der um seine Braut, das erneuerte Israel, wirbt. Seine Wiederkunft ist der Termin der Hochzeit. Diese bildliche Rede von Jesus als Bräutigam wurde in der Verkündigung der Neuzeit stark vernachlässigt, von der Theologie ganz zu schweigen. Aber in diesem Bild von Bräutigam und Braut wird das ältere, tief in der Heiligen Schrift des Alten Testaments verankerte Bild von der Ehe zwischen Gott und Israel wieder aufgenommen. Denn Gott ist nicht verheiratet, seine Partnerin ist das Volk Israel. Immer wieder klagen die Propheten über die Zerrüttung dieser Ehe wegen der Untreue Israels. Jesus erneuert dieses Bild. Als Messias wird er das wiederhergestellte Volk nun neu ehelichen. In der Wahl und Wiedereinführung dieses Bildes ist Jesus unverhältnismäßig originell; es gibt nur einen rabbinischen Text, der dieses Motiv auch kennt. Und theologisch bedeutet dieses: Das Verhältnis zwischen dem Messias und seinem Volk ist durch einen (Ehe-)Bund bestimmt, also juristisch definierbar, und es beruht auf Liebe und Treue. Freilich ist das eine Liebe im biblischen Sinne familiärer Solidarität.

Ganz ähnlich wie beim Propheten Hosea (8. Jh. v. Chr.) wird Jesu eigener Lebensstil zur prophetischen Zeichenhandlung. Der Prophet Hosea heiratete auf Geheiß Gottes eine Dirne, um so das Verhältnis zwischen Gott und Israel darzustellen. Die Lebensweise des Propheten wird so zum direkten Ausweis seiner Botschaft. Bei Hosea ist das wirklich anstößig. Aber diese Zeichenhandlung ist so aufregend, so originell, dass sie bis heute, nach fast dreitausend Jahren, noch jeder Bibelkundige kennt. Für Hosea wie für Jesus gilt: Sage mir, wie du Ehe lebst oder nicht lebst, und ich sage dir, was deine Botschaft ist.

Der Zölibat Jesu ist damit ein elementarer und wichtiger Teil seiner Botschaft. Jeden Tag seines Lebens macht Jesus in seiner ehelosen Einsamkeit zum Zeichen für das, auf das er wartet. Damit gewinnen die Bilder von Braut und Hochzeit eben nicht nur ästhetisch-illustrativen Charakter, sondern eine sehr reale Bedeutung. Jesus lebt diese Metaphorik aus.

Wir bemerken bei dieser Gelegenheit: Sei es Hosea, sei es Jesus – Gottes Repräsentanten bilden gerade mit der Art und Weise der Eheführung jeweils in besonderer Weise das Verhältnis Gottes zu seinem Volk ab. Das gilt übrigens auch für christliche Eheleute nach dem Neuen Testament. Jesu Verbot der Ehescheidung gehört zu den am häufigsten belegten Jesusworten. Denn auch hier besteht ein elementarer Zusammenhang zwischen Botschaft und ehelichem Verhalten: Christliche Eheleute bilden in ihrer Treue und im Verzicht auf Ehescheidung die Treue Gottes zu seinem Volk unmittelbar real ab. Was hätte es für einen Sinn gehabt, vom neuen Gottesvolk zu reden, wenn Jesus die Treue zwischen Mann und Frau egal gewesen wäre?

Es lohnt sich, nach weiteren Zeichenhandlungen im Leben Jesu Ausschau zu halten. Man kommt dann darauf, dass Jesu Verkündigung wesentlich in derartigen Aktionen bestanden hat. Dazu gehört die Fußwaschung genau so wie „Tempelreinigung“ und Eucharistie. Auch Eucharistie ist nicht ein leeres Symbol für „Hingabe“, sondern leibhaftiges und damit reales Symbol. Da geht es nicht um irgendwelche Zeichen, wie, wenn der Lehrer etwas an die Tafel malt. Nein, da steht Hosea, da steht Jesus und ebenso christliche Eheleute mit ihrem konkreten Leben ein für die Botschaft. Denn das war das Ziel klassischer Pädagogik: Nicht Lesemeister, sondern Lebemeister zu sein, der seine Botschaft verstehbar vorlebt.

Nach allem, was wir von Jesus wissen, war er dabei kein bleicher zölibatärer Neurotiker. Es gibt keinen Propheten in der ganzen Welt, der fröhlicher und lebensbejahender gewesen wäre als Jesus. In den Verzicht auf Ehe kann Jesus seine ganze Sehnsucht nach Zweisamkeit hineinlegen. Denn für das eine Ziel lebt er, für das erneuerte Israel, für die neue, himmlische Stadt. Im Verzicht auf das, das viele für das höchste Glück auf Erden halten (und manche mit Recht), lässt er nicht nur erkennen, wie ernst er es meint. Jesus selbst war der Meinung, dass seine Jünger dieses Zeichen brauchten, um glauben zu können.

Unsere jüdischen Freunde haben immer wieder unterstrichen, welcher Skandal es gewesen sein muss, wenn zur Zeit Jesu ein junger Jude nicht heiratete. Das stimmt nicht ganz, denn immer wieder wird von Propheten berichtet, die ganz oder eine lange Zeit hin unverheiratet blieben (Daniel, Jeremias, der Seher Henoch; Rabbinen, die erklärten, die Torah sei ihre Braut). Doch jedenfalls war die Ehelosigkeit Jesu ein krasses, unübersehbares Signal. Und sich als Messias im Sinne des Bräutigams Israels zu bezeichnen, war ein sehr origineller Zug der Verkündigung Jesu. Und da Jesu Verkündigung von der großen Zukunft des Reiches bestimmt ist, gilt: Alle Zukunftshoffnung bildet Jesus in seiner Ehelosigkeit ab. Und weil die Braut Gottes Volk ist, führt die Erneuerung des Bildfeldes durch Jesus zu einer Apokalyptik, die ungewöhnlich stark kirchlich geprägt ist. Hat Jesus Kirche gewollt? Ja, auch deshalb, weil er den Ehebund mit dem neuen Gottesvolk will. Das gibt auch der Kirche eine neue Perspektive.

Die neutestamentliche Basis meiner Argumente ist bei näherem Hinsehen recht ausgeprägt: Die Texte zeigen, dass unterschiedliche Einzelaspekte aus dem Metaphernfeld Braut/Bräutigam/Hochzeit gewählt werden. Gerade die Unterschiedlichkeit zeigt immer wieder, wie zentral dieses Bildfeld für die älteste Botschaft gewesen sein muss. Nur Trümmer sind erhalten. Sie betreffen den Abstand zwischen jetzt und der Zukunft der Hochzeit (Synoptiker, Paulus, Apokalypse), den Aspekt der Vorhochzeit (Synoptiker), den Freund des Bräutigams im Unterschied zu diesem selbst (Joh), die Rolle des Brautführers im Unterschied zum Bräutigam (Paulus), die Verantwortung des Bräutigams für seine Braut (Epheserbrief), die Verantwortung der Braut für ihr Hochzeitsgewand (Apokalypse), das geduldige, enthaltsame Abwarten des Bräutigams bis zur Hochzeit (Didache), die Einladung zum Hochzeitsmahl (Apokalypse und Matthäusevangelium).

Gehorsame Nachfolge besteht auch im Nachahmen

Schon im ersten nachchristlichen Jahrhundert gab es Christen, die um der glaubwürdigen Verkündigung willen das Zeichen der Ehelosigkeit Jesu nachahmten. Wie denn gehorsame Nachfolge immer auch im Nachahmen besteht. Paulus erwähnt solche „Paare“ für Korinth (1 Kor 7), und die „Lehre der Zwölf Apostel“ nennt solche Leute, die das Geheimnis der Kirche auf Erden darstellen: (11, 11): „Es kann sein, dass ein bewährter und echter Prophet mit einer Frau zusammenlebt, die er nicht berührt, und so das Geheimnis der Kirche auf Erden, Christus und seine Braut, das Gottesvolk, in einer Zeichenhandlung darstellt. ... Solche Zeichenhandlungen kennt man auch von den alten Propheten.“

Das Geheimnis der Kirche auf Erden besteht darin: Sie ist wie eine Braut, die auf die Wiederkunft des Bräutigams wartet. Offenbar gibt es „Propheten“, die dieses Geheimnis in ihrer Lebenspraxis nachvollziehen. Da lebt also ein Prophet mit einer Frau zusammen, die er nicht berührt. Das bildet deshalb den Zustand der Kirche auf Erden ab, weil die Hochzeit (mit dem wiederkommenden Bräutigam) noch aussteht. Die Didache wendet dagegen nichts ein, sie mahnt nur diese Propheten, sich nicht als Christen erster Klasse aufzuführen und sich elitär zu verhalten. Der Gebrauch des Bildfeldes hat auch einen weiteren emotionalen Aspekt: Gerade auch das Zusammenleben von Prophet und Frau lässt daran denken, wie ungeduldig und sehnsuchtsvoll man auf die Hochzeit (Jesu) wartete.

Recht häufig geht es um den vom kulturellen Horizont her naheliegenden Gedanken der Reinheit. Das gilt von der Intaktheit, die Paulus bewahren will, das gilt vom Waschen der Braut nach Eph 5 und Apk 7 und schließlich von den strahlend reinen Werken, die nach Apk 19 das hochzeitliche Gewand ausmachen. Thema ist dann die Reinigung durch Jesus als auch der eigene Erwerb der Reinheit.

Wir ordnen nun das Gelesene in den Rahmen frühchristlicher Theologie ein und stellen fest: Jesus ist der Bräutigam. Die Hochzeit ist noch nicht vollzogen. Das wird erst geschehen, wenn Jesus wiederkommt. Es kommt darauf an, dass die Braut rein, strahlend und schön ist oder in diesem Zustand bewahrt und behütet wird. Entweder hat Jesus Christus die Braut gereinigt (durch sein Blut, was konkret in der Praxis der Gemeinde sich als Wassertaufe darstellt (vgl. 1 Petr 1, 2), oder die Braut erwirbt sich das Hochzeitskleid selbst durch ihre Werke (Apk 19, 8). Überschneidungen ergeben sich auch mit dem Konzept der Kirche als dem Leib Christi (Eph 5). Die Endzeit wird zur Zeit der Vorbereitung auf die Hochzeit. Die Sakramente Taufe und Eucharistie stehen für die Reinigung durch Jesus (womit er übrigens auch ein pharisäisches Ziel erfüllt). Merkmal dieser Zeit ist ein besonders erwartungsvolles Liebesverhältnis zwischen Christus und Kirche.

Wenn die Kirche den Zölibat für Weltpriester mit der vorgestellten Jesus-Überlieferung begründen könnte, dann hätte das folgende inhaltliche Aspekte: Es geht um Jesu eigene Lebenspraxis. Sie wird eingeordnet in eine gesamtbiblische Auffassung von Zeichenhandlungen biographischen Ausmaßes. Der Zölibat Jesu ist integraler Bestandteil von Jesu Verkündigung des Reiches Gottes. Und der Zölibat hat, aus dieser Tradition verstanden, einen genuin kirchlichen Charakter.

Zuviel Tagespolitik in der kirchlichen Verkündigung

Nun steht der Einwand im Raum, das Dargestellte möge für Ordensgeistliche gelten, aber nicht für Weltpriester. Dagegen: Jesus lebt mit seinem Zölibat nicht im Kloster, sondern unter den Menschen, zu denen er redet und mit denen er feiert. Der Grund ist ganz einfach: Gerade im Kontrast zu den normal Verehelichten kommt der Zeichencharakter seiner Existenz erst richtig zur Geltung. Im Unterschied zu Eheleuten wird das Zeichen greifbar, dort wird es gebraucht, und zwar als lebendiger Hinweis auf die absolute Vorherrschaft der Hoffnung in der Botschaft Jesu. Dies ist auch der Grund dafür, dass diese Tradition in den letzten Jahrhunderten nie richtig entdeckt wurde: Weil die kirchliche Verkündigung zu wenig vom kommenden Reich und zuviel von Tagespolitik erfüllt war. Und nochmals: Es geht um eine Rede von der Zukunft, die an einem überwältigend positiven Bild ausgerichtet ist, an der künftigen Hochzeitsfeier. Das könnte Auswirkungen auf die Theologie im Ganzen haben. Verzagtheit und Kleinkariertheit kommen daher, dass man immer Angst hat, als reaktionär im Sinne der Orientierung an der Vergangenheit zu gelten. Noch schlimmer ist es, nur an das Heute zu denken. Es fehlen die kühnen Entwürfe, zum Beispiel als Geschichtstheologie. Darin lässt sich der Zölibat ganz anders einordnen als in der Beschränkung auf das, was heute modern ist.

Also Zölibat gerade deshalb, weil Verkündigung grundsätzlich zukunftsorientiert sein soll, wenn sie Jesus treu bleibt. Und weil Zölibat ein gelebtes Zeichen der Botschaft ist: Seit wann ist der Weltpriester in Differenz zum Ordenspriester nicht dazu berufen, Zeichen zu sein?

Im übrigen bin ich der Meinung, dass die säuberliche Trennung zwischen Welt- und Ordenspriester nicht immer angebracht ist. Nicht wenige junge Theologen haben Angst vor dem kleinstbürgerlichen Milieu vieler Pfarrhäuser, die häufig in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts steckengeblieben sind. Oft sind Pfarrwohnungen eine Kombination aus Kloster und Kleine-Leute-Milieu, wobei die Nachteile sich treffen und ergänzen.

Keine neuen Zwänge, sondern ein in sich stimmiges Zeichen

Aus dem Zisterzienserkloster Heiligenkreuz und aus Bochum-Stiepel kenne ich die Praxis, von 18 bis 19 und von 22 bis 9 Uhr Mönch, von 9 bis 18 Uhr Seelsorger zu sein. Die Isolation und Zerrissenheit der Weltgeistlichen wäre so durch die beschützende Heimat Kloster aufgehoben. Ich verstehe diese Argumente nicht in erster Linie praktisch, sondern gehe aus von den Nöten und Zwängen notleidender Priester.

Meine These: Zölibat ist nur sinnvoll, wenn er ein Faktor der Verkündigung ist. Wenn deutlich wird, dass man so lebt, um an Jesus zu erinnern. Zölibat ist nicht in erster Linie ein asketisches Mittel zur Bekämpfung der Triebe oder eine Verurteilung zu trostloser Einsamkeit mit Pfarrhausbewohnern vor dem Fernseher. Ich meine nicht neue Zwänge, sondern ein ungebrochenes, in sich stimmiges Zeichen. Das ist auch eine Frage des Niveaus der Spiritualität und auch der Fähigkeit, mal etwas Theologisches zu denken oder gar darüber zu reden. Das wurde zu wenig gepflegt, trotzdem beneiden uns viele protestantische Freunde darum. Wie mag es erst in deren Herzen aussehen. Der zölibatär lebende Priester ist freigestellt zur glaubwürdigen Demonstration der großen Liebe. Und damit niemand Angst bekommt: Man bemerkt sie nur an Kleinigkeiten, wie jede Liebe.

[© Die Tagespost vom 26. Juli 2008]